4. Januar 2010

Eine beinahe belanglose Belagerung.

Im Sommer des dritten Jahres nach der Lossagung der freien Städte vom Reich belagerte König Legraille IV. die freie Stadt Saccenta. Die Chronisten wissen zu berichten, dass diese Belagerung einer unbedeutenden Stadt eher repräsentativen Zwecken hätte dienen sollen, als solchen der Eroberung und Unterwerfung. Da es sich aber um den ersten Kriegszug Legraille IV. handelte, nahm der junge König die Sache unnötig ernst, brachte die Stadt nach zwei Monaten in seine Gewalt und ließ sie drei Tage plündern, bevor er vor der Kulisse der rauchenden Ruinen das Gnadengesuch des Magistrats huldvoll gewährte.
Danach stürzte er sich, besoffen von diesem leichten Sieg, in den ersten Allianzkrieg, der sich elf Jahre und mehrere Dutzend Geschichtsbücher lang hinzog, ihn zweimal die Krone kostete und schließlich das Reich in Stücke schlug. Hätte er die beiden denkwürdigen Ereignisse der Belagerung von Saccenta zur Kenntnis genommen, wäre er gewiss vorsichtiger gewesen.

Wenn wir die Geschichte aus dem Blickwinkel der Dinge betrachten, die sie überdauern, müssen wir mit der neu errichteten Bäckerei von Meister Stellario Rissi beginnen; genauer: mit dem schweren, eichenen Türsturz über ihrem Eingang. Stellario hatte ihn ebenso wie die Tür und die restlichen Teile des Fachwerks bemalen und mit Schnitzereien verzieren lassen. In den Türsturz war nach alter Sitte ein Sinnspruch eingeschrieben: „Auch KönigsMacht ist eytler tand – schütz du o GOt diß Haus vor Fäuer und Brannt“.
Stellarios Sprüchlein war nicht nur durch sein Handwerk wohl begründet. Seine alte Bäckerei war bei der Plünderung von Saccenta niedergebrannt und sein ältester Sohn von einem königlichen Soldaten erschossen worden. Ironischerweise war es eben jener Türsturz gewesen (damals noch ein mächtiger Querbalken in einem Dachstuhl hoch über der Stadtmauer) der es dem Mörder von Stellarios Sohn ermöglicht hatte, seinem eigenen Tod zu entgehen. Hätte Stellario das gewusst, er hätte seine Bäckerei eigenhändig erneut angezündet und dafür gesorgt, dass ihre Asche in alle Winde verstreut worden wäre. So aber ging er Tag für Tag unter dem Balken her, auf dem in einer bestimmten Nacht drei Soldaten des Königs gehockt und einander stumm und entsetzt angestarrt hatten.
Dieser Balken war, ebenso wie die drei Soldaten, Zeuge der beiden denkwürdigen Ereignisse geworden, die die Belagerung von Saccenta zu einem der unbemerkten Wendepunkte der Geschichte machen.

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Einen dreiviertel Tag, bevor die Soldaten im Finstern auf dem Balken hockten, gaben das Zischen eines Schärfsteins und der dumpfe Dunst von Nelkenöl ihr subtiles, böses Versprechen, dass sich aber im Lärm und Gestank des Feldlagers völlig verlor. Der Mann, der den Schärfstein hielt, legte ihn neben seinen Schemel und ließ das Mittagslicht über die Schneide seines Schwertes laufen.
Mit einem Stirnrunzeln griff er wieder nach dem Stein. Diesmal übertönten ein lautes Gähnen und ein langer Furz aus dem Zelt neben ihm das metallene Flüstern.
„Ich glaube, ich mag Belagerungen“, schnurrte eine Frauenstimme von dort, „was meinst du, wie lange die Saccentischen noch durchhalten?“
Der Stein wisperte zur Antwort.
„Mortigny behauptet, die Sache zieht sich noch wenigstens zwei Monate hin. Er sagt, er hätte noch nie so faule Sappeure gesehen“, schwatzte die Frau weiter. „Wusstest du, dass er daheim ein Mädchen hat, dass er heiraten will? Er hatte sogar einen Ring für sie.“
Ein nackter Arm reckte sich aus dem Zelteingang dem Mann entgegen: „Schau dir nur die hübsche Gemme drauf an! Wirklich ein Geschenk, um ein Mädchen zu überzeugen.“
Der Mann sah flüchtig nach dem Ring und schüttelte den Kopf: „Hübsch. Aber Mortigny ist ein Grünschnabel. Viel zu ungeduldig, genau wie der König.“
Respektlose Bemerkungen wie diese gehen nicht einfach verloren. Mit dem Orientierungssinn von Zugvögeln finden sie das eine Ohr, in dem sie den größtmöglichen Ärger verursachen können. In diesem Fall hing es am Haupt eines lilienbestickten Herolds, der sich unbemerkt genähert hatte. Mit dem leicht angewiderten Lächeln geliehener Autorität fragte er: „Haust hier der Langhans? Er möge sich vor dem Zelt des Marquis de Brunné einfinden.“
„Siehst du?“ bemerkte Langhans über die Schulter nach hinten. Dann wischte er sein Schwert mit dem ölgetränkten Lappen ab, steckte es ein und folgte dem Herold.

Die Männer vor dem Zelt des Marquis musterten einander mit sorgfältigem, ausdruckslosem Interesse, nur gelegentlich unterbrochen von dürren Gesten des Wiedererkennens. Keine Prahlerei, kein Fluchen, keine zwei handvoll Männer – de Brunné hatte keine gewöhnlichen Soldaten zusammengerufen.
An einem Karren lehnte ein riesiger Kerl mit pockenzerfressenem Gesicht und wulstigen Lippen. Ein Stück weiter saß ein magerer Bursche mit baumelnden Beinen auf einem Fass; die Kapuze hatte er trotz der Hitze so tief ins Gesicht gezogen, dass nur die fadendünnen Enden seines Schnurrbartes herausschauten. Zwei Männer mit künstlich gedrehten Locken, einander ähnlich wie Brüder, standen nahe bei und stritten leise über ein Kartenspiel. Ein Jüngling mit nadelkleinen, fanatischen Augen übte – in durchgeschwitzter, gänzlich schwarzer Kleidung – Griffe an einem imaginären Schwert. Dabei wurde er von einem graubärtigen Greis, der im Schatten des Zeltes hockte, scharf beobachtet. Neben dem Alten stand ein rothaariger Mittvierziger und gähnte so herzhaft, dass man durch seinen Mund das Licht am anderen Ende zu sehen erwartete.
Ein Page winkte sie schließlich in das buntverzierte Zelt. Im Innern trennte ein schwerer Damastvorhang eine Art Vorraum ab, in den das Zelt, das sich Langhans und Aschenjule teilten, mühelos hineingepasst hätte. An einer Tafel mit vielen Stühlen saß dort der alternde, falkengesichtige Marquis de Brunné und trank aus einem Silberpokal. Mit seinen hellen Vogelaugen fixierte er nacheinander jeden einzelnen seiner Gäste, ohne ihnen allerdings Sitzplätze anzubieten.
„Der Zweck dieser Zusammenkunft dürfte euch klar sein“, stellte er schließlich knapp fest, „kommen wir also gleich zu den Details. Euer Sold für diese Sache beträgt für jeden Mann zehn Goldlilien. Dementsprechend unwahrscheinlich ist es, dass ihr lebend zurückkommt. Wer auf das Gold verzichten möchte, hat jetzt die Gelegenheit, das Zelt zu verlassen.“
Die beiden Männer mit den künstlichen Locken flüsterten kurz miteinander, verneigten sich vor dem Marquis und gingen. Der Rothaarige sah ihnen verstohlen nach.
„Gut“, fuhr der Marquis ohne eine Spur von Zufriedenheit fort, „die Lage ist die folgende. Saccenta hofft, durch ein larughisches Aufgebot entsetzt zu werden, bevor die Nahrungsknappheit zu groß wird. Tatsächlich ist ein solches Aufgebot auf dem Weg.“
Der Pockennarbige, den der Langhans als den hässlichen Guillaume kannte, schnaubte: „Und wir sollen ihren Heerführer alle machen?“
Marquis de Brunné verzog das Gesicht und der alte Falke verwandelte sich für einen Augenblick in eine unglückliche Eule. „Nein. Die Sache ist komplizierter. Der Fürst von Larughia hat seiner Majestät eine Verständigung angeboten. Die Einzelheiten gehen euch nichts an, bis auf diese: Larughia hat einen Verräter in der Stadt. Auf ein bestimmtes Zeichen hin wird er eine Ziegenpforte in der Südmauer öffnen und euch einlassen. Ihr müsst durch die Stadt zum Schwanentor kommen, die Besatzung überwältigen und das Tor öffnen. Dort wartet das Heer. Verstanden?“
Der kleine Dürre, dem die Schnurrhaare aus der Kapuze hingen, fragte heiser: „Kennt eina von uns die Gassn? Ich tät nur ungern nachm Weg fragen.“
„Der Verräter wird euch den Weg zeigen. Sonst noch was?“
„Wann soll´s losgehen?“
„Heute Nacht. Kommt nach dem Gottesdienst hierher, dann gibt es auch den Sold. – Ach ja, noch etwas. Es versteht sich wohl von selbst, dass ihr eure Überlebenschancen deutlich verbessert, wenn niemand von dieser Sache erfährt.“
„Oh!“ quiekte der Rothaarige in überzogenem Falsett, „wird haben doch nicht etwa Spione unter uns?!“
„Ich habe nicht die geringste Ahnung, was Spione angeht“, lächelte der Marquis böse, „aber ich bin mir in Bezug auf rachsüchtige Feldherren ziemlich sicher.“

„Wie geistreich“, kommentierte Jule Langhans´ knappen Bericht. „Hat der Marquis etwas darüber fallen lassen, was unser geliebter König dem Fettsack von Larughia als Gegenleistung gibt?“
„Nein.“
„Wir beide sind doch wohl zu unwichtig, als dass der Dicke sein Bündnis mit Saccenta opfern würde, um uns zu kriegen… oder?“
„Vermutlich.“
Jule griff nachdenklich in einen Sack und zog eine honigglasierte Lerche am Spieß heraus. Sie knabberte nachdenklich, bis sie Langhans´ Blick bemerkte. „Oh, entschuldige. Bedien dich, die Jungs von Gascia haben zwei Mulis mit Sachen für einen von den Handelsherren erwischt. – Da ist was faul.“
Langhans zog die Hand aus dem Sack zurück. Jule verdrehte die Augen.
„Nicht mit den Lerchen! Ich rede von diesem plötzlichen Pakt zwischen Erzrivalen. Ich meine, der Dicke und der König wollen beide die freien Städte unter ihre Kontrolle bringen. Keiner kann einen Krieg gegen den anderen gewinnen, und keiner macht dem anderen Geschenke. So war es doch bisher. Wenn der König Saccenta nicht nehmen kann, weil der Dicke ihm in den Rücken fällt, dann kann der die Stadt für Larughia einsacken. Warum sollte er darauf verzichten? Was besseres kann ihm doch gar nicht passieren!“
Nur Schmatzen und das leise Knirschen von Vogelknochen antworteten ihr.
„Interessiert dich das nicht?“
„Doch. Aber wenn ich diese Nacht überleben will, brauche ich jetzt vor allem ein gutes Essen und Schlaf. Politik kommt später.“
Jule schnaubte verächtlich. „Du bist und bleibst ein dummer Soldknecht, Langhans. Ehrlich.“
„Und deswegen überlasse ich Politik und Spionage der scharfsinnigen und entzückenden Aschenjule“, grinste er mit honigverschmiertem Mund, warf sich auf sein Bett und zog eine weitere Lerche aus dem Beutel. Jule bleckte die Zähne, knickste und huschte aus dem Zelt.

Als das blecherne Plärren der Feldglocken Langhans zum Abendgottesdienst weckte, war sie noch nicht zurück. Er kleidete sich sorgfältig an, das Wams über dem Panzer, und schnallte das lange Schwert und einen Dolch um.
Wenig später ergriff vor dem Zelt des Marquis der hässliche Guillaume das Wort: „Ich sehe ein Halbdutzend Fechtmeister hier. Keine schlechte Chance, denk´ ich. Aber wir sollten einen Befehlshaber wählen, damit das da drin nicht drunter und drüber geht. Ich schlage den Langhans vor; der hat so was schon mal gemacht und hat, glaube ich, von allen hier die meisten Kampagnen hinter sich. Was sagt ihr?“
Allgemein erhob sich zustimmendes Gemurmel; nur der kleine Dürre mit dem erbärmlichen Schnurrbart merkte heiser an, dass ihm ein weniger maulfauler und hübscherer Kommandant besser passen würde.
„Wie heißt du, mein Freund?“ fragt der Langhans liebenswürdig.
„Attler“, krächzte der Schatten in der Kapuze.
„Wenn ihr mich zum Kapitän haben wollt, werde ich das nach besten Kräften erledigen“, verkündete Langhans dann, „aber unter der Bedingung, dass der wortgewandte und hübsche Attler mein Leutnant wird, um meine Mängel darin auszugleichen.“
„Recht so,“ kicherte der Alte, der sich Bernardo nannte, und schielte auf den kleinen Attler herunter. „Geben wir dem aufstrebenden jungen Mann Gelegenheit, sich zu beweisen!“
„Schon weil´s klüger is, eim hinauf zu folgen, als eim, der wo schon aufm halben Weg inne Grube is“, gab Attler mit einem tiefen Kratzfuß zurück.

Im Zelt des Marquis nahmen die Männer ihren Sold entgegen. De Brunné saß mit versteinertem Gesicht dabei, beinahe, als wäre es sein eigenes Gold, das er auszahlte. Er war eindeutig kein Mann der Verschwendung, auch wenn man sich nicht sicher sein konnte, ob sich diese Abneigung auf die Vergeudung von Gold oder Männern bezog. Schließlich erhob er sich. „Noch eine Sache, bevor ihr geht. Diese drei Männer des Fürsten von Larughia werden euch begleiten.“ Er zog den Vorhang ein Stück beiseite und drei Gestalten, deren Gesichter deutlich darauf hinwiesen, dass sie aus weit südlicheren Regionen als Larughia stammten, traten ein. „Sie haben einen besonderen Auftrag, der euch nichts angeht und euch nicht stören soll. Ihr werdet gemeinsam die Stadt betreten und euch danach trennen. Die Pforte wird sich öffnen, sobald einer dieser Männer ein geheimes Zeichen gibt. Das sollte nicht vor Mitternacht geschehen, aber auch nicht zu lange danach. Verstanden?“

Fünfeinhalb Stunden später öffnete sich knirschend die Ziegenpforte in der Südmauer. Ein junger Mönch des Klementiter-Ordens blickte sich nervös um, aber in der Finsternis des Steilhangs mit seinen vereinzelten Krüppelpinien und Dornbüschen war nichts zu sehen. Als er den Kopf durch die Pforte hinausstreckte, drückten schwielige Hände ihm die Luft ab. Jemand zwängte sich an ihm vorbei und unterband mit einem brutalen Hieb sein hilfloses Gezappel. Dem unglücklichen Mönch waberten bereits Wolken vor Augen, die schwärzer als die Nacht waren, als ein leises Flüstern von drinnen den mörderischen Druck der Hände löste.
Neun Männer sammelten sich in dem stinkenden Hof hinter der Pforte. Drei von ihnen verschwanden sofort wie Geister in einem Durchgang. Auf ein Nicken von Langhans folgten ihnen Attler, Bernardo und der hässliche Guillaume.
Im matten Schimmer seiner Laterne sah der Mönch fassungslos dieser Verminderung zu. „Nur drei?“ röchelte er. Clavelli, der Junge in Schwarz, strahlte ihn mit der irren Fröhlichkeit eines Marders im Hühnerstall an. Der rothaarige de Groot zuckte nur desinteressiert die Achseln.
„Führ uns zum Schwanentor, Heiligkeit, und zwar recht hastig“, flüsterte Langhans dem Mönch zu. „Rechne mit einem unangenehmen Tod, falls irgendwelche Zwischenfälle passieren.“
„Ja, Herr“, hustete der Klementiter, riss sich zusammen und ging voran ins Gassengewirr der Stadt. Nur Augenblicke später erschienen die Lichter einer Patrouille auf der Mauer über dem leeren Hof.

Die Häuser waren dunkel, denn Brennstoffe waren knapp. Mit dem Verschwinden der Wohlgerüche von Rauch, Speisen, Gewürzen und Parfum kam die Verstärkung des Gestanks. Es war unmöglich, Karren und Eimer mit Exkrementen auf die Äcker vor der Stadt zu bringen und gefährlich, sie von der Mauer zu kippen. Deshalb konnte man weich und fast lautlos durch die Straßen gehen, auch wenn man sich danach besser neue Schuhe machen ließ.
Die nächtliche Stille war fast ebenso intensiv wie der Gestank. Die wenigen Geräusche – mal ein Kind, das weinte oder im Fieber faselte oder das Stöhnen von jemandem, den der Durchfall vor die Tür trieb, hier Beten und dort Fluchen – hallten wie ein stockender Totentanz durch die Gassen. Der Langhans war beinahe erleichtert, wenn der Lärm einer gelegentlichen Gruppe Bewaffneter sie zwang, in einem dunklen Winkel Zuflucht zu suchen.
Sie erreichten den kleinen Platz vor dem Tor ohne größere Schwierigkeiten, obwohl der Mönch von Schritt zu Schritt panischer wurde. „Ich dank dir, Heiligkeit“, murmelte der Langhans ihm ins Ohr, während er die Lichter auf der Torbastion zählte und die Stärke der Verschlagung einschätzte. Dann wandte er dem Klementiter seine volle Aufmerksamkeit zu: „Einen schönen Gruß von Vater Ormond soll ich dir bestellen.“ Selbst im verglimmenden Licht der Laterne sah er, wie der Mönch erblasste.
„Ich – man hat – ich meine, ich habe nicht…“, stammelte er. Langhans unterbrach ihn mit einem scharfen Flüstern: „Du bist hier gegen den Befehl des Ordens, Bursche! Eine Stadt verraten ist eine Sache, aber den Orden…!“ Langhans hatte nur ins Blaue geschossen, aber ins Schwarze getroffen. Der Mönch würgte ein Schluchzen herunter: „Gnade, Herr! Bitte… es ist doch kein Schaden angerichtet… eure Männer werden das Kleinod doch sicher vor den drei Meuchlern schützen!“
„Soso, das Kleinod… wie viel weißt du davon? Rede nicht drum herum, ich hab keine Zeit!“
„Gar nichts weiß ich, Herr, überhaupt nichts…“
„Clavelli“, flüsterte Langhans in Richtung des Jungen, der, ebenso wie de Groot, aufmerksam zugehört hatte, „er gehört dir.“ Clavelli wusste, was er zu tun hatte, zog seinen Dolch und lächelte sein Marderlächeln.
„Nein, bitte, Herr, Gnade! Bitte! Ich weiß wirklich so gut wie gar nichts, nur dass es in der Krypta der Heilig Bothius-Kirche aufbewahrt wird…“ Die Spitze des Dolches berührte einen Punkt zwischen Adamsapfel und Halsmuskel und die Stimme des Mönchs wurde schriller: „Ja, und dass es in eine Eisenkassette geschlossen ist und dass es zauberkräftig sein soll…“
„Zauberkräftig?“ Der Dolch stach langsam und ohne viel Widerstand zu finden durch die Haut.
„Zerschmetternd wie der Zorn Gottes bittemehrweißichwirklichnicht …“
Langhans winkte Clavelli, und der Dolch verharrte in seiner Position. „Kannst du uns hinbringen, bevor sie den Diebstahl zuende gebracht haben?“
Der Mönch zögerte verwirrt: „Aber Herr, deswegen wurde doch die Ziegenpforte bestimmt – der Hof grenzt direkt an die Kirche.“
Langhans spuckte aus. Dann nickte er Clavelli zu. In einem Augenblick stieß der Dolch hinter dem Adamsapfel durch den Hals des Mönchs und fand dann mit einem ziehenden Schnitt den Weg ins Freie. Leise gurgelnd sank der Klementiter zu Boden, die Augen weit aufgerissen und die Hände gegen die klaffende Wunde pressend.

„Acht Lichter“, stellte Langhans leise fest, während Clavelli den Dolch an der Mönchskutte abwischte und wieder einsteckte, „zu viele für ein versiegeltes Tor.“
De Groot sah sich besorgt um: „Dann warten die da drin auf uns. Zeit zum Rückzug!“
Langhans setzte sich im Schatten wortlos bequemer hin. Clavelli machte es ihm nach kurzem Zögern nach.
„Wir sind verraten, Langhans! Was willst du hier noch?“ fragte de Groot unruhig.
„Darauf warten, dass sie bis auf die Notwache die Bastion verlassen, ordentlichen Lärm machen, alle in die falsche Richtung starren und schließlich die untere Tür öffnen, wenn wir anklopfen.“
De Groot schüttelte den Kopf und auch Clavellis Augenbrauen hoben sich zweifelnd. Dann hörten sie das Feuerläuten aus der Richtung, aus der sie gekommen waren.
Eine Viertelstunde später waren die Wachen im Schwanentor durch das rote Licht, den Rauch, das Geschrei und wilde Feuerläuten im Heilig-Bothius-Viertel davon überzeugt, die Pläne ihrer Gegner missverstanden zu haben. Als dann auch noch ein blutiger Überlebender der Mauerpatrouille von einem Sturm durch die Ziegenpforte berichtete und um Waffenhilfe flehte, gingen bis auf den letzten alle von Langhans´ Wünschen in Erfüllung.
Im Durcheinander der erwachenden Stadt stand er auf und ging energischen Schrittes auf die untere Pforte der Torbastion zu. Clavelli und de Groot folgten ihm, die Hand am Schwertheft.
Langhans hatte kaum dreimal lang und viermal kurz geklopft, da war schon das Schaben des Riegels zu hören. Im Türspalt erschien Bernardo, blutbeschmiert, in einem zerhauenen saccentischen Überwurf. Augenblicke später war die Tür sicher verschlossen und vier Männer schlichen die Treppe im Torturm hinauf. Sie waren nicht lautlos, aber leise genug.

Wenig später kamen zwei von ihnen wieder herunter, beide nicht nur mit fremden Blut besudelt. Der Langhans wischte sich immer wieder den Ausfluss einer Platzwunde aus dem Auge, während Clavelli auf dem rechten Bein hinkte und immer blasser wurde. Die Zeit war gegen sie; von Minute zu Minute sank ihre Tatkraft und jederzeit konnten eine Patrouille oder aufgescheuchte Bürger auftauchen und sie entdecken. Trotzdem mussten sie die Verkeilungen der Torverschlagung so leise und vorsichtig wie möglich lösen, damit sie nicht vorzeitig entdeckt wurden. Als sie einen schweren Querbalken anhoben, seufzte Clavelli und fiel zu Boden. Glücklicherweise (oder auch nicht) landete das Balkenende auf ihm, was kaum ein Geräusch verursachte. Unglücklicherweise konnte der Langhans nicht allein weitermachen.

Der Bäckergeselle Stephano Rissi befand sich mit einer Menge seiner Nachbarn auf dem Weg in Richtung des Heilig Bothius – Viertels (nicht allzu weit versteht sich, nur um sich ein Bild der Lage zu machen) als er die bleiche Gestalt im Zwinger des Schwanentors (das er aus der Zeit vor der Lossagung noch als „Gänseport“ kannte) entdeckte. Auf seinen Ruf hin eilten alle zum armen Clavelli, der nicht wieder zu Bewusstsein gekommen war. Ihre Hilfsbereitschaft verwandelte sich allerdings in einen einzigen Schreckensschrei, als hinter dem Letzten von ihnen plötzlich das Fallgatter herunterdonnerte.
„Bürger von Saccenta!“, versuchte eine herrische, wenn auch atemlose Stimme das Durcheinander im Zwinger zu übertönen, „Bürger von Saccenta! Seiner Majestät Ritter und Soldaten haben eure Stadt an vier Stellen erstürmt! Ihr seid der Gnade des Königs vollkommen ausgeliefert! Es wird euch nur dann Gnade gewährt, wenn ihr euren sündigen Widerstand gegen euren, durch Gottes Willen rechtmäßig eingesetzten König aufgebt! Gehorcht meinem Befehl! Ich bin der Marquis de Brunné und habe dieses Tor mit meinen Schützen besetzt! Ich befehle euch, augenblicklich die Verschlagung zu entfernen und das Tor zu öffnen!“
Das kurze Zögern, das folgte, als Stephano und seine Mitbürger auf die Bastion hinaufspähten, um zu sehen, was dort vor sich ging, ohne im Schatten der Schießscharten irgendetwas erkennen zu können, wurde erneut durch die herrische Stimme beendet:
„Schützengarde! Schießt jeden nieder, der nicht augenblicklich im Zwinger an die Arbeit geht! Auf mein Kommando: Achtung!“ In diesem Augenblick schnalzte eine Sehne und ein Armbrustbolzen bohrte sich dicht neben Stephano in den Dreck. Mit einem Sprung war er in der Verschlagung, dicht gefolgt von seinem Vater, seinem Onkel und zehn weiteren Nachbarn, die ein ungewisses Schicksal spontan einem sicheren Tod vorzogen.

Nun kann man aber nicht lange aus Leibeskräften um sein Leben schufte, wenn man der Bedrohung nicht gegenwärtig bleibt. Trotz der anspornenden Rufe des unsichtbaren Marquis de Brunné kamen Stephano doch ernstliche Zweifel, die er schließlich leise mit den anderen teilte: „Wenn sie die Stadt an vier Stellen erstürmt haben, warum hört man dann nur die Glocken von Heilig Bothius und Heilig Marga? Und warum ist die Schützengarde so still? Kein Wort ist von denen zu hören, nicht mal ein Fluch oder Witz! Ich glaube, da will uns jemand reinlegen!“
Das Flüstern wuchs zu leisem Murren an, Köpfe wurden gedreht und spähten zu den Schießscharten im Zwinger hinauf, hinter denen nur Dunkelheit und Stille herrschte. Schließlich, mit wild klopfendem Herzen und schwindeligem Kopf richtete sich Stephano auf und rief in die Finsternis hinein: „Du lügst! Du hast gar keine Männer da oben! Wir sind treue Bürger von Saccenta und wir sterben eher, als das wir deinem verfluchten König die Tore öffnen! Es lebe Sa…“
Stephano wurde vom dumpfen Aufschlag der Leiche eines Torwächters, die aus einer der Pechnasen gefallen war, unterbrochen. Er schluckte und wiederholte etwas weniger laut in die atemlose Stille hinein: „Es lebe Saccenta!“
„Gute Bürger von Saccenta!“ klang wieder die Stimme des Marquis von oben herab, „Selbst, wenn ich nicht meine treue Garde bei mir hätte, deren vorbildliche Disziplin euch eher beunruhigen sollte, als euch in eurem sinnlosen und sündigen Widerstand gegen den König noch anzustacheln, bräuchte ich jetzt nur eine einzige Armbrust, um euch alle, einen nach dem anderen, zu erschießen. Ich stimme dir, mein junger Freund, zu: Es lebe Saccenta! Aber: Es lebe als königstreue, gottgefällige Reichsstadt und nicht als Brutstätte von Ungehorsam und Aufruhr! An die Arbeit, oder es wird keine Gnade für euch geben!“
Draußen vor dem Gatter hatten sich inzwischen einige weitere Stadtbewohner in sicheren Winkeln versammelt, lauschten der kleinen Rede des Marquis und verfolgten die Geschichte des heldenhaften Widerstandes des Bäckergesellen Stephano. Der rief gerade – mit zitternder Stimme, aber laut und klar – „Niemals!“
Direkt darauf setzte er sich ungeschickt auf seinen Hintern und starrte verblüfft auf ein kleines Bündel Gänsefedern, das geradewegs aus seinem Bauch gewachsen zu sein schien. „An die Arbeit, Bürger von Saccenta“, wiederholte die Stimme des Marquis leise, bevor das allgemeine Geschrei losging.

Das Geschrei am Schwanentor verhallte nicht ungehört – Unbewaffnete rannten weg, Bewaffnete rannten hinzu und alle verstärkten nach Kräften das allgemeine Kreischen. Die einen schrieen von gefallenen Toren, Feuer, Tod und Untergang, um ihrer Furcht Luft zu machen, die anderen brüllten nach Verstärkung und zum Angriff, ihren Mut anzustacheln. Auch draußen vor dem Tor blieb man nicht stumm: Das königliche Heer, das sich verblüffend leise gesammelt hatte, setzte heulend und röhrend, die Rammkatze voran, zum Sturm an.

Der Langhans oben im Torturm überschlug seine Möglichkeiten und fand sie beunruhigend beschränkt. Schon rannten Stadtsoldaten unten und auf der Mauer gegen die notdürftig verrammelten Pforten der Bastion an. Er seufzte, schoss eine Frau nieder, die verzweifelt am Fallgatter rüttelte, anstatt sich an der Beseitigung der Verschlagung zu beteiligen und warf einen besorgten Blick auf den Riegel der Pforte hinter sich, der bedenklich viel Spiel in seiner Halterung hatte.
Früher oder später musste er das Fallgatter hochziehen und die Winde unbrauchbar machen, damit, falls das Tor fallen sollte, die Truppen des Königs nicht vor dem Gatter stünden. Damit musste er fertig sein, bevor der Riegel hinter ihm den Geist aufgeben würde. Ebenso wichtig war es allerdings, das Öffnen des Gatters so lange wie möglich hinauszuzögern, damit seine Gefangenen im Zwinger weiterarbeiteten. Ohne Werkzeug kamen sie selbst mit der Kraft der Verzweifelung nur langsam voran.
Im Augenblick hing die Rettung der Stadt ganz allein an der Opferbereitschaft eines Türriegels. „Und der“, so murmelte der Langhans, während er die Armbrust spannte, „macht einen sehr patriotischen Eindruck.“
Plötzlich wurde das rhythmische Rempeln gegen die Tür unterbrochen und die Schreie auf der Mauer veränderten ihre Richtung und Qualität. Kurz darauf entstand eine Pause, die durch ein gesittetes, aber drängendes Klopfen an der Pforte beendet wurde: „Macht auf, hier stehen Leutnant Attler und der hässliche Guillaume!“

Langhans zögerte. Natürlich hatte er sich im Oberbau des Tores auf der Mauerseite verschanzt, auf der die beiden hätten kommen können, aber damit zu rechnen war nicht gewesen. Ein Trick?
„Langhans! Bist du da drin?! Mach sofort auf, sonst sind wir Rabenfutter!“ Attlers Stimme glitt von seinem gewohnten Krächzen in eine panische, fast mädchenhafte Tonlage.
Immer noch zögerte Langhans. Draußen standen im günstigsten Fall zwei Fechtmeister, die ihre Position mit ihrem Leben verteidigen mussten. Im Inneren des Raumes wären sie zu nichts nutze, denn hier war kaum Platz genug für einen Fechter. Draußen konnten sie ihm dagegen vielleicht die nötige Zeit erkaufen.
Ein wütender, mächtiger Hieb ließ die Tür erzittern. „Langhans, du gottverfluchtes Rabenaas, mach die Tür auf!“ brüllte Guillaumes Stimme über den allgemeinen Lärm hinweg. „Erst hängst du mir dieses verrückte Weibsstück an und jetzt willst du mich von den Saccentischen wegputzen lassen?! Mach die Tür auf, oder ich schwöre dir, ich komme aus der Hölle zurück und reiße dir den Arsch auf!“
Weibsstück? Ein ununterdrückbarer Verdacht krabbelte wie ein Nest wütender Ameisen Langhans´ Rücken hoch. Er warf einen Blick in den Zwinger, wo alle unter lauten Jammern und Klagen hingebungsvoll die Bemühungen des königlichen Heeres auf der anderen Seite unterstützten. Selbst wenn Guillaume alleine mit ihr dort draußen stünde, könnte die Zeit noch reichen.
Zögernd legte er die Armbrust beiseite. Dann stand er auf, griff widerwillig nach seinem Schwert, und trat zur Tür. Auf der anderen Seite war Kampflärm zu hören – Klingen schliffen aneinander oder trafen dumpf dröhnend auf Schilde. Keine Schützen. Gut.
Und dann war da eine Frauenstimme ganz dicht an der Tür: „Bitte, Langhans, ich bin´s doch, die Aschenjule. Mach auf, sonst schneiden sie uns in Fetzen!“

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Diese Worte lösten das erste der beiden denkwürdigen Ereignisse der ansonsten belanglosen Belagerung von Saccenta aus.
Die Tatsachen sind schnell berichtet und für sich genommen (das heißt: ohne die Meinungen der Hinterbliebenen zu berücksichtigen) kaum erschütternd. Langhans öffnete die Tür und schleuderte mit einem Griff die Aschenjule, die einen schweren Kasten an sich presste, ins Innere des Torturms. Dann sprang er dem hässlichen Guillaume bei und es begann ein wildes Hauen und Stechen im flackernden Halblicht der Öllampe im Turmzimmer und der Lichter auf dem Platz vor dem Tor. Die saccentischen Soldaten, denen ihre Überzahl auf dem engen Wehrgang nichts nützte, sahen nur die schwarzen Schattenrisse zweier scheinbarer Riesen vor sich und ließen von ihnen ab, nachdem drei der Stadtsoldaten zu Boden gegangen waren. So gelang es, den patriotischen Riegel wieder vorzuschieben und die Tür mit zwei Messern zusätzlich zu verkeilen. Dann tauschte der Langhans einen langen Blick mit der Aschenjule, die unter Attlers Kapuze zum Vorschein gekommen war, nahm die Armbrust auf, kniete sich wieder an die Schießscharte und fragte über die Schulter: „Seid ihr soweit heil?“

Diese Episode kostete König Legraille IV. und alle anderen Parteien des Allianz-Krieges den gefürchtetsten Fechtmeister und Söldnerführer des Graubunds. Nie wieder ließ sich der Langhans für eine Kampagne anwerben, nachdem er aus einer seltsamen Regung heraus die Tür des Turmzimmers geöffnet hatte und damit ein unberechenbares Risiko für sich und seinen Auftrag eingegangen war. Mit diesem Augenblick betrachtete er seine Laufbahn als beendet. Andere hätten – und haben – das anders beurteilt; sie sagen, dass sich taktische Überlegung mit Kühnheit paaren muss, um zum Erfolg zu führen. Aber der Langhans war davon überzeugt, dass „Kühnheit“ in diesem Sinne dasselbe bedeutete wie „Narrenglück“. „Wenn ich meinem Gegner taktisch überlegen bin“, so sagte er, „muss er trotz aller Tapferkeit unterliegen, und umgekehrt. Nur wenn die Sache auf Messers Schneide steht, ist ein wohlberechnetes Maß an Risikobereitschaft notwendig, um sie zu meinen Gunsten zu entscheiden. Ein Zuviel davon wird mich ebenso umbringen, wie ein Zuwenig.“
Oder in den Worten des hässliche Guillaume: „Er hat mit dem Herz gefochten. Wenn einer damit anfängt, ist es vorbei.“

Und damit kommen wir zum zweiten denkwürdigen Ereignis der Belagerung von Saccenta. Es hätte sich, wenn nicht bei dieser Gelegenheit, sicher in nächster Zeit bei einer anderen abgespielt, und wäre dann wahrscheinlich sogar von einem Vielfachen unmittelbaren Schreckens begleitet gewesen. Aber es war, so wie es war, die erste, zögerliche Welle einer Sturmflut.

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Jule hatte den schweren eisernen Kasten auf den Boden fallen gelassen.
„Ja, wir sind soweit heil“, bestätigte der hässliche Guillaume. „Die Sache lief gut für uns; wir brauchten nicht einmal zu fechten. Die drei Meuchler sind sofort in die Kirche gehetzt. Wir folgten ihnen, nur um festzustellen, dass sie direkt in einen Hinterhalt des Ordens gestolpert waren. In dem Durcheinander hab ich mit Bernardo, wie besprochen, für Feuer gesorgt, während die da“, er zeigte anklagend auf Jule, „sich irgendwie in die Krypta geschlichen hat und dieses Ding da anschleppte.“
„Wie bist du an Attlers Sachen gekommen?“ erkundigte sich Langhans über die Schulter. Die rhythmischen Stöße gegen die Tür begannen wieder – und diesmal härter als vorher. Anscheinend hatten sich die Wachen auf der Mauer einen provisorischen Rammbock besorgt. Nach einem besorgten Blick auf den Riegel antwortete Jule mit wackeliger Nonchalance: „Och, als du mir erzählt hast, er hätte mittags seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen, heiser geklungen und auf einem Fass gesessen, war ich mir sicher, dass er Branntwein einem Selbstmordkommando vorziehen würde. Wie sich herausstellte, lag ich damit absolut richtig.“
„Und was ist in dem Kasten?“
„Offenbar etwas, das der Orden und der Fette gleichermaßen haben wollen und das Larughia im Zweifelsfall eine ganze Stadt wert ist – oder wie hat man euch empfangen?“
Langhans knurrte. „Sie hatten tatsächlich eine Begrüßung vorbereitet, die wir nicht überleben sollten. Bis auf mich ist der Plan auch aufgegangen. Die da unten“, er deutete mit der Armbrust in die Tiefe, „machen jetzt das, was wir eigentlich hätten tun sollen.“
„Ich sag das ja nur ungern“, unterbrach Guillaume das Gespräch, „aber diese Tür ist in wenigen Augenblicken nur noch ein Loch in der Wand. Und wenn die da draußen nicht ganz dämlich sind, werden sie ein paar Schützen dabei haben, wenn es soweit ist.“
„Mach den Kasten auf!“, befahl Langhans Jule, „Der Mönch hat gesagt, es wäre ein zerstörerischer Zauber drin.“
Sie schnaubte wütend. „Ohne Schlüssel geht das nicht.“
„Dann müssen wir jetzt das Gatter öffnen.“
Jule erbleichte. Guillaume runzelte die pockennarbige Stirn, dann sprang er von der Tür, gegen die er sich gestemmt hatte, zur Winde. Er griff aber nicht nach dem Rad, sondern nach einer der Ketten, die die Gegengewichte des Fallgatters trugen. Stöhnend mühte er sich ab, bis die beiden begriffen und ihm halfen. Der Türriegel splitterte unter den Schlägen des Rammbocks, als sie die mit Eisenbändern zusammengehaltenen Steine endlich aus ihrem Schacht heraus hatten, die Kette über einen der Deckenbalken warfen und das Gewicht so hoch wie möglich aufzogen. Ächzend hielten Langhans und Guillaume es in der Schwebe, während Jule das Kästchen darunter positionierte. Krachend sauste das Gewicht herab, krachend barst der Riegel und dann wurden Flüche laut. Von draußen, weil die beiden Messer die Tür noch ein paar Augenblicke länger verschlossen hielten, von drinnen, weil das Kästchen zwar arg verbeult, aber nicht offen war. „Noch mal!“ kommandierte Langhans nahezu gleichzeitig mit einem Offizier vor der Tür.
Allerdings waren die da draußen schneller. Mit jedem Schlag ging die Tür ein Stück weiter auf, Fingerbreite für Fingerbreite löste sich die Sicherheit der Turmkammer auf.
Endlich waren Kästchen und Gewicht wieder in Position. „Los!“ befahl Langhans. Noch einmal krachte das Gewicht auf das Kästchen, traf es nicht richtig und schmetterte es gegen die Wand, wo es aufbrach und seinen Inhalt durch den Raum verstreute. Im selben Moment angelten zwei Hellebarden in den Raum. Guillaume warf sich zur Seite und entging ihnen um Haaresbreite. Der Plan der Wächter sah wohl vor, im Schutze der Hellebarden Bewaffnete durch den Türspalt zu bringen, denn schon drängte sich ein Mann in halbem Harnisch mit dem Schwert in der Hand hinein. Dabei behinderte er aber die beiden Langwaffen, erstarrte plötzlich, ließ seine Klinge fallen und begann gellend zu kreischen. Der Langhans hatte die Verteidigung mit einem grausam langsamen, gut gezielten Stich von unten begonnen.
„Das Gatter auf und die Winde blockieren!“ rief er noch, bevor er sich ganz auf das Durcheinander am Türspalt konzentrierte.
Alle Kräfte mit einem verzweifelten Schrei anspannend, gelang es Guillaume, das Gewicht in seinen Schacht fallen zu lassen. Wunderbarerweise brach die Kette nicht, als das Gatter einen kleinen Hopser machte, und Guillaume war klug oder erschöpft genug, das Zurückfallen abzuwarten, bevor er sich ans Aufwinden machte.
Jule dagegen wand sich zwischen den zuckenden Hellebarden herum und schnappte sich den Inhalt des Kästchens; einige beschriebene Bögen Pergament und eine weiteres, kopfgroßes Eisenkästchen. Hastig zog sie sich mit dem letzten Bogen aus der unmittelbaren Gefahrenzone zurück und versuchte zu lesen.
Unten im Zwinger wurden Jubelrufe laut, als sich die Ersten unter den Spitzen des sich hebenden Gatters durchquetschten und an nichts anderes als einen Sieg der Stadtsoldaten über die Eindringlinge in der Torbastion dachten. Die Soldaten auf der Mauer und vor dem Gatter waren darüber weit weniger glücklich. Die Verschlagung war ernstlich geschwächt, und das Tor bebte merklich unter den Angriffen der Rammkatze auf der anderen Seite. Der Umstand, dass sich die Schützen der Verteidiger völlig auf das angreifende Heer konzentrierten, verschaffte dem Langhans die Möglichkeit, die Tür noch länger zu verteidigen. Man hatte den erbärmlich kreischenden Halbgerüsteten rücksichtslos aus dem Spalt und von dem bereits halb in ihm verschwundenen Schwert des Langhans gerissen. Als nächstes wurden die Hellebarden zurückgezogen, um noch einmal Platz für die Ramme zu schaffen. Schon der zweite Stoß wurde mit einem hohen Klingeln belohnt – eine der beiden Messerklingen, die als Keile unter der Tür dienten, war gebrochen.
Wie wenige Augenblicke zuvor der Hässliche stemmte sich jetzt Langhans mit dem Rücken gegen die Tür.
Inzwischen hatte Guillaume das Fallgatter halb hoch gezogen und benutzte das bereitliegende Messer des Langhans, um die Winde für wenigstens ein oder zwei Viertelstunden unbrauchbar zu machen. Mit einem Kopfnicken bedeutete Langhans ihm, die Treppe hinabzusteigen. Jule sah die Geste nicht einmal, weil sie sich mit der Öllampe über das kleinere Kästchen gekniet hatte. Guillaume lauschte allerdings auch nur kurz die Treppe hinab und schüttelte dann den Kopf: „Sie kommen schon rauf.“
„Na dann“, antwortete der Langhans und gab die Tür frei. Nebeneinander erwarteten sie ihre Gegner zum letzten Gefecht.
Da drängte sich Jule mit etwas Knisterndem und Stinkendem zwischen ihnen durch. Beißender Rauch füllte die Kammer, während sie an der Pechnase unter der Schießscharte stand und zielte. Dann ließ sie das Ding fallen.

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Natürlich kannten und fürchteten die Königlichen ebenso wie die Verteidiger Brandsätze und Feuertöpfe. Damit ließen sich Panik und gierige Flammen in die Reihen des Gegners tragen. Schreckliche, aber indirekte Waffen und nicht entfernt zu vergleichen mit dem, was das Eisenkästchen am Schwanentor ausspie.
Plötzlich gleißte ein Blitz; ein Donnerkrachen schmetterte durch die Stadt, das alle Herzen innerhalb und außerhalb einen Schlag aussetzen ließ, die Verteidiger auf dem Torplatz wie ein wütender Schlag ins Gesicht traf und Fackeln und Lampen auslöschte. Dann hagelten von einem tobenden Giganten geschleuderte Trümmer rund um das Tor nieder, während eine ätzende Qualmwolke sich rasend schnell ausbreitete und undurchdringliche Finsternis auf das Tor legte.
Einen Atemzug lang herrschte, vom Prasseln der Trümmer abgesehen, Totenstille in Saccenta. Dann brandete wie eine blasse Nachahmung des Explosionsdonners erneut das Schreien der Menschen heran.
Als die Qualmwolke sich langsam verzog, zeigte es sich, dass nahezu alle Verteidiger im Zwinger tot, das Tor aufgesprengt, sein rechter Flügel sogar vollständig aus den Angeln gerissen und in die Reihen der Angreifer geschleudert worden war, wo einige Unglückliche von ihm erschlagen worden waren.

Der Einsatz jenes verbesserten Sprengpulvers war das zweite denkwürdige Ereignis der Belagerung von Saccenta. Nicht wegen der wenigen Leben, die die erste, primitive Bombe mit dem neuen Pulver gekostet hatte, sondern wegen der Revolution der Kriegsführung, die findige Ingenieure mit dieser neuen Möglichkeit innerhalb von wenigen Jahren schufen.

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Als man sich wieder gefasst hatte, lautete der allgemeine Schrei bereits „Bresche! Alles zur Bresche im Schwanentor!“
Im Dachgebälk der Torbastion hockten der hässliche Guillaume, die Aschenjule und der Langhans und starrten einander sprachlos und mit weit offenen Augen an als die Geburtshelfer eines neuen Zeitalters, dessen Grässlichkeit sie in einem einzigen Augenblick erkannt hatten, als ein Mädchen mühelos und ungesehen zwei Dutzend gepanzerte, erfahrene Soldaten getötet und eine Stadt zu Fall gebracht hatte.

11. November 2009

Eierschalensollbruchstellenverursacher

Da sage noch einer, Werbung verdumme das Volk!

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Ich hätte das Produkt für ein Kuriosum gehalten, wenn nicht heute schon wieder ein Werbeheftchen ins Haus geflattert wäre. Offenbar gibt es im Bereich technischer Eiöffnugsunterstützungsaggregate nicht nur einen Markt, sondern auch Konkurrenz:

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Die technologische Entwicklung verläuft inzwischen so schnell, dass wir das Problem erst durch eingehendes Studium seiner Lösung erkennen.

25. September 2009

Durchbruch in der Instant-Food-Technology

Wie der Instant-Food Hersteller Kröger aus Tälisch Raubach mitteilt, ist es nach den spektakulären Erfolgen in der Herstellung von alkoholhaltigem Getränkepulver jetzt gelungen, auch Wasser in haltbarer und platzsparender Pulverform zu produzieren.

“Wir sprechen hier nicht von getrocknetem Pulverschnee, wie die Konkurrenz behauptet”, so Firmensprecher Tiegel auf der gestrigen Pressekonferenz, “sondern von einem vollwertigen Wasserersatz in Pulverform.”
Je nach dem Kompressionsgrad des Pulvers seien Wassermengen von bis zu 100l pro Kubikdezimeter Wasserersatz technisch möglich. Der Wasserersatz sei in besonderer Weise für die Belange der Weltraumfahrt interessant, aber auch zur Versorgung von Trockenregionen und Wüstengebieten geeignet. Darüber hinaus werde selbstverständlich der Getränkemarkt revolutioniert.
“Das Schleppen schwerer Getränkekästen gehört der Vergangeheit an”, so Tiegel weiter.

Die Anwendung des Ersatzstoffes ist in jedem Falle kinderleicht: Einfach das Pulver in ein geeignetes Gefäß geben, die angegebene Menge Leitungswasser hinzufügen und kurz umrühren. Binnen einiger Sekunden steht dem Kunden klares, kohlensäurearmes Trinkwasser zum Verzehr zur Verfügung.

28. August 2009

Welches ist das falsche Pferd? – 560 Jahre Soester Fehde

„Soost“ spricht man das; das e soll nicht umlauten, sondern dehnen. Wenn ihr euch das Städtchen aus der Luft anschaut, fällt euch wahrscheinlich zuerst die klassische Form auf. Eine regelrechte Dartscheibe blinzelt einem da entgegen, und das ist seltsam. Gut, die Gegend ist flach, es gibt also kein Problem mit Höhenzügen, die das Stadtbild formen. Aber was ist mit der Industrie? Was mit dem letzten Krieg? Haben die keinen Einfluss genommen?
Wenn ihr dann hingefahren seid und durch die (Innen-)Stadt spaziert, findet ihr enge, verwinkelte Gassen mit nicht mehr als dreistöckigen Fachwerkhäusern, nur gelegentlich unterbrochen von einem Steinbau der Gründerzeit oder einem moderneren Betonklotz. Viele der Häuser haben auch in der Innenstadt ansehnliche Gärten – aber wie das? Ist die Zeit in Soest denn stehen geblieben?

Der Blick ins Geschichtsbuch behauptet zunächst was anderes. Siedlungsspuren lassen sich in Soest bis ins fünfte Jahrtausend vor unserer Zeit nachweisen – wir sprechen hier von der „Bandkeramik-Kultur“ der Jungsteinzeit, die sich natürlich keineswegs nur mit Töpfern beschäftigte, sondern offenbar auch den fruchtbaren Löss-Boden der Soester Börde für den Ackerbau zu schätzen wusste. „Altsiedelland“ nennt man so was. Die archäologischen Befunde deuten darauf hin, dass es eine kontinuierliche Besiedlung der Gegend bis heute gegeben haben könnte, wohl auch, weil Solequellen und später Eisenverarbeitung den Ort nicht nur für Bauern, sondern auch für die Händler des Hellwegs attraktiv machten.
In die Geschichte tritt Soest mit der ersten urkundlichen Erwähnung anno 836. Zumindest von dieser Zeit an war Soest eine aufstrebende und erfolgreiche Handelsstadt. Hier finden wir auch das älteste deutsche Stadtrecht niedergelegt auf der alten und neuen Kuhhaut (1226 bzw. 1281), der alten und neuen Schrae (das ist schon wieder ein Dehnungs-e; Schra bedeutet „trockenes Fell, Pergament“; die alte ist verloren, die neue wurde 1350 begonnen) und dem Nequambuch (1315-1421). Dieses Stadtrecht exportierten Soester Handelherren z.B. nach Lübeck, das ebenso wie Soest wachsende Bedeutung in der Hanse erlangte.

Bis hierhin sieht es für Soest doch ziemlich rosig aus: Fruchtbarer Boden, Salz, Eisen, Tuche, günstige Lage an der Kreuzung Hellweg/Fernweg, fortschrittlich in Recht und Wirtschaft, wohlhabend und expandierend. Um die 10.000 Einwohner ohne zugehörige Umwohner im 15. Jahrhundert! Beteiligt an allen bedeutenden Städtebünden der Zeit! Nichts scheint einer steilen Karriere im Wege zu stehen.

Außer vielleicht die Soester Fehde, die die Bürger zwischen 1444 und 1449 mit ihrem Landesherrn, dem Erzbischof von Köln auszutragen das Bedürfnis verspürten.
Dietrich von Köln wollte die Stadt gerne etwas fester in den Griff bekommen, um von ihrem Wohlstand zu profitieren. Die Handelherren von Soest wollte ihre Rechte allerdings nicht einschränken lassen und sagten sich 1444 von Köln los, um sich einem der Gegner des Erzbischofs, Herzog Johann I. von Kleve-Mark zu unterstellen. Der hatte ihnen bereits im Vorfeld dafür noch größere Freiheiten in Aussicht gestellt.
Der Erzbischof war über die Situation nicht glücklich, sammelte schließlich ein Heer von Söldnern (angeblich 15.000, aber ich bezweifle, dass die Zahl wirklich so hoch war) und belagerte 1447 erst Lippstadt (vergeblich) und dann Soest.
Hier trennen sich die Geschichtsauffassungen.

erzbischöfliche Hakenbüchsen-Schützen

erzbischöfliche Hakenbüchsen-Schützen

Die offizielle Geschichtsschreibung konstatiert schlicht: Der Erzbischof musste die Belagerung am 21.07.1447 aus finanziellen Gründen abbrechen. Die Fehde endete zwei Jahre später, ohne dass der Erzbischof seine Rechte durchgesetzt hatte.

Sturmleitern werden durch den Graben geschleppt

Sturmleitern werden durch den Graben geschleppt

Die Soester dagegen erzählen vom patriotischen Widerstandswillen und der harten Verteidigung der Stadt, an der sich das Söldnerheer des Erzbischofs inklusive der gefürchteten hussitischen Kontingente die Zähne ausbiss: Freiheit für Soest!
Das ist der Stoff, aus dem Stadtfeste sind.

Söldner warten auf den Sturmbefehl

Söldner warten auf den Sturmbefehl

Sturm!

Sturm!

der Sturm ist abgeschlagen und auch die "Katze" müht sich vergebens

der Sturm ist abgeschlagen und auch die Katze müht sich vergebens

Gut, Soest war frei. Freier als je zuvor; die Stadt hatte mehr Rechte, als manche reichsfreie Stadt. Aber was nützt das, wenn man eine auf Handel angewiesene Enklave mitten in erzbischöflichem Gebiet ist?
Nichts.
Und damit beginnt der langsame Niedergang der Stadt. Lasst es mich in Stichworten zusammenfassen:

1604 – letzter Hansetag der Soest zugeordneten Städte
1608 – letzte Teilnahme von Soest an einem allgemeinen Hansetag
1609 – Soest fällt in brandenburgischen Besitz; der Widerstand dagegen endet
1616 – mit der Soester Kapitulation
1618-48 – Soest wird im dreißigjährigen Krieg schwer verwüstet
1661 – die Madonna aus der Wiesenkriche wird nach Werl überführt; mit ihr gehen die Einnahmen aus der einträglichen Wallfahrerei
1742 – das Soester Münzrecht geht verloren
1751 – die mehr als 490 Jahre alte Ratsverfassung wird aufgehoben
1756 – Soest hat noch 3.600 Einwohner; die meisten steinernen Kaufmannshäuser sind zerfallen und in Gartenmauern um die billigeren Fachwerkhäuser herum umgewandelt worden
1809 – die Börde geht Soest verloren
1849 – der Bahnanschluss ist da! Ein Lichtblick, der Arbeit in der Zuckerproduktion und Eisenverarbeitung bringt. Trotzdem verpasst Soest den Anschluss an die industrielle Revolution
1920 – Soest ist immer noch nicht über seine mittelalterliche Stadtumwallung hinausgewachsen
1939-45 – im Krieg ist der Soester Bahnhof ein wichtiger Umschlagplatz zwischen dem Ruhrgebiet und Schlesien; das mach die Stadt aber auch zum Ziel einiger glimpflich verlaufender Bombenangriffe

Heute ist Soest „ein beliebter Wohnort für Pendler ins östliche Ruhrgebiet“ und Sitz des Bübchen-Werks, einer Nestlé-Tochter, die Kinderpflegeprodukte herstellt. Die Ratsherren von 1449 hätten´s erbärmlich gefunden. Denen schwebte eher so etwas wie Berlin, Hamburg, Frankfurt oder Stuttgart vor.

Wie aber lautet unser Urteil?

Wanderer, kommst du nach Soest, schaue dich um und frage: Haben sie wirklich auf´s falsche Pferd gesetzt?

17. August 2009

Am Radurschlbach

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Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.
Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus

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Die Wohltat des Schweigens habe ich nicht gekannt, bis ich in die Alpen hinaufgestiegen bin. Ich spreche nicht von Stille, wie im Weltall, wo nichts ist, was Geräusche machen könnte und Astronauten gezwungenermaßen sich selbst in vielfacher Lautstärke wahrnehmen.
Ich spreche von dem klaren und gelassenem Schweigen zwischen zwei Atemzügen, das dort oben die Essenz der Landschaft ausmacht.

Rätselhafterweise scheint es unmöglich zu sein, diesen besonderen Genuss in Worte zu fassen; selbst das Lesen der poetischsten Beschreibung ist im Vergleich zum Schweigen eines Hochtales schlichtweg Lärm.

Ebenso wenig gelingt es Bildern, seien sie nun gemalt oder fotografiert, die Klarheit der Luft, die Weite des Raumes und das blendende, in pure Farbe zerspringende Licht einzufangen.

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Warum versuche ich es dann hier überhaupt?
Um mich bei meinen Mitwanderern für eine wunderbare halbe Woche zu bedanken!

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12. August 2009

Drachenfest

Es war einmal vor langer, langer Zeit in einem weit, weit entfernten Königreich. Generell gesprochen. Tatsächlich war es wie jedes Jahr in der letzten Juliwoche; und so unglaublich weit ist der Quast bei Diemelstadt gar nicht entfernt. Außerdem ist Hessen gar kein Königreich. Ebenso wenig wie die Dracheninseln, die witzigerweise an genau demselben Ort wie der Quast liegen – was irgendwie mit Quantenphysik und multidimensionalem Dingsbums zu tun haben soll.

Der Quast ist ein solitärer, bewaldeter Hügel direkt an der A44. Er liegt in einem Muschelkalkgebiet, in dem sich seltene Pflanzen wie Orchideen, Enzian und Türkenbund angesiedelt haben. Obendrein gibt´s natürlich auch noch eine Menge Fossilien, so dass man dem Quast den Status eines Europäischen Flora-Fauna-Habitat-Gebietes zuerkannt hat.
Auf der Kuppe des Hügels befindet sich ein Areal von grob 450m x 850m, das als Weide bzw. Heuwiese genutzt wird. Von dort genießt man einen unglaublichen Ausblick in das weite Flachland Richtung Nordosten.
Aber selbst wenn man sehr angestrengt in die Ferne schaut, sieht man kein Wasser. Es sei denn, der Muschelkalk zählt ersatzweise.

Die Dracheninseln dagegen liegen im Irrelevanten Meer, so benannt, weil sich jedes Jahr um die 2000 Besucher auf den Inseln einfinden, von denen nur ein Zehntel zugibt, per Schiff gekommen zu sein.
Außerdem liegt der Hafen am höchsten Punkt der Insel.

Die Geschichte der Dracheninseln oder Drachenlande ist im Grunde dieselbe Tragödie, die sich in jedem Kinderzimmer zuträgt, wenn Vater und Mutter einkaufen. Die Kleinen spielen friedlich miteinander, als die Eltern das Haus verlassen. Minuten später jedoch befinden sie sich in einem erbitterten Wettstreit, der von jedem Einzelnen mit anderen Gründen rechtfertigt wird, der aber nur ein Ziel hat: Alle anderen zu zwingen, die eigene Großartigkeit ein für alle Mal als die Erstaunlichste anzuerkennen.
Nach einer halben Stunde ist das erste Kinderzimmer eine Wüste aus zerstörtem Spielzeug und wild durcheinanderliegendem Interieur. In einer Kampfpause stellen die Kleinen beschämt fest, dass das bestimmt Ärger geben wird, schließen die Tür hinter sich und ziehen ins nächste Zimmer, wo sie entscheiden, ihren Zwist lieber durch ihre Playmobil-Figuren austragen zu lassen.
Stellt euch das Zimmer als eine Welt und die Kinder groß, schuppig und feuerspeiend vor – dann habt ihr es.

Jedes Jahr lassen die Drachen alles, was Beine hat, gegeneinander antreten. Egal, ob Playmobil-Ritter, Lego-Pirat, Barbie-Elfe, Steiff-Satyr oder Mein-erster-Zauberkasten-Magier – Seite an Seite kämpfen sie für den Sieg ihres Drachens. „FÜR WISSEN UND WEISHEIT!“ brüllt man da beim Schädelspalten, oder auch „FÜR DAS LEBEN!“, wenn man nämlich dem grünen Drachen folgt. Andere beschränken sich auf die Farbe ihres schuppigen Kriegsherrn: „FÜR DEN BLAUEN!“ oder gar „FÜR DEN AUSGLEICH! FÜR GOLD! MACHT SIE NIEDER!“
Wie man sieht, folgt jeder Drache einem eigenen Philosophie-Surrogat, und seine jeweiligen Streiter gleichen die unfreiwillige Komik ihrer Schlachtrufe durch Hingabe aus.

Wenn römische Legionäre Seite an Seite mit schweizerischen Reisläufern gegen Orks und einen Dampfpanzer in die Schlacht ziehen, dürfen auch die Knochenbrecher nicht fehlen. Mit dabei in diesem Jahr:

  • Hauptmann und Feldwüterich Bram von Adel (in diesem Jahr Kommandant der Truppen des Goldenen Drachen),
  • sein Weib Tari von der Belagerung von Falkenstein,
  • Clothwig, englischer Bogenschütze der Burgunderkriege und Büchsenmeister,
  • Tombas von Erkenrode, maximilianischer Landsknecht,
  • Dinnz Dajesh, normannischer Ex-Zwerg,
  • Trutz, hochmittelalterlicher Edelbauer und Kriegsknecht,
  • Ochs, barocker Gutsherr und Kriegsknecht,
  • und natürlich der Autor alias Marten und sein Weib Lin als maximilianischer Landsknecht und ihm angetraute Sudlerin.

Der Kundige bemerkt, dass die Söldnerrotte sich harmonisch in die Grundanforderung „Hauptsache, es hat Beine“ einfügt. Bis auf Rottenmitglied Nr.10 vielleicht, „die Kanone“, deren Name eigentlich Frau Sau lautet, was aber niemand so recht zur Kenntnis genommen hat.
Die hat nämlich Räder.

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DF0901von links: Dinnz, Tari, Clothwig, Ochs, Frau Sau, Trutz, Tombas

DF0902Marten, Bram und Lin (hinter der Kamera)

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Während die ersten sieben Rottenmitglieder sich (unterstützt durch Mitglied Nr.10) fleißig in die Drachenhändel stürzten, ist es dem Autor gelungen, einen neuzeitlichen Fotoapparat vom Quast auf die Dracheninsel zu schmuggeln und sein Weib hat ihn dort auch seiner Verwendung zugeführt. Dies sind einige der Ergebnisse:

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11. Juli 2009

coitus vitandus

Heuer erhielt ich vom (anzüglich grinsenden) Oberpostauslieferer ein unauffällig in blaue Glanzfolie verpacktes Schriftstück. Ein weithin bekannter Versandhandel für diverse, dem Geschlechtsverkehr zuträgliche Artikel beehrte sich, mir einen Katalog seiner neuesten Kollektion zukommen zu lassen. Mit den besten Empfehlungen.
Nun, wenn man seine Nachbarn erst einmal mit Schwertkampfübungen auf der Straße abgehärtet hat, kann auch so ein Umschlag die öffentliche Meinung nicht wesentlich weiter ins Negative verschieben; ich studierte also mit ruhigem Gewissen die Angebote.

Reizwäsche für die Dame – nichts Neues; seit 100 Jahren scheint sich in diesem Sektor nichts Bemerkenswertes getan zu haben.

Reizwäsche für den Herrn – kommt nicht vor.

Dokumentarwerke über die Fortpflanzung höherer Primaten – detailreich, umfassend, erstaunlich homogen in den Inhalten und stets verbunden mit dem Hinweis, dass hier kein Inzest unter nicht vollständig ausgewachsenen Exemplaren gezeigt wird. Da habe ich bei Heinz Sielmann schon Verruchteres gesehen.

Lustige, bunte, vielgestaltige Gummiartikel – ich frage mich bei ihrem Anblick jedes Mal, was man uns beim Aufklärungsunterricht in der Schule noch an anatomischen Seltsamkeiten vorenthalten hat. Und warum die junge, attraktive Frau auf dem Foto ihren ebenso attraktiven männlichen Partner mittels eines eigentümlich ausgestatteten Gummischlauches beglückt. Wahrscheinlich hat sie eine hochgradig ansteckende Infektion oder so was.

Erotische Wohnaccessoires.

Ja, der Leser liest richtig: Erotische Wohnaccessoires.
Ich war auch sofort fasziniert. Seit meine Feng-Shui-begeisterte Bekannte Corinna mir die Einwirkung der Wohnung auf mein Leben dargelegt hat (und mir geraten hat, den Klosettdeckel geschlossen zu halten, auch wenn ich ein offenes Klosett einladender finde), habe ich mir über die Zusammenhänge zwischen Sexualität und Wohnen Gedanken gemacht. Offenbar war ich da nicht allein; die Höhepunkte des Katalogangebotes finde ich so bemerkenswert, dass ich mich entschlossen habe, sie mit dem Teil der Öffentlichkeit zu teilen, der auf sein Ansehen bei den Nachbarn noch Wert legt:

beate004Die erotische Wirkung dieser Lampe besteht möglicherweise darin, dass man sie sofort ausschaltet und die Rolladen herunterlässt, um sie nicht mehr sehen zu können. Eine subtile und geschmackvolle Hinführung zu Tätigkeiten, bei denen man mit dem Tastsinn auskommen kann. Obendrein umweltschonend, weil energiesparend!

beate005Für die Liebhaber alter Schule, die auch im Zeitalter von Viagra immer noch auf die Wirkung von Tigerhodenextrakt und Nashornpulver setzten. Ein besonders intensives erotisches Erlebnis ist bei gleichzeitiger Verwendung als Duftlampe möglich: Einfach Fell nassmachen und 100Watt-Birne einsetzen. Der schwüle Dschungelgeruch nach nasser Katze macht auch die kühlste Partnerin zum Tier.

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beate001Das perfekte Candlelight-Dinner wird viel zu oft von geschmacklosen Gewürzstreuern verdorben. Aber Rettung naht; sei es Modell A mit seiner diskreten Andeutung zur Gestaltung des späteren Abends,

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beate002oder Modell B, mit dem der gewiefte Kavalier seiner Dame ein Kompliment machen kann, das in Worten zu ungehörig wäre,

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beate003oder Modell C für den selbstbewussten Mann, der sich auch in der Flirtphase der Beziehung nicht scheut, das Thema Familie positiv anzugehen.

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Bestellt habe ich mir dann allerdings das hier:

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30. Juni 2009

Was ist ein Landsknecht?

Der Begriff Landsknecht beschreibt die „ in kaiserlichen Landen angeworbenen Fußsöldner“ zwischen dem späten 15. Jahrhundert und dem Ende des 16. Jahrhunderts. Der Name ist eine Prägung, um die Landsknechte von ihren schweizerischen Vorbildern (den Reisläufern) abzuheben und hat nichts mit dem Begriff Lanze zu tun, auch wenn die Bezeichnung Lanzknecht als Verballhornung auftaucht.
Gegen die Deutung als Lanzknecht spricht, dass die Lanze ursprünglich eine germanische und keltische Wurfwaffe war, deren Name erst im Laufe des Hoch- und Spätmittelalters sinnwidrig auf den Reiterspieß übertragen wurde . Gerade im deutschsprachigen Bereich, also den kaiserlichen Kernlanden, erhielt sich aber für den Reiterspieß die korrektere Bezeichnung Reißspieß. Reiß leitet sich vom frühneuhochdeutschen reise, rais(e), rayß oder reis ab und bedeutet Heeres-, Kriegs- oder Beutezug . Dieselbe Wurzel liegt auch dem schweizerischen Begriff Reisläufer zugrunde, also sinngemäß übertragen „jemand, der zu Fuß auf einen Kriegszug geht“.
Zur Verwirrung trägt allerdings bei, dass der Name reisspieß allgemein auf den Spieß der Reisigen und nicht nur spezifisch auf den Reiterspieß angewendet wird .

Die Grenzen der kaiserlichen Lande verlaufen um 1550 im Westen etwa entlang einer Linie Calais – Verdun – Lyon – Nizza, im Süden quer durch Norditalien, dabei Florenz ein- und Bologna und die Po-Ebene ausschließend, im Osten etwa entlang einer Linie Triest – Krakau – Breslau – Danzig und im Norden quer durch die dänische Halbinsel auf einer Höhe zwischen Kiel und Flensburg . Die Schweizer Eidgenossenschaft ist geographisch aus diesem Komplex also kaum auszugrenzen; ganz im Gegenteil liegt sie geradezu mittig in den kaiserlichen Landen.
Auch wenn die Eidgenossenschaft sich ab der Schlacht von Morgarten 1315 praktisch zu einem Bündnis souveräner Stadtrepubliken entwickelte, blieb sie rechtlich ein Teil des Heiligen Römischen Reiches . Eine genaue Beschreibung der politisch-territorialen Entwicklung des Heiligen Römischen Reiches zur Zeit der Landsknechte würde notwendigerweise einen bedeutenden Umfang annehmen und ist hier für unseren Zweck nicht erforderlich. Zweierlei ist allerdings zu beachten:
Erstens ist das Heilige Römische Reich nicht allein auf den deutschen Sprachraum begrenzt, auch wenn deutschsprachige Landesteile die Mehrheit bilden. In der Konsequenz kann das Landsknechtswesen nicht als rein deutsches Phänomen betrachtet werden.
Zweitens sind die Reisläufer als Vorbilder der Landsknechte (und in der Tat Ausbilder der ersten Landsknechtsregimenter) nicht Verteidiger der Eidgenossenschaft, sondern Söldner, die fremden Interessen dienen, solange diese nicht mit denen der Eidgenossenschaft kollidieren.

Die Entwicklung der Landsknechte verläuft in Nachahmung und Abgrenzung zu den Reisläufern. So ist es nicht verwunderlich, dass die erste urkundliche Erwähnung des Begriffs Landsknecht 1486 in der Eidgenossenschaft erscheint. Der Schweizer Konrad Gächuff behauptet dort in einer Schmähschrift, er zöge es vor, „Schwaben oder andere Landsknechte“ zu bewaffnen und auszubilden, da sie doppelt so viel wert seien, wie die Schweizer .
Urheber und bedeutender Förderer der Landsknechte war Kaiser Maximilian I. (1459 – 1519), dem die Überlieferung sowohl den Titel „Vater der Landsknechte“, als auch „der letzte Ritter“ zumisst. Diese beiden Titel stehen in enger Abhängigkeit.
Der Ruf, den die Schweizer genossen, hatten sie sich verdient, indem sie wiederholt mit ihren Infanteriehaufen feudale Reiterheere besiegt hatten. Maximilian, der sich in gewissermaßen nostalgischer Weise in den ritterlichen Tugenden übte, war klug genug, um auf die solcherart veränderte militärische Situation mit der Einrichtung eines alles andere als traditionellen Heereswesens zu reagieren. So stellen die Landsknechte einen Übergang zwischen der ritterlichen Kriegsführung des Mittelalters, deren Kernelemente Feudalismus und individuelle Tapferkeit waren, und der modernen Kriegsführung mit strukturierten Massenheeren dar.

Die Bewaffnung der Landsknechte bestand charakteristischerweise in langen Stangenwaffen, meist Piken und Hellebarden, die dem Hauptfeind, der Kavallerie, widerstehen konnten. Überhaupt haben lange Waffen den Vorteil, dass mehrere Glieder zugleich an den Feind kommen, was die Effektivität der Infanterie merklich verbesserte.
Kombiniert wurden die Stangenwaffen mit solchen, die gegen einen feindlichen Infanteriehaufen nützlich waren; etwa den kurzen Katzbalgern und den langen Zweihandschwertern.
Das Ende der Landsknechte in militärischer Hinsicht liegt in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, als die rasche Entwicklung der Pulverwaffen Pikenhaufen obsolet machte. Auch der Begriff Landsknecht ging in dieser Zeit verloren und wurde durch „kaiserlicher Fußknecht“ ersetzt.

Der Begriff Landsknecht lässt sich also verschieden eingrenzen:

Zeitlich beschreibt er eine militärische Truppengattung, die für ein knappes Jahrhundert zwischen dem Ende des 15. und dem des 16. Jahrhunderts existierte.
Militärisch beschreibt er Söldnereinheiten aus den kaiserlichen Landen, die als Infanteriehaufen mit Stangenwaffen, insbesondere langen Spießen, ins Feld zogen.
Historisch stellt er eine Übergangserscheinung zwischen mittelalterlich-feudaler Kriegsführung und modernen Massenheeren dar, die sich in Abhängigkeit von und in Konkurrenz zu den schweizerischen Reisläufern bildete.

24. Juni 2009

Do it Yourself – atomgenaue, funkgesteuerte Sanduhr

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21. Juni 2009

Auf nach Islamabad!

Das Landleben ist schön. Grüne Hügel, glückliche Kühe, ein Postkartenausblick jagt den nächsten.

Man muss allerdings ein motorisiertes Fahrzeug haben, um das Landleben zu genießen. “Pfui!” höre ich den geneigten Leser rufen, “auf dem Lande fährt man gefälligst mit dem Fahrrad oder Bus! Denke an den Abgasgehalt unserer Milch, Frost!”

Nun, ich lebe in einem kleinen Dorf, das stolz auf seinen Busbahnhof ist. Vier Haltemöglichkeiten, nahe dem Hauptlebensmittelversorger gelegen, professionell und prachtvoll. Leider sind keine Fahrpläne angeschlagen. Wenn man einen Wartenden dazu befragt, erhält man die Auskunft, dass der Bus schon kommen werde (wann, könne man ohnehin nicht so genau wissen) und eigentlich immer nach X fahre (wobei X der gewünschte Zielort des Befragten ist und nicht einmal im selben Milchstraßenarm wie das Ziel des nebenstehenden Menschen ist – der nichtsdestotrotz mit demselben Bus fahren wird.
Ein Bekannter von mir hat nach eingehender Recherche eine Telefonnummer ergattert, die, wenn eine Stunde vor Fahrtantritt gewählt, unfehlbar einen Bus in die richtige Richtung herbeibeschwören soll. Das ist aber eine Insiderinformation. Auf den ländlichen Haltestationen steht üblicherweise nur: “Nächster Bus – Donnerstag”.

Natürlich bemüht sich der solcherart verunsicherte Fahrgast, wenn er das Glück hat, einen Bus besteigen zu können, von dessen Fahrer die fehlenden Informationen zu erhalten. Völlig unwahr ist allerdings, dass sich bei einer solchen Gelegenheit die folgende Szene ereignet hätte:

Fahrgast: “Wohin fährt der?”
Fahrer: “Wer?”
Fahrgast: “Nix wer! Wo-hiiin! Wohin der fährt!”
Fahrer: “Der Bus? Ohne mich nirgendwo hin.”
Fahrgast: “Ey, kannste mal die Frage beantworten? Wohin der fährt!”
Fahrer: “Islamabad.”
Fahrgast: “Was hat´n das damit zu tun?”
Fahrer: “Wieso?”
Fahrgast: “Is mir doch scheißegal!”
Fahrer: “Was denn?
Fahrgast: Ob´s im Bad oder im Stall is, dein Scheiß-Lama! Wohin du fährst, will ich wissen! Ey Mann, bisse blöd oder was?!