Langhans und Aschenjule

Diese Nacht gehörte nicht zu den besten. Ein unruhiger Wind verwandelte Regenschauer in kalte Geschosse, die einen Wollmantel einfach ignoriert hätten. Aber der Mann auf dem Dach trug ebenso wenig einen Mantel wie sein Schwert eine Scheide. Bewegungslos beobachtete er den beißenden Regen dabei, wie er den Ruß von der schlanken, langen Klinge fraß. Der Mond, der immer wieder zwischen den dahinjagenden Wolken auftauchte, fand bereits an mehr als einer Stelle Gelegenheit zu einer verräterischen Reflektion.

An einer trockeneren Stelle derselben Nacht hörte ein Wächter mit einem albernen Helm und einer funktionalen Halmbarte das ungeniertes Twittern und Trippeln von Ratten. Dem Lärm nach feierten sie gleich um die Ecke ein Fest. Unter anderen Umständen hätte er vielleicht einmal nachgesehen, aber da er gerade heute ein paar unverhoffte Einblicke in eine gewisse Bluse gewonnen hatte, blieb er wo er war, bequem gegen die Tür gelehnt, die Halmbarte lässig in der Linken, die Augen halb geschlossen und die Rechte tief in der Hose. Die Ratten schien das zu ärgern, denn sie lärmten lauter und zorniger.
Hätte der Wächter seinen Posten am Ende des Korridors verlassen, um die Ratten aus dem kleinen Kerzenkabinett zu scheuchen, dann hätte er statt der Nager einen tiefen Schlaf – mit etwas Glück gefolgt von einem erneuten Erwachen – vorgefunden. Die junge Frau mit dem bleigefüllten Totschläger twitterte noch einmal ärgerlich. Diese Nacht gehörte nicht zu den besten.

„Einen habe ich immer bei mir“, erklärte der Fette mit selbstgefälligem Grinsen und deutete auf ein Silberkettchen, das nur in seinem Kragenausschnitt kurz sichtbar wurde. Dort verließ es den Schutz der Speckwülste und diversen Kinne, bevor es sich ein wenig später unter bestickter Seide zwischen den Brüsten des Fürsten verlor. „Und die anderen Schlüssel sind an sicheren Orten versteckt. Selbst wenn dein Dieb einen oder zwei von ihnen hätte, er wüsste doch nicht, wie viele ihm fehlen, oder wo die Schlösser zu finden sind. Zum Suchen bliebe ihm auch keine Zeit, denn selbst wenn er einen Wächter überwältigen könnte – was er nicht kann; es sind handverlesene Männer – würde ihn einer der anderen in kürzester Zeit entdecken. Tja, und in der Schatzkammer selbst…“, das Grinsen des Fürsten schien mit einem Mal zu viele Zähne zu enthalten, „…aber ich will dir ja nicht alles verraten, mein Lieber. Wie spät ist es jetzt?“
Sein Gast in der dunklen Robe und dem grauen Skapulier des Klementiter-Ordens sah nach der Stundenkerze. Der letzte Querstrich war bereits vor einiger Zeit verschwunden und dass der verbliebene Stummel sich überhaupt noch aufrecht hielt, legte den Verdacht göttlicher Intervention nahe. „Wenige Minuten auf Mitternacht, euer Hochwohlgeboren“, stellte der Klementiter mit einer eigenartig sanften und zugleich emotionslosen Stimme fest.
„Ha! So spät schon! Unter diesen Umständen schlage ich vor, die Wette zu erhöhen. Nur, wenn du immer noch an den Erfolg deines Diebes glaubst, versteht sich.“ Die vom vielen Wein getrübten Schweinsäugelein von Galadino Gettaferata, Fürst zu Larughia, zwinkerten hektisch. In dem ungeheuer korpulenten Lebemann den verweichlichten und naiven Abkömmling einer erfolgreichen Kaufmannsdynastie zu sehen, war ein verbreiteter Fehler. Unter denen, die ihn begangen hatten, galten die als besonders glücklich, denen der Fürst nur eine kurze Gelegenheit zur Reue gab.
Der Klementiter, der sich dem Fürsten als Vater Ormond vorgestellt hatte, bewahrte seine sanfte Ausdruckslosigkeit: „Wie es euer Hochwohlgeboren beliebt. Welche Erhöhung des Einsatzes habt ihr im Sinn?“
Der Fürst lachte gurgelnd. „Bravo, Ormond, bravo! Ich bekomme viel zu selten mit Männern deines Kalibers zu tun, wirklich… lass sehen. Im Augenblick steht die Beute deines Diebes gegen dein Leben. Ich lege dir fünftausend Goldfüchse aus dem Schatzhaus der Stadt dazu, wenn du mir ein Papier unterzeichnest, dass du im Auftrag deiner Ordensoberen den Diebstahl versucht hast.“
Vater Ormonds Mienenspiel glich dem einer toten Eidechse. Aber er räusperte sich, bevor er antwortete: „Wie es euer Hochwohlgeboren beliebt.“
Galadino Gettaferata lachte so heftig, dass er fast daran erstickte.

Dort, wo die mäßige Nacht der Ratten in die alles andere als hervorragende Nacht der Dächer überging, kam es zu einigen komplizierten Bewegungen. In der Folge lösten sich zwei Dachziegel, schlitterten schwungvoll in die Traufe, überschlugen sich und stürzten dem gepflasterten Innenhof des Palastes entgegen. Als sie mit schussartigem Knallen zerplatzten, wurde die Nacht zu allem anderen auch noch hektisch.

„So, mein Bester, nun haben wir beide uns für einen Abend genug amüsiert. Du nimmst es mir doch nicht übel, wenn ich dich in deine neue Unterkunft geleiten lasse?“
„Nicht im mindesten, euer Hochwohlgeboren. Dennoch erlaubt mir, euer Hochwohlgeboren darauf hinweisen, dass die Stundenkerze noch brennt. Kleingeister mit schwatzhaften Zungen könnten darin einen Umstand sehen, der einen Schatten auf die Klarheit des Ausgangs der Wette zu werfen imstande wäre.“ Vater Ormond wies auf die kleine Wachspfütze, in der ein Endchen Docht sich mühsam aufrecht hielt und tapfer weiterflackerte.
„Ist die Stunde nicht ein bisschen spät für so komplizierte Sätze?“ fragte der Fürst und wirkte weit weniger belustigt und betrunken als zuvor. „Hauptmann di Polli!“
Nichts geschah.
„Hauptmann di Polli!“ brüllte der Fürst nun ernstlich verärgert.
Die Tür öffnete sich langsam und der Hauptmann der Fürstengarde betrat sehr vorsichtig und sehr bleich den Raum. Seine Nase war selbst für seine Verhältnisse ungewöhnlich hoch in die Luft gereckt, offenbar infolge eines Dolches, der ihn zwischen Spitzbart und Adamsapfel drückte. Die klatschnasse junge Frau, die dicht hinter di Polli stand und den Dolch hielt, lächelte Vater Ormond und dem Fürsten etwas gequält zu. „Wenn jemand diesen Mann hier von Dummheiten abhalten könnte, würde ich gerne etwas ausliefern.“
Der Fürst seufzte. „Ich betrachte dieses Mädchen als meinen Gast, di Polli. Vorläufig.“
Sehr langsam lösten sich der Gardehauptmann und die Frau voneinander.
„Danke“, murmelte sie geistesabwesend, während sie di Polli genau im Auge behielt und mit der freien Hand – übrigens die Rechte; den Dolch führte sie in der Linken – einen großen, eckigen Gegenstand aus ihrer Umhängetasche zu befreien versuchte.
„Eine Frage, meine Gute“, wandte sich Fürst Galadino liebenswürdig an sie, „wie ist es dir gelungen, den Langhans loszuwerden?“
Sie zögerte einen Lidschlag, dann fuhr sie zur Tür herum, nur um augenblicklich zu völliger Bewegungslosigkeit zu erstarren, denn eine rußige Schwertspitze lag plötzlich locker unter ihrem rechten Auge.
„Gar nicht“, knurrte der Mann am anderen Ende des Schwertes.
„Und warum zum Henker ist sie überhaupt bis hierhin gekommen?“ Die Stimme des Fürsten versprach unausgesprochene Unannehmlichkeiten in Form von glühendem Metall für unbefriedigende Antworten. Offenbar hatte er sich den Abend anders vorgestellt.
„Der Auftrag war, gegebenenfalls den Dieb zu stellen, die Beute zu sichern und beide euch zu übergeben, Fürst.“
„Aber doch nicht hier, du Idiot! – Egal, die Kerze war ohnehin heruntergebrannt.“
„Sie brennt noch, euer Hochwohlgeboren“, warf Vater Ormond sanft ein. „Und ohne Zweifel hat meine Diebin ihren Auftrag vollständig erfüllt. Eure Maßnahmen, einschließlich dem Anwerben der Dienste des berühmten Langhans…“, er nickte dem großen, nassen Mann zu, „…haben versagt. Ich habe also unsere Wette gewonnen.“
„Wette?!“ fauchte die Diebin.
„Das sehe ich anders“, erklärte der Fürst, sie ignorierend. „Die Kerze verlischt jeden Augenblick und du hast die Beute nicht in Händen. Auch wenn Langhans strenggenommen versagt hat, wird er deine Diebin so lange festhalten, wie ich es sage, denn schließlich will er keinen Makel auf seinem Ruf. Ganz zu schweigen von der Bastonade, der er auf diese Weise ebenfalls entgeht.“
„Bastonade?!“ zischte Langhans.
Vater Ormond machte einen Schritt auf das Mädchen und die Tasche zu, worauf Fürst Galadino kurz in Richtung des Klementiters winkte. Hauptmann Di Polli, der das drängende Bedürfnis verspürte, sich seinem Herrn nützlich zu machen, verstand sofort und trat dem Ordensmann in den Weg. Der Fürst gluckste zufrieden.
„Mein lieber Vater Ormond, du hast wirklich ausgezeichnet gespielt, aber das hier ist kein Unentschieden. Ich habe einen Mann mehr als du.“
„Habt ihr, Hochwohlgeboren?“ fragte Ormond sanft und sah den Langhans gleichmütig an. Der seinerseits hielt das Mädchen scharf im Auge, grinste schief und erklärte: „So, wie ich es sehe, können wir beide hier einen Streit zwischen den hohen Herren schlichten. Was hältst du von Fünfzig – Fünfzig?“
„Das verdammt beste Angebot, dass ich in dieser verfluchten Nacht gehört hab.“
Langhans nahm mit einer knappen Bewegung das Schwert zurück. „Di Polli!“ brüllte der Fürst, doch der Hauptmann zuckte nur die Achseln. „Ich bin allein und unbewaffnet, Herr.“
„Habe die Ehre!“ spottete das Mädchen und machte zwei tiefe Kratzfüße: „Vater Spaßvogel. Fürst Fettwanst.“
Einen Augenblick später schlug die Tür der Kammer hinter ihr und Langhans zu.

Es ist nicht leicht, bei Nacht die feste Stadt Larughia zu verlassen, besonders, wenn zwei gestohlene Pferde mit hinaus müssen. Wenn man allerdings über einen fürstlichen Freibrief verfügt, ist vieles einfacher. Natürlich nur, solange noch niemand weiß, dass der Fürst mit diesem besonderen Freibrief am liebsten den Scheiterhaufen dessen, der ihn vorzeigt, anstecken würde.
Die beiden zitternden Gestalten auf mürrischen Gäulen, die einige Stunden durch einen weiteren, eiskalten Regenschauer trotteten, schienen von ihrer erfolgreichen Flucht nur wenig begeistert zu sein. Vermutlich nicht zuletzt deshalb, weil sie in der Eile darauf verzichtet hatten, sich Mäntel zu besorgen.
„Du bist der Söldner Langhans, nicht wahr? Der Fechter vom Graubund?“ brach die junge Frau das Schweigen.
Der Mann nickte. „Und du?“
„Ha! Wer ich bin? Hast du davon gehört, wie dem Patriarchen während des letzten Weihfests der Silberhut abhanden gekommen ist? Nein? Oder vielleicht weißt du, dass Prinz Montfort seinen besten Beizfalken gegen klingende Münze auslösen musste? Auch nicht? Beides mein Werk! Meine Mutter ist Sylvaine de Croullet, die Lieblingsmätresse des Herzogs vom Weißenstein und ich bin seine Bastardtochter! Ich bin Julia Flinkfinger! Julia Elsterntochter, die dafür gesorgt hat, dass die Gräfin Como niemals mehr ihr Rubinhalsband tragen wird! Julia Nachtschatten, die dem Abt von Montarino den Siegelring mitten im Gottesdienst genommen hat! Das bin ich!“
„Soso. Julia also.“ stellte Langhans schlicht fest.
Sie zuckte halbherzig die Achseln und schauderte, als dadurch kaltes Wasser an eine Stelle lief, wo vorher lauwarmes gewesen war. „Zu Hause haben sie mich Aschenjule genannt. Wegen meiner Haarfarbe“, erklärte sie.
„Aschenjule? Die, die dem Wirt aus den gekreuzten Knochen den Wein nicht bezahlen wollte?“
„Ich hab ihm sechs Sester statt acht geboten. Mehr hatte ich nicht.“
„Du hast heimlich Galle in deinen Krug gespritzt.“
„Ich hab ihn gewarnt, dass er den Wein nicht zurückgießen soll!“
„Das ganze Fass war verdorben.“
Aschenjule war ein Reiterstandbild verletzter Unschuld: „Ich hab ihm angeboten, dass ich ihm das Fass bezahle, wenn er es mir gibt.“
„Du hast es an seine Konkurrenten versteigert“, wandte Langhans ein, „und die haben ihn beim Rat dafür angezeigt, dass er verdorbenen Wein verkauft.“
„Ich habe ihn aber mit dem Geld beim Rat ausgelöst!“
„Ja! Und jetzt bist du die einzige, die bei dem alten Geizkragen umsonst trinken darf!“
„Er versucht jedes Mal, mich nicht reinzulassen,“ maulte Jule.
„Warum hast du das eigentlich gemacht? So gut ist der Wein in den gekreuzten Knochen doch nicht.“
„Ich hatte vorher mit ein paar Leuten um zehn Goldfüchse gewettet, dass ich bei dem alten Geizkragen ganz offiziell umsonst trinken könnte. Was hätte ich denn sonst machen sollen?“
Langhans grinste breit: „Großartig! Die Aschenjule! Dann bitte ich doppelt und dreifach um Entschuldigung für die alberne Piekserei mit dem Schwert, die ich mir da vorhin erlaubt habe.“
Jule schüttelte mit maliziösem Lächeln den Kopf. „So leicht kommst du mir nicht weg. Ich hab was gut bei dir, vergiss das nicht.“
„Was ist denn nun eigentlich in deiner Tasche?“
„Es sollte ein Buch sein, eineinhalb Fuß zu einem Fuß, in schwarzes Leder gebunden, mit Eisenbeschlägen und Eisenschließe, auf der Schließe gezeichnet mit einem korallenhinterlegten P und R.“
„Und das ist nicht drin?“
„Nein. Es war unmöglich, an der Wache vorbeizukommen. Es ist eine Kiste mit Kerzen.“

Auf einem schlammigen Weg trotteten zwei schäbige Gäule widerwillig durch eisigen Regen in eine ungewisse Zukunft. Ihre Reiter quälten sich durchgefroren, mittellos und von mächtigen Feinden verfolgt voran.
Gelächter schallte durch die Finsternis.

Diese Nacht gehörte nicht zu den besten. Aber sie hatte Potential.

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Langhans und Aschenjule

  1. He he, gibt’s mehr von den Beiden? Phantastische Geschichte, hat mich vom ersten bis zum letzten Satz blendend unterhalten – vielen Dank 😉

  2. Athanasius Frost

    Gibt es.
    Stay tuned, ich stelle sie im Laufe der Woche ein.

    … und danke für die Blumen!

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