Robert und ich.

Robert wird demnächst 16 und besucht eine Schule, die „Naturwissenschaften“ als Fach anbietet – eine Garantie für fachfremden Unterricht durch Lehrer, die nur in den seltensten Fällen eine nachgewiesene Lehrbefähigung in Physik, Chemie und Biologie gleichzeitig haben. Oft sogar noch nicht mal für eines der Fächer. Roberts NW-Lehrerin ist offenbar Physikerin, denn sie hat sich vorgenommen, die lieben „Kleinen“ über Astronomie aufzuklären und das Gelernte nächste Woche in einer Arbeit zu überprüfen.

Da komme ich ins Spiel: „Was ist denn der Unterschied zwischen einem Stern und einem Planeten, Robert?“
R.: „Planeten sind größer.“
Ich: „Soso. Wie viele Planeten haben wir denn im Sonnensystem?“
R.: „Meinst du jetzt in unserem oder in welchem?“
Ich (schlucke die passende Antwort runter): „Zuerst mal in unserem. Dann kannst du mir ja gerne auch noch die Planeten von deinem Lieblingssonnensystem aufzählen.“
R.: „So zehn oder so?“
Ich: „Ja, dicht dran. Schau mal, da gab es früher diesen Merksatz, mit dem man sich die Planeten merken konnte: „Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere neun Planeten“ Wenn du die Anfangsbuchstaben der Wörter nimmst, dann hast du auch die Anfangsbuchstaben der Planetennamen. Versuch mal, ob dir alle einfallen. Das erste Wort ist „mein“. Anfangsbuchstabe M – fällt dir dazu ein Planet ein?“
R.: „Marius?“
Ich (denke darüber nach, dass die Verwendung von Verhütungsmitteln zur rechten Zeit mir das hier erspart hätte): „Nein. Merkur.“
R.: „Komischer Name.“
Ich.: „Sie konnten ja nicht alles nach dir benennen. Das nächste Wort ist „Vater“, Anfangsbuchstabe V. Fällt dir dazu was ein?“
R: „Nö.“
Ich: „Nö schreibt man mit N. Venus wäre richtig gewesen.“
R: „Komischer Name.“
Ich: „Das sagtest du schon. Der nächste Buchstabe ist ein E. Dazu fällt dir aber ganz bestimmt ein Planet ein.
R. (gibt ca. 1,5min lang seltsame Geräusche von sich, offenbar infolge ungewohnter Gehirntätigkeit): „Erkan? Eeeee? Äh. Keine Ahnung. Ne, warte… nö. Ach ja, Erde!“
Ich (frage mich, ob man Molche mittels positiver Verstärkung dressieren kann, bezweifle es, versuche es dann trotzdem): „Super! Richtig! – Der nächste Buchstabe ist wieder ein M.“
R. (reagiert überraschend positiv auf das Lob): „Mars! Mars!“
Ich (mit Freudentränen in den Augen): „Oh Mann, schon wieder richtig! Du weißt ja echt Bescheid! Der nächste Buchstabe ist ein J, was fällt dir dazu ein?“
R.: (leere Denkblase)
Ich: „Na?“
R.: (muss das heißgelaufene Gehirn offenbar erst abkühlen lassen – leere Denkblase)
Ich: „Richtig, der Jupiter. Dann kommt S. Ein sehr berühmter Planet.“
R.: „Heißt der S?“
Ich (denke über postnatale Abtreibung nach): „Nein. Der fängt mit S an. Der Planet hat so einen Ring um sich rum.“
R.: (vakuumierte Denkblase)
Ich (ahne Übles): „Es ist der Saturn.“
R. (ein unterweltlich schlechter Witz bahnt sich seinen Weg vom Kleinhirn zu den Sprechorganen): „Ich wusste gar nicht, dass man da oben einkaufen kann.“
Ich: „Ha. Ha. Jetzt kommt U – nein, nicht wie Urin, sondern wie Uranus.“
R. (wähnt sich durch meinen Fehler überlegen): „Ha, jetzt hast du´s verraten!“
Ich: „Super, schon wieder richtig! Und jetzt kommt N.“
R.: „Naturn?“
Ich (erkläre ihm in Schallgeschwindigkeit den Rest): „So, wenn du jetzt an all die Planeten denkst, sind die größer oder kleiner als die Sonne?“
R.(versucht verzweifelt an meinem Pokerface die richtige Antwort abzulesen, scheitert und versucht seine 50%-Chance): „Die sind, äh, warte, äh, ich glaub, äh, die sind kleiner.“
Ich: „Super! Richtig! Aber du hast ja am Anfang gesagt, dass Planeten größer als Sterne sind. Die Sonne ist größer als alle Planeten. Ist denn dann die Sonne ein Planet oder ein Stern?“
R.: (versteht die Frage nicht, hätte aber wahrscheinlich auch keine andere verstanden)
Ich: „Welche Hand ist deine Rechte?“
R.: „Hä? Die hier.“ (hebt die Linke) „Äh, nein, die andere. Wieso?“
Ich: „Nicht wichtig, ich wollte nur eine Theorie testen. Noch mal. Ist die Sonne ein Stern oder ein Planet?“ (ich setze mein Pokerface auf, denn da ich die Frage jetzt ohne logische Verknüpfungen gestellt habe, wird Robert seine 50%-Chance zu nutzen versuchen)
R. (versucht seine 50% und scheitert)

Als ich das Haus verlasse, gibt mir Robert noch eine Kostprobe seines scharfsinnigen Humors mit auf den Weg: „Als du den Planeten mit S gefragt hast, da hab ich erst gedacht: Snickers.“

Generation Doof? Keineswegs! Der Begriff „Doof“ beschreibt schließlich jenes intellektuelle Kellergeschoss, zu dem sich Menschen wie Robert ein Leben lang hoch graben können, ohne es je zu erreichen.

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5 Kommentare

Eingeordnet unter S.T.I.

5 Antworten zu “Robert und ich.

  1. Ochs

    Wahnsinn!

    Leider aus dem realen Lebe gegriffen (oder sollte ich sagen, gut so, damit wir was zum lachen haben bis zur geistigen Ohmmacht)

  2. fat tuna

    Unrealistisch? Nein, ganz sicher nicht.

    Vor mir liegt ein recht bescheidener Stapel Papier. Nein, es handelt sich NICHT um Klassenarbeiten, in denen Schüler üblicherweise seitenweise Schwachsinn schreiben können, ohne sich auch nur der geringsten Denkleistung verdächtig zu machen. Mein kleiner Stapel besteht vielmehr ausschließlich aus Strafarbeiten – die heutzutage allerdings nicht mehr so genannt werden und die stattdessen unter der viel neutraleren Überschrift „Auflage“ vergeben werden.
    Den Autoren dieser Aufsätze mit dem Thema „Was ich mit dem Besuch der ***Schule erreichen möchte“ scheint diese Umbenennung allerdings nicht mehr Kreativität beschert zu haben.

    Schüler Ahmed zum Beispiel entdeckt während des Verfassens dieser Schrift urplötzlich, dass er sich eigentlich auf der falschen Schule befindet :

    „Da dieser Abschluss zwar nicht für den handwerklichen Beruf erforderlich bzw. geeignet ist, kann es trotzdem nie verkehrt sein kaufmännische Kenntnisse zu erlernen. Wie bekannt, konfrontiert man ständig mit Themen wie z.B.: aus der BWL bzw. VWL im Leben.“

    Bei dieser Meisterleistung logischer Verknüpfungskunst und Grammatik wird mir schon ein bisschen schwindelig. Während ich noch tapfer damit kämpfe, erklären mir Ahmeds weitere Ausführungen, weshalb mir dies nicht gelingen kann und wird:

    „Leider war mir nicht bekannt, dass man in der Schule auf der anderen Seite der Straße eine schulische Ausbildung im handwerklichen Bereich absolvieren kann, da ich am Tag der offenen Tür falsch beraten wurde.“

    Oha. Bin also womöglich ICH an dem ganzen Elend schuld? Klar, das hätte ich (oder mein Kollege) doch wirklich ahnen müssen, dass Ahmed sich überhaupt nicht für einen kaufmännischen Beruf interessiert. Um es uns wenigstens ein bisschen kniffeliger zu machen, hat er sich an einer kaufmännischen Schule angemeldet und bei allem begeistert genickt. Aber leider haben wir versagt und Ahmed muss jetzt darunter leiden. Zum Glück kommt er ziemlich schnell darüber hinweg:

    „Allerdings möchte ich dennoch versuchen mein bestes zu geben um einen vernünftigen Abschluss zu bekommen, damit ich im Leben weiter komme. In dem Alter muss man schließlich wissen, was es heißt Verantwortung zu tragen und alles selbst in die Hand zu nehmen.“

    Zum Glück hat er sich jetzt doch noch an seinen 18. Geburtstag vergangenen Freitag und die damit verbundene Moralpredigt seiner Mutter erinnert. Was genau Ahmed unter dem „im Leben weiter kommen“ versteht, erläutert er zwar nicht, beteuert aber gleich noch in drei weiteren Absätzen, dass er auf jeden Fall vorhabe, dies zu tun.

    Besonders gelungen ist Ahmed der Schluss:
    „Meiner Meinung nach gibt es keine dummen Menschen, sondern nur Menschen, die entweder zu faul sind und nichts mit sich anzufangen wissen, oder noch orientierungslos sind.“
    Ahmeds überdurchschnittlich schlechte Leistungen kamen – wie er in dem Absatz, den ich weggelassen habe, beteuert – lediglich aufgrund seiner „Orientierungslosigkeit“ zustande, die wiederum dadurch verursacht wurde, dass ich (oder mein Kollege) ihn ja falsch beraten habe.
    Ergo: Ahmed trifft an der ganzen Misere keinerlei Schuld.

    Ich fühle mich schäbig.

    Um mir ein noch schlechteres Gewissen zu machen, erklärt Ahmed mir das noch einmal, indem er seinen Aufsatz mit einem Appell an die Menschlichkeit aller Unmenschen schließt:

    „Jeder Mensch verfügt über ein anderes Wissen und unterschiedlich gesammelte Erfahrungen. Wenn man diese jedoch untereinander austauscht, ist es nur von Vorteil und für einen guten Zweck… Denn gemeinsam sind wir stark! – Mit freundlichen Grüßen, Ahmed.“

  3. Athanasius Frost

    Nein, hier wird nicht gelästert, sondern Zynismus geübt.

    Der Unterschied zwischen beidem könnte kaum größer sein: Lästerer machen sich übler Nachrede schuldig, während Zyniker in ebenso unschuldigem wie fassungslosem Entsetzen vor den Tatsachen des Lebens stehen.

  4. fat tuna

    Fassungsloses Entsetzen

    Gründlich zerknirscht von Ahmeds Aufsatz öffne ich eine Flasche Kummer-Bier und das Heft von seiner Klassenkameradin Melanie.

    Melanie erklärt ihre im letzten Halbjahr bis ins Dreistellige gewachsene Anzahl von Fehlstunden damit, dass sie an Angina und Migräne gelitten habe, und dies auch nachweisen könne, da sie „Antibiotika bekommen“ habe. Das ist zwar kein von der Schulleitung akzeptierter Ersatz für das Einreichen von schriftlichen Entschuldigungen, aber immerhin kann ich Melanie den guten Willen bescheinigen, sich zumindest gedanklich mit der Thematik auseinandersetzen zu wollen.

    „Wenn ich am Unterricht nicht teilnehme, wirkt sich dies auf meine Noten aus. Ohne meine Anwesenheit kann man keine Noten über mich erstellen.“

    … hofft Melanie. Die Realität in Form des letzten Halbjahreszeugnisses dagegen zeigt recht deutlich, dass man dies sehr gut tun kann.

    „Wenn ich regelmäßig am Unterricht teilnehme, kann ich mich noch besser auf Klassenarbeiten vorbereiten da ich viel mehr vom Unterrichtsstoff mitbekomme. Sonst müsste ich mir alles selbst erarbeiten und das ist nicht so gut als wenn ich am Unterricht teilnehme.“

    Was denn: Zur Schule gehen hilft den Schülern tatsächlich, in der Arbeit bessere Noten zu schreiben? Eine völlig absurde, wenn auch nicht ganz neue Theorie. Erleichtert, dass ich doch nicht ganz nutzlos bin, lese ich weiter:

    „Außerdem kommt das bei den Arbeitgebern nicht gut an. Die gucken sehr auf die Teilnahme am Unterricht, da sie sicherlich eine zuverlässige Auszubildende haben wollen.“

    Nur „sicherlich“? Dann hat Melanie vielleicht doch noch Glück…

    „Die Kopfnoten sind mit vielen Fehlstunden demnach auch nicht gut, da die Lehrer sich kein Urteil über mich bilden können.“

    Logisch. Denn ein Urteil, das Melanie nicht gefällt, ist ja kein akzeptables Urteil – ergo ist es „kein“ Urteil. Trotzdem: Während ich Melanie bei dem ersten Teil des Satzes voll und ganz zustimme, muss ich bei ihrer Schlussfolgerung doch wieder milde auf die ernüchternde Realität in Zeugnisform hinweisen. Die belegt nämlich ganz eindeutig, dass „die Lehrer“ in diesem Falle ganz offensichtlich ihr eigenes Unvermögen ignoriert zu haben scheinen.

    Weil Melanie sich mit diesem Zeugnis eigentlich auf eine Ausbildungsstelle bewerben müsste, versucht sie den Rat ihrer Deutschlehrerin zu befolgen und die nächste Problematik mit einem „rhetorischem Kniff“ zu umschiffen:

    „Arbeitgeber sehen das auch nicht gerne wenn man bei den Kopfnoten wie Zuverlässigkeit keine einhundert Prozent gegeben hat.“

    … Leider steuert sie ihren Kahn nicht geschickt genug, denn als Klassenlehrerin weiß ich zufällig, dass Melanie mit „nicht einhundert Prozent“ auf das von ihr erreichte „unbefriedigend“ anspielt, welches in etwa der Note 6 entspricht.
    Da es aber völlig richtig ist, dass 0 Punkte „nicht einhundert Prozent“ entsprechen, kann ich Melanie hier keinen Logikfehler nachweisen. Wer wird denn auch gleich so kleinlich sein? Mathematisch beeindruckt stecke ich den Rotstift erst einmal wieder weg.

    „Arbeitgeber lernen einen nur „kurz“ in einem Vorstellungsgespräch kennen, und den Rest entnehmen sie dem Zeugnis“, beklagt sich Melanie als nächstes.

    Das klingt in der Tat ungerecht.

    Mein Gerechtigkeitssinn fordert, dass ich Melanies Argumentationskette noch einmal logisch nachvollziehe.

    1. Diese unerklärliche Zeugnisfixiertheit führt mit größter Wahrscheinlichkeit dazu, dass potentielle zukünftige Arbeitgeber Melanies wahre Qualitäten verkennen werden.
    Denn ihr Zeugnis ist ja leider – wie auch schon bei Leidensgenossen Ahmed – überdurchschnittlich schlecht.

    2. Dies liegt u.a. an den Kopfnoten, aber auch an allen anderen Noten. Auf Melanies Zeugnis finden sich nämlich mehrfach die Worte „ungenügend“ und „mangelhaft“ bzw. „unbefriedigend“.

    3. Diese schlechten Noten kommen lediglich dadurch zustande, dass die Lehrer sich „kein Urteil“ über Melanie bilden konnten (weil sie den Unterricht nur sporadisch besucht hat) – dies aber trotzdem GETAN haben.

    Ich habe das dumpfe Gefühl, schon wieder schuld zu sein.

    4. Dass Melanie so selten im Unterricht anwesend war, war gar nicht Melanies Schuld, weil sie ja krank war – was aber irgendwie keiner einsehen will. – Der Verdacht verhärtet sich.

    5. Da Melanie nicht schuld an den schlechten Noten ist, muss (oder müssen) logischerweise jemand anders der – oder die – „Verursacher“ sein. Und wer, abgesehen von Melanie, war außerdem noch an dem Zustandekommen der Noten beteiligt?

    Sehr richtig.

    Gemeinsam mit meinen Kollegen habe ich schon wieder eine Zukunft und ein junges Leben ruiniert.

    Trotz allem lässt Melanie sich nicht von der Ungerechtigkeit und Härte des Lebens unterkriegen, sondern beteuert mehrfach und in aller epischer Breite, dass sie ab sofort ein besserer Mensch werden wird und nicht nur regelmäßig und pünktlich zum Unterricht erscheinen, sondern sogar auch noch ihre Hausaufgaben anfertigen wird! Ich bin beeindruckt.

    Leider schlägt das Schicksal gleich am nächsten Morgen wieder in aller Härte zu: Der Bus kommt nicht und Melanie kann erst mit 45 Minuten Verspätung zum Unterricht erscheinen.

    Soviel Grausamkeit stehe ich tatsächlich hilflos und mit fassungslosem Entsetzen gegenüber.

  5. „[…] zu dem sich Menschen wie Robert ein Leben lang hoch graben können, ohne es je zu erreichen.“

    Womit einer Karriere als Totengräber, Kumpel oder Baggerfahrer nichts mehr im Wege steht.

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