Daheim beim Milchmann

Freitag, 20. Februar 2009, irgendwo zwischen Tecklenburg und Ibbenbüren: Auf einem Parkplatz treffen zwei Autos und vier Menschen zusammen. Kleidung und Verhalten der Beteiligten verraten die kriminelle Energie dieses Treffens, die sich aber unerwarteter Weise nicht auf Drogengeschäfte, sondern auf das Verlassen der Wege in einem Naturschutzgebiet richtet. Es ist 15.00 Uhr und wir werden die Dörenther Klippen ersteigen.

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Die Klippen sind eine aufgeworfene Sandsteinformation, die nach Süden hin steil abbricht. Der uralte Meeresboden verwittert (geologisch gesehen) ziemlich rasch und bietet auch der Verzierungswut der Besucher nur wenig Widerstand. Mehr Widerstand als das Gestein haben hier die Briten Napoleon geboten, der auf seinem Russlandfeldzug gezwungen war, diesen Felsrücken zu nehmen, was ihm erst nach dem Niederbrennen des schützenden Waldes gelang. Das Foto, über die Schultern der britischen Geistersoldaten geschossen, bietet den Blick in die Ebene, wo sich seinerzeit das gewaltige Heer des Eroberers für einige Tage festgefressen hatte.

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Im Naturschutzgebiet findet sich ein lichter Wald aus verschiedenen Kiefern, Birke und Eiche, unterwachsen von Farn und Blaubeeren und – am Südhang – sogar von Wacholder. Die Sandsteinblöcke türmen sich zu den merkwürdigsten Gebilden, Gassen und Höhlen. Oft ist auf der Oberfläche noch die Riffelung zu erkennen, die der Sand in den Wellen des urzeitlichen Meeres angenommen hat. Der bekannteste Felsen der Dörenther Klippen ist das „hockende Weib“ aus dem nächsten Bild. Meine reizende Assistentin hat sich zum Vergleich im Vordergrund platziert – die Ähnlichkeiten sind absolut unverkennbar.

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Von vorne dagegen ist das Weib schwieriger zu erkennen (ich spreche von dem steinernen). Die Klettergesellschaft hat es übrigens trotz feuchter Witterung bis ganz oben geschafft und den Fernblick genossen. Etwas weiter östlich vom Weib findet sich eine Felswand für Sportkletterer. Man hat an der Oberkante sogar Stahlösen für die Seile in den Fels getrieben. Unglücklicherweise hat sich einer der letzten wilden Uhus in NRW diese Ecke zum Brüten ausgesucht, aber wegen der ständigen Störung durch Touristen bisher keinen Erfolg bei der Nachwuchsaufzucht gehabt. Aber wir sind ja in Deutschland, wo man sich auch mit Wildvögeln einigen kann: Ein Schild weist darauf hin, dass der Uhu nach 17.00 Uhr nicht mehr gestört werden möchte.
Das stimmt. Als wir um Viertel nach Fünf dort ankamen, fing er gleich an zu meckern und hörte nicht auf, bis wir wenig später den Rückzug angetreten hatten.

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Samstag, 21. Februar 2009, einige hundert Kilometer weiter nördlich im Dreieck Bremen – Zeven – Nordsee. Das Land hier liegt nur knapp über dem Meeresspiegel. Tatsächlich waren große Teile der heute bewirtschafteten Flächen bis in 16. Jhd. noch Wattenmeer. Was nicht regelmäßig von der Tide heimgesucht wurde, war so feucht, dass sich ausgedehnte Hochmoore bilden konnten. Die Torfstecherei ist zwar ein altes Handwerk, aber erst der industrielle Abbau des 19. Jhd. mit großangelegter Entwässerung, Lorenbahnen und der Urbarmachung des Bodens nach dem Torfabbau haben diese Moore weitgehend vernichtet. Noch im zweiten Weltkrieg wurde hier im Torfabbau Zwangsarbeit geleistet. Die Barracken der Lager stehen zum Teil immer noch.

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Es ist ein trostloser und unheimlicher Landstrich, und der Moorlehrpfad im Huvenhoopsmoor vermittelt trotz seiner Kürze einen Eindruck davon, wie es hier einmal ausgesehen hat, als das ganze Land noch ein gefährlicher Sumpf war.
Der Baumbewuchs und die großen, offenen Wasserflächen sind allerdings ein Zeichen des sterbende Moores. Wo man jetzt im Winter so schön Schlittschuh laufen kann, ist Torf in riesigen Mengen abgebaut worden. So ist trotz der Bildung dieser flachen Seen das Land deutlich trockener als ehedem, was es den Morbirken und Krüppelkiefern gestattet, Fuß zu fassen.

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Der gesamte Boden des Moores besteht aus Torfmoosgeflecht, das sich im Laufe der Jahrhunderte unter Sauerstoffabschluss in Torf verwandelt. Wenn man ruckartig, mit zu großem Gewicht oder einfach an einer dünnen Stelle auf dieses Geflecht tritt, reißt es und man versinkt auf Nimmerwiedersehen in der mehrere Meter dicken Schicht. Positiv daran ist der Sauerstoffmangel im Moorwasser und Torf – der verhindert die Verwesung und bietet die Chance irgendwann einmal als Moorleiche wiederentdeckt zu werden.
Damit nicht alle Torfstecher dieses Schicksal erleiden, haben sie von alters her eine besondere Art von Weg im Moor gebaut; die Knüppeldämme oder Spaltbohlenwege. Das Holz verteilt das Gewicht gleichmäßig und verhindert so das Versinken.

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Wie langsam so ein Moor wächst, macht die Messlatte deutlich. Die waagerechten Kerben sind etwa 5cm voneinander entfernt. Durch den Entwässerungsgraben, in dem die Latte steckt, ist das Moor übrigens an dieser Stelle in nur wenigen Jahren um mehr als einen halben Meter zusammengesackt.

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Samstag, 21. Februar, nachmittags. Wir sind in Dorum, einem Dorf an der Küste in Sichtweite des Bremerhafener Containerhafens. Hier steht ein bemerkenswerter Leuchtturm. Er heißt „Oberfeuer Eversand“ und wurde 1866 zur Markierung der Weserfahrrinne errichtet. Typisch für die Zeit ist die Bauweise; der Turm ist komplett aus Stahl gebaut. Beheizt wurde das gute Stück durch Heißluft, die zwischen der Außenwand und der hölzernen Innenvertäfelung zirkulierte. Dadurch hat sich die Originalvertäfelung bis heute erhalten, was man von der Fahrrinne, die der Turm markierte, leider nicht sagen kann.

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2003 haben dann wackere Schiffer den Turm ausgegraben, auf zwei Pontonschiffe gepackt und nach Dorum gefahren, wo er heute Touristen anlockt.

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Ich will gar nicht viel zur Landschaft sagen, denn das verdirbt nur den außerweltlichen Eindruck, den das Wattenmeer bei Ebbe macht.

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In Dorum liegen immer noch einige kleine Krabbenkutter und es gibt auch ein eigenes Krabbensiebhaus. Wir haben natürlich getestet, wie gut die Tierchen schmecken und uns Krabbenbrötchen besorgt. Nein, das wird den Tatsachen eigentlich nicht gerecht – wir haben und einen Riesenschwarm Krabben besorgt, der zufällig zwischen zwei Brötchenhälften geraten war… de-li-zi-ös!
Schon dafür würde ich noch mal nach Dorum fahren.

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„Stau?!? Du hättest mich vor drei Wochen ablösen sollen!“
Schichtwechsel auf dem Leuchtturm.

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Samstag, 21. Februar 2009, abends. In der Bremer Altstadt ist das Fotolicht leider schon schlecht – ich verschweige also die meisten Geschichten, damit die Bildchen nicht im Text untergehen.

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Das Pannekoekschip „Admiral Nelson“ ist eine echte Sehenswürdigkeit. Nicht nur wegen seinem schönen Liegeplatz vor der Martinikirche und seiner (leider gerade abwesenden) Nachbarin, einer Hansekogge. Das Schiff bietet auf drei Decks gute niederländische Piratenküche. Das bedeutet natürlich auch, das die Bedienung im Kostüm serviert. Sogar die Köche, denen man im Unterdeck beim Arbeiten zusehen kann, sind mit blauer Matrosenkleidung und roten Schürzen und Kopftüchern angetan.
Es ist wirklich verblüffend, wie geräumig das Schiff von innen ist, auch wenn die Decken niedrig sind. Ob das Schiff seetauglich ist, zweifle ich allerdings an. Masten und Rahen scheinen relativ klein zu sein und der Steuerstand im Achterkastell besteht nur noch aus einem funktionsunfähigen Steuerrad.

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Zechprellern droht Ungemach. Die Geschütze sind auf die Uferpromenade gerichtet, so dass die Kanoniere Zeit haben, die überfressenen und daher langsamen Flüchtlinge aufs Korn zu nehmen.

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Bremen ist eine Stadt, die vor allem mit zwei Märchen lebt; den bekannten Bremer Stadtmusikanten (wobei stillschweigend unterschlagen wird, dass sie die Stadt nie erreicht haben) und von den Sieben Faulen. Auf dem Marktplatz sieht man von beiden nicht viel, aber das macht gar nichts.

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Vom mittelalterlichen Bremen ist trotz des Krieges noch erstaunlich viel erhalten geblieben, bzw. wiederaufgebaut worden. Das Schnoor-Viertel ist ein Labyrinth aus Gassen, die manchmal so schmal sind, dass nicht einmal zwei Fußgänger aneinander vorbei kommen. Hier gibt es Unmengen von Läden mit allerlei wunderschönem teuren Krimskrams; Schmuck, Schiffsmodelle, feste und flüssige Leckereien aus aller Welt, nautische Instrumente, Souvenirs und so weiter. Und natürlich gibt es hier auch viele winzige Lokale, in denen meistens im Obergeschoss gekocht wird. Darüber hinaus liegen hier auch einige der vermutlich teuersten Wohnungen der Stadt in Häusern, die lange vor der Entdeckung Amerikas gebaut wurden. Einen Hauch dieses Flairs vermittelt der Anbau an die Kirche – die Hansestadt war eng und außerdem ließ sich so eine Mauer sparen.

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Leider sind im Rathaus die großen, unter der Decke aufgehangenen Schiffsmodelle nicht zu erkennen. Sie sind mit funktionsfähigen Geschützen ausgestattet, die im 17. Jhd. noch zu besonderen Anlässen im Saal abgefeuert wurden. Das herunterrieselnde Pulver ruinierte allerdings die Ballkleider der Damen, so dass man später davon absah.

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Leider schwanden Licht und Zeit viel zu schnell. Das Rathaus-Bild muss als offenes Ende stehen bleiben, bis wir zurückkommen und der alten Hansestadt die gebührende Aufmerksamkeit widmen können.

Vielen tausend Dank an den Mann, der zu jedem Grasbüschel Deutschlands eine Geschichte erzählen kann! Ich verzeihe dir sogar die zwei Kilo, die ich jetzt wieder runter hungern muss. Bis bald!

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