1000 Jahre futsch

Heute gegen 14.00Uhr wurden 1000 Jahre die U-Bahn runtergespült. Im Kölner Severinsviertel stand bis zu diesem Zeitpunkt das Stadtarchiv, angefüllt mit den Dokumenten der Stadt- und Landesgeschichte. Über Personenschäden besteht noch Unklarheit, offenbar konnten aber nach einer Warnung durch Bauarbeiter die Angestellten und Nutzer des Archivs das Gebäude noch rechtzeitig verlassen. Zwei benachbarte Häuser stürzten ebenfalls ein. Die wahrscheinliche Ursache liegt im Bau der Nord-Süd U-Bahn, der ja bereits den Turm der St.Johann Baptist-Kirche anno 2004 bis kurz vor den Einsturz brachte.
Wenn ich mir vorstelle, wie dort in diesen Augenblicken unersetzliche Verbindungen in die Vergangenheit unter ätzendem Schutt liegen und auf den nächsten Regenschauer oder die Bagger des Aufräumkommandos warten, könnte ich heulen. Wir reden hier über Dokumente, die von Albertus Magnus bis Heinrich Böll reichen, zahllose Rechtsurkunden, unbearbeitetes und unveröffentlichtes Material, und so weiter und so fort. Warum ausgerechnet das Stadtarchiv? Man könnte an den Teufel glauben.

Ich wünschte mir, man würde die Arbeiten an der U-Bahn sofort stoppen, sämtliche Arbeiter und Ingenieure dazu zwingen, über dem Trümmerfeld einen Wetterschutz zu errichten und sie nicht nach Hause lassen, bevor der nicht steht und funktioniert. Dann sollte man die Baufirma dazu verdonnern, die Ausgrabung der Einsturzstelle durch Archäologen und Historiker zu finanzieren, zusätzlich zu den Kosten des Wiederaufbaus. Und selbstverständlich natürlich die Strafe wegen Vertragsbruch, weil die Sicherheit der Gebäude nicht garantiert wurde und eine professionelle Firma jetzt den Job übernehmen muss.
Tatsächlich wírd man über die Fragen der finanziellen Regelung und der Personenschäden achselzuckend über das alte Papier hinweggehen, das ohnehin im Bauschuttrecycling enden wird.

Alles, was entsteht, muss wieder vergehen. Aber dieses unermesslich kostbare Schatzhaus durch Stümperei und Ignoranz zu verlieren, erfüllt mich mit ohnmächtigem Hass auf die Beteiligten.

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Nachtrag am Nachtag:

Jetzt sind es nur noch vier Vermisste. Wir Menschen sind nun mal sehr zerbrechlich und die Zeiten überdauern wir nur als Erinnerung. In diesem Sinne liegen aber nicht vier, sondern tausende unter den Trümmern. Was für eine Kultur, die nicht mal ihre Ahnen ehrt – man ist doch stolz, im 21. Jahrhundert zu leben.
Apropos 21. Jahrhundert: Wäre das Stadtarchiv vor 500 Jahren eingestürzt, dann würden jetzt bereits dutzende Gildenleute und Tagelöhner im Auftrag der Stadtväter nach den Dokumenten graben. In unserer Zeit ist man klüger und viel besser organisiert. Erst mal wird abgesperrt und die Gefahrenlage überprüft. Dann werden Versicherungsfragen geklärt. Danach wird der Aufräum-Auftrag ausgeschrieben, und wenn die Arbeit dann beginnt, wird man vielleicht einigen Historikern (wenn sich überhaupt welche dorthin trauen) erlauben, in den Schuttcontainern rumzustochern. Hoch leben die unbegrenzten technischen Möglichkeiten und die Schnelligkeit der Gegenwart!

Begräbnisriten und Totenehrung sind die ersten Anzeichen von menschlicher Kultur, die wir haben. Überlieferung definiert die Menschheit. Wie wundervoll, dass wir uns inzwischen auch von diesem alten Schuh befreien konnten. Willkommen in der Welt der Vormenschen!

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Nachtrag am Nachtag vom Nachtag:

Oh du kleines Land der Wunder – tatsächlich wurden bereits gestern Planen über die Trümmer gezogen, die den Regen abhalten könnten. Bei einer Versicherungssumme von 400 Millionen Euro unter dem Schutthaufen regt sich das Geschichtsbewusstsein offenbar wieder. Mehr noch: bereits jetzt wurde sieben Historikern gestattet, zu bergen, was man bergen kann, ohne in Lebensgefahr zu geraten oder schweres Werkzeug einzusetzen. Die Teile des Archivs, die in dem nicht eingestürzten Anbau untergebracht waren, sind bereits gerettet. Aber die mittelalterlichen Handschriften und Drucke waren im zweiten und dritten Geschoss des Hauptgebäudes untergebracht und sind daher verloren. Man hofft, der Keller habe standgehalten, so dass dort noch was zu bergen ist – aber angesichts des Hergangs (eine Stützwand der benachbarten U-Bahn-Baugrube bricht, Erde rutscht in einen U-Bahn-Tunnel und die Fundamente des Archivs verlieren den Boden unter den Füßen) halte ich das für unwahrscheinlich. Zumindest ist mit Rissen in den Kellerwänden zu rechnen. Grundwasser, das ja in Köln generell und um diese Jahreszeit besonders hoch steht, oder einige der 1000 Kubikmeter Beton, die zur Stabilisierung in die Baugrube gekippt wurden, haben nun Zeit zu wirken.
Der kölnische Dreisatz „et äß wie et äß, et kütt wie et kütt un et äß noch ewwer jot jejange“ ist zumindest in seinem letzten Schritt widerlegt. Die rheinische Frohnatur sieht es positiv und hat bereits eine neue Generation U-Bahn-Witze entworfen, wie z.B. diesen hier: „Nord-Süd-Linie – nächster Halt: Stadtarchiv.“

Es fällt mir immer noch schwer, zu lachen.

Komisch.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter ehedem

Eine Antwort zu “1000 Jahre futsch

  1. Quod erat demonstrandum: wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.

    Wenigstens gibt es jetzt eine KVB-Haltestelle im Severinsviertel.

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