Wie man 1499 über Blogs dachte

Schon vor 510 Jahren hat sich Sebastian Brant so seine Gedanken um das Bloggen gemacht.

Obwohl noch ohne eigenen Internetzugang, brachte sein Weitblick ihn doch zu einem kritischen Urteil in der Frage, was und wieviel man veröffentlichen soll. Dabei geizt er nicht mit klaren Worten, die ihm unter Bloggern und anderen sozialen Netzwerkern kaum Freunde machen werden.
Von Herrn Brant als Idiot beschimpft, erlaube ich mir, mich zu rächen, indem ich drauf hinweise, dass er seine eigenen Ratschläge auch nicht befolgt hat (immerhin hat er sie als Buch herausgebracht). Und wie der eine treulose WG-Genosse die privaten Angelegenheiten des anderen ausplaudert, zerre ich Herrn Brant auf seinem Narrenschiff wieder ans Tageslicht.

Ätsch.


(zitiert nach Sebastian Brant: Das Narren Schyff Ad Narragoniam, Basel 1494 – 1499, neu herausgegeben von Manfred Lemmer, Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1986)

Soweit Sebastian Brant. In modernem Deutsch (sinngemäß und ungereimt) liest sie sich etwa wie folgt:

Wer öffentlich seine Meinung bekanntmacht
und sein Garn vor jedermann aufspannt (Brant spielt auf rethorische Vogelnetze an, in denen sich der Unvorsichtige fangen soll),
vor dem kann man sich leicht hüten.

Ein Idiot ist, wer sich das Fangen der Beute sparen will
und vor ihren Augen das Netz ausbreitet.
Zu leicht kann ein Vogel dem Garn entkommen,
das er vor sich aufgespannt stehen sieht.

Wer den ganzen Tag nichts tut als zu drohen,
von dem fürchte man keinen festen Schlag.
Wer all seine Beschlüsse öffentlich macht,
vor dem nimmt sich jedermann leicht in Acht;
hätte sich Nikanor nicht entfremdet
und anders verhalten als vorher,
so hätte Judas seine Absichten nicht durchschaut
und sich nicht rechtzeitig vor ihm geschützt. (Anspielung auf 2 Makk 14, 26-34, wo sich Judas Makkabäus der Verhaftung durch seinen Verbündeten Nikanor entzieht)

Derjenige scheint mir ein weiser Mann zu sein,
der seine Sache im Voraus kennt und außer ihm niemand,
wenn ihm sein Wohlergehen ein Anliegen ist.
Es will inzwischen jedermann horchen
und solche Geschäfte anrühren,
die vorne lecken und hinten kratzen.

Ich halte nicht für einen weisen Mann
wer seine Pläne nicht verbergen kann.
Denn ein Haufen Idioten und die Ergebnisse einer Liebschaft,
sowie eine Stadt auf einem Berg
und Stroh, das in den Schuhen liegt;
diese Vier lassen sich nicht lange verbergen.

Ein Armer kann wohl Heimlichkeit bewahren,
aber eines Reichen Sache wird weit herumgetragen
und wird durch untreue Mitbewohner des Hauses
schnell aufgedeckt und verraten.
Jede Sache kommt leicht heraus
durch die, die bei einem im Haus wohnen.
Zum Schaden braucht es keinen anderen Teufel
als die, die bei einem wohnen,
vor denen man sich nicht hütet,
und die doch viele um Leib und Besitz bringen.

Wer mehr lesen will: Hier segelt das Narrenschiff online.
Und hier gibt es (neben dem Original) eine Nachdichtung von 1877

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter ehedem

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s