Die zwei Fläschchen – in memoria maligna Meyrink

„Wird der Georg heut noch kommen? Weißt´ was, Stanko?“ fragte der Herr Geheimrat den Apotheker. „Nee“, antwortete der Angesprochene dumpf aus seinem Bierkrug.
„Verflixt, dann fehlt uns ein Mann zur Préférence!“ fluchte der Geheimrat.
Stanko setzte den Krug geräuschvoll ab und wischte sich den Schaum aus dem Schnauz. „Nee, auf den Georg brauchst´ heut nicht zu warten. Die Rote Rousch, die hat´s ihm angetan. Da wird er wohl nicht zum Spiel kommen; so eine Karte fasst sich doch im Vergleich gar zu kalt und trocken an.“ Der Apotheker lachte über den eigenen Witz, aber dem geheimen Rat war die Stimmung verdorben und er stimmte nicht mit ein.
Da lehnte sich totenblass der Büchsenmacher Schrappnagel vom Nachbartisch herüber, wo er alleine gesessen hatte: „Um Vergebung, die Herren, aber sprecht ihr von der Valerie Rousch? Ist die wieder in der Stadt?“
„Was willst du das wissen, Schrappnagel?“ fragte der Rat brummig, aber der Apotheker Stanko stippte ihn in die Seite: „Schau dir mal den Schrappnagel an, Gottfried! Dem hat´s ja das Blut verschlagen – Mann, Schrappnagel, ich glaube fast, du zitterst! Was hast du denn mit der Rousch zu schaffen?“
„Es ist also wirklich Valerie Rousch? Gott steh uns bei, dass es kein Unglück gibt!“ Hastig stürzte er den Rest seines Bieres herunter. Nun war auch der Herr Geheimrat neugierig geworden und nötigte Schrappnagel mit einer knappen Geste zu sich an den Tisch: „Wenn wir schon keine Préférence spielen, kann er uns doch wenigstens mit einer Geschichte den Abend vertreiben!“
Zögernd setzte sich der Büchsenmacher zu den beiden Herren. Der Apotheker schob ihm einen seiner Schnäpse hinüber: „Also Schrappnagel, zier dich nicht! Was wird einer wie du mit der roten Hexe bekannt?“
Schrappnagel ließ den Schnaps wortlos verschwinden, bevor er dem Herrn Geheimrat und dem Apotheker Bescheid gab:

„Ihr müsst wissen, dass ich aus der Thurn´schen Gasse stamm, wo mein Vater auch schon sein Geschäft gehabt hat. Im Haus gegenüber wohnte der Schulmeister Kramp, der zwar in der Schule Korpsgeist einprügelte, aber daheim eine Seele von Mensch war. Seine Tochter, die Marie, war nur wenig jünger als ich und meine Gespielin in Kindertagen. Wir sind immer noch auf vertrautem Fuß und sie besucht mich dann und wann im Geschäft – zuletzt vor kaum einer Wochen.“ Bei diesen Worten fuhr sich Schrappnagel wild durchs Haar und murmelte „Herrgott, was hab ich getan!“, fasste sich aber sogleich wieder, räusperte sich und fuhr fort:
„Eines Tages, so ganz aus heiterem Himmel, ist sie mir ins Geschäft gekommen und strahlt mich an: Du, Henner, sagt sie, ich werd´ heiraten! Darauf ich: Da gratulier´ ich dir, wer ist es denn? Und sie: Der Sergei Taurejew!
Nun kannte ich die Marie doch ganz gut und wusste so ungefähr, mit wem sie umging, aber von einem Sergei Taurejew hatte ich noch nie gehört. Und das kam mir gleich komisch vor, denn die Marie ist nicht von dem Schlag, wo die Männer ein- und ausgehen. Also frag ich nach, wie sie ihn denn kennenlernen hat – aber die Frage hat sie nicht gemocht und hat über was andres erzählt und ist bald darauf wieder gegangen.
Ja, was soll ich sagen, kaum zwei Wochen später war Hochzeit in der St.Ägid-Kirche. Ich war auch geladen und hab da den Sergei Taurejew das erste Mal gesehn. Ein stattlicher Kerl, sicher, aber kein hübsches Gesicht; vor allem nicht, weil er die ganze Zeit über finster dreinschaute. Ich weiß, was die Herren jetzt denken, ich hab´s damals ja auch gedacht, aber so war´s nicht. Die Marie hat ihr erstes erst anderthalb Jahr nach der Hochzeit im Arm gehabt – und zwischendurch ist nix gewesen, das weiß ich bestimmt, weil ich mir Sorgen gemacht und ein Auge auf sie gehalten hab.
Alles schien gut; die Marie war über beide Ohren verliebt, der kleine Andres wuchs gesund und prächtig und übers Jahr kam ihm der Konstans hinterher. Aber wann immer ich den Sergei gesehen hab, ist´s mir eisig den Rücken runtergegangen. Ausgezehrt sah der aus, elend und finster, als ob ihm was schwer auf der Galle läg. Kein liebes Wort, keinen Herzensblick hatte er für die Marie über; sie aber hat das einfach hingenommen und schien jeden Tag nur noch verliebter zu werden. Er dagegen wollte nix mit ihr zu schaffen haben, wenn er´s vermeiden konnt. Ich hätt ihm gerne mal kräftig auf die Nase gegeben, um ihm die Augen zu öffnen, was für ein herrliches Weib er da verkommen ließ, aber das ging natürlich nicht. Wie die Marie nun ihrem Gatten immer weniger nahe kommen konnte, da nahm sie sich die Kinder zum Ersatz und küsste und herzte und verzärtelte sie, dass es mir in der Seele wehtat. Wo doch ihr Vater mit strengen Worten so freigiebig gewesen ist, wie er an Lob gegeizt hat und gerade auf diese Weise uns Kinder zum allergrößten Bemühen um den rechten Weg angespornt hat.
Der Kummer, den der Sergei der Marie bereitete, war ihr nun auch schon in ihr Gesicht gekrochen; Schatten um die Augen verdunkelten die Lachfältchen und überhaupt sah sie aus, wie wenn sie oft heimlich weinte.
Und dann kam sie eines Tages in mein Geschäft gelaufen und war ganz außer sich und fragte, ob ich nicht den Andres und den Konstans gesehen hätt? Was denn, frag ich, sind die Bengel ausgerückt? Darauf sie: Mach keine Witze, Henner! Seit heut Morgen hab ich sie nicht gesehen, und der Nachbar sagt, er hätt vor zwei Tagen den grauen Mann durch die Gasse streifen sehen!
Das ist nämlich so: In unserem Viertel geht die Sage vom grauen Mann, der so eine Art Gespenst ist. Immer, wenn er durch die Gassen schleicht, geht bald drauf ein Kind verlorn und kommt nicht wieder. Alles Altweibergeschwätz, wenn man mich fragt, aber für die Marie in ihrer Sorge war´s natürlich ein übles Vorzeichen. Ich hab also meinen Laden geschlossen und hab ihr suchen helfen. Auch viele von den Nachbarn sind später mitgegangen und die Gendarmen haben ein Protokoll aufgenommen, aber genutzt hat´s nix. Weder der Andres, noch der Konstans haben sich je wiedergefunden.
Die Gendarmen haben dann gesagt, der Fluss hätt sie weggespült, aber das hat die Marie nicht glauben wollen. Halb verrückt ist sie gewesen vor Sorge und hat auch dem Sergei die Hölle heiß gemacht. Sie hat behauptet, man hätt ihr die Kinder geraubt und sie wüsste auch ganz genau, wer´s gewesen wär, und wenn sich nur einer mit genügend Mut finden würd´, der könnte ihr die Kinder wohl wiederbringen. Zu guter Letzt hat der Sergei in irgendeinen verrückten Plan eingewilligt und ein waghalsiges Ding unternommen, aber das ist ihm übel bekommen. Eines Morgens haben sie ihn auf seiner Türschwelle gefunden, wie er da lag und unsinniges Zeug brabbelte. Und wie sie ihm aufhelfen, da merken sie, dass er nur ein halbes Gesicht hat und lahm ist.
Gute drei Jahr ist das jetzt her. Und all die Zeit hab ich die Marie nicht zu Gesicht bekommen, wie wenn sie mich mit Absicht gemieden hätt. Ich hatte wohl gehört, dass sie in die Häuser nähen gangen ist und der Sergei am Großmarkt bettelte, aber er war närrisch geworden und sie war zu stolz, um in ihrem Elend zu mir zu kommen. Bis gerade vorgestern, heißt das.
Da geht meine Ladentür und die Marie kommt herein – kaum, dass ich sie wiederkennte. Blass war sie, aber nicht so, wie´s Mode ist bei denen, die für schwindsüchtig gelten wollen, sondern gilbfarben, als läg sie schon auf der Bahre. Ihr Haar war struppig und stumpf und sie war so zaundürr geworden, dass ihr die Augen im Schädel versanken und die Wangenknochen bald von innen her die Haut zerschnitten.
Lieber Himmel!, ruf ich, Marie, was ist dir? Und sie, mit der Stimme eines alten Weibs: Der Herrgott hat mich verlassen, Henner. Krank bin ich und elend und muss wohl bald hinübergehn. Ach, es ist eine Schande, dass ich gerade dich um einen letzten Gefallen angehen muss!
Wie sie das so in bitterstem Ernst sagt, da wird mir klar, dass der Gevatter wirklich schon seine Händ nach ihr streckt. Ich hab also den Laden geschlossen und ihr eine Suppen gekocht und sie gefragt, was ihr geschehen ist und wie ich ihr helfen könnt.
Henner – flüstert sie da mit ihrer trockenen Papierstimm – Henner, du bist immer gut zu mir gewesen, mein ganzes Leben lang. Ich wollt´s dir immer vergelten, aber ich wusst´ nicht wie. Und jetzt hab ich nichts mehr außer meinem Elend, das ich über dir ausgießen kann. So will ich dir deine Freundlichkeit nicht wiedergeben.
Ich drauf: Na, na, na, soll ich denn im Moment der Not kein Freund mehr sein dürfen? Soll ich mich nachts umwälzen und mich sorgen was gewesen sein könnte und was ich besser hätt tun sollen? Ich seh doch, dass dir was im Herzen und auf der Zunge brennt.
Da wirft sie mir einen Blick zu, dass ich zwei Schritt zurückgemacht hab.
Im Herzen und auf der Zunge?! schreit sie und setzt nach: Ja! Im Herzen und auf der Zunge! Dann sollst du´s hören und als einziger wissen, jetzt, wo sie meinem Sergei den Verstand und die Glieder zerschlagen hat!

Als die Rousch zum ersten Mal in die Stadt kam, hat sie mich zur Aufwärterin genommen. Es hat nicht lang gedauert, bis ich im Salon servieren durfte. Jeden Abend die schweren Vorhänge, die sich wie Mädchenhaut anfühlen, dahinter der süße Rauch, in dem die Männer den Verstand verlieren. Immer den silberklingelnden Wagen durch den Saal schieben, in diesem affigen Haremskostüm – persischer Stil – pah! – und die Männer haben mir auf den nackten Bauch gestiert.
Jeden Abend quer durch den Salon und zu Füßen ihres Diwans anhalten, wo der Elefantenmann wartet. Der arme, entsetzliche Krüppel! Aufgequollen und verwachsen wie eine Wasserleiche mit Syphillisgeschwüren, getränkt in seinem merkwürdig bitteren Geruch, der unerträglich wurde, wenn er Angst hatte. Jedesmal hatte er Angst, wenn ich kam, weil er dann seine Herrin mit dunklem Wein tränken musste, und er doch kaum ein Glas mit den dicken, plumpen Fingern hat halten können. Wie er stöhnte und brummte unter dem grauen Gesichtstuch, fast in derselben Farbe wie seine Haut und an den falschen Stellen ausgebeult.
Nur einer der Männer durfte bei ihr liegen und mit ihr trinken. Jeder tat, als wäre das nicht der Grund, warum er hier sei, aber die weißen Fingerknöchel und der gepresste Atem der Verschmähten flüsterten durch den Salon, dass sie töten würden dafür.
Natürlich waren auch viele da, die von ihr Macht oder Manneskraft wollten. Keinen hat sie in ihr Laboratorium gelassen, wenige genug überhaupt magnetisiert, aber darum ging es ja auch gar nicht, sondern um die andere Sache.
Hab ich nicht genug aufgepasst? Einmal sicher, das andere Mal – wer weiß? Wie sie schon im Bett lag, alles goldene Seide, weiße Haut und schwarzes Haar und rote Lippen, und nach mehr Wein verlangt hat. Sie war betrunken, aber hinten in ihren Augen gibt es keinen Rausch, nur klare, gnadelose Kälte. Ich hab ihr den Kelch angereicht und sie hat mit ihren langen Nägeln den Schritt meiner albernen Haremshose zerschlitzt. Ich hab gezittert und den Wein vergossen, über ihr Gesicht, die Lippen, den Hals, die Seide…
Kein Wort hat sie gesagt, aber ihr Gesicht! Kein Teufel hat je so eine Fratze gezogen!
Einige Zeit schon war Sergei unter den Männern, die sie in ihren Salon lud. Nie hab ich ihn besonders angesehen, aber an dem Tag nach dem verschütteten Wein – da hab ich zum ersten Mal seine Hände gesehen. So starke Hände mit so feinen Fingerspitzen. Ich konnt nicht wegsehen. In meinem Kopf strichen diese Fingerspitzen über meinen Nacken, meine Kehle, meine Lippen. Ich hab gezittert, dass die Glöckchen noch lauter klingelten als sonst und sie, sie hat´s gesehn. Gelächelt hat sie und mit der Zungenspitze das Mundstück der Wasserpfeife gekitzelt. Und dann hat sie ihn zu ihrem Favoriten gemacht. Jeden Abend hab ich seine Hände fast berührt, wenn ich ihm Wein gab und er hat nur sie angesehen. Sie hat gelächelt, zum ihm, aber es war ihr Hohngelächter über mich. Ich ertrug die Strafe – ha, Strafe! – wie wenig ich sie gekannt hab – zwei Wochen lang. Bis Sergei zu mir kam und von mir verlangte, ihm Zutritt zu ihrem Schlafzimmer zu verschaffen. Er bot mir Geld. Ich wollte seine Hände auf meiner Haut.
Er gab mir auch das. Ich habe geweint, währenddessen, weil er gar nicht mich berührte und mich nicht sah und ich ihm so nahe war wie nie und zugleich so fern.
Sie hat uns beobachtet. Die ganze Zeit. Und hat gelächelt, als sie hinter dem Vorhang aus Mädchenhaut vorkam.
„Die Liebe, die du mir geschworen hast, Sergei – wo ist sie?“ hat sie gefragt. „Du hast sie wohl ins falsche Mädchen verspritzt? Ich hab´s dir schon ein andermal gesagt: Liebe ist nichts als Wollust und Leidenschaft. Jedes Tier“, und dabei hat sie mir auf die Brust gespuckt, „hat Liebe. Mensch wirst du erst, wenn du hasst. Welches Tier auf diesem Planeten kann von sich behaupten, zu hassen? Welcher Mensch kann es außer mir? Geht jetzt. Nein, Marie. Die Kleider gehören nicht dir. Du gehst, wie du bist.“
Sergei hat mich in seinen Mantel gewickelt und heimgebracht. Er hat die ganze Zeit geschwiegen, während ich Vater zu erklären versucht hab… bis Vater mir das Wort abschnitt und gesagt hat: „Taurejew, ich bin ein alter Mann. Ich kenne die Menschen. Auch du weißt, was geschehen wird. Ich lass dich nicht aus dieser Stube, bevor du dich entschieden hast.“
„Kramp“, hat der Sergei geantwortet, „Ich liebe deine Tochter nicht.“
„Hasst du sie genug, um sie ins Unglück zu stoßen? Bedenk zweierlei: Die du liebst, verachtet dich. Und Liebe kommt und geht, die Ehe aber bleibt.“
Sergei hat lang geschwiegen. Nicht angesehen hat er mich. Dann hat er gesagt: „Ich tu´s, alter Mann.“
Nie ist er böse mit mir gewesen. Nie hat er mich geschimpft oder geschlagen. Nie hat er mich geliebt, ganz gleich, was ich angefangen hab. Und immer haben seine Hände mich verrückt gemacht. Wenn sie mich nicht berührten, hab ich’s mir vorgestellt und wenn sie mich berührten hab ich geschrien vor Lust und Weh, weil er nie mich anfasste, sondern immer durch meine Haut nach der anderen griff, die er nicht haben konnte.
Henner, weißt du noch, wie der graue Mann durch´s Viertel gelaufen ist? Da war der Konstans sechs und der Andres sieben Jahre alt. Alle halten den grauen Mann für ein Gespenst, aber ich, ich kenne ihn! Jeden Abend hat sein Bittergeruch und sein Angststöhnen mir zur Qual gemacht! Sie war wieder in die Stadt gekommen und sie hat ihn nicht zufällig durch unser Viertel geschickt. Da hab ich dem Sergei gesagt: „Ich bin dir gleich, ich kann´s nicht ändern, auch wenn ich dich immer lieben muss. Aber deine Kinder! Sie hat deine Kinder genommen! Willst du sie nicht wenigstens um deine Kinder bitten? Sogar sie muss Gnade kennen – und ich will dich freigeben, wenn nur die Kinder heimkommen.“
Endlich hat er ein schwarzes Fläschchen aus seiner Tasche gezogen. Das hat er lange angesehen, und dann hat er erzählt:

„Ich hab an der Universität von ihr erfahren. Ich wollt wissen, was an den Geschichten über animalischen Magnetismus dran ist. Darum bin ich in ihrer Praxis vorstellig geworden, aber als gewöhnlicher Kunde, nicht als Stundent der medizinischen Wissenschaft. Der Raum war dunstig-dämmrig, mit hohen Oberlichtern wie eine Gruft. Präparate waren überall ausgestellt, Hände, Herzen, Gesichter, durch deren halbgeschlossene Lider Glasaugen lebensecht blitzen, obgleich die Haut nur mit Fäden kunstvoll hinterm Gesichtsschädel gespannt war und der Rest des Kopfes fehlte. Der graue Mann stand in einer Ecke und gaffte dumpf in ein Bassin, in dem eine Kinderleiche schwamm.
Sie war noch nicht zugegen und ich setzte mich und blätterte in einem alten ägyptischen Folianten mit seltsamen Illustrationen. Isis, wie sie sich nackt über den Himmel spannt, in der allermerkwürdigsten Pose und mit geschlossenen Augen. Als ich aufblickte, war sie da. Isis saß mir gegenüber und in ihren Augen gähnte die todkalte Nacht des Weltalls. Etwas ist dann geschehen, aber ich habe vergessen, was. Ich konnte ihr nicht sagen, dass ich sie liebte vom ersten Moment an. Also hab ich gefragt, was sich machen ließe, wenn ich eine Bestimmte anbetete und für mich gewinnen müsste. Da hat sie mir zwei Fläschchen gegeben; eines mit einem Roten und eins mit einem schwarzen Saft und mich in jedes einen Tropfen von meinem Blut fallen lassen machen.

Was ist Liebe? Nicht mehr als Wollust und Leidenschaft. Der rote Saft vermag nichts, als dieses Feuer der Leidenschaft endlos zu machen. Jedes Tier hat Liebe. Und was die Schönheit angeht, so braucht sich darum keiner zu sorgen, denn Leidenschaft macht schön. Aber der Hass! Der Hass erst macht den Menschen. Nicht von der Wut rede ich – das ist nichts wie fehlgeleitete Liebe. Ich rede vom kalten, gnadenlosen Hass, dem Hass, der mit präziser Genauigkeit und Umsicht zur Vernichtung seines Objektes dient. Welches Tier auf diesem Planeten kann von sich behaupten, zu hassen? Darum ist mit dem schwarzen Saft weit sorgsamer zu verfahren, denn du wirst nur ein Fläschchen erhalten und nur einen Feind zernichten.
Also hab ich den Elefantenmann bestochen, dass er ihr das rote Zeug in den Wein tut, aber er hat mich verraten. Ich bin nicht sicher und kann mir auch keinen Grund denken, aber ich glaube, sie hat´s dich trinken lassen, weswegen wir aneinander gekettet sind ohne Hoffnung.
Den schwarzen Saft hab ich all die Jahre aufbewahrt, weil ich nicht wusste, ob ich ihn dir einflößen soll, ihr oder mir.
Ich glaube wohl, dass sie unsere Kinder hat, aber das ist mir gleich. Weil ich mein Elend zu Ende bringen will, werde ich zu ihr gehen.“

Am nächsten Morgen lag der arme Sergei dann vor unsrer Tür, lahm, fahl und seibernd. Bevor ihm das Nervenfieber den Verstand zur Gänze ausgebrannt hat, hat er noch mehr erzählt.

„Geh in die krumme Gasse, die vom Breiten Weg zum Fluss hin abzweigt. Gehe nicht ins dritte Haus, geh ins Fünfte. Mach den Kellergang auf, aber mach kein Licht. Die Wände sind von lauem Fleisch, taste dich an ihnen entlang die Treppe hinab und achte auf die fehlende Stufe. Geh am Tisch vorbei und schau nicht an, was darauf liegt. Fass es nicht an und atme nicht, bis du die schwere Tür durchquert hast. Da sind die Kinder. Da ist auch Konstans. Sie hat´s mir erklärt, wie man mit Hilfe des magnetischen Verfahrens die Seele aus dem Blut trennen kann. Wie man sie zerspleißt in ihre vitophile und thanatophile Essenz. Wie die Unschuld der Kinder so nützlich ist. Ich hab den Satan gesehen in dem Keller. Ich wollte sie töten.
Dann kamen die Elefantenmänner, große, kleine, als wären die Wände lebendig geworden, Stinkend. Ich kämpfte. Einigen riss ich die Masken von den Gesichtern. Einer von ihnen einer hatte Konstans Augen. Da hab ich mich nicht mehr gewehrt und meinen eigenen schwarzen Trank geschluckt, den er mir einflößen wollte.“

Henner, ich hab´s den Nachbarn erzählt – den Gendarmen – meinem Vater! Keiner hat´s mir geglaubt. Die verdammte Hexe ist abgereist. Zwei Jahre sind vergangen und ich kann´s nicht länger ertragen.
Henner, ich bitt dich: gib mir ein scharfgeladenes Pistol.“

Und ich – verstehen sie, meine Herren, ich war so durcheinander nach der Geschichte, ich hab doch gedacht, dass sie sich selbst hat richten wollen – ich hab ihr eins gegeben.“

Der Herr Geheimrat sah den Apotheker an. „Da müssen wir einschreiten! Scharfgeladen… Schrappnagel, sei dankbar, wenn das kein Nachspiel für dich hat! … Wirt! Zahlen!“
„Wo willst´ denn hin, Gottfried?“ fragte der Apotheker. „Zum Salon der Rousch. Sie muss doch vor der Irrsinnigen gewarnt werden!“ Aber der Apotheker hob abwehrend die Hand: „Wart einen Augenblick, Gottfried, und schau, wer da kommt!“
„Georg! Was machst du hier?“
Der Assessor Georg Flimmbrödel setzte sich grußlos und verlangte vom Wirt, der zum Kassieren erschienen war, einen großen Schnaps.
„Ist ein Unglück geschehen?“ – „Warst du bei der Rousch?“ – „Was ist passiert?“ bestürmten ihn die Männer, aber er winkte ab.
„Nein, nichts – nichts ist – nur makaber war´s – von dem Weib bin ich wohl kuriert!“
„Wie denn? – Erzähl doch!“
„Nun, heute hatte sie ihren Salon im ägyptischen Stil geschmückt; breite Säulenpostamente allüberall, alles mit Hieroglyphen bemalt und von blakenden offenen Flammen mehr verdüstert als erhellt. Alles war drauf gerichtet, dass man den Raum nicht zu überblicken vermöchte und sich immer wieder neue seltsame Ausblicke in die Nischen ergäben, wo allerlei Zeugs ausgestellt war. Die meisten Herren bekümmerten sich nicht um die Dekoration, sondern nur um die Gastgeberin, aber mir war seltsam zumute und ich schaute mir den Saal näher an, während man plauderte, rauchte und trank.
Da gab es Mumien, Papyri, Lampen, um betäubende Gifte darin zu verbrennen, und eben noch allerlei andren Hokuspokus auf den ich mich nicht verstehe. In einer Nische aber war´s besonders eigentümlich. Da hockte einer wie der kleine Bruder von dem Krüppel, den sie sich hält, und den alle den Elefantenmann nennen – weiß der Himmel warum, vielleicht wegen der langen grauen Stoffmaske vor dem Gesicht? Na, sei´s drum, da hockt also noch so eine Krüppel vor einer Mumie in einem aufgestellten Sarkophag. Komisch, denk ich mir und trete näher, um mir die Mumie zu betrachten. Eine billige Nachmachung war´s, wenn ich nur ein halber Kenner bin. Die Binden sahen selbst in dem Halblicht zu frisch aus und der Präparator hatte sich gar die Mühe gemacht, Glasaugen einzusetzen, die sich im Kerzenflackern müde zu bewegen schienen. Geschmacklos. Und ganz und gar dumm war schließlich das Pistol, dass die Mumie in der verkrampften Hand über der Brust hielt! Nein, Gottfried, da muss was getan werden, dass man nicht Friedhöfe plündert, um solcherlei widerliche Kabinette zu bestücken – auch die städtischen nicht, wo die Selbstmörder liegen!“
Alle schwiegen.
Schließlich fragte Schrappnagel: „Hat der kleine Krüppel was gesagt?“
„Ja, das hätt ich ja bald vergessen! Obwohl´s der Gipfel der widerlichen Schaustellung hätte sein können! `Mwuh-Dah´, hat er gelallt, kaum verständlich, aber immer wieder: `Mutter´!“

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