Sex!

Oder warum man fremden Frauen Rosen schenkt.

Dieses Wochenende hat uns eine Freundin aus Hamburg besucht. Sie macht das regelmäßig und traditionell geht sie morgens ins Dorf, um Brötchen zu kaufen. So auch am gestrigen Samstag. Diesmal kehrte sie allerdings nicht nur mit leckerem Backwerk und frisch gemahlenem Schwein zurück, sondern auch mit einer einzelnen, roten Rose (siehe Beweisfoto).

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Da mir ein Gigolo mit guten Beziehungen zum Blumenstübchen in unserem Dorf nicht bekannt war und ich als politisch desparater Bürger schon im März das laufende Wahljahr als solches zur Kenntnis genommen habe, stellte ich mir nur zwei Fragen:

  • Welche Partei? und
  • Unter welchem Vorwand?
  • Nun, die Rose war, wie gesagt, rot. Blieb noch die Frage nach dem Vorwand. „Morgen ist Weltfrauentag“, erläuterte unsere Freundin in einem Tonfall, den sie wohl auch auf einen Joghurt der Geschmacksrichtung Zwiebel-Zitrone angewandt hätte.

    Weltfrauentag?

    Ein raschen Blick ins Zwischennetz klärt auf: Der Weltfrauentag ist jener Feiertag, an dem selbst die vatikanische Zeitung „Osservatore Romano“ sich mit der Emanzipation befasst und eine Hitliste der größten Fortschritte in Sachen Angleichung von Mann und Frau zusammenstellt. Für das letzte Jahrhundert, versteht sich.
    Platz Drei: Die Pille. Respektable Leistung.
    Platz Zwei: Die Liberalisierung der Abtreibung. – Bislang scheint mit die Angleichung der Geschlechter in der vatikanischen Wahrnehmung darin zu bestehen, Frauen die männliche Gebärfähigkeit zu verleihen. Wahrscheinlich ist das für Zölibatsopfer logisch.
    And the winner is – Trommelwirbel – Platz Eins: Die Waschmaschine! Ein wohlverdienter Sieg, denn erst, wenn der Haushalt erledigt ist, wird die kluge Hausfrau zum Geschlechterkampf schreiten.

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    Es gab natürlich auch andere Quellen. In aller Kürze:

    Die Idee stammt aus dem Umfeld der Arbeiterbewegung der ersten Stunde. Clara Zetkin trug die Idee eines internationalen Frauentages auf der Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz am 27. August 1910 vor. 1911 wurde der Tag dann zum ersten Mal gefeiert, aber nicht am Jahrestag des Vorschlages, sondern am 19.März – direkt nach dem Gedenktag für die Gefallenen der Märzrevolution 1848. Die Russen übernahmen später ebenfalls den 8.März, weil anno 1917 just an diesem Tage streikende Arbeiter- und Soldatenfrauen die Februarrevolution ausgelöst hatten (nein, kein Tippfehler, der 8.März im gregorianischen Kalender entspricht dem 23.Februar im julianischen).
    Während des Kalten Krieges wurde aus verständlichen Gründen im Westen eine hübsche Legende zusammengestrickt, die die bösen Roten aus der Entstehung des Frauentags heraushielt. Es ist immer peinlich, wenn man das Geburtsjahr solcher Legenden noch kennt – diese stammt von 1955. Sie erzählt von einem Aufstand von Textilarbeiterinnen im New York am 8. März 1857, der blutig niedergeschlagen wurde. Auch hübsch.

    Nach dem Ersten Weltkrieg nutzte man den Tag, um auf soziale Probleme aufmerksam zu machen, was Hitler wenige später nicht recht passen wollte. Er ersetzte den Frauentag durch den Muttertag und hatte damit – sehen wir den Tatsachen ins Auge – wesentlich weiter reichende Erfolge. Jedenfalls hat mich keine meiner Mütter jemals böse angesehen, wenn ich die Blumen zum Weltfrauentag vergessen hatte.

    Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte der Weltfrauentag zumindest sein Existenzrecht zurück und war, wie alle Verfolgten und Exilanten glücklicherweise automatisch entnazifiziert. 1975 wurde das Mauerblümchen von den Vereinten Nationen entdeckt und 1977 in ihren Festtagskalender eingetragen (verständlich, denn es ist nicht leicht, 365 Feiertage zu finden, um die Fehlzeiten von Abgeordneten zu erklären). Der Tag wird in vielen Ländern gefeiert und in der Volksrepublik China bekommen die Frauen sogar den Nachmittag frei. Zum Wäsche waschen, vermutlich.

    Was es mit der Rose auf sich hat?

    1986 wurde der 75. Geburtstag des Frauentages begangen. „Wir wollen Brot und Rosen!“, forderten die Teilnehmerinnen. Symbolisch natürlich. Und deswegen kriegen sie jetzt auch Rosen, wenn sie Brot gekauft haben. Symbolisch natürlich.

    Quellen:
    http://www.n-tv.de/1116363.html
    http://de.wikipedia.org/wiki/Internationaler_Frauentag
    http://www.bfg-bayern.de/ethik/Realschule/weltfrauentag.htm
    http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Aussenpolitik/Themen/Menschenrechte/090306-Frauentag.html

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    Ein Kommentar

    Eingeordnet unter Zungenschlag

    Eine Antwort zu “Sex!

    1. Ob der Erwerb von Backwaren Voraussetzung für den Erhalt einer rosa socius communis war, bleibt ungewiss. Fest steht, dass auch die Herren der Schöpfung bedacht wurden.

      Weitere Volksvertreter wurden nicht gesichtet.
      Schwarze Rosen könnten an einem sonnigen Samstagmorgen einen falschen Eindruck hinterlassen.

      Kein Grund den Kopf hängen zu lassen: Ostern steht vor der Tür.
      Ich freue mich schon auf einen Abgeordneten im Hasenkostüm (sog. „falscher Hase“), der mir ein Körbchen Frühstückseier überreicht.

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