Ein Kaff seit acht Jahrhunderten

Anno 1174.

Windmühlen mit senkrecht angebrachten Windrädern werden erfunden! Silber- und Kupferbergbau lohnt sich, denn die Geldwirtschaft meldet sich langsam zurück! Friedrich Barbarossa ist Kaiser! Kreuzzüge … Burgen … Ritter!

Mittelalter wie aus dem Reiseführer.

Mittendrin im Mittelalter sowie im Heiligen Römischen Reich liegt der Besitz von Graf Engelbert I. von Berg. Engelbert ist ein erfolgreicher, kaisertreuer Adeliger; so treu, dass er sogar auf Dienstreise mit seinem Lehnsherrn 1189 irgendwo in Serbien stirbt, wodurch die anvisierte Befreiung des Heiligen Landes doch nicht klappt. Aber 1189 ist noch fern, Engelbert erfreut sich bester Gesundheit und vergrößert fleißig seine Besitztümer. Im bergischen Land gibt es einen ganzen Haufen neugegründeter Ortschaften, die in den verworrensten Besitzverhältnissen stehen. Viele Orte gehören dem ein bis zwei Tage westlich liegende Köln und damit der Kirche, die das Erzbistum (noch) fest in der Hand hält. Oder besser in den Händen, denn wirklich organisiert kann man die religiösen Instanzen und Parteien nicht nennen.
Der berühmte Dom existiert übrigens noch nicht, nur einen kleineren Vorläufer. Aber seit Rainald von Dassel 1164 die Reliquien der Heiligen Drei Könige dorthin gebracht hat, nimmt der Pilgerstrom stetig zu.

In Köln gibt es den altehrwürdigen Severinsstift, benannt nach einem langverstorbenen Erzbischof und gelegen in eben dem Stadtviertel, in dem dieser Tage die U-Bahn die größten Teile der Geschichte, die ich hier erzähle, vernichtet hat. Dieser Severinsstift hatte das Zehntrecht an einem dieser kleinen Dörfer da draußen in den wilden Wäldern. Zwar ist es schön, die Steuern (nur 10% – man vergleiche das mit heutigen Steuersätzen!) von so einem Dorf zu bekommen, doch muss man sie auch bekommen.
Das bedeutet: hinreisen, eintreiben und heil zurück nach Köln bringen. Keine leichte Aufgabe, und das nicht nur, weil die Wege schlecht sind. Graf Engelberts Sohn beispielsweise wird, bevor er Erzbischof werden wird, höchstpersönlich die Gegend als Raubritter plagen. Ebenso halten es viele andere Adelige, die auf dem Standpunkt stehen, dass zu einem langen Namen auch ein großer Besitz gehören muss.

Die Mönche des Severinsstifts sind es vermutlich leid, von ihrem Zehnten immer nur Bruchstücke zu sehen und schließen daher mit Graf Engelbert einen Vertrag, in dem sie ihm das Zehntrecht für eines dieser Käffer übertragen, vermutlich im Tausch gegen eine günstiger gelegene Besitzung. Vielleicht wollten sie aber auch einfach nur Geld für eine ordentliche Karnevalsfeier auftreiben.
Ausgerechnet die Urkunde, die diese Übertragung bestätigt, überdauert 800 Jahre in den Archiven. Durch sie haben wir eine Jahreszahl und einen Namen: 1174 und „ruinede rode“. „Runde Rodung“ würde man heute sagen, bzw. „Ründeroth“.

Stimmt. Der Kern des Dorfes, der hier so hübsch von der Agger und der Bahnlinie eingefasst wird, ist tatsächlich auch heute noch ziemlich oval.
Wie alt die Siedlung wirklich ist, weiß niemand. Die Gegend ist uraltes Grenzgebiet, erst zwischen Franken (Dorfnamen auf „-ingen“) und Sachsen (Dorfnamen auf „-inghausen“), dann zwischen Berg und Mark – wie auch heute noch.
Bergisches und märkisches Land sind allerdings ursprünglich nicht so herbe Gegner wie Franken und Sachsen. Vielmehr war das ganze Gebiet urbergisch, bis dann 1160 eine Erbteilung zwischen Engelbert und seinem Bruder Everhard die alte Grenze erneuerte.

Für mittelalterliche Verhältnisse hat Ründeroth eine seltsame Lage, ganz unten im Tal der Agger. Gewöhnlich siedelte man weder im dunklen und nassen Talgrund noch auf den zugigen und trockenen Höhen, sondern auf halber Höhe in Quellmulden auf der Sonnenseite des Hügels. Aber von alters her läuft der Fernhandelsweg zwischen Siegburg und Dortmund, die Zeithstraße, durch dieses Tal. Gerade bei Ründeroth war eine Aggerfurt. Diese für mittelalterliche Verhältnisse gute Infrastruktur nutzte man, um das in der Umgebung abgebaute Eisenerz, Blei, Zink und Silber in die Städte am Rhein zu schaffen. Und darum entstand hier schon so früh ein Kirchort.

Die alte (übrigens evangelische) Kirche ist so oft umgebaut worden, dass außer dem Turm nichts mehr im ursprünglichen Zustand erhalten geblieben ist. Errichtet wurde sie angeblich ab der zweiten Hälfte des 12. Jhds. Wobei zur Datierung wohl nur architektonische Anhaltspunkte herangezogen werden können. Wenn die Datierung aber stimmt, dann ist es nicht unwahrscheinlich, dass Ründeroth bis in die Zeit um 1050 zurückgeht. Der Turm bezeugt sein Alter in jedem Fall durch seine Anlage als Wehrbau. Dicke Wände, Schießscharten und nur ganz oben kleine Glockenfenster. Zum bislang letzten Mal wurde der Turm 1813 als Verteidigungsanlage genutzt. Damals musste sich der von der napoleonischen Besatzungsmacht eingesetzte Bürgermeister (und ehemalige Gastwirt) Zapp dort gegen Aufständische verschanzen, die, weil sie nicht in die französische Armee eintreten wollten, ihm Haus und Büro verwüstet hatten.

Zu dieser Zeit befand sich um die Kirche herum noch der Friedhof, der aber 1833 der Köln-Olper Chaussee (der heutigen B55) weichen musste. Die Straße windet sich über die Aggerbrücke und dann eng um die Kirche, wobei sie so schmal wird, dass man an mehreren Häusern die in den Weg vorspringenden Ecken weggenommen hat. Das war auch gut so, denn im August 2004 kam es auf der nahegelegenen Wiehltalbrücke der A4 zu einem katastrophalen Unfall. Ein Tanklastzug stürzte, nachdem er von einem PKW gerammt worden war, von der Brücke, explodierte und brannte aus. Die Brücke wurde als nicht mehr tragfähig eingestuft und der gesamte Fernverkehr bis zur Reparatur über Monate hinweg durch Ründeroth umgeleitet.
An die vergessenen Toten des alten Friedhofs, über die sich die Fernfahrer dabei fluchend quälten, erinnern heute nur noch einige Grabsteine, die an der Kirchwand befestigt sind.

All diese Toten würden, wenn man sie danach gefragt hätte, ihr Heimatland als die Grafschaft Gimborn bezeichnet haben. Das nahegelegene Gimborn war ein kleiner Rittersitz der Grafen von Berg, den diese 1273 an ihre Vettern von der Mark verpfändeten. Dort kam der Besitz dann 1550 durch Heirat an die von Schwarzenberg, die die Selbstständigkeit ihrer kleinen Herrschaft geschickt wahrten und es 1631 zur Reichsunmittelbarkeit und 1682 sogar zur Erhebung zur Grafschaft brachten. Bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches 1806 blieb Gimborn selbstständig, auch wenn die Schwarzenberger es 1782 verkauften.

Das älteste Haus, das im Ortskern erhalten ist, trägt über der ehemaligen Eingangstür, die jetzt ein winziges Fenster ist, die Inschrift
DEN EINGANG VND DEN AVSGANG
MEIN LAS DIR O GoTT BEFOHLEN SEIN
ANNo 1684

Alle anderen Häuser sind erst nach den Feuersbrünsten von 1621 und 1720 entstanden, aber zumindest teilweise nicht lange danach. Der kleine Ortskern ist so wunderbar verwinkelt, dass seine Gässchen nicht einmal auf modernen Stadtplänen auftauchen.

Ein sehr freundlicher Eingeborener wies uns darauf hin, dass das Gebäude, in dem die Maltester heute firmierten, eine ehemalige Gerberei und „eines der historischsten Gebäude hier“ sei. Eindeutig ein Fall gesteigerter Geschichte.
Ein Fall gesteigerter Rührigkeit dagegen war der evangelische Pastor J.L. Goes. 1783 erbaute er auf einer Anhöhe oberhalb der Ortschaft das Pfarrhaus, einen wuchtigen Brocken, der zugleich als Bauernhaus diente. Der Hof wurde an einen Halten oder Halfmann verpachtet, der, wie der Name schon sagt, dem Pastor die Hälfte seines Ertrages schuldete.

Pastor Goes hatte, so scheint es, eine Schwäche für Architektur. Nicht nur das Pfarrhaus geht auf ihn zurück, auch die Seitenschiffe der Kirche (1775) und die Einrichtung der Lateinschule darf er sich auf sein himmlisches Guthaben schreiben, dass er 1795 im schönen Alter von 65 Jahren einlöste. Die Schule liegt im jenseits des sogenannten Millionenbogens, der 1923 während der Inflation gebaut wurde und daher zumindest auf dem Papier etwas teuerer geriet, als geplant.

Ründeroth war stets ein Bergbauort. Seine Blüte in dieser Hinsicht erlebte es im kohleverrauchten und dampfumnebelten 19. Jhd., als sogar eine eigene Lorenseilbahn zum Bahnhof eingerichtet wurde. Eine Menge Gebäude dieser Zeit, besonders im nach Westen gelegenen „Patrizierviertel“, haben überdauert.

Die bekannteste Dorf-Gestalt dieser Zeit war wohl Landrat Haldy, der sein Amt von 1885 bis 1899 bekleidete. In diesem Jahr hatte er einen tödlichen Kutschunfall. Seine Mitbürger, bei denen er offenbar sehr beliebt gewesen war, machten eine Sammlung und errichteten von dem Geld 1903 einen wunderbar gelegenen Aussichtsturm – wobei der Begriff „wunderbar“ die Fähigkeit voraussetzt, den städtischen Wasserhochbehälter mit seiner Wellblechverkleidung und den Mobilfunkmast auf dem Turm ignorieren zu können. Angsichts der Aussicht ist das aber nicht schwer. Zum Beweis: Das erste Foto dieses Artikels habe ich vom Haldyturm aus aufgenommen.

Vom Turm her fällt ein steiler Hang ab zur Agger. Heute ist das ein Naturschutzgebiet mit einem mittelalten Buchen/Eichenbestand und Tollkirschen, vermutlich, weil sich am Steilhang Holzwirtschaft nicht lohnt. Im 19.Jhd. aber hat man hier Weinanbau versucht, weshalb der Hang immer noch „Weinberg“ heißt. Da ich am eigenen Leibe dafür gestraft worden bin, Traubensaft aus dem nahegelegenen Schnellenbach getrunken zu haben, kann ich mir leicht erklären, woran das Weinexperiment gescheitert ist.
Nicht nur der Weinanbau, auch der Bergbau hat in dieser Gegend sein Ende gefunden. Dieses Erbe dauert dauert nur in den verschiedenen Stahl- und Edelstahlwerken fort, die immer noch die größten Arbeitgeber der Gegend sind.

Es ist wieder ruhig im Tal der Agger, und darum will ich mich von diesem kleinen, uralten Kaff mit einem Blick auf den Fluss verabschieden, auf dem die Enten wie zur Zeit Engelberts I. ihren Lebensunterhalt teils durch Tauchen, teils durch aggressives Betteln verdienen.

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