Mittelalter?

Wer, wie ich, ein Hobby ausübt, in dem das Attribut „mittelalterlich“ eine ständige Plage ist, wird verstehen, warum dieser Artikel entstanden ist. Für die anderen erzähle ich es gerne noch mal:

Angenommen, du solltest einem Unbedarften erklären, vor welchem Hintergrund der Herr der Ringe oder die World of Warcraft spielen – „mittelalterlich“, und alles ist klar.
Angenommen, du besuchst einen Markt, auf dem irgendwie altertümlich sprechende Leute in alberner Kleidung, Fellen oder Lumpen rumlaufen, Met ausgeschenkt und Sackpfeifenmusik gespielt wird – „mittelalterlich“. Keine Frage.
Angenommen, du siehst ein Haus, an dem keine Linie oder Ecke gerade ist oder das gar einen Turm (oder ein Türmchen) hat – „mittelalterlich“.
Angenommen, die bestehende Situation entspricht nicht deinen Wünschen – Frauenhass, Kirchendogmatismus, Unfreiheit, mangelnde Bildung, Faustrecht – „mittelalterlich“.
Und selbst, wenn du dich in der Mittelalter-Szene bewegst, sei es nun in Sachen Musik, Märkte, Reenactment, LARP oder sonstwie, immer wird „mittelalterlich“ eine gute Beschreibung und das Maß der Dinge sein.

Zeit für einen genaueren Blick auf das magische Wort.

Das Mittelalter liegt bekanntermaßen zwischen Antike und Neuzeit. Streiten wir an dieser Stelle nicht darum, wann die Erste endete oder die Letztere begann, genießen wir stattdessen die Gewissheit, dass die Menschen des Mittelalters überwiegend der Ansicht waren, im letzten Zeitalter der Welt zu leben, die am baldigst erwarteten Jüngsten Tag enden würde.
Die Idee eines mittleren Alters kam erst bei den Humanisten des 14. und 15. Jahrhunderts auf. Das ist ein wenig unangenehm, denn die übliche Trennlinie zwischen Mittelalter und Neuzeit liegt um das Jahr 1500, was den Rückblick der Humanisten ins überstandene Mittelalter um ein bis zwei Jahrhunderte verfrüht erscheinen lässt. Macht aber nichts, denn die sprachen sowieso nur in ästhetischer Hinsicht von einem „Mittelalter“. Historisch teilten sie die Welt in das jüdisch-heidnische und das christliche Zeitalter. Oder in die Abfolge der vier Weltreiche, oder der drei französischen Königsdynastien oder so was. Kein Wort von Mittelalter hier.

Mittelalter als historischer Begriff konnte natürlich nur von einem Historiker eingeführt werden. Wir kennen die Täter. Georg Horn aus Leiden brachte 1666 eine Kirchengeschichte heraus (nettes Jahr dafür, nicht wahr?), die er in Altertum, Mittelalter und Neuzeit teilte. Nach der Reformation wirklich das Mindeste, was er tun konnte. 22 Jahre später übertrug Christoph Cellarius diese Dreiteilung auf die gesamte Geschichte und schuf damit den Gegenstand dieses Artikels: Das Problem der genauen Eingrenzung.

Die Grenzen des Mittelalters sind sowohl räumliche, als auch zeitliche. Sie werden seit Cellarius immer wieder neu und immer wieder unterschiedlich bestimmt, je nachdem, was der entsprechende Historiker für das Wesen der mittelalterlichen Kultur hielt. Religionsgeschichtlich z.B. könnte sich das Mittelalter von der Christianisierung des römischen Reiches durch Konstantin I. ab 312 bis zur Reformation durch Luther ab 1517 erstrecken. Politisch ließe es sich durch die Kaiserkrönung Karls des Großen 800 und die Abdankung von Kaiser Franz II. 1806 begrenzen. Räumlich könnte man sich auf die katholischen, Latein sprechenden Reiche Europas beschränken – was aber z.B. die christlich-orthodoxen Reiche (Byzanz!) ausschließt. Und was ist mit Spanien, das mal christlich, mal muslimisch und dann wieder beides gleichzeitig ist?

„Alles blabla“, wird jetzt ein wackerer Zeitgenosse mit gesundem Menschenverstand einwerfen, „solche Streitigkeiten sind überflüssig. Alle christlichen Länder zwischen 500 und 1500, wobei teilchristliche einfach zu christlichen aufgerundet werden, und gut ist´s. Sollen sich die Historiker mal nicht so anstellen.“

Recht hat der gute Mann. Die Historiker haben sich ein Beispiel daran genommen und sich auf ein ungefähres Mittelalter verständigt. Der Schauplatz ist „Alteuropa“, also die Länder, die seit dem 13.Jhd. sich von den übrigen Ländern abzuheben begannen, um den Durchbruch der „modernen Welt“ vorzubereiten. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was genau nun eigentlich die „moderne Welt“ ist, und welche Staaten „Alteuropas“ für sie verantwortlich zu machen sind, aber das sind halt Ermessensspielräume.
Zeitlich stellt sich die Sache schwieriger dar. In religiöser Hinsicht dauert das Mittelalter von 313 (Toleranzedikt) bis 1517, wie schon gesagt wurde. Nach der politischen Ordnung gerechnet, dauerte es vom Hunnenvorstoß 375 (oder vom Ende des weströmischen Kaisertums 476) bis zum Zug Karls VIII. von Frankreich gegen Italien 1494. Geographisch dauerte der Zustand einer geschlossenen, kontinentaleuropäischen Gemeinschaft romanisch-germanischer Völker von 635 oder 650, als die Araber das Mittelmeer zu einer Grenze machten, bis zur Entdeckung Amerikas 1492. Die moderne Geschichtswissenschaft bezieht sich auf den Feudalismus als grundlegendes Element von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, und setzt die Anfangszeit im 8. und das Ende zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert an.

Viel ungenauer kann man kaum noch werden. Viel genauer leider auch nicht, weil die Idee eines „Mittelalters“ wie auch aller anderen Epochen eine Erfindung der Nachwelt ist, die sich auf eine unklare Weise von der vorangegangenen Welt abgetrennt fühlt. Auch eine mehr oder weniger beliebig definierte räumliche und zeitliche Begrenzung hilft kaum weiter, denn derselbe Landstrich der Grafschaft Berg weist z.B. vor 1348 eine ganz andere kulturelle, politische, religiöse und demographische Struktur auf als nach 1350. Da kam nämlich die Pest dazwischen.

Es bleibt also dabei: „Mittelalterlich“ ist eine gute Beschreibung jenes schwammmigen, romantisierten oder fantasyrten Dinges, das so überraschend große Teile unserer gegenwärtigen Alltagskultur prägt. Wer der damit eigentlich gemeinten Epoche ein genaueres Interesse entgegenbringt, wird gezwungen sein, sich einzuschränken, wie es der Autor hier getan hat:

Quellen:
„Lexikon des Mittelalters“, Band VI, dtv, München 2002.
„Der neue Kulturfahrplan“ herausgegeben von Prof. Werner Stein, Herbig, München 2001.

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7 Kommentare

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7 Antworten zu “Mittelalter?

  1. Der Milchmuckel

    Alles Käse! Die klare, deutliche und gesetzliche Eingrenzung von Mittelalter wird nicht nur in der nationalen, sondern auch in der Europäischen Rechtsprechung in zwei Verordnungen festgelegt:
    Die nationale KVO (Käseverordnung), die die einzelnen Käsegruppen unterscheidet und festlegt, und die EU-Lebensmittel-Verordnung, auf die ich nicht näher eingehen möchte.
    Die Unterscheidung zwischen jungem, mittelalten, alten Käsen – genauer gesagt Schnittkäsen – bezieht sich auf den Grad der Naturreifung, und nicht auf den Grad der Reifung durch Schummeleien und Panschereien wie z.B. Reifungs-Enzymen… Wir schlagen ab Seite 323 die Milchbibel auf (Handbuch der Milch- und Molkereitechnik ISBN 3-78620146-3 herausgegeben von der Fa. Tetra Pak Processing GmbH). §Bis 3 Wochen: „Grünkäse“ – daher der Molkerei-Ausdruck: „Der ist ja noch grün hinter den Ohren!“ Jung, unreif. §3-10 Wochen: „mittelalt“, §ab 10 Wochen: „alt, reif“.. Was fällt uns da also zu „Mittelalter“ noch ein? – Gouda! 🙂
    Und nächstes Mal: Wo ist die Frischmilch, das Bourbon-Vanille Sahne-Eis und der klassisch gesäuerte Joghurt (NICHT MILD) geblieben?

  2. fat tuna

    Wo das Bourbon-Vanille-Sahneeis geblieben ist, welches sich VOR dem Besuch eines gewissen Milchliebhabers noch im Freiling’schen Kühlschrank befand, lässt sich nur noch schwer konstruieren (aber ich hätte da ’ne Idee).

    Fest steht jedenfalls, dass dieses Produkt nur noch durch kniffligste Recherche und gnadenloses Niederschlagen von interessierten Konkurrentinnen im örtlichen Rewe-Markt zu ergattern war.

    Warum?
    Weil die meisten Eisfabrikanten sich entschieden haben, Gefriertechniken auf ihr Budget anzuwenden und auf billige Sahne-Ersatzstoffe zurückzugreifen.

    Aber: Hätte besagter Milch-Profi dies nicht lauthals beklagt – Hätten wir’s gemerkt?

  3. Guter Artikel. Da ich über das Mittelalater schreibe, kann ich das Problem sehr gut nachvollziehen.

  4. Athanasius Frost

    Vielen Dank für das Lob! Und einen herzlichen Glückwunsch zum ersten Roman!
    Als Gatte einer Frau, die den Ehrgeiz hat, eine Karriere als Autorin ernsthaft zu verfolgen, weiß ich, wie viel Schweiß und Glück vor einer Veröffentlichung benötigt wird…

  5. Lieber Athanasius, da hast du recht. Ich habe 5 Jahre an dem Ding gewerkelt, dann aber auf Anhieb einen großen Verlag gefunden. Das ist eher ungewöhnlich, wie ich inzwischen gelernt habe. Im Frühjahr kommt mein zweites Buch raus. Auch Mittelalter.
    Früher war ich sehr an der Antike interessiert, aber inzwischen habe ich mich aufs Mittelalter eingeschossen. Das Mittelalter, gar nicht so finster wie gern behauptet, ist für mich die Basis des modernen Europa. Außerdem voller großartiger Geschichten, bei denen es einem einfach in den Fingern juckt, darüber zu schreiben.
    Im Grunde ist es eigentlich falsch, tausend Jahre Geschichte mit einem einzigen Wort zu belegen. Je nach Jahrhundert und Region sind die Epochen doch sehr unterschiedlich. Ich mag besonders das 11. und 12. Jahrhundert.

    LG
    Ulf

  6. Athanasius Frost

    Hallo Ulf,
    es scheint von großer Bedeutung zu sein, dass man mit seinem Werk vom Verlag leicht in ein Genre sortiert werden kann, das „gut geht“. Wer so naiv ist wie meine Maidlyn und etwas veröffentlichen will, das Science Fiction, Fantasy, Zirkusabenteuer und (Anti-)Kriegsgeschichte in sich vereint, ist natürlich eine Marketingkatastrophe und für die Großen uninteressant.
    Mich stört´s nicht, ich schreibe ohnehin nur für mich, den engeren Freundeskreis und gelegentlich für die Leser dieses Blogs.

    Historisch habe ich mich besonders für das späte europäische Mittelalter interessiert – und derzeit mache ich mich über das 19.Jhd. schlau, weil ich eine größere Geschichte in dem Kontext ansiedele.

    Ich teile deine Meinung über das Mittelalter, auch wenn ich es andersherum formulieren würde: Die Neuzeit inklusive der Gegenwart scheint mir nicht weniger finster als das Mittelalter zu sein. Und großartige Geschichten liefert es wirklich zu Hauf.
    In deiner Lieblingsepoche fällt mir sofort die (Vor-)Geschichte der Eroberung Britanniens ein, der Minnesang und natürlich die Kreuzzüge. Ein Freund, wie wir Mitglied eines kleinen, örtlichen Schreiberzirkels, hat mir derzeit ein umfangreiches Manuskript zum „lektorieren“ untergeschoben, das von den Erlebnissen eines Kreuzfahrers in den Jahren ab 1174 unter König Balduin handelt. Ich liebe es, darüber schlauzuschwätzen, weil ich das Glück hatte, sowohl mit der politischen als auch der Literaturgeschichte der Epoche seit der Uni zu tun gehabt zu haben. Und natürlich auch, weil ich einige wenige praktische Erfahrungen im „mittelalterlichen Kriegswesen“ sammeln konnte, die mir in vielerlei Hinsicht die Augen über „Hollywood-Action“ geöffnet haben.

    Was hat dich an den Kreuzzügen gefesselt? – Sag jetzt bitte nicht „die Templer“… ;o)

  7. Für die großen Verlage muss man schon ein klar definiertes Genre präsentieren. Was du vom Roman deiner Frau beschreibst, liegt mächtig dazwischen. Ich kann mir vorstellen, das ist schwierig.

    Was mich betrifft, nein, nicht die Templer waren Auslöser. Ich habe vor Jahren ein Buch über den Ersten Kreuzzug gelesen. Ich fand das ungemein interessant, die Figuren der Anführer, ihre Beweggründe, die Schlachten und leidvollen Ereignisse. Die enormen Verluste und das fürchterliche Gemetzel in den eroberten Städten.

    Jahre später kam der Wunsch zu schreiben. Aber eine Geschichte des Kreuzzugs oder während des Kreuzzugs wollte ich nicht schreiben. Das gibt es schon. Mir schwebte eine Heimkehrergeschichte vor, ein Kerl, der alles mitgemacht hat, ein kriegsmüder Veteran, den der Orient und seine Erlebnisse geprägt haben und der nach 14 Jahren Abwesenheit den Weg nach Hause findet, zusammen mit seiner 11-jährigen Bastardtochter und seinem muslimischen Kriegskamerad. Er will sich auf seiner heimatlichen Burg zur Ruhe setzen, ist aber nicht willkommen. Sein angetrautes Weib ist entsetzt, ihn wiederzusehen. Sie hat ihn für tot gehalten, will einen anderen heiraten. Dann wird er in eine mörderische politische Intrige seiner Lehnsherren verwickelt. Na ja, so geht es munter weiter. Er muss um seine Burg und seine Familie kämpfen. Es ist ein ziemlcihes Abenteuer geworden.

    Mir war es wichtig, die Bedeutung des Kreuzzugs auch auf die in der Heimat Zurückgebliebenen darzustellen, überhaupt die ganze Epoche ins Leben zu rufen. Allein die umfangreiche Recherche hat viel Spaß gemacht.
    Du kannst ja mal auf meinen Blog schauen. Da gibt es mehr dazu.

    LG
    Ulf

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