Das Pandora-Problem

Der Walnussbaum stand in der Blüte seiner Jahre, aber man sah es ihm nicht an. Er war zerschunden, krumm und so in sich verdreht, dass er wie Rodins „Denker“ vor dem Haus hockte; ein bisschen Dante und ein bisschen Luzifer. Krumps Vater hatte ihn anlässlich der Geburt seines Sohnes gepflanzt und ihn sorgfältig gepflegt. Dann aber hatten Krumps Kinder ihn in die Finger bekommen. Schnitzholz und Baumhäuser, Bögen und Kletterseile hatten den Baum nach und nach verkrüppelt, während Krump mit glänzenden Augen seine Kinder spielen sah.
Inzwischen zogen Krumps Kinder eigenen Nachwuchs in fremden Städten groß und seine Augen waren stumpf geworden. Aber noch immer weigerte er sich entschlossen, dem Drängen der Nachbarschaft nachzugeben und das hässlich Ding endlich umzuhauen.

„Der alte Krump hat Sorgen. Du solltest ihn mal besuchen“, bemerkte Maidlyn. „Ich habe“, erwiderte ich, „eigene Sorgen genug und Arbeit bis über den Hals. Warum sollte ich für noch mehr davon zu den Krumps gehen?“
„Weil du genau weißt, dass du schließlich doch gehen wirst und deine knappe Zeit nicht auf nutzlose Streitereien verschwenden willst.“ Sie ist klug und sympathisch, meine Maidlyn, aber selten beides zugleich.

„Ach, Athanasius!“ begrüßte mich wenig später Frau Krump und bat mich herein. Mit mir schien sich eine gewisse Erleichterung ins Haus geschlichen zu haben, und ich erwartete mir davon nichts Gutes. Nachdem das Herbstwetter hinreichend beklagt worden war, machte ich meinen Zug: „Wie geht es denn ihrem Mann?“
„So leidlich gut, aber… sehen Sie, Athanasius, er hat Sorgen, und darum sitzt er den ganzen Tag an seinem Schreibtisch. Vielleicht… wenn Sie mit ihm reden wollen?“
Das Arbeitszimmer im ersten Stock wurde durch die Krone des invaliden Baumes verdüstert. Am Schreibtisch saß Krump, selber eine brauchbare, wenn auch alte und hagere Kopie des Denkers, und fixierte eine Walnuss, die vor ihm auf der Tischplatte lag.
„Fällt Ihnen was auf?“ fragte er anstatt einer Begrüßung.
Es war eine Nuss, deren Schale fünf Nähte statt der üblichen zwei aufwies.
„Eine ungewöhnliche Nuss. Was wollen sie mit ihr machen?“
„Das hängt davon ab, was drin ist.“
„Ein ganz kleiner und schmackhafter Walnussbaum, denke ich.“
„Möglich, ja. Aber sind Sie sicher?“
„Ich habe eine gewisse Erfahrung mit der Fortpflanzung im Allgemeinen und Nüssen im Besonderen“, erklärte ich so würdevoll wie möglich.
„Aber Sie haben noch nie so eine Nuss gesehen, nicht wahr?“
„Richtig.“
„Woher wissen Sie dann, ob es eine Nuss ist?“
Frau Krump, die nach vier Jahrzehnten Ehe plötzlich auf eine unüberbrückbare Distanz zwischen ihrem Leben und dem Denken ihres Mannes gestoßen war, zog sich stumm und gedemütigt zurück. Ich versuchte es mit Plattitüden: „Man kann nicht wissen, was sich wirklich darin verbirgt, bis man ein Risiko eingegangen ist. Wenn Sie die Nuss keimen lassen, riskieren Sie, einen schlechten Nussbaum auf die Welt loszulassen. Wenn Sie die Nuss öffnen oder zerstören – das ist ja letztlich dasselbe – riskieren Sie, einen besonders guten Nussbaum zu verlieren.“
Krump nickte. „Was kann ich also Ihrer Meinung nach tun?“
„Ist das nicht egal? Es ist doch nur eine Nuss.“ Diese Bemerkung, die seine Frau ohne Zweifel auch schon gemacht hatte, wischte er mit einer heftigen Handbewegung beiseite: „Wenn Klara Hitler an einem bestimmten Abend Kopfschmerzen gehabt hätte, hätte es vielleicht nie einen Zweiten Weltkrieg gegeben. Alles hängt von den Kleinigkeiten ab!
Hier habe ich diese komische Nuss. Jetzt muss ich eine Entscheidung treffen und die Verantwortung dafür tragen. Glaube ich an das verborgene Gute oder das verborgene Böse? Und wenn ich keine Entscheidung treffen will, wie kann ich es vermeiden? Etwa dadurch, dass jemand anderes die Sache entscheidet, oder dass durch mein Zögern eines der Ergebnisse von selbst eintritt?“
.„Würde es überhaupt einen Unterschied machen, wenn Sie wüssten, was in der Nuss ist?“, wandte ich ein. „Woher wollen Sie denn wissen, ob Sie die bessere Entscheidung getroffen haben? Sie kennen die Konsequenzen der anderen doch gar nicht.“
„Das sind heuchlerische Ausflüchte. Ich muss hier möglicherweise entscheiden, ob meine Frau lebt oder stirbt. Ob meine Kinder glücklich sein können. Da gibt es Maßstäbe; zwar persönliche, aber trotzdem bindende.“
Was sollte ich da tun? Er war von dieser Nuss der Pandora offenbar besessen. Ich versuchte es noch einmal mit einer Beschwichtigung:
„Meinen Sie nicht, dass Sie die Angelegenheit etwas zu schwer nehmen?“
„Zu schwer?! Ich würde den Baum da draußen ohne Zögern umhauen, wenn er mich so sehr bedrohte wie diese Nuss!“
In diesem Augenblick klopfte der Baum so heftig an die Scheibe, als hätte er uns gehört. Das war natürlich Unsinn, immerhin war es Herbst und ein Sturm hatte schon den ganzen Tag auf seinen Moment gewartet. Aber man erschreckt sich trotzdem ganz ekelhaft bei so etwas.
Danach war bei Krump nichts mehr zu machen. Ich überließ ihn unverrichteter Dinge seiner letzten, stürmischen Nacht.

Lange nach der Geisterstunde, gegen drei Uhr morgens, wenn der menschliche Metabolismus den Tiefpunkt des Tages erreicht, traf eine besonders heftige Sturmböe auf den Walnussbaum. Ein starker, innerlich verfaulter Ast des Walnussbaums brach und zerschlug das Fenster von Krumps Arbeitszimmer. Krump saß immer noch am Schreibtisch, alt, übernächtigt, wie besessen konzentriert auf ein unlösbares Problem. Sein Herz blieb vor Schreck stehen. Sehr einfach und gewöhnlich und ganz ohne Teufel und Dämonen.
Ich muss zugeben, dass die fünfgeteilte Nuss verschwunden blieb. Allerdings waren in dieser Nacht und den folgenden Tagen sehr viele Menschen in Krumps Arbeitszimmer und Frau Krump suchte nicht nach ihr.
Übrigens überlebte sie ihren Gatten nicht lange. Man fand sie im Frühjahr auf seinem Grab liegend, noch die Gartenkralle in der Hand, mit der sie dort Unkraut gejätet hatte. Der einzige Schössling, den sie nicht mehr hatte ausjäten können, überstand – wohl eher zufällig – auch ihre Grablegung an die Seite ihres Mannes. Inzwischen ist er ein hübsches, kleines Bäumchen geworden, wenn auch seine Wurzeln einen etwas makaberen Geschmack an den Tag legen. Und ja, es ist ein Walnussbaum. Na und? Was bedeutet das schon?

Die Erben verkauften das Haus der Krumps, und dessen neue Besitzer hatten nichts Eiligeres zu tun, als den hässlichen alten Walnussbaum in Brennholz zu verwandeln. Das einzig Bemerkenswerte, was dabei geschah, war, dass eine Menge Kupfernägel, die in den faulen Stamm geschlagen waren, die Säge stumpf werden ließen. Machen Sie daraus, was Sie wollen – ich für meinen Teil halte unsere Nachbarschaft für respektabel.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Das Pandora-Problem

  1. northbohemian

    Brillant!

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