Macht haben bedeutet, alle vier Jahre mit einem Kugelschreiber hinter einem Sichtschirm zu verschwinden.

Dieses Jahr sind wir wieder mächtig!

Am 27. September dürfen wir den Bundestag wählen; leider nicht am 11., obwohl ich die Symbolik zu schätzen gewusst hätte. Alle Staatsgewalt geht dann wieder einmal vom Volke aus, wie es so schön im 20. Artikel unseres Grundgesetzes heißt. Wohin sie von dort aus geht, verrät es allerdings nicht. Mal schauen, ob sich das nicht rausfinden lässt.

Nach Schätzung des Bundeswahlleiters hat die BRD in diesem Jahr 64,3 Millionen Wahlberechtigte. Von den ca. 82,2 Millionen Deutschen sind also 17,9 Millionen nicht im Besitz von Staatsgewalt. Es handelt sich dabei um eine willkürlich ausgewählte Gruppe von Kriminellen, anerkannten Wahnsinnigen und – selbstverständlich – Jugendlichen.
Deren Meinung ist offenbar nicht Teil der Volksmeinung, weil sie nicht kontrollierbar und/oder antidemokratisch ist – und daher unqualifiziert.

Seltsam. Die Herrschaft der Qualifizierten, also „der Besten“, nennt man gar nicht Demokratie. Willkommen in der parlamentarischen Aristokratie!
Das Schöne daran ist, dass wir wahlberechtigten Besseren unsere politische Macht steigern, indem wir sie den Schlechteren 21,7% wegnehmen. Wow, bei der Bundestagswahl bedeutet das einen persönlichen Machtgewinn von 0,0000012% der Staatsgewalt auf 0,0000016% für mich! Fette 0,0000004%! Wenn jetzt auch noch jeder Dritte von euch den Urnen fernbleibt, vereinige ich sogar 0,0000024% der Staatsgewalt auf mich!

Wer jetzt tatsächlich meint, soviel Macht zu haben, hat die Subtilität unserer Republik gründlich missverstanden. Eine direkte politische Entscheidung treffen wir als Volk ohnehin nicht, das ist klar. Aber wir haben auch nur einen sehr indirekten Einfluss auf unser Parlament, dessen Mitglieder (Bundestag und Bundesrat ohne Berücksichtigung von Überhangmandaten) wir zu lediglich 47% direkt wählen. Das bedeutet, dass die Kandidaten, für die wir uns wirklich entschieden haben und die nicht irgendeiner Parteiliste entsprungen sind, nicht einmal dann eine Mehrheit im Parlament hätten, wenn sie alle am selben Strang zögen. Was sie nicht tun.
Aber damit nicht genug: Diese (nicht vom Volk direkt bestimmten) Volksvertreter machen nun unter sich eine Regierung aus, die vier Jahre lang tun und lassen kann, was sie will. Wenn sie es einigermaßen geschickt anstellt.

Man könnte einwenden, dass wenigstens innerhalb der Regierungsorgane und des Parlaments demokratisch per Stimmenmehrheit entschieden wird, vorausgesetzt, man hat sich noch nie mit Parteipolitik, Ausschüssen und Lobbyarbeit befasst.
Selbst wenn also ein Regierungsmitglied (und sei es der Bundeskanzler) die Fähigkeit und den Willen hätte, im Sinne des Volkes (und nicht etwa so wie das Volk) zu entscheiden, müsste ein abstimmungsmäßiges Wunder geschehen, die entsprechende Entscheidung auch Wirklichkeit werden zu lassen.
Diese systematisch angelegte Handlungsunfähigkeit des Einzelnen ist nicht nur ein Prinzip der Demokratie, sondern auch ein Erbe des Dritten Reiches, das uns die Gefahren des mächtigen Einzelmenschen grausam demonstriert hat.

Warum ich trotzdem kein Demokrat bin?
Die Welt sieht nicht so aus, als wäre die Mehrheit der Menschen vorausschauend, weise und selbstlos, oder? Also ist es die Mehrheit demokratischer Entscheidungen auch nicht.
Das ist nicht schlimm, denn darin unterscheidet sich die Demokratie nicht von all den anderen möglichen Regierungsformen.
Schlimm ist, dass in einer Demokratie der einzelne Mensch nicht zählt. Wir haben die Chance, einen fähigen Menschen mächtig zu machen, zusammen mit dem Despotismus vermieden. Es ist schon merkwürdig, wie wir, gerade um einem zweiten Hitler zu entgehen, unser Vertrauen in die Masse setzen, aus der er seine Macht gezogen hat.

Ich hoffe auf die Menschlichkeit des Individuums, nicht auf die der Masse. Das gibt mir nur zwei politische Optionen; Anarchie oder Monarchie.

Und Anarchie ist was für Optimisten.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Zungenschlag

Eine Antwort zu “Macht haben bedeutet, alle vier Jahre mit einem Kugelschreiber hinter einem Sichtschirm zu verschwinden.

  1. Friedrich Wilhelm Konstantin Hermann Thassilo Fürst von Hohenzollern-Hechingen

    Genau! Und wir, wir Fürsten, die wir ewig und andauernd unseren Erstwohnsitz alle 4 Jahre pünktlich vor der Wahl ändern, weil unsere Burg total verwohnt, der Brunnen versauert, die Latrine verdreckt und die Mägde verbraucht sind, wir Fürsten dürfen nicht wählen gehen, weil wir mindestens 3 Monate in diesem Flickenteppich von Deutschland gemeldet sein müssen…. sind wir dann aber nicht. Und deshalb Kaufe ich mir ein Stück Autobahn, Stadt-Tunnel und etwas Parkhaus um dann Wegezölle, Standgebühren und all das einzutreiben, was wir früher schon gemacht haben. Ein Hoch auf das Mittelalter, und damit wären wir wieder zurück beim Thema: Gouda! 🙂

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