36 Stunden Harz – Der Reise erster Teil

Brevity is the soul of wit…
Hamlet, Act II Scene II

… and therefore difficult to achieve.
A.C. Frost, trying

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Quedlinburg?
Städtchen im Nordharz, heute Sachsen-Anhalt, Grablege von König Heinrich dem Vogler, Nazi-Heiligtum und UNESCO Weltkulturerbe. Autokennzeichen ehemals QLB, jetzt zu HZ degradiert. Lebt vom Tourismus, der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und dem Solidaritätszuschlag.

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Ein bisschen mehr ist es aber schon, wenn man genauer hinschaut. Man kann dann zum Beispiel ein 80 ha großes Reservat der Vergangenheit entdecken, erhalten durch Zufall und mit unglaublicher Liebe und Mühe wieder instand gesetzt. Über 1300 Fachwerkhäuser drängen sich dort zusammen, weil die Herren des real existierenden Sozialismus kein Geld hatten, um wie geplant den Ortskern abzureißen und als großen Platz mit modernen Plattenbauten neu zu errichten.

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Die meisten Häuser stammen daher noch aus der Zeit um den Dreißigjährigen Krieg, ein knappes Dutzend geht sogar auf den Beginn des 14. Jhd. zurück. Es ist wohl der günstigen Lage Quedlinburgs im Regenschatten des Harzes zu verdanken, dass es nach mehr als vier Jahrzehnten der Verwahrlosung überhaupt noch so viel zu restaurieren gab. Wenn man die kopfsteingepflasterten Gassen durchstreift, wechseln buntbemalte Häuser mit solchen in jedem Stadium der Restauration und des Verfalls. Jedes Stück Holz ist mit Schnitzereien verziert; manche konventionell, andere ausgesprochen seltsam. Blumen, Kehlungen, Rosetten und geometrische Muster aller Art verbinden sich mit Drudenfüßen, Davidssternen, Heptagrammen, Runen, Sonnensymbolen – und sogar eine 400 Jahre alte Swastika war zu entdecken. Oder nehmen wir Hans Bethge, der seine gesammelte Lebensweisheit nicht auf einer Fassade unterbringen konnte und deshalb anbauen musste:

HIER BAWEN WIR BESTE VND SEINDT DOCH FREMDE GESTE VNDT WOWIR SOLLEN EWIG SEIN DABAWEN WIR GAR WENIG DREIN HANS BETHGE ANNO 1630 DEN 14 IV NY WER WIL BAWEN ANDER STRASE DER MVS DIE LEVTE REDEN LASEN DER EIN ESLOBET DER ANDER ES SCHIET DOCH HAT MIRS GEKOsTE T DAS MEISTE GELT

Soweit das Haupthaus, nun der Anbau:

SVCHE GOTTES REICH VOR ALLEN DINGEN SO WIRD DIER ALLES WOHL GELINGEN SVCHEST DV EINANDERN ANFANG SO GEH ET DEIN THVN DEN KREBSGANG HANS BETHGEN ANNO 1653 MW VLF GÖTZE

Hans´ Rechtschreibung hat sich mit der Zeit durchaus verbessert, aber sein Humor scheint den Dreißigjährigen Krieg nicht überstanden zu haben. Oder die Pestepidemie von 1636/37.

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Der Weg von der Hölle hinauf in den Himmel ist bekanntermaßen steil, steinig und weniger verkehrsreich als die Gegenrichtung. Man darf das in Quedlinburg wörtlich nehmen, denn hier, so will es die Legende, gab es einen Geheimgang vom Schlossberg, auf dem das Damenstift seinen Sitz hatte, hinab zur Gastwirtschaft Höllenhof. Da wir uns wohl alle vorstellen können, was im Höllenhof getrieben wurde, will ich lieber ein paar Zeilen über das Damenstift verlieren.

Was spricht der Reiseführer?
König Heinrich I., Vogeljäger, Burgenbauer, Vereiniger des ostfränkischen Reiches und damit gewissermaßen Gründervater des Heiligen Römischen Reiches, wollte in der Quedlinburger Pfalz begraben werden. Im Jahr 936 traf ihn mitten auf der Falkenjagd der Schlag – ein nach mittelalterlichem Verständnis sehr unschöner Tod, weil man keine Gelegenheit hatte, seinen Sünden rechtzeitig zu bereuen.

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Heinrichs Witwe Mathilde ließ den ehrwürdigen Kadaver ins zwei Tage entfernte Quedlinburg bringen und dort begraben. Mehr noch, sie gründete an Ort und Stelle augenblicklich ein Frauenkloster, dessen offizielle Hauptaufgabe darin bestand, durch Fürbitte und Erinnerung die Aktien ihres Gatten im Jenseits zu verbessern. Heinrichs Sohn Otto I. machte die Sache mit Urkunde und Reichsunmittelbarkeit amtlich und besuchte die Pfalz fortan vor allem zum österlichen Auferstehungsfest. Vielleicht hoffte er seinen Vater vor dessen endgültiger Himmelfahrt noch einmal zu sprechen.

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Das Frauenstift wurde dem heiligen Servatius geweiht (zuständig für Fußleiden, Frostschäden, Rheumatismus und Rattenplagen) und bestand achteinhalb Jahrhunderte. 1802 wurde es aufgelöst und sein Besitz dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. zugeschlagen, um ihn für linksrheinische Besitzungen zu entschädigen, die er während der Revolutionskriege an Frankreich verloren hatte.

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Von dieser Überfülle an Geschichte ist wenig genug übrig geblieben. Da wäre der berühmte Domschatz, der 1945 teilweise von Lt. Meador nach Texas entführt wurde und von seinen Erben nach langem Streit und endlichem Vergleich in den 1990´ern zurückgegeben wurde. Die Stücke werden in den beiden, von den Seitenschiffen abgetrennten Schatzkammern im klamm-zugigen Dom ausgestellt. Pergament, Gold, Edelsteine, Elfenbein, Bergkristall und ein Straußenei glänzen dem Schatzsucher entgegen, aber wer jetzt von einem Nibelungenhort im „Pirates of the Carribean“-Maßstab träumt, irrt. Es sind gerade mal ein gutes Dutzend Exponate. Der moderne, mit Quantität vermengte Qualitätsbegriff des Besuchers sucht einen Augenblick nach dem Rest des Schatzes, bevor das Mittelalter zuschlägt und den Betrachter daran erinnert, dass wirkliche Qualität in Einzigartigkeit besteht. In dieser Hinsicht brauchen die unglaublich kunstvoll verfertigten Teile des Domschatzes keine Konkurrenz zu fürchten.

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Viel sympathischer als der prunkvollen Goldschatz kommen allerdings die Reste eines 40 Quadratmeter großen, knatschbunten, dickflauschigen Teppichs daher. Er zeigt Motive aus der Hochzeit zwischen Merkur und der Philologie und lag als Weihegabe für Servatius (wir erinnern uns: zuständig für Fußleiden und Rheumatismus) ursprünglich im Hochchor.

Der Eindruck, den der im romanisch – nationalsozialistischen Stil gestaltete Kirchenraum hinterlässt, ist unheimlich. Nicht zuletzt deshalb, weil man ihn durch ein gemütliches, geheiztes Tourismusbüro gewissermaßen nichtsahnend betritt. Kalt und klamm wehen einem zehn Jahrhunderte entgegen, als wäre die ganze Kirche eine Krypta.

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Der Raum ist von überschaubarer Größe, gänzlich steingrau und ohne alle bunten Malereien, die ihn ursprünglich geschmückt haben. Die einzigen Farbtupfer liegen in weiter Ferne: Die braune Holzkassettendecke, der Hochaltar und die kleinen, weit oben liegenden Glasfenster aus dem 19.Jhd. Die beiden geraden, schmucklosen Treppen, die rechts und links zu der breiten, balkonartigen Kanzel in den Chor hinaufführen, umrahmen auch die Eisengittertür zur Krypta, in der Heinrichs Gebeine schon lange nicht mehr liegen. Der ganze Ort strahlt kalte Erhabenheit und Macht aus, und wenn man auf der Kanzel steht und ins Schiff hinab und auf die Kaiserloge gegenüber blickt, hat man auch als schüchterner Mensch das Gefühl, von hier aus jede Gemeinde andonnern zu können. Diese seltsame Wirkung der Nazi-Architektur verbindet sich mit den lombardischen Ornamenten in den Säulenkapitellen, die unvertraut und ganz und gar fremdartig wirken.

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Ein magischer Ort, ohne Zweifel – aber was haben die Nazis damit zu tun?
Ins Dritte Reich fiel die 1000-Jahresfeier der Stiftskirche, und da König Heinrich als Reichsgründer des ersten Reichs galt, wurde kräftig gefeiert. Man baute die Kirche um, damit der ursprüngliche romanische Eindruck wiederhergestellt würde und fand zufällig die verlorenen Gebeine des Königs wieder. Gut, nach dem Krieg stellten sich die heiligen Reliquien als ein Schädel und ein Haufen Bretter heraus, aber der SS gefiel´s. Vor allem ihrem Reichsführer Heinrich Himmler, dem es schmeichelte, wenn man ihn als Reinkarnation von König Heinrich betrachtete. Ihm und seinem Chef wurde auch die Quedlinburger Ehrenbürgerwürde verliehen; die Leihgabe wurde aber 1945 rasch wieder zurückgenommen, da man erkannte, dass man das Wohlwollen der neuen Machthaber besser durch schlecht bewachte Schätze als durch unpopuläre Ehrenbürger gewinnen konnte.

Zuletzt ein Hinweis an all jene, die gerne in ferner Zukunft mit ihren Enkelkindern durch die Stadt streifen wollen, in der die gefürchtete deutsche Komödie „7 Zwerge – der Wald ist nicht genug“ gedreht wurde: Beeilt euch.
Der Schlossberg ist ein großer Klumpen bröseligen Sandsteins, der weit über das Maß des Erträglichen bebaut worden ist. Überall reißen er und die Gebäude auf ihm auseinander und es fehlt an Geld, weitere Schäden zu verhindern oder zu reparieren. Natürlich könntet ihr euch für die Enkelproduktion noch ein bisschen Zeit erkaufen, indem ihr eine möglichst große Kleinigkeit auf folgendes Konto überweist und später von der Steuer absetzt:

Spendenkonto der Deutschen Stiftung Denkmalschutz:
Commerzbank Bonn, BLZ 380 400 07, Kto.-Nr. 30555 55,
Stichwort „340292 Quedlinburg Schlossberg“.

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Quedlinburg im Zwischennetz:

– Homepage der Stadt
– ein außergewöhnlich guter Artikel in der Wikipedia
– Wartenverein Quedlinburg e.V.
– und noch mehr Bilder

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Deutschlandreise

4 Antworten zu “36 Stunden Harz – Der Reise erster Teil

  1. das nächste Mal nimmst du mich bitte mit, wenn du auf Zeitreise gehst…

  2. Athanasius Frost

    Gerne… wenn wir noch Platz in der Zeitmaschine haben! Die nächsten Reiseprojekte werden uns voraussichtlich nach Ostfriesland, an die Lahn und ins Elbsandsteingebirge führen. In welcher Epoche wir jeweils landen, ist allerdings noch völlig unklar.

  3. Der Reiseführer

    Staune gerade über die ausgezeichneten Recherchen, die mich überrumpeln: Hey, hab ich das alles verpasst? War doch dabei, da muß ich nochmal hin, noch aufmerksamer sein… Und dann die ganzen Fremdwörter: „Swastika“ Hilfe! Ohne wikipedia bin ich jawohl aufgeschmissen, wie dumm bin ich eigentlich? Und ich hab gedacht, ich würd schon viel kennen – ich kenn gar nix! Schade.
    Naja, da das Glück ja bekanntlich mit den dummen Bauern ist… – Habt Ihr mal den Quedlinburger Kaffee probiert? Wie? Der ist schon weg? So war das aber nicht ge… 🙂
    Lieben Gruß und bis 18.-19. oder 25.-26.April??

  4. Athanasius Frost

    Du kennst das Leben, wir kennen die Bücher. ;o)

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