36 Stunden Harz – Der Reise dritter Teil

Bodetal und Regenstein

Bodo war ein Riese und böhmischer Prinz, will sagen: in jedem Sinne unmäßig. Ausgenommen vielleicht in Hinsicht auf Klugheit oder Bescheidenheit. So was lag ihm nicht. Heute würden wir ihn in bei einem Fußball-Länderspiel oder in der Jury einer Casting-Show erwarten, aber zu seiner Zeit gab es so was noch nicht. Bodo lebte nämlich irgendwann vor dem siebten Jahrhundert, als Zauberei und Prinzessinnen noch inflationär waren.

Brunhilde war eine von ihnen. Sie entsprach exakt der Industrie-Norm für Prinzessinnen; Barbie-Figur, Krönchen und weißes Ross inklusive. Natürlich war sie allein im Wald, als Bodo sie sah und ein mächtiges Drängen in Stammhirn und Hose verspürte. Ganz klar, er wollte sie heiraten. Sie ihn aber nicht.

Die sich anschließende, romantische Verfolgungsjagd führte auf dem Hochplateau bis an den Rand eines sowohl extrem steilen als auch extrem tiefen Flusstals. Vor die Wahl zwischen Bodo im Ehebett und dem beinahe sicheren Tod gestellt, entschied sich Brunhilde (ohne an das Pferd zu denken) für den Sprung zur anderen Seite. Machen wir´s kurz: Sie kam fast unversehrt hinüber, nur das Krönchen fiel in den Abgrund. Bodo hatte weniger Glück und folgte dem Krönchen anstatt der Prinzessin. Beim Aufprall brach er sich nicht sämtliche Knochen, sondern verwandelte sich, wie es oft geschieht, in einen zottigen Hund. In dieser Gestalt bewacht er am Grunde des Flusses Brunhildens Krone bis zum heutigen Tag.

Nun ist es ja leicht einzusehen, dass jemand, der einen 200m-Sturz bis auf einen Gestaltwechsel unbeschadet wegsteckt, auch unter Wasser bis in alle Ewigkeit leben kann, aber ich frage mich doch eines: Vor wem schützt er die Krone da unten? Vor diebischen Forellen?

Die Wahrheit der gerade erzählten Geschichte bezeugen übrigen drei unwiderlegliche Fakten. Zum ersten hat sich einer der Hufe von Brunhildes abspringendem Pferd im Felsen abgedrückt. Etwas unscharf, gewiss, aber sie hatte es ja auch eilig. Die Größe des Abdrucks erklärt übrigens ganz harmonisch die Weite des Sprunges, die einzelne unverbesserliche Skeptiker angezweifelt haben.

Der zweite Umstand ist, dass die Bode sich im Gedenken an Bodo, der sich beim Aufprall vermutlich die Lippe aufgeschlagen hat, einmal im Jahr blutig rot färbt. Heutzutage tut sie das allerdings aus Mangel an Riesenblut mit Hilfe von Algen.

Der dritte schlagende Fakt ist schließlich die Taufe des bis dato namenlosen, 170km langen, schiffbaren Flusses, der allgemein als „der namenlose, 170km lange, schiffbare Fluss“ bekannt war, auf den Namen „Bode“. Nach dem Prinzen Riesen Hund Bodo. Das e ist ein simpler Schreibfehler. Das ist allemal wahrscheinlicher, als den Namen von ahd. bodam abzuleiten und mit Bodden in Verbindung zu bringen, was den Grund eines flachen Gewässers bezeichnet.

Die Bode entwässert den Hochharz (inkl. Brocken) und mündet bei Nienburg in die Saale. Da der Brocken eine sehr schneereiche Region ist, war die Geschichte des Flusses von katastrophalen Hochwässern gezeichnet, bis mit Hilfe von Talsperren im 20.Jhd. eine Regulierung ermöglicht wurde. Auf ihrem Weg den Harz hinab muss die Bode über viele kleine Wasserfälle durch das enge Bodetal zwischen Treseburg und Thale. Mitten in diesem 10km langen Abschnitt hat sich die Geschichte von Bodo und Brunhilde zugetragen. Heute ist das Bodetal ein touristisch gut erschlossenes Naturschutzgebiet, das aus irgendeinem Grund eng mit der nordischen Mythologie verbunden wird. Wer an einem menschenarmen Tag mit offenen Sinnen durch das Tal wandert, findet vielleicht heraus, warum.

Das Expeditionskorps unter der Führung von Generaloberbergelch Max „der mit dem Golf tanzt“ Milchkrähe, dem anzugehören ich das Vergnügen hatte, hat in dieser Hinsicht festgestellt, dass es sich auch im frühen April dort hervorragend schlafen und träumen lässt.

Die Bode im Netz:
– in der Wikipedia
– beim blauen Band

.

Von Thale nach Blankenburg ist es nicht weit und von dort zur Ruine Regenstein auch nicht. Das Geschlecht derer von Regenstein ist urkundlich zuerst durch den Grafen Konrad 1162 nachgewiesen, den Sohn des berüchtigten Poppo I. „Zieh blank, du Arsch!“ von Blankenberg.

Die Burg ist bemerkenswerterweise zu großen Teilen nicht gemauert, sondern in den Fels gehauen worden, was die Ruine ein Star-Wars-Gefühl vermitteln lässt. Apropos Ruine: Nachdem die Burg lange Zeit Hauptsitz der Regensteiner Grafen war, wurde sie im 15.Jhd. aufgegeben und zerfiel bis 1670, als Kurbrandenburg seine Finger nach ihr ausstreckte und sie zur Festung ausbaute. Einer teuflisch großen, übrigens. Lange hat sie trotzdem nicht gehalten; im zweiten Jahr des siebenjährigen Krieges, 1758, eroberten die Preußen sie von den Franzosen zurück und zerstörten sie.
Allerdings nicht ganz, wie wir feststellen mussten. Weil in der Ruine u.a. eine Ausstellung und eine Falknerei untergebracht sind, wird sie zwischen 18 und 10 Uhr geschlossen. Wir wissen nun, wie es sich anfühlt, kurz nach Torschluss an ein Stadt- oder Burgtor zu klopfen und beeilten uns, eine andere sichere Übernachtungsmöglichkeit zu finden.

Regenstein
– blankenburgisch
– touristisch
– enzyklopädisch

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5 Kommentare

Eingeordnet unter Deutschlandreise

5 Antworten zu “36 Stunden Harz – Der Reise dritter Teil

  1. Korvettenkapitän Major Max Milchkrähe, bitte!

    🙂 Super, klasse Story, informative Verlinkung, da hat sich jemand RICHTIG Mühe gegeben, das ist toll!! Coole Bilder: Habt Ihr meine Plauze extra rausquillen lassen für den Schnappschuss? 🙂 Aber warum heißt das Restaurant im Bodetal „Hirschgrund“ und nicht „Bodo’s Baude“? Und der „Waldkater“ nicht „Promenadenhund“ – Weil es besser klingt?! Aber der Abdruck der Rosstrappe ist trotzdem ein Frühgeschichtlicher Opferplatz mit Blut-Auffang-Rinne, zugegeben, ja, in Hufeisen-Form! Also: Auf zur nächsten „EXxpedition unexpected“ und immer aufpassen, wenns nur nen Steinwurf entfernt liegt, denn: Vorsicht Steinschlag! 🙂 Euer endlich-ne-webcam-habender-skype-Maxe.

  2. maidlyn

    … Photoshop macht’s möglich, Herr Plauzenelch! Der Harz ist schließlich groß genug für Querformate. 😛 Da muss sich unser Dokumentator ganz schön beeilen, wenn er bis zur nächsten „Xpedition“ hinterherkommen will.

  3. Max

    Kannst Du den Eintrag von „maidlyn“ löschen? der ist gemein und „Plauzenelch“ diskrimminiert mich 😦 *heul* wozu hab ich denn die 10-er Karte fürs Schwimmbad und hab mein Fahrrad geölt und 100-er Packung Wachspflaster: Na, zum gut aussehen!

  4. Athanasius Frost

    Mein Vorschlag wäre „Ranzenelch“ gewesen – freu dich also einfach über Maidlyns Zurückhaltung! Im übrigen können wir uns die Hosen seit Ostern auch nicht mehr anziehen und leiden mit dir…

  5. Athanasius Frost

    Noch ein Zitat zur Rosstrappe:

    Der Abdruck des „hurtigen Rosses“, auf dem des Harzkönigs Tochter vor dem Riesen Bodo geflohen sein soll, ist tief in den Felsen eingegraben. Da die Delle künstlich eingemeißelt ist, wird der Stein als alter Opferstein angesehen, die Sage als Tradierung einer ursprünglich kultischen Stätte und die Wallanlage der Rosstrappe als vorgeschichtliches Heiligtum gedeutet.
    Gisela Graichen: Das Kultplatzbuch, Hoffmann und Campe, Hamburg 1990

    Das ist jetzt ein bisschen schwierig mit der Geschichte von Bodo und Brunhilde zu vereinbaren. Aber möglicherweise ist Brunhildens Ross beim Absprung zufällig in die Opfersenke getreten und hat dadurch die Götter des Ortes aus einem gemütlichen Nickerchen aufgeschreckt. Da sie aber schon drüben auf der anderen Seite war, konnten die ärgerlichen Götter nur den gerade respektlos herantrampelnden Bodo erwischen und bestrafen. Tragisch.

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