36 Stunden Harz – Der Reise letzter Teil

Aus dem Expeditionstagebuch, Einträge vom 5. April 2009

Runter vom Brocken und rauf auf´s Schloss!

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Vormittags.
Die Bahn hat einen Haufen Touristen auf den Gipfel des Brockens erbrochen. Alle streben durch mannshohe Schneeverwehungen zu dem Granitfelsen mit der Bronzetafel, die da sagt: „Brocken – 1142 Meter“. Offenbar sind sie alle hergekommen, um diese Tafel zu sehen, zu fotografieren und danach die Frittenschmiede zu besuchen (an der Bahnstation für den kleinen Geldbeutel, im Hotel für den größeren).
Wir aber nicht.

Korvettenkapitän Generaloberbergelch Max Milchkrähe lässt zum Abmarsch blasen, und die beiden Burschenschaften, die auf den Gipfel geraten sind, weil sich Schierker Feuerstein nur auf der Zugfahrt zünftig trinken lässt, grüßen uns mit ihren Bannern zum Abschied. Wir wischen uns die Rührung aus den Augen, schnüren die Stiefel fester und marschieren mannhaft (im Falle von Maidlyn: voll weiblicher Grazie) die Fahrstraße hinunter.
Die Straße ist geräumt, das Wetter trocken, windstill und etwas diesig. Zwar ist die Temperatur niedrig, aber es ist keineswegs so kalt, dass wir die Polarausrüstung und die Schneebrillen benötigen würden, die mitzunehmen Max uns gezwungen hat.
Auf der Straße begegnen wir nur wenigen Menschen und zu Maidlyns großer Freude einer öffentlichen Bedürfnisanstalt. Ihre Freude erhält einen Dämpfer, als sie feststellen muss, dass hier Frauen und Behinderte als homogene Gruppe aufgefasst werden.

Max biegt von der Straße ab, als wir eine von zwei frustrierten Kaltblütern gezogene Kutsche voller frierender Touristen passieren. Das Gelände wird anspruchsvoller; tiefer Schnee und Eis wechseln einander ab. Es gelingt mir, eine Schneewehe zu entdecken, in der man plötzlich mit einem Bein bis zur Hüfte einbrechen kann. Meine Expeditionskameraden sind begeistert und Max entscheidet sich dafür, die Wege Wege sein zu lassen und den Abstieg querfeldein fortzusetzen.
Zur Schnee- und Eislage, in und über die man in zufälligem Rhythmus bis zum Knie einbricht oder schlittert, kommt jetzt auch noch ein extremes Gefälle, verschneite Granitbrocken als Stolperfallen und ein dichtes Netz von Schmelzwasserbächen unter dem Schnee, die für normale Wanderschuhe durchaus Volllauf-Tiefe bieten. Wir sind ganz allein im stellenweise arg geschädigten Fichtenwald, aber Max bringt uns sicher aus der Schneezone heraus. Das bedeutet, dass Schmelzwasser und tiefe Löcher jetzt statt unter Schnee unter Moos versteckt sind – wenigstens farblich eine Abwechslung.

Mittags.
Freundlicherweise hat ein schon länger abgereister Gletscher einige zimmergroße Granitquader zu einem Haufen mit hübscher Aussicht zusammengekehrt. Die Mooskissen oben drauf sind trocken, dick und tückisch. Mit dem Anschein äußerster Harmlosigkeit wuchern sie teppichartig über Spalten, in denen wir hoffnungslos stecken bleiben könnten. Vor allem nach dem gestrigen Abendessen in Panagiota Anagnostou´s Restaurant Poseidon. Im Gedenken an das vorzügliche Mahl dort machen wir hier eine kulinarisch frugale Mittagspause mit Butterbroten, Kuhbonbons und Haribo-Cola.
Der weitere Abstieg wird einfacher, das Gelände flacher und bald stoßen wir wieder auf einen Waldweg, der uns zum Waldgasthaus Steinerne Renne führt, einem ehemaligen SED-Ausflugslokal, das sehr hübsch über einem Mittelding aus Wasserfall und Stromschnelle gelegen ist. Ein Herr, der gerade in einem Erker speist, hat offenbar noch nie eine so wagemutige Brückenüberquerung gesehen. Maidlyn hingegen hat noch nie eine so zweifelhafte Erkerkonstruktion über einem Abgrund beobachtet. Man übt sich also beiderseitig im hämisch-hoffnungsvollen Gaffen, aber leider halten sowohl Brücke als auch Erker den Belastungen stand.

Der Weg vom Gasthaus zur Bahnstation stellt für Menschen, die sich an Max Milchkrähes Interpretation des Begriffs „horizontal“ gewöhnt haben, keine Herausforderung dar, wartet aber mit diversen Ausblicken und Kuriositäten auf. Unter den letzteren sind eine geologische und eine animalische hervorzuheben: Wie kommen sternförmige Rissstrukturen von etwa 1 bis 1,5m Durchmesser im gewachsenen Granit zustande?
Menschliche Ursachen scheinen unwahrscheinlich, da die Lage nicht auf eine Sprengung hinweist und im Zentrum der Rissstruktur keine Spuren einer wie auch immer gearteten Verankerung zu erkennen sind. Die geringe Ausdehnung der Risse schließt auch eine Dehnung während der Entstehung des Felsens als Ursache aus. Bis auf weiteres müssen wir die Risse wohl den schweren Schritten der Suchmannschaft anlasten, die nach ihrem verschwundenen Riesenprinz Bodo gesucht hat.

Die animalische Kuriosität war ein Feuersalamander. „Bäh!“, höre ich die Leser rufen, „wie langweilig! Eine blöde Eidechse!“
„Pah!“ antworte ich, „Eidechse! Wer keine Ahnung hat, soll erst einmal aufmerksam zuhören, bevor er eine Meinung ausposaunt!“
Der Feuersalamander ist keine Eidechse, sondern eine Amphibie. Mit richtigem Namen heißt unsere Reisebekanntschaft Salamandra Salamandra Terrestris, was meiner Meinung nach eher nach einem Zauberspruch als nach einem Schwanzlurch klingt. Die Tierchen sind eigentlich Hügelwaldbewohner, aber ihre nach 9 Monaten Schwangerschaft lebendgeborenen Larven werden oft vom Wasser in die Ebenen gespült.
Hupen nützt bei einem kreuzenden Feuersalamander überhaupt nichts; er hat keine Ohren. Dafür verfügt er aber über zwei Ohrdrüsen, mit denen er ein Salamandrin genanntes Alkaloid absondern und verspritzen kann. Eigentlich dient es zur Hautpflege, aber bei Katzen und Hunden kann es Maulsperre, Genickstarre, Sabbern und gelegentlich den Tod hervorrufen (ich kenne einige ähnlich wirkende Duschgels). Menschen dagegen verspüren üblicherweise ein leichtes Brennen auf der Haut, dann und wann gefolgt von Übelkeit und Erbrechen. Unser Salamander war aufgrund der kühlen Witterung aber ganz froh, auf Maidlyns warme Hand zu dürfen und hat sich giftmäßig als Gentleman verhalten.
Für den Gehörmangel hat die Natur ihn übrigens mit besonders guten Augen entschädigt – wenn wir Menschen bei 0,0001 Lux totale Stockfinsternis konstatieren, hält er immer noch nach leckeren Asseln, Käfern, Schnecken und Regenwürmern Ausschau. Ich vermute, über den Fotoblitz war er nicht sehr erfreut – er hat sich aber nichts anmerken lassen und die katzenbucklige Drohhaltung mit aufgerichtetem Vorderkörper und kampfbereit geschwollenen Ohrdrüsen vermieden. Wirklich ein sehr höflicher Salamander.
Leider sind er und seine Artgenossen vom Aussterben bedroht, möglicherweise wegen seines Namens. Zu dem ist er nämlich gekommen, weil man seine brennenden Sekrete für todbringend hielt und obendrein dazu imstande, Brände zu löschen (fragt mich nicht nach dem Zusammenhang). Viele Großbrände des Mittelalters hätten jedenfalls verhindert werden können, wenn man als Löschmittel Wasser anstatt Salamandern eingesetzt hätte.
Grinst da jemand? Dazu gibt es keinen Grund, denn
erstens ist die Sache mit dem Salamander-zum-Löschen-ins-Feuer-werfen wahr und
zweitens kann ich sofort mindestens 18 Zeitgenossen nennen, die das auch heute noch hoffnungsvoll ausprobieren würden.

Nachmittags.
Zurück in Wernigerode entscheiden wir uns, auf den Schlossberg zu klettern und das alte, im 19.Jhd. disneyartig ausgebaute Prachtstück zu erkunden. Von außen sieht man sofort: Das Quedlinburger Frauenstift ist nicht das einzige Stück zerfallenden Steins in der Gegend. Auf den ersten Blick scheint das Werningeroder Schloss sogar noch übler dran zu sein. Wer sich engagieren möchte, sei auf die Schloss-Stiftung, die Freunde des Schlosses und natürlich auf den Harzverein aufmerksam gemacht.

Wenn das äußere Erscheinungsbild des Schlosses an der Grenze zum Kitsch entlangschrammt, so ist das sicher auch den illustren Gästen und Bewohnern des 19.Jhds anzulasten – besonders hervorzuheben ist dabei natürlich Kaiser Wilhelm I., dessen Klosett kürzlich wiederentdeckt wurde. Wie man sonst zu dieser Zeit auf dem Schlosse lebte, zeigen drei Rundgänge durch das (mit fünf Euro Eintritt belegte) Innere, von denen ich Nummer 1 und 2 jedem Freund der viktorianischen Epoche ans Herz legen kann. Den dritte konnten wir leider nicht mehr absolvieren, weil uns die Schließer im Nacken saßen. Ärgerlicherweise ist das Fotografieren (auch ohne Blitz) im Inneren des Schlosses verboten – diesbezüglich sind mir schottische Museen lieber.
Unterhaltsam war es allerdings schon, im vorletzten Raum des Rundgangs ausführlich über eine maximilianische Rüstung auf einem hölzernen Streitross zu fachsimpeln, das mit dem idiotischsten (und natürlich zeitlich über hundert Jahre später liegenden) Rosspanzer geschützt war, den ich je gesehen habe. Nach einer halben Stunde hatten sich die Schließer die Fingernägel bis zu den Ellenbogen abgekaut und vereinzelte Blutstropfen tauchten in ihren Ohren auf.
In einem Anflug von Mitleid entließen wir sie in den Feierabend.

Auch unsere 36 Stunden waren verstrichen und der Ruf der Heimat („Wenn du zu spät zur Arbeit kommst, kannst du dir gleich deine Papiere abholen!“) lockte uns zurück. Ich bitte all das, was ich nicht erzählt habe und all das, was wir nicht gesehen haben um Entschuldigung.

36 Stunden sind einfach zu wenig.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Deutschlandreise

Eine Antwort zu “36 Stunden Harz – Der Reise letzter Teil

  1. Gymnasialprofessor Bömmel

    Hey, ich hab Euch nicht gezwungen, die Sonnenbrille, Polarausrüstung, Dosenöffner, Maggiwürfel und die Zeltplane vom Cirkus KRONE mitzunehmen. Wir leben in einem freien Land*!
    *Naja fast frei… Aber mal ehrlich, wo habt Ihr jemals so eine Vielfalt an Möglichkeiten bekommen, naßzuwerden, auszurutschen, hinzufallen, Stich- und Schürfwunden, Knochenbrüche und blaue Flecken zu bekommen?
    In der Bergschuh-Abteilung bei Sport-Scheck?
    Eis-Schnee, Tiefschnee, Moos, nasses Moos, Moos mit Löchern, Eis auf Moos, nasse Wurzeln, Eis auf Wurzeln, Granitblöcke, Granitblöcke mit nassem Moos und Eis und Schnee, umgestürzte Fichten, Gräben mit und ohne Wasser. Naja, find mir da mal das passende Schuhwerk! Ihr habt Euch fast alle tapfer geschlagen, bis auf eine: Die war dazu sogar eine“Grazie“! 🙂 Weiter so! Schön dass Ihr dabei wart, und nicht verzagen: Im Vergleich zum Schloss Wernigerode habt Ihr ein sicheres und stabiles Haus. Mit herzlichen Grüßen aus dem Hanseland, M.

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