Heidis Drachen

„Hat es eigentlich wirklich feuerspuckende Drachen gegeben? Ich meine, Dinosaurier gab´s doch auch, oder?“

Na, lieber Anachronicle-Konsument, wie alt ist Heidi?
In welchem Alter hättest du diese Frage zuletzt ernsthaft gestellt?

Ich habe einmal nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass in meinem Kopf die Drachen zwar nach dem Weihnachtsmann und dem Osterhasen ausgestorben sind, aber doch deutlich vor der Vollendung meines zehnten Lebensjahres. Das ist immer noch im Grundschulalter – jener wundervollen Zeit also, in der wir vor dem Kultusministerium noch alle gleich sind. Dann aber schlägt unser grausames Dreiklassen-Schulsystem zu und unterbindet die intellektuelle Entwicklung von Haupt- und Realschülern endgültig.
Nein, ich bin nicht ironisch. Nur eine totale Blockade der geistigen Entwicklung ab dem Eintritt in die weiterführende Schule der Mittel- oder Unterklasse kann Heidis Frage erklären, denn Heidi ist 16 Jahre alt und bereitet sich auf ihren Realschulabschluss vor.

Da steht sie nun also etwas verloren im Raum, diese Frage, und schämt sich ihrer Blößen. Wie kann man antworten?

Laut lachen/weinen/schreien? – Sehr unpädagogisch und außerdem war mir in diesem Moment nicht danach. Bis auf das Schreien vielleicht.

Vier bis sechs Schuljahre Physik, Chemie, Biologie, Geschichte, Philosophie und Deutsch nachholen? – Möglich. Allerdings macht sie ihren Schulabschluss bereits im nächsten Monat und nicht erst im nächsten Jahrzehnt.

Einfach sagen: „Dinosaurier hat´s gegeben, Drachen aber nicht und kein Lebewesen auf unserem Planeten konnte je Feuer spucken“? – Ginge, aber da kennt der Leser die praktische Vernunft von Heidi und ihren Schul- und Altersgenossen nicht. Unterricht ist nämlich viel interessanter, wenn man weit vom Thema abkommt und obendrein dem Lehrer noch Fehler in Details nachweisen kann.
Denn wenn es Dinosaurier gegeben hat, warum dann nicht auch Drachen, die ja genauso aussehen.
Und außerdem gibt es Feuerspucker, das hat man ja neulich im Fernsehen bei Galileo gesehen (eine Sendung übrigens, die immer dann zitiert wird, wenn es um Fragen des Allgemeinwissens geht, und die immer die ausschließliche, vollständige und absolute Wahrheit vermittelt).

Ich entschloss mich zu einem anderen Ansatz:

„Heidi, du hast doch bestimmt schon mal Bohnen, Zwiebeln, Knoblauch, Erdnüsse und gekochte Eier gegessen? Dann hast du auch bemerkt, wie dadurch in deinem Bauch große Mengen gewisser Gase entstanden sind, die dann durch den hinteren Ausgang entwichen sind? – Gut. Wir vom männlichen Geschlecht haben experimentell nachweisen können, dass diese Gase nicht nur stinken, sondern dass man sie auch anzünden kann.“

Kunstpause. Heidis halb amüsierter, halb angewiderter Gesichtsausdruck zeugt davon, dass ich ihre Aufmerksamkeit und Phantasie auf das Problem konzentriert habe. Sie ist bereit für den Hirnaktivierungskick:

„Man braucht dafür ein Feuerzeug.“

Ich mag diese Minuten. Bis auf das initiale „Hä?“ wird kein Wort gesagt. Der fragende Gesichtsausdruck des Bildungskonsumenten wird langsam durch das anlaufende, rostige Räderwerk des Selberdenkens vom Gesicht gezogen. Ein konzentrierter Ausdruck erscheint, der oft den unfreiwilligen humoristischen Höhepunkt des Prozesses bildet – aber ich lache natürlich nur innerlich. Äußerlich bin ich ganz ausdrucksloses Pokerface und erwartungsvolle Körperhaltung; eine Diskrepanz, die den Prozess antreibt.
Nach einer guten Minute intensiven Schweigens verschwindet der konzentrierte Ausdruck von Heidis Gesicht und weicht Verklärung und Triumph. Sie schwebt nun weit über den gewöhnlichen Sterblichen, denn sie weiß, dass es zur Zeit der Dinosaurier höchstens Streichhölzer gegeben hat, und die sind ja viel zu klein für Dinosaurierpfoten. Feuerspuckende Drachen? Lächerlich!

Dann aber stellt Heidis Unterbewusstsein einen unautorisierten Denkprozess fest und schmettert der solcherart aufmuckenden Großhirnrinde eine geballte Ladung Breitbandselbstzweifel entgegen:
„Schätzelein – du bist doof. Du weißt das, weil alle in deiner Gegenwart immer sagen, dass jeder ganz unterschiedliche Begabungen hat und dass du einfach mal was tun musst. Außerdem könnten die Dinosaurier ja Vulkane zum Feuermachen benutzt haben, oder so. Und überhaupt, warum sollten die Drachen immer nur Zwiebeln und Erdnüsse gefressen haben?“
Das ist ein kritischer Augenblick, und ich springe Heidis Großhirnrinde rasch zur Hilfe:

„Meinst du, dass eine große Eidechse, in deren Mund ständig ein Feuer brennt, evolutionär bevorzugt wird?“

Evolutionär bevorzugt? Natürlich versteht Heidi nicht, was ich eigentlich sagen will, aber die Art der Frage kennt ihr Schulinstinkt bestens: Eine Suggestivfrage mit verneinender Antwort!

„Natürlich nicht!“, strahlt sie mich an, und ihre grauen Zellen werfen dem Stammhirn obszöne Gesten zu. Solcherart sind die Triumphe der Pädagogik.

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stilogo3001

für das S.T.I. – Projekt
A. C. Frost (adhoc)

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3 Kommentare

Eingeordnet unter S.T.I.

3 Antworten zu “Heidis Drachen

  1. maidlyn

    Mein lieber Athanasius,
    mir ist zu Ohren gekommen, dass nicht jedermann es gut heißt, dass du unschuldige, in Wissbegier zu dir aufschauende Schülerinnen derart verarschst. Wie kannst du deinen übermäßigen Zynismus rechtfertigen?

  2. Athanasius Frost

    Wie kann ich nur so zynisch mit Jugendlichen umgehen?

    Zynismus, das ist fassungslos staunendes Entsetzen über Menschen. Und dazu gibt es allen Grund, wohin man auch schaut. Der Mensch als Masse ist viehisch. Der Mensch als Individuum kann darüber hinauswachsen, aber will es in den meisten Fällen nicht. Wie könnte man da das Menschsein anders ertragen, als mit Galgenhumor?

    .
    Habe ich durch meinen Zynismus Heidi darin behindert, ein besserer Mensch zu werden?

    Meine „Misshandlung“ hat bei Heidi den Eindruck hinterlassen, nur durch einen leichten Anstoß meinerseits SELBER auf die Lösung des Problems gekommen zu sein. Ihr Vertrauen in ihre eigene Fähigkeit zu kritisch-analytischem Denken ist gestiegen und das Denken selbst mit einem Erfolg belohnt worden. Möglicherweise regt sie dieses Erlebnis in Zukunft tatsächlich dazu an, so etwas wie kritisch-analytisches Denken zu entwickeln. Wahrscheinlich aber nicht.

    .
    Aber einmal angenommen, Heidi oder ihre Leidensgenossen läsen die Artikel über sie im Anachronicle – was dann?

    In einer idealen Welt würden sie die Gelegenheit zu einem kritischen Blick ins eigene Innere nutzen. Denn stimmt es etwa nicht, was ich geschrieben habe? Die Fakten sind wahr und die Analyse stringent, wenn auch pointiert.
    In der wirklichen Welt würden Heidi & Co. nur dumpf einen Angriff verspüren und ihr ganzes Hirnschmalz in Vergeltungsaktionen stecken. Womit sie alles, was ich über sie und Menschen im Allgemeinen behaupte, bestätigen und mich in den strahlenden Schein von Noblesse und Weisheit rücken, nicht wahr?

    .
    Meint der geneigte Leser, ich würde mich selbst als übermäßig genial darstellen, indem ich Wehrlose hinterrücks verspotte?

    Er möge mir glauben, wenn ich ihm versichere, dass ein Artikel, der von den Wenigen, die ihn überhaupt zur Kenntnis genommen haben, in wenigen Tagen vergessen worden sein wird, mein Selbstwertgefühl nicht steigert. Der Artikel gibt mir allerdings die Gelegenheit, meinen Verstand und meine Ausdrucksfähigkeit zu schärfen und mit Menschen in Kontakt zu treten, die mit meiner Person etwas anfangen können.

    .
    Ist dem Leser meine Offenheit zu kränkend?

    Dann möge er sich fragen, warum Heidi zu mir wissbegierig aufschaut, während sie ihren Lehrern in der Schule nur Verachtung entgegenbringt.

    Das ist nämlich die eigentlich interessante Frage.

  3. Athanasius Frost

    Um zu guter Letzt auch noch den Vorwurf zu entkräften, ich würde übertreiben, füge ich an dieser Stelle noch eine Argumentation von Richard (16 Jahre, 9.Klasse einer Gesamtschule, Sohn eines Grundschullehrers) ein. Um die Techniken der schriftlichen Argumentation einzuüben, sollte er die Frage „Sollten grüne Gummibärchen abgeschafft werden?“ bearbeiten. Es war ihm erlaubt, beliebige „Fakten“ zum Thema zu erfinden und unmittelbar bevor der die Aufgabe anging, wurde mit ihm noch einmal alle wesentlichen technischen Tricks wiederholt; z.B. sinnvolle Reihenfolge der Argumente und die Darstellung der einzelnen Argumente nach dem Schema Behauptung-Begründung-Beispiel. Außerdem wurde eine Liste von sechs Argumenten gemeinsam mit ihm erarbeitet.
    Seine Aufgabe bestand also lediglich darin, die zuvor erarbeiteten Dinge in die angemessene Form zu bringen. Nachdem er fertig war, verbrachte er etwa fünf Minuten damit, seinen eigenen Text noch einmal zu prüfen und zu korrigieren. Hier ist das Ergebnis:

    .

    Augumentertaion

    Sollten die grünen Haribo Gummibärchen abgeschaft werden? Das sie dise, wie durch ein experiment in der stadt Berlin gezeigt hatt schlecht abgeschnitten haben
    Ggründe Gummibärchen sollten abgeschaft werden weil sie dum aussehen da die meisten menschen in Berlin grün nicht mögen obwohl sie zu den anderen Gummibärchen da zu gehören ohne die grünen sind Gummibären nicht Gummibären dabei mögen die meisten men Leuten die Ggrümen Gummibarer nicht da manche aussehn wie erbrochenes. doch sind die Grünen gumnibären schädlicher als die anderen Gummibären Schmecken die grünen Gumnibären gut und nicht abscheulich dabei sind die grüner Gummibären schadlicher als andere Gummibärer.

    Da die Forscher aus Hamburg festgtestehlt haben das Grüne Gummibären wirklich schädlicher sind wurde sie abgeschaft das war eine gute idee sie abzuschaffen.

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