Reichtum und Bahnfahren

Meinem Großvater hat eine Wahrsagerin Mitte der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts die Zukunft vorausgesagt. Sie erzählte ihm viele Dinge, die er unglaublich fand und die trotzdem später eintraten und sie endete mit der üblichen Schlussformel: „Und du wirst in hohem Alter als reicher Mann sterben.“

Nach dem Krieg fand er sich mittel- und hoffnungslos in einem fremden Land. Er machte das Beste daraus und heiratete eine dralle Rothaarige, die sich von seinen russischen Liedern auf dem Klavier angezogen fühlte. Sie brachte das ganze Kapital der jungen Ehe mit: einen Teelöffel. Er arbeitete hart auf dem Bau, sie ging in die Häuser nähen, zwei Söhne kamen zur Welt, die Verhältnisse besserten sich.
Von der ersten Lottoziehung nach dem Krieg an spielte er mit, denn er dachte an den Spruch der Wahrsagerin.
Eine eigene Wohnung war zu teuer, also nahm er einen Kredit auf und baute sein eigenes Haus – und spielte Lotto. Jede Woche, jede Ziehung.
Er zahlte den Kredit ab, kaufte sich einen Ford Capri, brachte es bis zum Polier, dann kamen Enkel und ein Herzanfall und danach die Rente. Er spielte Lotto.
Die Enkel wurden größer, er kaufte ein moderneres Haus und einen weniger sportlichen, dafür aber luxuriöseren Wagen, zahlte seinen Söhnen den Pflichtteil aus und spielt Lotto.
Seine Enkel wurden erwachsen (dem Ältesten schenkte er ein Auto) und er spielte immer noch. Alles in allem verlor er deutlich mehr, als er gewann.
Eines Abends – da war er 86 – legte er sich ins Bett und wachte nicht mehr auf.

„Wenn man sich bedenkt“, sagte er einmal zu mir, „was wir damals hatten, dann sind wir heute reich. Aber man muss es ja versuchen.“

Ich schätze, wirklich reich ist man, wenn man, nachdem man versehentlich mit seinem nagelneuen Lamborghini einem verranzten Kleinwagen touchiert hat, aussteigt, dem Kleinwagenfahrer den eigenen Fahrzeugbrief samt Schlüssel in die Hand drückt und sagt:
„Behalt den Wagen, ich fahr mit der Bahn – ich hab´s nicht eilig.“

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