Drachenfest

Es war einmal vor langer, langer Zeit in einem weit, weit entfernten Königreich. Generell gesprochen. Tatsächlich war es wie jedes Jahr in der letzten Juliwoche; und so unglaublich weit ist der Quast bei Diemelstadt gar nicht entfernt. Außerdem ist Hessen gar kein Königreich. Ebenso wenig wie die Dracheninseln, die witzigerweise an genau demselben Ort wie der Quast liegen – was irgendwie mit Quantenphysik und multidimensionalem Dingsbums zu tun haben soll.

Der Quast ist ein solitärer, bewaldeter Hügel direkt an der A44. Er liegt in einem Muschelkalkgebiet, in dem sich seltene Pflanzen wie Orchideen, Enzian und Türkenbund angesiedelt haben. Obendrein gibt´s natürlich auch noch eine Menge Fossilien, so dass man dem Quast den Status eines Europäischen Flora-Fauna-Habitat-Gebietes zuerkannt hat.
Auf der Kuppe des Hügels befindet sich ein Areal von grob 450m x 850m, das als Weide bzw. Heuwiese genutzt wird. Von dort genießt man einen unglaublichen Ausblick in das weite Flachland Richtung Nordosten.
Aber selbst wenn man sehr angestrengt in die Ferne schaut, sieht man kein Wasser. Es sei denn, der Muschelkalk zählt ersatzweise.

Die Dracheninseln dagegen liegen im Irrelevanten Meer, so benannt, weil sich jedes Jahr um die 2000 Besucher auf den Inseln einfinden, von denen nur ein Zehntel zugibt, per Schiff gekommen zu sein.
Außerdem liegt der Hafen am höchsten Punkt der Insel.

Die Geschichte der Dracheninseln oder Drachenlande ist im Grunde dieselbe Tragödie, die sich in jedem Kinderzimmer zuträgt, wenn Vater und Mutter einkaufen. Die Kleinen spielen friedlich miteinander, als die Eltern das Haus verlassen. Minuten später jedoch befinden sie sich in einem erbitterten Wettstreit, der von jedem Einzelnen mit anderen Gründen rechtfertigt wird, der aber nur ein Ziel hat: Alle anderen zu zwingen, die eigene Großartigkeit ein für alle Mal als die Erstaunlichste anzuerkennen.
Nach einer halben Stunde ist das erste Kinderzimmer eine Wüste aus zerstörtem Spielzeug und wild durcheinanderliegendem Interieur. In einer Kampfpause stellen die Kleinen beschämt fest, dass das bestimmt Ärger geben wird, schließen die Tür hinter sich und ziehen ins nächste Zimmer, wo sie entscheiden, ihren Zwist lieber durch ihre Playmobil-Figuren austragen zu lassen.
Stellt euch das Zimmer als eine Welt und die Kinder groß, schuppig und feuerspeiend vor – dann habt ihr es.

Jedes Jahr lassen die Drachen alles, was Beine hat, gegeneinander antreten. Egal, ob Playmobil-Ritter, Lego-Pirat, Barbie-Elfe, Steiff-Satyr oder Mein-erster-Zauberkasten-Magier – Seite an Seite kämpfen sie für den Sieg ihres Drachens. „FÜR WISSEN UND WEISHEIT!“ brüllt man da beim Schädelspalten, oder auch „FÜR DAS LEBEN!“, wenn man nämlich dem grünen Drachen folgt. Andere beschränken sich auf die Farbe ihres schuppigen Kriegsherrn: „FÜR DEN BLAUEN!“ oder gar „FÜR DEN AUSGLEICH! FÜR GOLD! MACHT SIE NIEDER!“
Wie man sieht, folgt jeder Drache einem eigenen Philosophie-Surrogat, und seine jeweiligen Streiter gleichen die unfreiwillige Komik ihrer Schlachtrufe durch Hingabe aus.

Wenn römische Legionäre Seite an Seite mit schweizerischen Reisläufern gegen Orks und einen Dampfpanzer in die Schlacht ziehen, dürfen auch die Knochenbrecher nicht fehlen. Mit dabei in diesem Jahr:

  • Hauptmann und Feldwüterich Bram von Adel (in diesem Jahr Kommandant der Truppen des Goldenen Drachen),
  • sein Weib Tari von der Belagerung von Falkenstein,
  • Clothwig, englischer Bogenschütze der Burgunderkriege und Büchsenmeister,
  • Tombas von Erkenrode, maximilianischer Landsknecht,
  • Dinnz Dajesh, normannischer Ex-Zwerg,
  • Trutz, hochmittelalterlicher Edelbauer und Kriegsknecht,
  • Ochs, barocker Gutsherr und Kriegsknecht,
  • und natürlich der Autor alias Marten und sein Weib Lin als maximilianischer Landsknecht und ihm angetraute Sudlerin.

Der Kundige bemerkt, dass die Söldnerrotte sich harmonisch in die Grundanforderung „Hauptsache, es hat Beine“ einfügt. Bis auf Rottenmitglied Nr.10 vielleicht, „die Kanone“, deren Name eigentlich Frau Sau lautet, was aber niemand so recht zur Kenntnis genommen hat.
Die hat nämlich Räder.

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DF0901von links: Dinnz, Tari, Clothwig, Ochs, Frau Sau, Trutz, Tombas

DF0902Marten, Bram und Lin (hinter der Kamera)

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Während die ersten sieben Rottenmitglieder sich (unterstützt durch Mitglied Nr.10) fleißig in die Drachenhändel stürzten, ist es dem Autor gelungen, einen neuzeitlichen Fotoapparat vom Quast auf die Dracheninsel zu schmuggeln und sein Weib hat ihn dort auch seiner Verwendung zugeführt. Dies sind einige der Ergebnisse:

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Deutschlandreise

3 Antworten zu “Drachenfest

  1. Trutz

    Deinen Frust hört man richtig raus… Auch wenn du es mit Kinderzimmer vergleichst, es zählt der Spaß, der früher im Kinderzimmer herrschte und heute im Drachenlande. Und Spaß hattest du früher auch… denn früher haben sich auch Elfen, Orks, Piraten, etc. gegenübergestanden… es war also nie anders.
    Ich wünsche mir, dass du auch wieder Spaß daran findest und nicht aufhörst ein Kind zu sein, wenigstens für diese 1 Woche im Jahr auf der Dracheninsel.

  2. Athanasius Frost

    Die Kinderzimmerepisode hat sich mir aufgedrängt, als ich den Hintergrundtext auf der Drachenfest-HP durchgelesen habe; er lautet wie folgt:

    „Die Erste Drachenwelt war zerstört. Zerbrochen und verwüstet unter dem Kampf der Drachenbrüder. Erst als ihre Welt verloren war, wurde ihnen bewusst, was sie mit ihrem Streit angerichtet hatten. Schuldgefühl überkam sie und sie schämten sich für das, was sie getan hatten.
    So trieben sie durch die Leere, doch am Rand ihres Bewusstseins entdeckten sie andere Welten.

    Die Drachen beschworen den Hüter aus der Essenz der Ersten Drachenwelt, damit er ihnen ein lebendes Mahnmal sein sollte, für dass, was sie angerichtet hatten und sie beschlossen, dass sie nie wieder gegeneinander kämpfen wollten, doch um ihren ewigen Wettstreit fortführen zu können ersannen sie das Drachenfest.

    Diejenigen, die den Wegen der Drachen folgten, sollten von nun an für die Drachen streiten. So legten sie ihre Macht in die Hände der Sterblichen und das Fest der Drachen nahm seinen Lauf.“

    (zitiert nach http://www.wyvern.de/adventures/drachenfest/de/intime )

    Das wollte ich meinen Lesern lieber ersparen.

    Für deinen guten Wunsch bedanke ich mich herzlich, aber so lange ich keine neue Perspektive auf´s LARP und DF gewinne, wird es mir schwer fallen, ihm zu entsprechen.

  3. Milchdrache Friedrich von Molke

    Nur eine Woche Spaß? Playmobil Figuren? Quatsch, wir haben das jeden Tag und der Wahlspruch könnte Lauten: „Immer schön lecker bleiben und nicht den Löffel abgeben!“ Gesagt, getan, wenn wieder Lait au Chocolat abgefüllt wird, kann das bitter-süße Inferno beginnen: Die Schlacht der Kalorien und Kilojoule, der Kampf gegen das MHD und der eiserne Wiederstand gegen den schlechten Geschmack, der sich außerhalb der 4 Wände der H-Milch-Abteilung wie eine wilde Horde aufgescheuchter Wölfe ausbreitet! Nein: Nicht mit uns! Unsere Verkleidung: Hygienic Taliban, ein weißer ganzkörper-Anzug für den Hochsicherheits-bereich. Und einer integrierten Tasche für die wichtigste Waffe: Den Löffel!
    Mit freundlichen Grüßen aus dem Land wo Vollmilch und Flüssigschokolsde fließen 🙂
    Euer weißer Milchdrache Friedrich von Molke

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