Welches ist das falsche Pferd? – 560 Jahre Soester Fehde

„Soost“ spricht man das; das e soll nicht umlauten, sondern dehnen. Wenn ihr euch das Städtchen aus der Luft anschaut, fällt euch wahrscheinlich zuerst die klassische Form auf. Eine regelrechte Dartscheibe blinzelt einem da entgegen, und das ist seltsam. Gut, die Gegend ist flach, es gibt also kein Problem mit Höhenzügen, die das Stadtbild formen. Aber was ist mit der Industrie? Was mit dem letzten Krieg? Haben die keinen Einfluss genommen?
Wenn ihr dann hingefahren seid und durch die (Innen-)Stadt spaziert, findet ihr enge, verwinkelte Gassen mit nicht mehr als dreistöckigen Fachwerkhäusern, nur gelegentlich unterbrochen von einem Steinbau der Gründerzeit oder einem moderneren Betonklotz. Viele der Häuser haben auch in der Innenstadt ansehnliche Gärten – aber wie das? Ist die Zeit in Soest denn stehen geblieben?

Der Blick ins Geschichtsbuch behauptet zunächst was anderes. Siedlungsspuren lassen sich in Soest bis ins fünfte Jahrtausend vor unserer Zeit nachweisen – wir sprechen hier von der „Bandkeramik-Kultur“ der Jungsteinzeit, die sich natürlich keineswegs nur mit Töpfern beschäftigte, sondern offenbar auch den fruchtbaren Löss-Boden der Soester Börde für den Ackerbau zu schätzen wusste. „Altsiedelland“ nennt man so was. Die archäologischen Befunde deuten darauf hin, dass es eine kontinuierliche Besiedlung der Gegend bis heute gegeben haben könnte, wohl auch, weil Solequellen und später Eisenverarbeitung den Ort nicht nur für Bauern, sondern auch für die Händler des Hellwegs attraktiv machten.
In die Geschichte tritt Soest mit der ersten urkundlichen Erwähnung anno 836. Zumindest von dieser Zeit an war Soest eine aufstrebende und erfolgreiche Handelsstadt. Hier finden wir auch das älteste deutsche Stadtrecht niedergelegt auf der alten und neuen Kuhhaut (1226 bzw. 1281), der alten und neuen Schrae (das ist schon wieder ein Dehnungs-e; Schra bedeutet „trockenes Fell, Pergament“; die alte ist verloren, die neue wurde 1350 begonnen) und dem Nequambuch (1315-1421). Dieses Stadtrecht exportierten Soester Handelherren z.B. nach Lübeck, das ebenso wie Soest wachsende Bedeutung in der Hanse erlangte.

Bis hierhin sieht es für Soest doch ziemlich rosig aus: Fruchtbarer Boden, Salz, Eisen, Tuche, günstige Lage an der Kreuzung Hellweg/Fernweg, fortschrittlich in Recht und Wirtschaft, wohlhabend und expandierend. Um die 10.000 Einwohner ohne zugehörige Umwohner im 15. Jahrhundert! Beteiligt an allen bedeutenden Städtebünden der Zeit! Nichts scheint einer steilen Karriere im Wege zu stehen.

Außer vielleicht die Soester Fehde, die die Bürger zwischen 1444 und 1449 mit ihrem Landesherrn, dem Erzbischof von Köln auszutragen das Bedürfnis verspürten.
Dietrich von Köln wollte die Stadt gerne etwas fester in den Griff bekommen, um von ihrem Wohlstand zu profitieren. Die Handelherren von Soest wollte ihre Rechte allerdings nicht einschränken lassen und sagten sich 1444 von Köln los, um sich einem der Gegner des Erzbischofs, Herzog Johann I. von Kleve-Mark zu unterstellen. Der hatte ihnen bereits im Vorfeld dafür noch größere Freiheiten in Aussicht gestellt.
Der Erzbischof war über die Situation nicht glücklich, sammelte schließlich ein Heer von Söldnern (angeblich 15.000, aber ich bezweifle, dass die Zahl wirklich so hoch war) und belagerte 1447 erst Lippstadt (vergeblich) und dann Soest.
Hier trennen sich die Geschichtsauffassungen.

erzbischöfliche Hakenbüchsen-Schützen

erzbischöfliche Hakenbüchsen-Schützen

Die offizielle Geschichtsschreibung konstatiert schlicht: Der Erzbischof musste die Belagerung am 21.07.1447 aus finanziellen Gründen abbrechen. Die Fehde endete zwei Jahre später, ohne dass der Erzbischof seine Rechte durchgesetzt hatte.

Sturmleitern werden durch den Graben geschleppt

Sturmleitern werden durch den Graben geschleppt

Die Soester dagegen erzählen vom patriotischen Widerstandswillen und der harten Verteidigung der Stadt, an der sich das Söldnerheer des Erzbischofs inklusive der gefürchteten hussitischen Kontingente die Zähne ausbiss: Freiheit für Soest!
Das ist der Stoff, aus dem Stadtfeste sind.

Söldner warten auf den Sturmbefehl

Söldner warten auf den Sturmbefehl

Sturm!

Sturm!

der Sturm ist abgeschlagen und auch die "Katze" müht sich vergebens

der Sturm ist abgeschlagen und auch die Katze müht sich vergebens

Gut, Soest war frei. Freier als je zuvor; die Stadt hatte mehr Rechte, als manche reichsfreie Stadt. Aber was nützt das, wenn man eine auf Handel angewiesene Enklave mitten in erzbischöflichem Gebiet ist?
Nichts.
Und damit beginnt der langsame Niedergang der Stadt. Lasst es mich in Stichworten zusammenfassen:

1604 – letzter Hansetag der Soest zugeordneten Städte
1608 – letzte Teilnahme von Soest an einem allgemeinen Hansetag
1609 – Soest fällt in brandenburgischen Besitz; der Widerstand dagegen endet
1616 – mit der Soester Kapitulation
1618-48 – Soest wird im dreißigjährigen Krieg schwer verwüstet
1661 – die Madonna aus der Wiesenkriche wird nach Werl überführt; mit ihr gehen die Einnahmen aus der einträglichen Wallfahrerei
1742 – das Soester Münzrecht geht verloren
1751 – die mehr als 490 Jahre alte Ratsverfassung wird aufgehoben
1756 – Soest hat noch 3.600 Einwohner; die meisten steinernen Kaufmannshäuser sind zerfallen und in Gartenmauern um die billigeren Fachwerkhäuser herum umgewandelt worden
1809 – die Börde geht Soest verloren
1849 – der Bahnanschluss ist da! Ein Lichtblick, der Arbeit in der Zuckerproduktion und Eisenverarbeitung bringt. Trotzdem verpasst Soest den Anschluss an die industrielle Revolution
1920 – Soest ist immer noch nicht über seine mittelalterliche Stadtumwallung hinausgewachsen
1939-45 – im Krieg ist der Soester Bahnhof ein wichtiger Umschlagplatz zwischen dem Ruhrgebiet und Schlesien; das mach die Stadt aber auch zum Ziel einiger glimpflich verlaufender Bombenangriffe

Heute ist Soest „ein beliebter Wohnort für Pendler ins östliche Ruhrgebiet“ und Sitz des Bübchen-Werks, einer Nestlé-Tochter, die Kinderpflegeprodukte herstellt. Die Ratsherren von 1449 hätten´s erbärmlich gefunden. Denen schwebte eher so etwas wie Berlin, Hamburg, Frankfurt oder Stuttgart vor.

Wie aber lautet unser Urteil?

Wanderer, kommst du nach Soest, schaue dich um und frage: Haben sie wirklich auf´s falsche Pferd gesetzt?

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5 Kommentare

Eingeordnet unter Deutschlandreise

5 Antworten zu “Welches ist das falsche Pferd? – 560 Jahre Soester Fehde

  1. Ob der Dornrößchenschlaf der Stadt durch die Soester Fehde verursacht wurde, ist allerdings ziemlich umstritten:

    Auch viele andere Städte ohne direkte Wasserwege erlitten dieses Schicksal, insbesondere nach der Entdeckung der neuen Kontinente, da sich die Handelswege entsprechend verlagerten. Folgerichtig verließ Soest den maßgäblich von ihr gegründeten Hansebund aus eigenem Willen.

  2. Athanasius Frost

    Geschichte so monokausal zu deuten, sei mir fern, Jost!
    Was mir aufgefallen ist, ist dass die Fehde den Wendepunkt der Stadtentwicklung markiert. Es wäre reichlich albern, z.B. die Folgen preußischer Regierungserlasse auf die Ratsherren von 1449 zu schieben.

    Tatsache ist aber, wie du so schön schreibst, dass Soest in einem „Dornröschenschlaf“ versunken ist. Und da kann man schwer abschätzen, ob die Prinzessin, die im Schlaf so süß anzuschauen ist, beim Aufwachen nicht eine fürcherliche Zicke wird…

    Mir jedenfalls gefällt Soest so, wie es ist – und als Bewohner eines 8000-Seelen-Dorfes, das „unbedingt“ ein monströses Einkaufszentrum im historischen Ortskern brauchte, hoffe ich, dass die Prinzessin noch lange nicht erwacht.

  3. Ich bin mit dem heutigen Soest ebenfalls sehr zufrieden! :o)

  4. Der Kurfürst

    Tja, von der kulinarischen Seite her gesehen:
    Das „Fehde“-Bier war in Wirklichkeit von Prinzregent Luitpold des dunkle … nix Soester Spezial… Und der Flammkuchen war aus dem Elsass, .. aber was war denn jetzt Soesterisch?
    Eine Fango Packung “ Maria im Sumpf“? oder der grüne Sandstein der – Leeeeuuute – der nun wirklich nicht als Baumaterial für die Ewigkeit geeignet ist.
    Nein, Es ist Pumpernickel, Westfälischer Schinken und … das wusste auch schon Jesus beim Abendmahl! Einer von den Zwölfen kam wohl aus Soest und hat ein Care Paket mitgebracht.
    Alles Quatsch?
    Nein! Schaut doch das Fensterbild am Nordprotal an! 🙂 Pumpernickel! Amen.

  5. Athanasius Frost

    Das musste den Herrn Kurfürsten ja provozieren, dass ich zum Essen und zur eigentlichen Stadt nix geschrieben hab…
    Dafür hast du aber auch das Brauhaus Zwiebel kennengelernt – und die machen wirklich Soester Bier. Und was den Grünsandstein angeht: Ich weiß, die Westfalen hören´s nicht gerne, aber da muss so ein bisschen rheinische Lebensart reingeschwappt sein. Alles ist im Fluss, nix ist fertig (oder wird es je sein…).

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