Kein Nachwort

„Feige!“

Der trübe Klecks Speichel sickerte bereits in Carls Schuhspitze ein. „Kann ich gehen?“, fragte er leise. Der Alte wandte sich mit einer heftigen Gebärde von ihm ab.

Ein wenig später saß Carl am Küchentisch und versuchte, mit dem rotweißen Muster der Tischdecke das Durcheinander in seinem Kopf einzuwickeln.
„Ich kann dich wirklich nicht verstehen“, sagte seine Mutter durch das Klappern der Teller im Spülstein.
„Es ist falsch“, antwortete Carl ihrem Rücken. „Wofür soll der Krieg denn gut sein?“
„Dein armer Vater! Er hat seine Pflicht am Vaterland getan, damals.“
„Aber damals gab es sein Vaterland doch noch gar nicht, Mutter.“
„Er hat sich nicht hinter fadenscheinigen Ausreden versteckt, als die Zeit kam. Er ist tapfer ins Feld gezogen und ehrenvoll wieder heim gekommen.“
„Was ist mit denen, die er erschossen hat? Die sind nicht zu ihren Familien heim gekommen. Findest du das richtig?“
„Werd´ nicht frech!“
„Entschuldige.“
„Wir haben immer versucht, aus dir einen guten Christen und einen Patrioten zu machen. Aber du…!“
„Christus hat doch gelehrt, dass wir nicht töten sollen, oder, Mutter? Und was ist patriotisch daran, sich an einem Krieg zu beteiligen, der eigentlich nur zwei andere Länder angeht? Bedeutet das nicht, das Vaterland unnütz in Gefahr zu bringen?“
„Was verstehst du schon von Politik! Aber von Anstand und Treue, davon solltest du was verstehen. Diese Schande!“
„Es tut mir leid, Mutter.“
„Wenn es dir wirklich leid täte, dann würdest du heute noch hingehen!“
Carl zögerte, um die richtigen Worte zu suchen. Schließlich gab er auf. Wahrscheinlich gab es sie gar nicht.
„Nein, Mutter. Ich werde nicht gehen.“
Ein Teller klirrte so plötzlich und laut wie ein Schuss auf dem Abtropfbrett. Dann sackten ihre Schultern herab und sie schniefte leise. Carl stand auf und ging hinaus.

Auf der Straße hüpfte Ella alleine vom Himmel in die Hölle: „Gehst du zum Teich?“
„Nein. Ja. Doch, ich gehe zum Teich.“
„Ich komm´ mit!“
„In Ordnung.“
„Weißt du schon, dass Richard morgen zu Besuch kommt? Er hat Blondurlaub, sagt Mama.“
„Es heißt `Fronturlaub´, Ella.“
„Richard ist aber blond!“
„Das hat nichts mit seinen Haaren zu tun. Es bedeutet, dass er für ein paar Tage aus dem Krieg zurück kommt.“
„Und dann geht er wieder hin?“
„Ja, wahrscheinlich.“
„Dann schießt er wieder die Franzmänner ab, mit seinem Gewehr!“ Sie juchzte, wurde dann aber plötzlich ernst. „Du bist doch der beste Freund vom Richard, oder, Carl?“
„Kann schon sein.“
„Warum bist du dann nicht im Krieg?“
„Weil…“ Wie konnte man etwas Offensichtliches erklären, wenn alle Leute beschlossen hatten, es zu ignorieren?
„Weil ich hier nützlicher bin.“
Ella sah ihn skeptisch an.

„Du kannst dir den Krach einfach nicht vorstellen.“ Richard zupfte an seinem Verband herum und trank noch einen Schluck Bier. „Wie wenn der Blitz direkt neben dir einschlägt, aber nicht nur einmal, sondern immer wieder, stundenlang! Die Erde zittert und Splitter und Granaten heulen durch die Luft. Einmal hat es mich unter dem aufgeworfenen Dreck begraben, als wäre er eine Welle. Oder ein Schrank, der auf mich drauf kippt.“
„Ist das nicht schrecklich?“, erkundigte sich Carl blass.
„Mhhmm.“ Richard sah sich verstohlen um. Dann neigte er sich vor: „Sag´s nicht weiter, Carl, aber beim ersten Mal… also… ich hab´ mir in die Hose gemacht. So richtig. Hab´s aber erst gemerkt, als wir wieder in der Stellung lagen.“
„Bereust du es nicht, dass du dich gemeldet hast?“
Richard schnaubte. „Da draußen ist es übel, das stimmt schon. Und ich bin bestimmt lieber hier als im Graben, das kann ich dir sagen. Das ist eben der Krieg. Aber wenn wir nicht da wären, wer würde denn die Heimat verteidigen?“ Richard sah ihn forschend an. „Hast du – ich meine, bist du…?“
Carl kam sich vor, als triefe er plötzlich vom Speichel seines Vaters.
„Äh, ich…“ Er straffte sich innerlich. `Keine Ausreden!´, ermahnte er sich im Stillen.
„Ach so“, murmelte Richard, noch bevor er etwas sagen konnte.

„Carl, Carl! General Holtzberg wird bei uns wohnen! Hast du´s gehört?“
„Hab´ ich, Ella.“
„Ich find´s gemein, dass ich in der Zeit bei euch schlafen soll.“
„So schlimm wird es schon nicht werden. Und wenn du dich gut benimmst, darfst du bestimmt mal mit dem General zu Mittag essen. Wenn er Zeit hat.“
„Wieso ist der General eigentlich nicht im Krieg? Muss der nicht auf einem Pferd ganz vorne sein?“
„Gute Frage, Ella. Besser, du fragst ihn nicht.“

„Lieber Carl.
Mit diesem Brief schicke ich dir den Ring zurück, den du mir gegeben hast. Ich habe wirklich versucht, dich zu verstehen und deine Entscheidung zu respektieren, aber ich halte es nicht länger aus. Mein Vater macht immer Bemerkungen über dich, wenn er vom Kriegsverlauf aus der Zeitung vorliest. Alle meine Freundinnen warten jeden Tag aufgeregt auf die Feldpost, und ich sehe ihre Gesichter immer sorgenvoll und dann wieder strahlend. Nur ich bin immer traurig und kann nichts dagegen tun. Jedes Mal, wenn ich einen Mann in Uniform sehe, schaue ich zu Boden und schäme mich. Ich verstehe deine Gründe, aber es gibt doch gewiss Gründe, die noch wichtiger sind! Auch wenn der Krieg schrecklich und unmenschlich und falsch ist, so ist er doch eine Tatsache. Und da wir ihn nun einmal führen, dürfen wir ihn nicht verlieren! Schon um unserer Familien willen, die der Feind genauso schänden und vernichten würde, wie er es mit den armen Familien im Grenzland getan hat. Wie kann ich einen Mann lieben, der nicht bereit ist, mich zu beschützen? Wie kannst du so etwas von mir erwarten, wenn du mich wirklich liebst?
Bitte antworte nicht auf diesen Brief und bitte besuche mich nicht mehr. Es ist mir schon schwer genug, dir diese Zeilen zu schreiben.
Es tut mir leid.
Hannelore“

„Runter, Ella, in den Keller!“
Das Haus brannte. Etwas hatte es heulend und krachend getroffen und nun stand es lichterloh in Flammen. Aber bestimmt würde die Feuerwehr bald kommen und löschen. Sie mussten nur noch eine kleine Weile durchhalten und der Keller bot eine Zeit lang Schutz. Carl schubste Ella beinahe von der Treppe, als er hastig die Kellertür schloss. Nachdem er die Glutnester in seiner qualmenden Jacke ausgeklopft hatte, hockte er sich neben Ella an die Wand und starrte nach oben. Es gab nichts zu sehen. Nur das Fauchen, Knacken und Knallen der Flammen war betäubend laut.
„Ich hab´ Angst, Carl.“
„Komm her, ich nehm´ dich in den Arm. Dann brauchst du keine Angst haben.“
„Kommt das Feuer nicht in den Keller?“
„Noch nicht. Schau, wenn da oben Licht zwischen den Bodendielen durchscheint, dann kommt das Feuer runter. Aber bis dahin ist die Feuerwehr schon lange beim Löschen. Wenn du scharf aufpasst, kannst du bestimmt die Glocke hören, wenn sie kommen.“
Sie lauschten, aber statt der Feuerwehr kam Rauchgeruch, der in der Kehle kratzte. Als Ella zu husten anfing, öffnete Carl ein Glas mit eingemachten Pflaumen, tränkte sein Halstuch und sein Taschentuch im Saft und band ihr das eine und sich das andere um.
„Dann kratzt es nicht so.“
„Du, Carl, ich kann Licht zwischen den Dielen sehen.“
„Wo?“
„Da drüben.“
„Ah, stimmt. Pass auf, Ella, dann müssen wir jetzt ein bisschen vorsichtig sein. Am besten hockst du dich da in die Wandnische, da wo früher das Weinregal drin war. Ich setz´ mich dann davor.“
„Mir ist heiß, Carl. Kann ich die Schürze ausziehen?“
„Nein, Ella. Drück dich lieber an die Wand und trink von dem Pflaumensaft.“
„Deine Mutter wird bestimmt wütend, weil du das Glas aufgemacht hast.“
„Kann schon sein. Wenn sie mich verhauen will, verstecke ich mich in deinem Schrank, in Ordnung?“
Ella kicherte, und das Feuer kam die Kellertreppe herunter.
„Ich krieg´ keine Luft mehr, Carl!“
„Du musst ganz langsam durch das Tuch atmen.“
„Carl, ich hab Angst! Kannst du mich nicht noch mal in den Arm nehmen? Bitte?“
„Nimm meine Hand, Ella. Ich kann mich nicht umdrehen, ich muss das Feuer im Auge behalten.“
„Müssen wir sterben?“
„Kann schon sein.“
„Ich will aber nicht sterben!“
„Dann bleib hinter mir, drück dich eng an die Mauer und atme ganz langsam durch das Tuch.“
Das Feuer zerstampfte die Kellerdecke und sprang Carl fast in den Schoß.
„Aua! Carl, lass los! Das tut weh!“
„Entschuldige.“
„Carl? Was riecht hier so komisch? Carl!“
„Nichts… bleib… wo du bist.“

„Da ist einer!“
„Verdammt, den Jungen hat´s aber übel erwischt.“
„Nur von vorn, schau mal. Nun komm, pack schon mit an!“
„Was ist denn das da hinter ihm? In der Nische?“
„Herrgott, das ist doch die Kleine von Selfarths! Lebt sie noch?“
„Zumindest ist sie nicht verbrannt. Sogar ihr Haar hat sei noch…“
„Und?“
„Nix. Ist wohl erstickt.“
„Herrje.“
„Hat denn keiner gewusst, dass die beiden im Haus waren?“
„Hat doch keiner dran gedacht; die Rettung vom General und seinem Stab war ja nun auch wichtiger. Und soviel Verstand hätte man dem Jungen doch zutrauen können, dass er sich nicht in den Keller verkriecht. Aber was willst du erwarten; der verdammte Feigling hat es ja nicht mal über sich gebracht, sich freiwillig zu melden.“

Ein Nachwort
„C. Scholz 1894 – 1914“ steht auf dem kleinen Grabstein, der unter der gefällten Eibe zum Vorschein gekommen ist. Es ist ein seltsamer Kontrast zu dem großen Ehrenmal schräg gegenüber. Dort, unter einem wilden Bronzeadler mit einem Schwert in der Klaue steht in golden schimmernden Lettern: „Dem Andenken der tapferen Männer, die heldenhaft und treu ihren Fahneneid mit dem Tode besiegelten“. Darunter sind siebenundvierzig Zeilen zu lesen. Die zwölfte lautet: „Richard Selfarth, geb.12.Juni 1893, gefallen am 21.Dezember 1917 bei Cambrai“. Natürlich gibt es keine Gräber zu den Zeilen.

Vielleicht hat Hannelore ihren Brief und den Zeitungsartikel über den Bombenangriff und die Brände aufbewahrt. Vielleicht hat ein merkwürdiger Zufall mir die Papiere nach all den Jahren in die Hände gespielt.
So was passiert.

Vielleicht war Carl Scholz auch einfach nur feige. Und warum sollte man sich an einen Feigling erinnern?

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