Preußisch Blau

Gehe wohl nicht fehl darin, dass die Herrschaften die Erzzüge nicht aus eigener Anschauung kennen … Lärm und Rauch freilich zugestanden, mein Fräulein, aber nur aus der Ferne. Am Gleis dagegen klingen die Kolben wie eine feuernde Batterie schwerer Artillerie. Der Boden wankt, man ist geblendet von Rauch und Dampf, das Fauchen und Zischen der Ventile macht eine Unterhaltung unmöglich. Habe das zum ersten Mal vor wenigen Tagen in Fushun erlebt, als der Liberator der Preußisch Blau in den Frachthangar einfuhr. Stehe also dort nebst einem Bahner und einer chinesischen Dame auf dem Perron und kann mich des Staunens über die gewaltige Maschine nicht erwehren. Plötzlich knallt Gewehrfeuer durch den Lärm, Querschläger jaulen herum – will schon Deckung nehmen, da klopft mir der Bahner auf die Schulter und ruft: „Sin´ nur zersprengte Schottersteine, Soldat! Der olle Meiler is ja keins von die leichtn Mädchen!“ Herrschaften wissen ja, ich war zu einer diskreten Mission abkommandiert. Stellte darum einen Füsilier der Ostasien-Handelsgesellschaft vor, mit peroxidiertem Haar, sie sehen es noch, Gummirollen in den Wangen und aller Schauspielkunst, der ich gebot.
Der Bahner also – so ein kleiner, feister und krummbeiniger Ladesergeant der Donar & Cie – zeigt mit glänzenden Augen zu den zernarbten Panzerplatten und den rußigen Vier-Zoll-Zwillingsrohren hinauf. „Großartich, was?“, schreit er. „Das kriegste nich mehr oft zu sehn, jetzt, wo se die Polyprops statt die Hochlader baun. Un auch bei die Hochladers is die Preußisch Blau eine vonne größten. Ohne Fracht gut neunzich Doppelschritt vom Räumer bis Schleppschild! Seit zwölf Jahren auffer Asienroute, durch Wüste un Krieg, un is immer durchekommen!“
Indes rumpelt der Liberator sachte gegen den Postwagen. Der macht, im Verein mit achtzehntausend Tonnen Kohlen in den Erzschütten und dem Reiter einen zierlichen Hüpfer und lässt eine letzte Salve Steine zerknallen.
Einer der Kuppler, die dicht an der Rollgrube bereitstanden, flucht plötzlich und hält sich den Arm. Blut sickert ihm durch die Finger; ein Splitter hat ihn gestreift. Sein Ärger gilt aber nicht dem klaffenden Schnitt, sondern der zerrissenen Jacke und den Flecken darin.
„So sinse“, stellt der Ladesergeant melancholisch fest. „Fleisch wächst von allein, Jacken nich.“
„Ein seltsamer Grund, deshalb dem Überdauern der Jacke die größere Bedeutung beizumessen“, wirft die Chinesin neben uns in deutscher Sprache ein. Solcherlei freie Rede, Herrschaften, gilt den Frauen im Reich des Himmelssohnes für äußerst anstößig und verblüffte uns einigermaßen. Die junge Dame im kostbar bestickten Qipao – ihr hoher Wuchs und die ungebundenen Füße wiesen sie als eine Mandschu aus – entgegnete unserem Schweigen mit einem Lächeln und Kopfneigen. Mein Nebenmann zeigte sich weniger höflich.
„Un? Seid ihr schlauer?“, pöbelte er, „Eure Konfuziusse, oder Buddhas, oder wie die heißen, die sagen doch, dass nix ewig is un man darum zu nix werden muss, wenn man ewig leben will! Is doch saublöd, so was. Da lob ich mir die Uniform von mein alten Herrn.“
„Zu keinem Ziel werden mehr Wege gebahnt“, stellte die Chinesin mit einer erneuten Verneigung fest, „als zu einem unerreichbaren.“
Der Bahner spuckte auf den Boden. „Un so sin die“, er deutete mit dem Daumen nach der Chinesin, „noch´n Kückenflaum am Leib, aber in Sprichwörtern redn. Wenigstens isses nur die eine. Wenn sich mehr Passagiere auffe Wüstenroute trauten, wär der Postwagen ratzfatz voll un ich könnt auffe Greif oder auffe Malmer warten, um heimzukommn. So hat der große Krieg auch sein Gutes, eh? Oder biste dahin kommandiert?“
… Aber ich sehe, Herr Doktor beginnen unruhig zu werden; sehr begreiflich angesichts solchen Geschwätzes. Herrschaften haben wohl einen Eindruck von dem Ladesergeanten gewonnen; kann mich darum jetzt kürzer fassen. Hatte ja bereits der Natur meiner Mission Erwähnung getan. Herrschaften können sich meine peinlichste Verlegenheit ausmalen, als über die ganze Zeit, in der die Preußisch Blau gekuppelt und abexaminiert wurde, kein weiterer Reisender erschien. Hatte mein Mann einen anderen Weg nach Europa gefunden? Blieb er in Fushun? Oder hatte er sich schon irgendwo an Bord versteckt? Und vor allem: Was war zu tun, wenn er nicht kam? Fahren oder bleiben?
Indes: Das Dampfhorn der Preußisch Blau dröhnte zur Abfahrt; ich entschloss mich und nahm mit meinen beiden Mitreisenden in einem der engen und unbequemen Abteile auf dem vierten Deck des Postwagens Platz. Sie dürfen mir glauben, dass mir mehr noch als die Sitze schwärzeste Sorgen die Abreise verdarben.

* * *

„Humbug, Madame, alles Humbug! Das, hm, Übersinnliche nicht weniger denn die Fortdauer der, hm, Seele. Nein, Madame, uns Männern der Wissenschaft ist diese ganze Angelegenheit eine Mischung von Hörensagen, atavistischen Feigeleien und der Unfähigkeit sich des, hm, Verstandes kritisch zu bedienen.“
Ob dieser Blasphemie des Doktor R. schlug sich Madame de Muellher die Hand vor den Mund und das, was Maidlyn ihre Schleppe („Etwas, das sich an den Hals zu hängen um so größere Anerkennung hervorruft, je mehr Schmutz es aufzuwirbeln imstande ist.“) nannte, tat es ihr erregt flüsternd nach. Einigen gelang es sogar, trotz der Ofenglut und des genossenen Weines und Konfekts zu erbleichen.
Doktor R. dagegen blähte bedeutungsvoll die Brust über dem beträchtlichen Embonpoint. Die Szene glich Luthers Thesenanschlag, interpretiert durch die Laienspielgruppe eines Hühnerstalls.
Maidlyns Lächeln in Verbindung mit der Kaminuhr über ihrer Schulter erschienen mir plötzlich als ablaufende Zeitbombe. Nur unter grober Beschädigung des Anstands hätten wir uns schon jetzt empfehlen können, doch schien das ein unbedeutendes Opfer verglichen mit dem, was die Karrieren, das Ansehen und die Selbstachtung der Anwesenden erwartete, falls diese schwachhirnige Teegesellschaft Maidlyn weiter aufreizte.
Maidlyn gilt allgemein für „scharfzüngig“. Unvorsichtigerweise pflegt man mit diesem Begriff ein Kartoffel- oder Obstmesser zu verbinden, und keine Guillotine.
Sie schöpfte bereits Atem, um den Doktor zu zergliedern, als ihr jemand zuvor kam: „Erlaube mir, Herrn Doktor darin zu widersprechen!“
Als Retter des ahnungslosen Doktors zeigte sich der königliche Rittmeister Gregor Jagan – übrigens einer derjenigen, denen sich Madames „circle extraordinaire“ heuer zum ersten Male geöffnet hatte. Eigentümlicherweise nicht nur ihm, sondern auch seiner kleinen Reisetasche, die er bei der Chaiselongue abgestellt hatte, anstatt sie dem Mädchen zu übergeben. Dennoch hatte Madame ihm bereits während der Sahnetörtchen die Gunst ihrer Konversation erwiesen.
„Erlaube mir, Herrn Doktor darin zu widersprechen“, erklärte also Gregor Jagan schneidig, in blitzender Uniform und tadelloser Haltung. „Habe da gerade neulich ein Ding erlebt, das geeignet sein dürfte, Ihre These ernstlich zu probieren.“
„Soso?“, erkundigte sich Doktor R. gedehnt, „Dann bitte ich, mir den, hm, Casus vorzutragen. Er soll mir die willkommene Gelegenheit sein, an meinen, hm, Mitmenschen aufklärerisch zu wirken, Herr Rittmeister.“
Jagan ignorierte des Doktors Tonfall und befeuerte noch einmal Lippen und Geist durch einem kräftigen Schluck Burgunder, bevor er begann:
„Der Fall betrifft einen … nun, einen Mann. Sein Name ist möglicherweise Kilian. Mehr über seine Identität zu sagen, wäre Spekulation. Werde darum den Herrschaften seine Karriere im groben darlegen, soweit ich Kenntnis von ihr…“
„Zur Sache!“, fiel ihm der Doktor ins Wort.
„Mit Vergnügen“, erwiderte Jagan steif. „Unsere ältesten Nachrichten über Kilian stammen aus Neu-Amsterdam, wo er vor einigen Jahren für einen ausgezeichneten Magnetiseur galt. Veranstaltete Vorführungen über den medizinischen Nutzen des magnetischen Schlafs, vor einer Reihe bedeutender Kapazitäten. Ging schließlich so weit, bei einer solchen Gelegenheit seine Assistentin zu vivisezieren. Sie fühlte offenbar keinen Schmerz, obgleich sie sich der Vorgänge bewusst war, wie ihre Antworten auf seine Fragen zeigten. Er – bitte den Ausdruck zu entschuldigen – weidete sie so weitgehend aus, dass ihr Tod unter anderen Umständen sofort hätte eintreten müssen. Als sie schließlich ihr eigenes, schlagendes Herz in der Hand hielt, weckte er sie und verließ den Saal.“

* * *

Am dritten Tag wurde mein Versagen Tatsache. Außer dem Personal waren nur Orn Stubbok und Liu Jiao Feng, meine Mitreisenden von Fushun, an Bord. Der Gesuchte war auch in Beijing nicht zugestiegen. Hatten nunmehr die Gobi erreicht, weshalb ich ihn für endgültig entkommen ansehen musste. Blieb nur, nach der Rückkehr meinen Abschied zu nehmen und der Ehre genüge zu tun.
Fand mich also in solcher Lage dem immerzu schwatzenden Orn Stubbok in dem erstickend heißen Abteil so dicht gegenüber, dass unsere Knie einander beinahe berührten. Fräulein Liu zu meiner Rechten studierte beständig eine Schriftrolle. Ihr ungewöhnlicher Freimut gestattete ihr offenbar, ohne Begleitung zu reisen. Hatte sie in meinem unvollkommenen Kantonesisch auf ihre Lektüre angesprochen, worauf sie in ihrem ausgezeichnetem, wenn auch nicht akzentfreien Deutsch antwortete, es handle sich um ein altes Buch, das einem entfernten Verwandten zu überbringen sie geschickt worden war.
Über diese Bemerkung hinaus ließ sie kein Bedürfnis nach Konversation erkennen. Hörte darum Stubboks Schwafeln gewissermaßen im Halbschlaf an, derweil ich seine Nähe und den Geschmack der Gummirollen in meinem Mund verfluchte. Die Landschaft war von stupender Öde und änderte sich sich den ganzen Tag nicht. Selbst der vorbeiziehende Rauch, der das winzige Fenster alle paar Stunden vollständig schwärzte, schien ein Fortkommen der Preußisch Blau nur vorzutäuschen.
Plötzliches Schweigen legte mir nahe, dass Stubbok auf irgendeine Frage Antwort erwartete. Dehnte indes die herrliche Stille bis an die Grenze der Beleidigung, ehe ich ihm einen fragenden Blick widmete.
„Was siehstn da draußen?“ wiederholte er.
„Täuschend offenes Gelände, mit vielen Senken, Felsen und Buschwerk. Bietet einem geschickten Trupp Trassenpiraten bis Kompaniestärke Deckung und Gelegenheit zu Hinterhalten. Schätze, etwas tiefer in der Wüste werden die Vierzöller zu tun bekommen, wenigstens vorbeugend“, gebe ich unbedacht die Einschätzung eines Offiziers zum besten.
„Tatsächlich, da haben Sie recht. Es ist ein Land wie eine Handfläche“, bemerkt er ohne jede Spur seines Bahner-Jargons. Mehr noch: Gerade noch hockt dort ein kleiner Mann mit den O-Beinen einer überwundenen Rachitis, dicklich, mit weichlichem Mondgesicht und ohne einen Funken esprit. Dann – in einem Lidschlag, verstehen sie, Herrschaften? – sitzt ebenda in tadelloser Haltung ein großer, schlanker Kerl und fasst mich scharf ins Auge! Und dennoch ist es zweifellos derselbe Mann!
Während er spricht, zieht er das blaue Halstuch seiner Uniform ab, knäult es in der Hand zusammen, schüttelt sie kurz und öffnete sie wieder. Das Tuch ist fort.
Sie können sich denken, Herrschaften, dass es mir in diesem Moment wie kochendes Eis durch die Glieder fährt! – Ist er der Gesuchte? – Hat er mich durchschaut?
Indes enthob mich Liu Jiao Feng einer unmittelbaren Antwort. Sie räusperte sich vernehmlich, beugte sich vor und zog das blaue Halstuch aus der Brusttasche des Mannes. „Vielleicht wird dem Herrn dieses Tuch nützlich sein, um die Blößen seiner Kunst zu bedecken?“ bemerkte sie kühl in Stubboks Richtung.
Applaudierte kurzentschlossen dazwischen: „Phantastisch – so sind sie beide Illusionisten?“
„Bedeutet Illusion nicht Täuschung?“, fragte Fräulein Liu, ohne den Blick von Orn Stubbok zu lassen. „Meine Kunst kennt keine Täuschung. Sie ist die ehrwürdige Tradition des einfachen Meisters.“
„Ich hingegen lüge gerne“, lachte Stubbok. „Ich mag die Rätsel, die in so einem Satz stecken.“
„Sie behaupten die Existenz wirklicher Magie?“
„Natürlich! Und Sie sollten dasselbe tun! Wenn Sie mir okkulte Fähigkeiten unterstellten, dann läge es außerhalb ihrer Verantwortung, dass mich ihre Maske nicht täuschen konnte. Und es wäre ganz unvermeidlich, dass sie den erlauchten Herren, in deren Auftrag sie reisen, nicht meine Person, sondern nur eine Nachricht von mir bringen werden: Ich lasse mich nämlich nicht für deren lächerlichen Zwecke instrumentalisieren.“
Er gab mir ein bedauerndes Lächeln lang Gelegenheit, mich zu fassen, und fuhr dann fort: „Natürlich ist ihr Skeptizismus nicht überraschend. Umso mehr freue ich mich, dass meine geschätzte Rivalin Liu Jiao Feng mir offenbar die Gelegenheit verschaffen will, ihre Zweifel, mein Herr, durch ein magisches Duell zu erschüttern. Ich habe sie doch recht verstanden, Fräulein Liu? Sie wünschten die Blößen meiner Kunst zu bedecken?“
„Sie haben mich vollkommen verstanden, Jingdi“, nickte sie, ohne ihn aus dem Blick zu verlieren. Stubbok – ich sollte sagen: Kilian – wandte sich wieder an mich: „Darf ich Sie dann bitten, sich als Unparteiischer zur Verfügung zu stellen?“
„Sind denn unter Zauberern die Damen satisfaktionsfähig?“
Liu Jiao Feng lächelte, während sie antwortete: „Mehr als das. Viel mehr.“

* * *

„Und weiter?“ dröhnte Madame de Muellhers unreiner Mezzosopran durch die plötzliche Stille.
„Es gelang ihm, in den Westen zu entkommen, Madame.“
Sie wedelte ungeduldig mit dem Fächer: „Nicht doch! Ich meine, was ist mit seiner Assistentin passiert?“ Dieser Frage folgte eine gänzlich andere Stille, bis Jagan zu einer Antwort fand.
„Sie wurde unter großer öffentlicher Anteilnahme begraben, Madame. Entsinne mich, dass einer der Ärzte dabei einen hysterischen Anfall erlitten haben soll.“
„Hach!“ seufzte Madame und schneuzte sich befriedigt, derweil das chronische Tuscheln ihrer Schleppe erneut anhob, „Und Kilian entkam, sagten Sie?“
„Korrekt, Madame. Unsere nächsten Nachrichten von ihm datieren einige Monate jünger. Man hegt ja in einigen der konföderierten Staaten noch Groll gegen die Neger, besonders jene, die fortliefen und die Waffen auf Unionsseite ergriffen. Nahm da nun ein junger Mulatte mit dem stolzen Gebaren eines Revolvermannes Quartier im Städtchen P. in Tennessee. Dürfte wohl kaum überrascht gewesen sein, als die Bürger nachts seine Zimmertür erbrechen – tatsächlich harrt er der Männer mit Revolvern in den Fäusten. Wagte dann aber doch keinen Schuss, sondern ging mit ihnen zur Galgenhöhe, wo man bereits die ganze Einwohnerschaft samt Frauen und Kindern versammelt fand. Der Mulatte erhielt nun seine Lektion in Demut und darüber noch eine kräftige Mahnung an die Negerschaft insgesamt. Dieser spezielle Kerl war allerdings stumpf und duldete stumm wie ein Tier. Dadurch zuäußerst erbost, hatten die Bürger ihm bereits die rechte Hand zuschanden gemacht und ein Auge genommen, ehe sie von ihm abließen und ihm empfahlen, das Städtchen vor Morgengrauen zu verlassen. Man sah ihn auch bald blutend forthinken. Die Kinder warfen Steine und spielten den Tag über Niggerdreschen.
Indes, kurz nach Einbruch der Dunkelheit kehrte er zurück und klopfte an die Tür des ehrenwerten Friedensrichters Copper. Dieser Herr gehörte den Kukluxiern an und bewirtete gerade einen durchreisenden Ordensoberen, da er solchermaßen gestört wurde. Copper sah die kleine Gestalt im großen Schlapphut kaum an, da rief er schon seinem Gast zu, dass diese Nacht noch eine ernste Arbeit anstünde. Der Obere befahl den Delinquenten zu sich und schickte Copper aus, das örtliche Kapitel zusammenzurufen. Als sich die Männer in ihren weißen Roben versammelt hatten, trat der Obere, ebenfalls festlich angetan, hinaus. Vor sich her trieb er den gebundenen Mulatten, dem er einen Kohlensack über den Kopf geworfen hatte, darauf ein krudes Spottgesicht gemalt war. So prügelte der lustige Zug den Mulatten durchs Städtchen auf die Galgenhöhe, wo er an ein rasch aufgestelltes Holzkreuz gebunden wart. Dort verfuhren sie mit ihm, wie Kukluxier mit den Negern zu verfahren pflegen, und die stumme Gegenwart des Oberen stachelte sie noch zu besonderen Dingen an. Copper, der sich als würdiger Anführer des Kapitels erweisen wollte, war in allem der erste, phantasievollste und grausamste. Als ihre rasende Tollheit sich im Morgengrauen erschöpfte, fanden sie die Haut des schwach zuckenden Krüppels, wo sie noch auf dem Fleisch haftete, seltsam hell. Man suchte Rat beim Oberen, doch der war verschwunden. So zog denn schließlich Copper selbst die Maske ab. Er blickte in die blutigen Augen seines eigenen, geknebelten Sohnes.“
„War der Obere…?“ hauchte eine aus Madames Schleppe.
„Gewiss, mein Fräulein. Kilian, wie sein Signalement zweifellos ergab. Die Einwohner von R. behaupteten, er habe durch Hexerei den Sohn des Friedensrichters unkenntlich gemacht. Der Mulatte übrigens erwies sich als Kilians Genosse; ein Kerl namens James Jerry Morris. Man kannte die beiden später im Westen als den Teufelsdoktor und den Linken Tod.“
„Ich muss doch sehr, hm, bitten!“, unterbrach Doktor R. den Rittmeister.
„Solcherlei abgeschmackte Ammenmärchen kennen wir zur Genüge. Wenn diese, hm, haltlosen Behauptungen ihren Casus bilden sollen, darf ich ihnen Madames, hm, Pudel als Widersacher empfehlen … der ein, hm, ungewöhnlich kluges Tier ist“, setzte er noch hinzu, als er Madames dräuenden Blicks gegenwärtig wurde.
„Werde mit Vergnügen konkreter werden, wenn Herr Doktor mir die Höflichkeit seiner Geduld erweisen wollen. In der Tat sind dergleichen Ammenmärchen Legion und jeder Varieté-Taschenspieler bemüht sich um einen Nimbus von ihnen. Bei Kilian allerdings liegt die Sache anders. Nachdem er der neuen Welt den Rücken gekehrt hatte, lebte er eine Zeit lang in der Bremer Fleetstraße. Firmierte dort unter dem Namen von Kempelen.“
„Etwa der Falschmünzer? Der in Wahrheit aber herausgefunden hatte, wie man Blei zu Gold macht?“, zwitscherte ein Mitglied von Madames Schleppe aufgeregt. Der Rittmeister nickte Bestätigung, der Doktor zog ein Gesicht. „Es stand in allen Zeitungen! Hach, es war so aufregend! Man hatte ihn verhaftet, nicht wahr, und eines Tages war er einfach nicht mehr in seiner Zelle! Den Alchimisten haben ihn die Zeitungen getauft, und er soll so einen… einen Stein gehabt haben, für die Goldmacherei und der soll auch ewige Jugend geben“, sprudelte sie heraus, bevor der Rittmeister ihr ins Wort fiel: „Sehr richtig, Mademoiselle sind ausgezeichnet informiert. Allerdings verfügte er nicht über den Stein der Weisen; hatte lediglich ein chemisches Verfahren zur Goldherstellung entwickelt. Dessen Geheimnis er im Übrigen mit sich nahm, was den Geheimen Rat Stolte völlig ruinierte und seine Töchter zunächst in fremde Dienste und zuletzt in Ludenhände brachte. Nach seiner Flucht gab er sich für einen Dr. Mohammed Darasche-Koh aus und praktizierte eine Weile als Anatom, bevor er mit einer Kuriositäten-Schau durch die Lande fuhr.“

Ich – und dem Anschein nach auch der weit größte Teil der Gesellschaft; gewiss aber zumindest Doktor R. – fühlte ob dieses Namens eine Beklemmung in der Brust. Das Geschäft des Anatoms und des Präparators muss Verstörung in jeder Seele hervorrufen, die nicht wissenschaftlich kalt oder abgestumpft ist. Aber Darasche-Koh hatte es nicht mit Rücksichtslosigkeiten gegen Leichen bewenden lassen sondern war weit darüber hinaus gegangen.
Man war hinter sein Geheimnis gelangt, nachdem einige angesehene Männer in sein Haus in Prag eingebrochen waren. Sie waren von einem unbestimmten Verdacht zu ihrer Tat getrieben worden, da ein gemeinsamer Freund, ein erklärter Todfeind des Darasche-Koh, unversehens starb und eben jener giftkundige Anatom Anspruch auf die Leiche erhob. Er führte als Beleg eine Quittung über eine beträchtliche Summe an, dafür ihm der Verstorbene zu Lebzeiten seine sterbliche Hülle vermacht habe.
In der Studierstube Darasche-Kohs fanden die Männer das Haupt ihres Freundes als grausames memento mori in eine Wanduhr eingearbeitet. Sie suchten noch die Fassung wiederzugewinnen, als die Uhr schlug. Die Lider des abgetrennten Kopfes hoben sich, der Mund klaffte auf und – lallend und schnarrend – hörten die Männer ihn die Zeit ansagen. Er war, auf teuflische Weise mit künstlichen Organen verbunden, lebendig präpariert!
Die Hand desselben Mannes diente als Türklinke der Stube, so dass seine Freunde, um herauszukommen, gezwungen waren, sie zu drücken.
Halb von Sinnen die Polizei alarmierten sie schließlich die Polizei. Allein, auch da Darasche-Koh durch die Ermittlungsbehörden auf einer Spur menschlichen Elends und entsetzlicher Verstümmelungen quer durch Europa gejagt wurde, konnten sie seiner doch nicht habhaft werden.
Der Rittmeister, der in seiner Erzählung kurz innegehalten hatte, um dem erregten Flüstern Raum zu geben, musterte ernst den Doktor R., der an seiner Lippe nagte, und fuhr fort:
„Ich sehe, Herrschaften belieben sich des Namens zu erinnern. Gesucht und von schwersten Strafen bedroht, musste Darasche-Koh alias Kilian der Aufenthalt in Europa äußerst unbequem sein. Wandte sich darum nach Asien. Das war die Lage, als sich bestimmte, erhabene Autoritäten meiner erinnerten und mich, mit den weitest reichenden Vollmachten versehen, aussandten, Kilian zu fassen und zurückzubringen. Es war eine schwierige Jagd, die schwierigste, die ich je unternommen habe.
Erlaube mir, um das Zartgefühl der Damen zu schonen, nur die Andeutung, dass ich ihm bis in die Hochebene von Leng verfolgte. Nur unter der äußersten Anspannung aller Kräfte gelang es mir nach wenigen Tagen, von dort zu entkommen. Trug ein schweres Nervenfieber davon, das mich zwei Monate niederstreckte. Indes, ich hatte Glück im Unglück: Kilian blieb nahezu ein halbes Jahr unter den … in jenen … in jener Gegend. Verlor seine Spur also nicht vollständig. War ihm dicht auf den Fersen, als er sich in den Dienst des chinesischen Kaisers im Krieg gegen den Zaren stellte. Als ich schließlich zum ersten Minister des Himmelssohnes vorgelassen wurde, hatte dieser Kilian bereits seinen Abschied gegeben. Der Himmelssohn war derartig entsetzt von Kilians Erfolgen, dass er lieber den Krieg verlieren wollte, als den Zauberer länger in seinem Reich zu dulden. Es ergaben sich jedoch für Kilian einige Schwierigkeiten bezüglich der Rückreise, die es mir ermöglichten, seine Spur in Fushun wieder aufzunehmen.“
Madames mondkalbiger Ausdruck gab dem Doktor Gelegenheit, wieder etwas Terrain zu gewinnen, denn er hatte sein Konversationslexikon gut studiert:
„Sie sprechen von jenem, hm, ungeheuerlichen Renommierprojekt des chinesischen Kaiserhauses?“ Und sich direkt an Madame wendend, fuhr Doktor R. fort: „Denken sie nur, Madame, es wurde dort eine neue, hm, Stadt errichtet, nach den modernsten Erkenntnissen und Erfordernissen unserer, hm, Zeit, und das direkt neben der alten Stadt Fushun. Man kann nun dort mit einem Blick das neue mit dem, hm, alten China vergleichen. Ein ungeheuerlicher Aufwand wurde betrieben! Die modernste Bergbaustadt ganz Chinas; auf einen, hm, Schlag errichtet! Dennoch bin ich davon überzeugt, dass dieses, hm, neue Fushun, hätte man es neben unserem guten alten Grollmar errichtet, gewissermaßen, hm, gelb vor Neid würde.“ Der Doktor erntete wohlgefällig das Gekicher der Damen, das zu unterbrechen ich mich nicht enthalten konnte: „Meinen Sie in Bezug auf unser unerreicht hohes Verhältnis von toten Bergleuten pro Tonne geförderten Erzes, die Kinder nicht gerechnet? Oder eher wegen der vorhergesagte Lebensdauer Grollmars, wenn seine Fundamente weiter so unterwühlt werden? Professor Kühn sprach letztlich von äußerstenfalls noch einigen Dekaden bis zum völligen Zusammenbruch, nicht wahr?“
„Ich, hm, dachte an den Wohlstand und die, hm, Kultiviertheit seiner Bürger, mein Herr“, trumpfte der Doktor süffisant auf, „aber möglicherweise befinde ich mich diesbezüglich in, hm, Einzelfällen im Irrtum.“
„Du würdest dich weniger oft blamieren, Athanasius“, bemerkte Maidlynn kühl, „wenn du besser zuhören würdest. Hat nicht unser geschätzter Doktor während der Sahnetörtchen bemerkt, dass etwa die buddhistische Kultur den Grad menschlicher Vollkommenheit an der Größe des Embonpoints misst? Diesbezüglich werden die Bürger, von denen er spricht, in einem Einsturztrichter liegend sogar noch mehr Neid erregen, als bei ihrer Selbstvervollkommnung an der Konfekttafel.“
Eisige Stille breitete sich aus, bis der Doktor sich an den ausdruckslosen Rittmeister wandte: „Passiert nicht unsere, hm, Erzbahn die Stadt?“
„Durchaus. Kilian fand sich übrigens gezwungen, gerade auf dieser Bahnlinie heimzukehren. Heim ins gute, alte Grollmar.“

* * *

Erlaube mir, an dieser Stelle dem Herrn Doktor besondere Aufmerksamkeit zu empfehlen, da ich nun den eigentlichen „Casus“ zu berichten habe … sehr verbunden.
Liu Jiao Fengs Blick war also dergestalt schlangengleich auf Kilian geheftet, dass aus ihrem Lächeln Gift tropfen zu sehen mich wenig erstaunt hätte. Er jedoch erläuterte mir gelangweilt meine Aufgabe: „Ein Duell in unserer Zunft ist eine einfache Sache. Die Waffen stehen von vornherein fest, man ist nicht auf irgendwelche Vorbereitungen angewiesen und benötigt im allgemeinen noch nicht einmal einen Unparteiischen, da gewöhnlich der Schnellere beginnt. Aber da wir nun einmal den Vorzug ihrer Anwesenheit genießen – geben sie doch bitte das Zeichen zum Anfang.“ Damit lehnte er sich zurück, verschränkte die Hände hinterm Kopf und schloss die Augen.
„Fräulein Liu?“ frage ich.
„Auf ihr Zeichen“, erwidert sie, die Hand auf der Schriftrolle.
Also zähle ich.
Indes – nichts geschieht. Wiederhole also noch einmal meine Aufforderung – wieder nichts. Kilian scheint zu schlafen und Liu Jiao Feng beobachtet ihn. Das Abteil dröhnt vom vertraute Donnern und Fauchen der Preußisch Blau. Ein paar Schweißtropfen glitzern auf Kilians Stirn. Fräulein Lius Blick fliegt hierhin und dorthin, bevor er sich wieder auf Kilian richtet. Kilian zittert eine Nuance mehr, als die Bewegung des Postwagens rechtfertigt. Fräulein Liu errötet. Ihr Blick ist auf mich gerichtet. Studiere ihr Gesicht genau. Der Mund ist leicht geöffnet und zeigt die Zungenspitze, die Augen tanzen auf und nieder, als wollten sie etwas mitteilen, aber sie schweigt. Das Rot ihres Gesichts vertieft sich. Ist fast schon bläulich. Begreife endlich ihren Blick und senke den meinen: Meine Hände liegen um ihren Hals und würgen sie! Sofort lasse ich sie fahren. Meine Entschuldigungen schneidet sie mit einer heftigen Gebärde ab und deutet zum Fenster, das sich rasend schnell verfinstert.
„Kara Buran“, röchelt sie, da prickeln schon die ersten Körner des Sandsturms gegen das Glas. Reiße also den Hebel herunter, der die Panzerlade vor das Fenster fallen lässt, aber der Sand ist schneller. Kaum die Hälfte der Scheibe ist geschützt, da bleibt die Lade knirschend hängen. Erst jetzt heult die Sturmsirene der Preußisch Blau. Es ist jetzt vollkommen dunkel; entzünde also nach einigem Herumtasten die Lampe. Kilian liegt reglos und Schweiß rinnt ihm die Schläfe hinab. Fräulein Liu massiert sich geistesabwesend die Würgemale. Wende mich dem Fenster zu. Schon dringt Staub herein – die Dichtungen lösen sich unter dem Schmirgeln des feinen Staubs rasch auf. Die Scheibe ist bereits vollkommen blind und wackelt, dahinter bewegt sich etwas wie sirrender, bräunlicher Mokka. Fräulein Liu drängt sich neben mich, legt die Linke auf die Abteilwand dicht neben dem Fenster und murmelt rasend monoton in einem mir unbekannten chinesischen Dialekt. Die Dichtungen haben sich völlig aufgelöst, die Scheibe rappelt lose in der Metallfassung und zeigt bereits erste Sprünge. Ätzend metallisch schmeckender Staub wirbelt ins Abteil und bringt mich zum Husten. Dann knirscht plötzlich etwas und die Panzerlade ruckt ein Stück hinab – noch eines – und schließt endlich malmend. Öffne die Tür zum Gang, um die Staubwolke abziehen zu lassen und zerre zugleich die hustende Mandschu hinaus in die verhältnismäßig bessere Luft. Ihre linke Hand ist blutig feucht. Kilian liegt immer noch still im Abteil. Fasse Verdacht und gehe zurück. Eine feine Schicht Staub bedeckt ihn, von seinem Schweiß dunkel gemustert. Aber sie liegt auch ungestört auf den Lippen und um die Nasenlöcher!
„Was haben Sie getan?“, frage ich über die Schulter.
„Ich … habe nicht … auf ihr Zeichen gewartet“, hustet Liu Jiao Feng. „Mein Buch … ist das Baopu Zi, in dem … das Geheimnis des ewigen Lebens niedergelegt ist. Ich habe viele, viele Jahre benötigt, um es … auf die entgegengesetzte Weise lesen zu lernen. Ich habe ihn getötet … als ich seine Brust berührte, während ich das Tuch aus seiner Tasche zog.“
„Und mein – Angriff?“
Sie nickte. „Er. Als ich Sie zu Verstand brachte, rief er den gelben Drachen, den Wüstensturm. Aber der Buram ist hier nicht zu Hause und wird bald seine Kraft verlieren.“
„Aber warum das Ganze?“
Sie starrte mich mit brennenden Augen an: „Sie machen sich keine Vorstellung, was er meinem Volk durch seine Dienste im großen Krieg angetan hat. Von den Mongolen und Russen ganz zu schweigen. Sagt man in ihrem Land nicht: Staub zu Staub?“ Sie spuckt dem Leichnam ins Gesicht.
Dessen Lippen verziehen sich zu einem spöttischen Grinsen. „Wie respektlos, Jiao Feng. Weißt du denn nicht, dass die Toten stets zurückkehren, um solche Beleidigungen zu rächen?“ Er öffnet die blutunterlaufenen Augen und mir wird klar, dass ich nicht sagen kann, welche Farbe sie eigentlich haben. Er leckt sich mit seiner schwarzblutigen Zunge die aufgesprungenen Lippen und kichert. „Ein Glück, dass ich ein so friedfertiger Mensch bin. Und dass ich ebenfalls nicht auf ihr Zeichen gewartet habe. Sehen Sie, mein Bester, das war eine Demonstration gewissermaßen akademischer Magie. Ich für meinen Teil bin Traditionalist und schätze darum vor allem die Kunst der Verwandlung. Nein“, sein Kichern jagt einen Schauder über meinen Rücken, „fürchten sie nicht um Fräulein Lius Figur! Ich werde nicht sie verwandeln, sondern mich selbst – oder besser, ich habe das bereits getan, als sie meine Schauspielkunst zu bewundern beliebten.“ Er schnippt mit den Fingern. „Raten Sie, was ich bin!“
Ich schüttele verwirrt den Kopf. „Immer noch derselbe. Was soll das? Ein miserabler Witz?“
„Ich, mein Herr, bin nunmehr eine Vorstellung“, grinst er wie ein Totenschädel.
„Und ich, mein Herr, bin nunmehr wieder an der Reihe“, zischt Liu Jiao Feng, ihr Buch entrollt. Aus ihrem Mund dringen Laute, die sich in meinen Kopf fressen, als drehte man mir langsam Korkenzieher durch die Gehörgänge. Meine Augen schwimmen plötzlich in Tränen und ich muss eine heftige Übelkeit gewaltsam herunter schlucken. Kilian stöhnt gequält. Eine schwarze, kalte Wolke scheint das Abteil zu verdunkeln. Ich kann nicht mehr atmen. In Todesnot will ich der Hexe an meiner Seite den Mund zu halten, kann mich aber nicht rühren. Meine Glieder kribbeln unerträglich, kalter Schweiß trieft mir vom Leib – die Wolke verdüstert sich, fast ist es schon schwarze Nacht – da! Ein gellender Schrei, ein grässlich gurgelndes Röcheln und die Worte, wenn es denn Worte waren, verstummen.
Brauchte sicher einige Minuten, bis ich mich weit genug erholt hatte, mir ein Bild der Lage zu verschaffen. Kilian war verschwunden. Wandte den Blick zu der Hexe neben mir um. Sie saß vornüber gekrümmt über einer Pfütze Auswurfs, schneeweiß, von Krämpfen geschüttelt und heftig keuchend. Sich langsam erholend, sah sie sich hektisch um. „Haben Sie…?“ begann ich, aber sie unterbrach mich: „Wo ist er?“
Dann fiel ihr Blick auf das halb entrollte Manuskript in ihrem Schoß. In einem Augenblick wurde sie so bleich, dass sie schwankte – dann schoss ihr das Blut gewaltsam ins Gesicht und sie fluchte, wie ich noch nie jemanden fluchen gehört habe. Die chinesischen Zeichen der Schriftrolle waren ausgelöscht. An ihrer Statt erschien dort eine europäische Hand, schrieb, und verblasste gleich wieder.
„Er hat das Baopu Zi zerstört!“, schrie Liu Jiao Feng schließlich.
Es war das letzte Wort, das ich aus ihrem Munde hörte. Sie verschwand in der folgenden Nacht. Wahrscheinlich ist sie vom Zug gesprungen. Falls sie den fürchterlichen Sturz überlebt hat, wird sie in der Wüste zugrunde gegangen sein.“

Der Rittmeister Jagan schwieg.
„Wie eine Handfläche“, murmelte Maidlyn in die betroffene Stille hinein.
„Und jetzt verlangen Sie wohl von mir eine, hm, natürliche Erklärung für, hm, ihre Erlebnisse?“ erkundigte sich der Doktor.
„Keineswegs, Herr Doktor. Bin nun mal der einzige Zeuge der Angelegenheit. Könnte durch einen rhetorisch versierten Mann leicht diskreditiert werden, wenn schon nur in der Weise, das mein Erlebnis unter einer Mischung von magnetischen Einflüssen und Taschenspielerei entstand.“
„Dann ist ihr, hm, Casus wohl hinfällig“, triumphierte Doktor R.
„Gewiss“, stimmte Jagan ihm zu, „sobald Sie mir erläutert haben, warum dieses Buch in der Lage ist, mir zu antworten.“
Jagan reichte dem Doktor eine umfangreiche Schriftrolle aus der Tasche, die er bei der Chaiselongue abgestellt hatte, und trat beiseite. Doktor R. entrollte sie und alle drängten sich, ihm über die Schulter zu schauen. Auch ich hatte mich in Madames atemlos staunende Schleppe verfügt. Und tatsächlich, es erschien eine Schrift dort und verblasste gleich wieder, wie von einem Streiflicht erhellt oder von der Hand eines Geistes geschrieben. Folgendes war zu lesen:
… Guten Tag, Herr Doktor … was halten sie von meinem Kniff? …
Doktor R. erbleichte und seine Hände zitterten so sehr, dass er beinahe die Rolle fallen gelassen hätte. Mehrere Damen quiekten auf, zwei fielen in Ohnmacht, aber niemand kümmerte sich darum.
„Hm, hm, wer, hm, sind Sie?“, stammelte der Doktor.
… Der Rittmeister hat mich doch recht ausführlich vorgestellt …. ich … bin … Kilian … oder besser: … ich bin eine Vorstellung von Kilian … nur eine Vorstellung … und darum in einem Buch gut aufgehoben …
„D-das kann unmöglich sein!“, stöhnte der Doktor, aber schon antwortete die Schrift:
… Sie zweifeln? … Soll ich mich deutlicher zu erkennen geben? …
Doktor R. sah mit wild rollenden Augen um sich und keuchte schließlich totenblass: „Können sie sich materialisieren?“

„Gewiss.“ sagte eine fremde Stimme hinter uns. Dort, in einer der Türen zum Speisezimmer, stand Kilian, wie er beschrieben worden war, in der Uniform des Orn Stubbok mit seinem preußisch-blauen Halstuch und winkte dem Doktor einen Gruß zu. Der, Madame de Muellher und einige weitere Damen sanken ohnmächtig nieder. Kilian lächelte, machte einen Schritt zurück und schloss die Tür hinter sich.
Als der darauf folgende Tumult im Salon sich ordnete, trat Rittmeister Jagan vor, nahm dem Doktor, dem ich gerade Kognak zur Stärkung einflößte, die Schriftrolle sachte aus der Hand und verstaute sie sorgfältig wieder in seiner Tasche.
Maidlyn klatschte vergnügt in die Hände: „Wünschten Sie jetzt nicht auch, Herr Doktor, dass ihr Verstand Hörensagen und Urängsten ebenso gut gewachsen wäre wie ihr Gerede? Was sagen Sie? Gibt es nun ein Übersinnliches oder nicht?“
„Ich, hm, ich muss gestehen, hm, dass ich, hm, meine Position in dieser Frage überdenken muss.“ Er starrte voller Grauen auf die Tasche des Rittmeisters.
„Meine Damen und Herren!“, wandte sich Maidlyn an die Runde und deutet auf den armen Doktor. „Sie sehen hier jemanden, der an die Macht des Verstandes glaubt. Er könnte ebenso an einen beliebigen anderen Fetisch glauben – stets in Furcht vor irgendeinem mächtigeren Totem, das seinen Weg kreuzen könnte. Sie sehen, meine Damen und Herren, einen Primitiven, gewickelt in einen Lendenschurz von Wissenschaft.“
Madame, die sich als Gastgeberin herausgefordert fühlte, wenn jemand anderer als sie selbst ihre Gäste bloßstellte, bemühte sich um einen möglichst spöttischen Tonfall, als sie Maidlyn entgegnete: „Ach, meine Liebe, dann können sie uns ja gewiss eine wissenschaftliche Erklärung für dieses unerhörte Wunder geben?“
Maidlyn lachte: „Natürlich – aber können sie sie ertragen? Sie ist nämlich ganz einfach: Mein Bruder ist aus China zurück!“
Und mit einem Griff zog sie ein preußisch-blaues Halstuch aus Rittmeister Jagans Rockkragen, der sich lächelnd verneigte. In die Stille, durch die sich leise Zweifel in die Versammlung schlichen, fragte sie fast flüsternd:
„Warum seid ihr Glaubenden nur so versessen auf Wunder an der einzigen Stelle, wo keine sind?“

Und so erwies mir just an dem Tage, da ich ihn kennen lernte, mein Schwager Kilian den nicht geringen Gefallen, dafür zu sorgen, dass weder Maidlyn noch ich jemals wieder in den circle extraordinaire der Madame de Muellher eingeladen wurden. Alles in allem war es ein wirklich gelungener Abend. Meinen Sie nicht auch?

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