Das Sündenmännlein

(Diese Geschichte ist nicht von mir, sondern von Maidlyn! … deswegen findet sie vermutlich auch Leser … ;o)
Sie ist wie mein Galgenmärchen Teil der „Unmärchen“-Lesung gewesen, die wir gestern gehalten haben. Viel Spaß damit!)

    * * *

Es war einmal… es war einmal… tief in den innersten Kreisen der Hölle…

Die schmutzverkrustete Fratze des Alten beugte sich so tief über Noirs Gesicht, dass er fauligen Atem riechen konnte.

…ein buckeliges Männchen, das NICHT Rumpelstilzchen hieß!

Der Alte lachte laut und keckernd, wie eine Ziege.

Rumpelstilzchen! RU-HUMpelstilzchen! Habgierig seid ihr, Könige wie Bettler! Und so unermesslich…

    DÄMLICH!

Das letzte Wort brüllte das bucklige Männchen Noir so laut ins Ohr, dass der hellwach und japsend im Bett saß.
Es dauerte einige Sekunden bis er merkte, dass das Geschrei nicht aufgehört hatte. Keine Worte diesmal. Nur ein Wimmern, unterbrochen von Schreien, wie von einem sterbenden Tier.
Nicht schon wieder… Widerwillig wälzte er sich aus dem Bett und schlurfte los. Er machte sich gar nicht erst die Mühe ein T-Shirt überzuziehen, Lucy würde es ohnehin nicht bemerken. Ohne anzuklopfen polterte er in ihr Zimmer.
Da lag sie, in ihrem Bett, das viel zu groß war für sie, und kämpfte mit dem Bettzeug. Wie jede Nacht. Ohne nachzudenken verfiel Noir in die Routine, die er sich im letzten halben Jahr angewöhnt hatte. Rütteln, ansprechen, Decken wegziehen, noch einmal rütteln.
„No-ah?“ Riesige seeblaue Augen blickten ihn an ohne zu begreifen.
„Na endlich“, knurrte er. „Schlaf wenigstens bei mir, damit ich mir den Weg spare.“ – „Oh.“ Langsam dämmerte Begreifen auf ihrem Gesicht. „Hab‘ ich diesmal lang gebrüllt?“ Noir zuckte die Achseln und grinste hoffnungsvoll. „Du weißt, mein Angebot steht. Ich verspreche auch, meine Hände bei mir zu lassen.“ Lucy verdrehte die Augen und schob den Versuch als Ablenkungsmanöver beiseite. Ihr Blick glitt desinteressiert über ihren nur mit Boxershorts bekleideten Mitbewohner hinweg. Noir seufzte resigniert. So etwas konnte ganz schön am Selbstbewusstsein kratzen.
„Wenn du nix gegen diese Albträume unternimmst, dann mache ich was.“

Doch diese Drohung wahrzumachen war gar nicht so einfach. Den nächsten Tag hing Noir im Internet. Eine Webseite einer Universität versprach Hilfe – allerdings mussten die Betroffenen dazu direkt nach dem Aufwachen ihre Albträume in ein Onlinetagebuch schreiben. Lucy konnte sich aber an ihre Träume nie erinnern. Behauptete sie zumindest. So funktionierte es also nicht.
Als sie von der Uni nach Hause kam, war Noir immer noch nicht weiter gekommen.

Stattdessen stand er am Herd und kippte mit verkniffenem Gesichtsausdruck Nudeln in einen Topf brodelnden Wassers.
Neugierig lüftete Lucy den Deckel des zweiten Topfs. „Hmm, Tomatensoße à la Noir. Haste wieder mein Shampoo verschüttet?“ Noir schüttelte wortlos den Kopf. „Mein Deo gekocht?“ Der Heizlüfter im Bad konnte manchmal erstaunliche Leistungen vollbringen.
Wieder Kopfschütteln. „Was dann?“ – „Nix. Was soll schon sein.“
Nachdenklich inspizierte Lucy den Platz, an dem eine Zwiebel hingerichtet worden war.
„Du hast mir Pasta gemacht – das heißt, irgendwas ist los.“
Noir stieß ein unwilliges Schnauben aus. „Weißt du, in manchen Gegenden wird Schlafentzug als Folter eingesetzt. Und ich darf nicht einmal mürrisch sein?“
Lucy schob sich auf einen der beiden Stühle. Schuldbewusst drehte sie das Zwiebelmesser zwischen den Fingern. „Ich wusste ja auch nicht, dass es so schlimm werden würde“, murmelte sie zerknirscht. „Und langsam fange ich sogar an, den Geschichten meines Vaters zu glauben.“
Noir drehte sich abrupt, die Augenbrauen hochgezogen. Dann schob er die Nudeln von der Platte und setzte sich auf den anderen Stuhl. „Ich höre.“
Lucy grunzte und stieß das Zwiebelmesser so fest auf das Schneidebrett, dass es im Holz steckenblieb. Noir sah sie tadelnd an.
„Ach, daher kommen all die Ker-“ – „Ich fürchte ich bin verflucht.“
„Was?“
„Es ist die einzige Erklärung. Weißt du, als die Albträume anfingen, war ich nicht einmal wirklich überrascht. Es war eben alles zu perfekt, meine Familie und so.“
„Hä?“ Natürlich wusste Noir, worauf sie anspielte.
Lucys Vater war einer von diesen Milliardären, die das Computerzeitalter hervorgebracht hatte. Ihre Familie war groß und perfekt – Krankheiten, ernsthaften Streit oder sonstige Probleme hatte es, soweit Noir mitbekommen hatte, nie gegeben. Die Eltern erschienen außerordentlich gelassen – angesichts von sieben Kindern eine beachtliche Leistung – und dass sie Lucy für ihr Studium einfach so in die Stadt in eine WG ziehen ließen… Als jüngste und einziges Mädchen, und dann mit ihm zusammen… Also, merkwürdig war es ja schon.
„Und das alles hätte mich misstrauisch machen sollen,“ nahm Lucy den Gedanken auf, denn sie wusste wie immer, was Noir dachte. „Und hätte es auch – hätte ich meinem Vater auch nur eine Sekunde lang geglaubt, wenn er sein `Märchen vom Erfolg´ erzählte.“

Märchen. Das Thema tauchte in letzter Zeit eindeutig zu häufig auf. Langsam bekam Noir davon ernsthafte Zahnschmerzen. Falls Lucy dies bemerkte, ignorierte sie es allerdings. Stattdessen sprudelte sie plötzlich und völlig untypisch für sie los.

„Mein Vater hatte damals von überall her Absagen bekommen, niemand wollte sein Programm haben. Und das Mädchen, das er haben wollte, hatte einen anderen geheiratet. Also saß er eines Abends auf einer Brücke und spielte mit dem Gedanken herunter zu springen – ich glaube nicht, dass ich es wirklich getan hätte, sagte er immer. Da stand auf einmal ein altes buckliges Männlein hinter ihm. „Du willst Erfolg? Reichtum? Eine glückliche Familie und ein langes Leben?“ Mein Vater drehte sich ärgerlich zu ihm um. „Wer will das nicht?“ knurrte er. „Hör auf, dich über mich lustig zu machen und lass mich in Ruhe.“ – „Aber das will ich doch gar nicht,“ antwortete das Männlein. „Ich will dir einen Handel vorschlagen. Ich gebe dir all das, was du dir so sehr wünschst. Das einzige, was ich dafür im Gegenzug möchte, ist dein siebentes Kind.“
Natürlich glaubte mein Vater ihm nicht. „Mein siebentes?“ spottete er. „Kannst du haben. Oder lieber das achte?“ Er hatte ja nicht einmal eine Frau. – Und damit fing es an.“ Lucy starrte sehnsüchtig auf das Zwiebelmesser, das Noir auf der Spüle vor ihr in Sicherheit gebracht hatte. „Und dann kam plötzlich der Erfolg mit dem Programm?“ Lucy nickte. „Und wenig später traf er meine Mutter.“
„Und glaubt er selbst an den Fluch?“
Lucy zuckte die Achseln. „Bisher ist kein buckliges Männchen erschienen, um mich abzuholen. Eigentlich war die Geschichte immer ein Familienwitz. Eine der Legenden, die mein Vater sich gern ausdachte, wenn er die tatsächliche Geschichte für zu banal hielt.“
Noir schwieg und dachte nach.
„Und jetzt zweifelst du daran“, murmelte er schließlich.
„Genau.“
„Würde ich vielleicht an deiner Stelle auch. Aber natürlich ist es trotzdem Quatsch. Flüche gibt es nicht. Wir leben schließlich nicht im Märchen.“

Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen… ja ÜBERmorgen… – Willst du wissen, was ich übermorgen tue, ja?

Die Frage wurde von einer Wolke aus fauligem Atem begleitet.

Ja, ja, ja?

Noir versuchte auszuweichen – ein vergeblicher Versuch, da er im Bett lag und der Alte wieder einmal auf seinem Oberkörper hockte. „Ähm… nicht Zähneputzen?“

DÄMLICH! Wie oft muss ich es noch sagen?
Weißt du was, vergiss es einfach, denn du hast nicht den Hauch einer Chance.

Noir versuchte gar nicht erst darauf zu antworten.

Die drei Aufgaben würde ein Holzkopf wie du sowieso niemals erfüllen können.

Noir schnaubte verächtlich. Warum musste er in letzter Zeit immer so einen Mist träumen? Wenn der Typ sich wenigstens für jemand Historisches halten würde.
„Aufgaben? Soll ich herausfinden, aus welcher Anstalt du ausgebüchst bist? – Nein warte, will ich gar nicht wissen.“

Die erste Aufgabe ist…

Noir presste sich die Hände auf die Ohren und begann zu summen, doch es nutzte nicht viel, da die Stimme des Buckligen sich einfach in
seinem Kopf materialisierte.
Trotzdem gab er sein Bestes, nicht hinzuhören.

Am nächsten Morgen fühlte er sich wie gerädert. Lucy warf einen Blick auf seine Augenringe und schob ihm ihren Kaffee rüber. „Hab ich dich etwa angesteckt?“ Noir schüttelte den Kopf. „Quatsch. Musste noch was für ein Hauptseminar machen; hat die halbe Nacht gedauert.“ Lucy verzog angewidert das Gesicht. „Du machst nachts Physik? Na kein Wunder, wenn du davon Albträume kriegst.“ –
„Ich habe keine – ach, vergiss es einfach.“

Noirs Laune war immer noch nicht besser, als ihm auf den Weg zur Uni ein Mann mit Dreitagebart und fleckiger Trainingshose eine Obdachlosenzeitung verkaufen wollte. „Danke, nein…“ Doch der Penner ignorierte ihn einfach. Noir hastete genervt weiter. Erst im Foyer des Hauptgebäudes fiel ihm auf, dass er immer noch die Zeitung in den Händen hielt.

„Aufgabe Eins“, stand da in güldenen Lettern, „…Du musst jemanden finden, der dümmer ist als du.“

„Keine leichte Aufgabe“, kicherte eine Stimme hinter ihm. Noir fuhr herum. Dort unter einem der zettelübersähten schwarzen Bretter hatte sich eine ältere Frau mit strähnigem Haar und vergammelten
Zähnen niedergelassen. Um sie herum standen mehrere vollgestopfte Plastiktüten mit Aufdrucken von ansässigen Discountern. Noir musterte sie misstrauisch. Sie hatte ihn bereits wieder vergessen und kramte in ihren Jackentaschen. Nach scheinbar endloser Zeit zog sie ein zerkratztes pinkes Plastikfeuerzeug hervor. „Ah…“ Umständlich angelte sie ein zerknülltes Päckchen aus einer Brusttasche und steckte sich eine krumme Zigarette zwischen die Lippen. Als Noir sich auf den Weg zu seinem Hörsaal machte, sah er aus dem Augenwinkel einen Universitätsangestellten herbeieilen.

„Herzlichen Glückwunsch, Sie haben die beste Klausur geschrieben.“ Noir starrte wie versteinert auf das Bündel Klausurbögen, das der Professor ihm entgegen hielt. „Eine wirklich herausragende Leistung in Relation zur Aufgabenkomplexität. Haben Sie Interesse an einer Stelle als studentische Hilfskraft?“ Noir konnte nur nicken, während er verzweifelt in seinem Gedächtnis kramte. Soweit er sich erinnern konnte, hatte er sich nur so eben von Aufgabe zu Aufgabe gerettet. Als er mit der Wunderklausur immer noch wie durch den Nebel zu seinem Platz wankte, fiel sein Blick zufällig auf die Punkte, die in Rot am Rand neben den Aufgaben notiert waren. Ein Additionsfehler, keine Genialität. Das erklärte es natürlich.
Eine Zeitlang kämpfte er noch mit sich, dann steckte er die Klausur ein und machte sich auf den Heimweg. Manchmal konnte Ehrlichkeit schließlich auch Dummheit sein.

Herzlichen Glückwunsch, Holzkopf, du hast es geschafft. Nun zur zweiten Aufgabe…

„Geh endlich runter von mir!“

Kannst du sie im Stich lassen? Kannstu, kannstu, kannstu?
Noir bäumte sich auf, doch der Bucklige ließ sich nicht abwerfen.

Heute back ich, morgen brau ich, ÜBERmorgen…

„Sei endlich still!“

Es sei denn, es sei denn, es sei denn…
Willst du es wissen, ja?


„Sag es und verschwinde!“

Jemand muss den Handel rückgängig machen.
Ein Schicksal gegen ein anderes. Das ist gerecht! Gerecht, gerecht!
Außer natürlich du glaubst, ihr Vater verdient all den Reichtum…

In dieser Nacht lag Noir noch lange wach.
Am nächsten Morgen ging er zur Bank und löste sein Sparkonto auf. Dann nahm er den Bus in das Stadtviertel, das er normalerweise vermied. Als er am frühen Nachmittag die Wohnung betrat, war Lucy noch nicht zurück. Zwei schwere Anrufe später ließ er sich ins Bett fallen und schlief wie ein Stein bis zum nächsten Morgen. Nicht einmal Lucys Albträume konnten ihn aufwecken.

„Hast du die Nachrichten gesehen?“ fragte Lucy ihn am nächsten Nachmittag. „Das ist schrecklich, was diese Aasgeier meinem Vater andichten! In Bordellen soll er sich rumgetrieben haben? Wer soll das denn glauben?“
„So ein Unsinn“, sagte Noir ehrlich. „Vermutlich ist es jemand, der deinem Vater seinen Erfolg nicht gönnt und der ihm jetzt was anhängen will. Es wird sich schon aufklären.“
Lucy sah ihn hoffnungsvoll an.
Doch statt des erwarteten Freispruchs fanden sich in den nächsten Tagen Beweise; mehrere Prostituierte sagten aus, dass Lucys Vater zu ihren Stammkunden gehört habe.
Eine Woche später reichte Lucys Mutter die Scheidung ein. Und auch finanziell ging es bergab; in dem Programm ihres Vaters hatte sich ein merkwürdiger Virus eingeschlichen, der empfindliche Firmendaten an die Softwarefirma zurückschickte. Der Skandal verbreitete sich noch schneller als der Virus selbst.

Als Noir an diesem Nachmittag nach Hause kam, war Lucys Zimmertür geschlossen. Nach dem dritten Klopfen öffnete er die Tür. Lucy lag auf ihrem Bett, den Kopf in einem Haufen Kissen verborgen. „Hi“, grüßte Noir ein bisschen schuldbewusst. „Wie geht’s?“ Lucys verheultes Gesicht tauchte kurz unter einem Kopfkissen hervor.
„Mein Vater ist seit gestern verschwunden“, murmelte sie. „Sowas hat er noch nie getan.“
Noir schwieg. Nach einer Weile setzte er sich auf die Bettkante und begann, ihr wortlos über den Rücken zu streichen. Lucy sagte nichts. Doch sie schmiss ihn auch nicht aus dem Raum. Diese Nacht verbrachte er zum ersten Mal in ihrem Zimmer.
Drei Nächte später war das Männlein wieder da.

Heute back ich, morgen brau‘ ich…

„Runter von mir! Ich habe gewonnen! Jetzt verschwinde endlich!“

Du hast die FALSCHEN Aufgaben gelöst! Hast gedacht, du wärst schlauer als ich!
Dem König sein Kind, das wollte ich! Und du hast es mir geliefert!

„So ein Blödsinn. Nix hab‘ ich gemacht“, protestierte Noir. Doch in seinem Magen machte sich langsam das ungute Gefühl breit, dass er dem Alten gehörig auf den Leim gegangen war.

So? Das war also nichts, was ihr beide letzte Nacht getrieben habt?
Nichts, sagst du? Lüge, Lüge! Und jetzt kann ich sie haben, endlich!
Und jeder von euch Holzköpfen denkt, ich wär‘ Rumpelstilzchen! RUUUMPELstilzchen!
DÄMLICH! Nicht den Hauch einer Chance!

„Nicht Rumpelstilzchen? Wer bist du dann?“
Doch der Bucklige antwortete nicht. Stattdessen hüpfte er auf Noirs Brust auf und ab, dass dieser glaubte seine Rippen knacken zu hören.

Heute sing ich, – KNACK – morgen tanz ich im Park – KNACK –
Und übermorgen, – KNACK –
ÜBERmorgen hol ich dem König sein Kind!

Im Park. Noirs Verstand arbeitete so fieberhaft wie er es trotz Schmerzen und Luftmangel tun konnte. Der Park. Wenn er den Alten dort erwischen konnte… Weiter kam er nicht.

Als er wieder aufwachte, war der Bucklige fort. „Was war diese Nacht los?“ fragte Lucy beim Frühstück. Noir zuckte die Achseln. „Hatte nen merkwürdigen Traum. Irgendwas Wirres über entlaufene Tiere im Zoo und so.“ Während er noch an seiner Ausrede bastelte, fiel es ihm siedendheiß ein.
Der Park.

Das bucklige Männchen! Diese Kreatur – hatte ihn die ganze Zeit benutzt! Doch es gab noch eine Möglichkeit. Eine Chance, das zu retten, was er zerstört hatte. Der Park. Er musste den Buckligen dort erwischen.

„Ich hab‘ völlig vergessen, dass ich heute noch verabredet bin“, nuschelte er, während er sich vom Stuhl abstieß. „Bin in ein paar Stunden zurück.“ In seinem Zimmer suchte er verzweifelt nach einer Waffe. Ein Baseballschläger wäre gut gewesen. Zu dumm, dass er keinen besaß. Noir runzelte die Stirn. Er warf sich seine Jacke über und steckte beim Passieren der Küche das Zwiebelmesser ein.
Glücklicherweise gab es nur einen Park, der diesen Namen wirklich verdiente. Während er in einem Busch versteckt wartete, hoffte Noir, dass das Männlein dies ebenso sah. Überhaupt war sein Plan so gut, wie man ihn innerhalb von Sekunden eben fassen konnte. Konnte man eine Märchengestalt überhaupt mit einem Zwiebelmesser töten?

Doch er hatte Glück – er hockte noch keine 15 Minuten in seinem Busch, als er eine gebeugte Gestalt auf eine Bank zu humpeln sah.
Der tannengrüne Mantel leuchtete hämisch in der Morgensonne. Noch machte der Bucklige keine Anstalten zu tanzen, aber Noir beabsichtigte auch gar nicht, es dazu kommen zu lassen. Er stürzte aus seinem Versteck und rammte dem Männlein sein Messer in den Bauch.

An diesem Abend ging Noir zum ersten Mal seit langem rundum zufrieden ins Bett.

Heute tanz ich, morgen sing ich, …

„Nein, kann nicht sein. Du bist nicht wirklich!“

… übermorgen hol ich dich!

„Aber du bist tot! Verschwinde endlich und lass uns in Ruhe!“

Holzkopf! Hattest du schon mal das Gefühl, dass eine Aufgabe zu einfach war?
Du hast nach den falschen Regeln gespielt! Dachtest, das wär ein Märchen, was?
DÄMLICH! Nicht den Hauch einer Chance!

Lucy machte gerade Waffeln, als er an diesem Morgen hereingewankt kam. Sie sah verheult aus wie meistens in letzter Zeit. Die Augenringe, die ihr die dauerhaften Albträume verpasst hatten, unterstrichen dies nur noch.
„Sie haben meinen Vater gefunden“, murmelte Lucy mit rauer Stimme. „Hier in der Stadt.“ Noir brauchte sie nicht anzusehen um zu wissen, dass sie heulte. Sollte er sie jetzt in den Arm nehmen? Oder war es besser zu warten?
„Und?“ fragte er, obwohl er die Antwort schon ahnte.
„Er ist tot.“
„Das tut mir leid.“
Wieder schwiegen sie sich an. Schließlich holte Lucy die letzte Waffel aus dem Eisen und ließ sie auf den Teller fallen. Dann griff sie nach dem Zwiebelmesser, das noch auf der Spüle lag. Mit dem Waffelteller in der einen Hand und dem Messer in der anderen setzte sie sich zu ihm an den Tisch. „Danke übrigens, dass du gestern noch gespült hast.“
Noir zuckte die Achseln. „Kein Problem. Was ist denn genau passiert?“ erkundigte er sich leise. Lucy schüttelte den Kopf und wischte sich über das verquollene Gesicht, als würde das dadurch besser. „Er war im Park. Irgendein Irrer hat sich auf ihn gestürzt und wie wild auf ihn eingestochen. Keine Ahnung weshalb. Muss ungefähr passiert sein, als du grad auf dem Rückweg warst.“
Noir spürte plötzlich einen unerträglichen Druck auf der Brust. „Das ist ja schrecklich“, presste er heraus und sog rasselnd Luft ein. Es half nicht. „Ich glaub mir wird schlecht…“
Als er wieder zu sich kam, sah er über sich die rissige Decke der Küche und Lucys besorgtes Gesicht. „Hätte nicht gedacht, dass dich das so trifft“, bemerkte sie. „Ich dachte, du konntest meinen Vater nicht leiden?“
„Das heißt nicht, dass ich ihm den Tod gewünscht hätte“, konterte Noir. Im Nachhinein war es nicht einmal eine Lüge. Langsam rappelte er sich wieder auf. „Wie kannst du so etwas denken?“ knurrte er, während er sich wieder auf seinen Platz am Küchentisch hiefte.
„Weiß nicht.“ Lucy malte mit dem Zwiebelmesser Kreise auf das Frühstücksbrettchen. „Irgendwie passiert in letzter Zeit alles Schlimme auf einmal. Kannst du mir sagen, was neuerdings mit den Idioten dieser Stadt los ist?“
Noir schwieg.
Lucy erwartete vermutlich sowieso keine Antwort.
„Ich hasse Märchen“, knurrte er schließlich. Lucy sah für einen Moment von ihrem Brettchen auf. „Warum das?“
„Weil man ihnen nicht trauen kann.“

    … und lebten glücklich bis an ihr Ende, pah!
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