Ein Galgenmärchen

(Diese Geschichte ist für eine Lesung entstanden, die anlässlich des 200. Geburtstages der Grimm´schen Kinder- und Hausmärchen gehalten wurde. Thema der Lesung war „Unmärchen“. Vielleicht stellt die Maidlyn, die dort auch gelesen hat, ihre Geschichte ebenfalls hier ein …?)

    * * *

Weit, weit draußen vor der Stadt, am Kreuzweg, steht seit uralter Zeit der hohe Galgen. Auf diesem Galgen lebt und speist der alte Marder Krallzahn, der immer ein Lügenmärchen raunzt, wenn er hinaufklettert und ein Flüchlein zischt, wenn er hinabsteigt. Das, was hier erzählt wird, ist aber noch gar kein richtiges Märchen, sondern erst ein Vormärchen. Das Märchen selber kommt, wenn der letzte Büttel fort ist und Krallzahn hungrig wird. Bis dahin wollen wir einem hübschen Absatz machen.

Es war einmal vor vielen langen Wochen, da lebte im Lande des Markgrafen von Karabas ein unglücklicher Müller. Dem hatte das Schicksal arg mitgespielt. Die Weinflaschen, die er gastfrei auf ein paar Tage zu beherbergen pflegte, hatten ihm die Frische aus dem Gesicht und das Angenehme aus seinem Wesen gestohlen. Als sei das nicht genug, raubten ihm ein Paar Würfel sein Vermögen und seine Mühle. Zuletzt nahm ihm der Nachbar noch das Weib und ließ den Müller mit seiner Tochter allein in der Gosse zurück.
„Ach!“, jammerte der Müller, „dass mir nicht mal ein reicher Gevatter bleibt, den ich beerben könnte! Ach, um mich kümmern sich nur Hunger und Durst! Wie kann die Welt nur so schlecht zu einem sein, der ihr doch nichts zugefügt hat?“
„Lieber Vater“, tröstete ihn seine Tochter, „ich will versuchen, von mildtätigen Menschen ein wenig zu erbitten, damit wir unser Leben fristen können.“ Im Stillen aber sagte sie sich: `Etwas besseres als den findest du überall´. Sie war nämlich sehr klug.
„Du?“, fragte der Müller. „Wie willst du das bewerkstelligen? Du hast zwar einen hübschen Leib, aber dein Gesicht ist hässlich wie die Nacht!“ Er war nämlich in diesen Dingen sehr erfahren.
Aber das Mädchen antwortete: „Leg dich nur schlafen und lass mich machen. Der Morgen ist klüger als der Abend.“ Als der Müller schlief, stand sie auf und ging fort nach der Stadt, denn sie sagte sich: „Bin ich weder reich noch schön, so muss ich mir eben anders fort helfen!“

Als sie eine Weile gegangen war, gelangte sie an einen Kreuzweg, wo der Henker gerade ein Weib vom Galgen schnitt, welches er eben dort gehenkt hatte. Er sah die Müllerstochter, hielt sie an und sprach zu ihr: „Mägdelein, willst du nicht meine Frau werden?“
„Nein, ich mag nicht, denn du kennst mich ja gar nicht!“
„Ich will dich wohl kennen lernen. Aber wenn du nicht magst, so nimm wenigstens die bestickte Haube, das fein geflochtene Haarband und das buntseidene Busentuch von der hier als mein Geschenk. Es mag dir noch nützlich werden.“
Da nahm die Müllerstochter Haube, Haarband und Busentuch und ging weiter nach der Stadt. Als es schon lange Tag geworden war und ihre wunden Füße sie nicht einen Schritt weitertragen mochten, hörte sie ein Hufgetrippel hinter sich. Wie sie sich umwandte, kam dort ein Schneider auf seinem Eselchen des Weges. Die Müllerstochter knickste wie vor einem hohen Herrn und sprach ihn demütig an: Ob der Herr sie nicht ein Stück des Weges mitnehmen könne? Der Schneider machte Augen, so groß wie Teetassen, und sprach: „Eine, die mich mit so prallen Titeln neckt, soll ich umsonst auf meinem Esel reiten lassen? Das wäre fürbass ein schlechtes Geschäft! Was gibst du mir dafür?“ Und seine Augen wanderten an ihr auf und ab.
„Meine Haube will ich dem Herrn gerne geben; die ist wunderschön bestickt mit einer bunten Jagd.“
„Das mag angehen“, sagte der Schneider, „nur lass sie mich selber lösen, dass du die Bänder nicht etwa abreißt.“
Aber kaum, dass er die Bänder gelöst hat, packte er die Müllerstochter und rief: „Einen Kuss will ich noch dazu!“
Da konnte die Müllerstochter nun zappeln und strampeln, soviel sie wollte! Es nützte ihr nichts, der Schneider raubte sich einen langen Kuss und ließ nicht von ihr ab, als bis ihn ein Hufschlag in der Ferne aufstörte. Da war er – hui! – wie der Blitz auf seinem Eselchen und trippelte davon, so schnell er es nur antreiben konnte. Die Haube aber hatte er mitgenommen, denn er wollte damit sein Weib besänftigen, weil er einen Tag länger auf der großen Messe geblieben war, als es ihm erlaubt gewesen war.

Die Müllerstochter aber richtete sich notdürftig das zerzauste Haar und das beinahe zerrissene Kleid und erwartete den Reiter. Es war ein Kaufmann, der ebenfalls von der großen Messe kam. Diesmal verneigte sich die Müllerstochter tief und bat, dass der gute Herr sie ein Stück Weges mitnehmen möchte. Der Kaufmann machte Augen, so groß wie Mühlsteine, und sprach: „Soll ich eine, die mir einen so wohlgerundeten Hinterhalt legt, noch dafür belohnen? Das wäre fürbass ein schlechtes Geschäft! Was gibst du mir dafür?“ Und seine Augen wanderten an ihr auf und ab.
Die Müllerstochter, die nun wusste, woher der Wind wehte, bot ihm ihr fein geflochtenes Haarband, wenn sie es nur selber abnehmen dürfte. „Das mag angehen“, sagte der Kaufmann, „gib es mir nur und dann will ich dich vor mich auf´s Pferd setzen.“
Aber kaum, dass die Müllerstochter vor ihm auf dem Pferde saß, rief er: „Was für´s Haar hab ich; jetzt will ich für die Hände was dazu!“
Da konnte die Müllerstochter nun zappeln und strampeln, soviel sie wollte! Es nützte ihr nichts, die Hände des Kaufmanns raubten sich ihr Vergnügen und ließen nicht von ihr ab, als bis ihn ein Räderrollen in der Ferne aufstörte. Da warf er sie – hui! – wie der Blitz von seinem Pferde und galoppierte davon, so schnell er den Gaul nur treiben konnte. Das Haarband aber hatte er mitgenommen, denn er wollte damit sein Weib besänftigen, weil er all die kostbaren Geschenke für sie einer Dirne auf der großen Messe gegeben hatte.

Die Müllerstochter aber war so zerrupft, dass kaum ihre Blößen bedecken konnte, bevor ein Richter in seiner feinen Kutsche herangefahren kam. Die Müllerstochter stand ganz still und sah auf ihre Zehenspitzen, bis sie endlich den Mut fand, den Richter darum zu bitten, sie ein Stückchen Weges mitfahren zu lassen. Der Richter machte Augen, so groß wie ein Turm, und sprach: „Soll ich eine, die weder bietet, noch verhehlt, umsonst mit mir auf den Wagen nehmen? Das wäre fürbass ein schlechtes Geschäft! Was gibst du mir dafür?“ Und seine Augen wanderten an ihr auf und ab.
Die Müllerstochter, die nicht wusste, wie sie ihm entgehen könnte, bot ihm ihr buntseidenes Busentuch, das ihr schon halb aus dem Leibchen hing. „Das mag zur Einleitung angehen“, sagte der Richter und warf sich auf sie. Da konnte die Müllerstochter nun zappeln und strampeln, soviel sie wollte! Es nützte ihr nichts, der Richter ließ nicht eher von ihr ab, als bis er ihre Jungfernschaft geraubt hatte. Dann stieß er sie aus der Kutsche und fuhr davon. Das Busentuch aber hatte er mitgenommen, denn er wollte damit sein Weib besänftigen, weil er all sein Geld auf der großen Messe im Spiel verloren hatte.

Da saß nun das Mädchen und weinte, doch als sie aufsah, stand dort der Henker mit seinem Schubkarren. „Magst du mich nun heiraten?“, fragte er. „Die Leute auf der Straße sehen nur dein hässliches Gesicht und deine Armut, und machen sich ein Vergnügen mit deinem hübschen Leib. Ich aber will dich immer lieb halten und du sollst es gut bei mir haben.“
Da heiratete die Müllerstochter den Henker und wurde sein Weib.

Sie lebte mit ihm in demselben Städtchen, in dem auch der Schneider, der Kaufmann und der Richter zu Hause waren und brachte dort übers Jahr einen Knaben zur Welt, der dem Henker so gar nicht ähneln wollte. Da dachte sich das Henkersweib: `Ich will doch einmal sehen, ob ich ihm nicht einen guten Gevatter schaffen kann, damit aus ihm einmal etwas Besseres als ein Henker wird!´
Und sie machte sich eine Haube, ein Haarband und ein Busentuch, ganz genau wie die, die ihr vom Schneider, vom Kaufmann und vom Richter genommen worden waren. Am nächsten Kirchtage legte sie die drei Dinge an und ging zum Gottesdienst.
Da sah die Schneiderin, dass das Henkersweib die gleiche, prächtig bestickte Haube trug, wie sie selbst und sagte ihrem Mann: „Sieh nur, wie mich das Henkersweib verspottet! Sie trägt eine Haube, die ganz der gleicht, die du für mich gemacht hast, an jenem zusätzlichen Tag auf der großen Messe! Sofort gehst du und befiehlst ihr, die Haube abzunehmen und niemals wieder zu tragen! Tust du´s aber nicht, so will ich glauben, dass sie die Haube von dir zum Geschenk bekommen hat, und dann kriegst du deine Elle zu kosten!“
Der Schneider, der ja nicht wusste, ob die Henkersfrau ihrem Mann von dem geraubten Kuss erzählt hatte, zauderte und versuchte alle Ausflüchte, bis er schließlich doch zum Henker gehen musste. „Henker“, sagte er, „dein Weib trägt eine Haube wie das meine und ist doch von weit geringerem Stande. Nimm deinem Weib die Haube ab und ich will dir später eine passendere geben.“ Die Schneiderin spuckte Gift und Galle, als sie ihren Mann so zahm sprechen hörte, denn viele Leute sahen zu, wie die Sache wohl ausgehen würde. Der Henker aber nahm seinem Weib die Haube ab und entblößte so das fein geflochtene Haarband. Da schrie die Kaufmannsfrau den Kaufmann an: „Sieh nur, wie das Henkersweib mich verspottet! Erst macht sie sich der Schneiderin gleich, und weil das nicht angehen kann, soll sie nun mir gleich sein?! Sofort befiehlst du dem Henker, seinem Weib vor den Richter zu bringen! Tust du´s aber nicht, so will ich glauben, dass du solcherlei Band für alle Metzen hast, die deinen Weg kreuzen, und mich nicht einen Deut höher schätzt! Dann wirst du erfahren, was von deinem Geschäft ohne meine Mitgift und die Einlagen meiner Brüder noch übrig bleibt!“
Und so musste der Kaufmann denn wohl oder übel zum Henker gehen, voller Furcht, dass ihm sein Weib von den allzu neugierigen Händen des Kaufmanns gesprochen hatte.
„Lieber Henker“, sagte der Kaufmann kleinlaut, „dein Weib hat sich heute gar ungebührlich benommen. Wir wollen mit ihr zum Richter gehen, damit er sie tüchtig tadele und schimpfe, und dann soll alles gut sein.“
Der Henker nickte gleichmütig, sein Weib aber lächelte.

So kamen sie denn in einer großen Volksmenge vor den Richter, und der Schneider und der Kaufmann trugen ihre Klagen vor. Der Richter aber sah die ganze Zeit besorgt nach dem buntseidenen Busentuch des Henkersweibs und dem Knaben, den das Weib an der Hand führte, und der dem Henker so gar nicht ähnlich sah.
„Du hast gehört, was die da gegen dein Weib vorbringen“, sagte der Richter schließlich milde zum Henker, denn er wusste ja nicht, ob das Henkersweib ihrem Gatten von der geraubten Jungfernschaft gesprochen hatte. „Was hast du für sie vorzubringen?“
„Nichts, Herr“, antwortete der Henker gleichmütig. Da drängte sein Weib sich vor und sprach: „Mein Mann weiß nichts von diesen Dingen, denn ich habe sie mir selbst gemacht, getreu dem Vorbild der Sachen, die man mir im schlechten Tausch abgezwungen hat. Wenn ich unrecht getan habe, will ich die Haube, das Haarband und das andere gerne jetzt und hier den Männern geben, die ein gleiches vorweisen können! Wenn ich schuldig bin, sollen sie obendrein auch das von mir zurückerhalten, was sie mir im Tausch für die ersten Sachen gegeben haben! Wenn aber das Mitleiden mit meinem armen Kinde“, und mit diesen Worten hielt sie dem Richter den Knaben entgegen, dass der dessen Gesichtszüge wohl studieren konnte, „wenn das Mitleiden mit meinem Kinde, sage ich, das Urteil über mich zu mildern imstande wäre, so wollte ich meine Bürde still und bescheiden tragen bis ans Ende meiner Tage.“

Der Richter schwieg eine Weile und sagte dann dem gleichmütigen Henker: „Geh und verfahre mit ihr, wie du mit deinem letzten Weib vor Jahr und Tag getan hast.“

    * * *

(Kritik aller Art ist mir wie immer sehr willkommen!)

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4 Kommentare

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4 Antworten zu “Ein Galgenmärchen

  1. maidlyn

    Wie gewohnt herrlichst bösartig. Bis zum letzten Absatz hatte ich tatsächlich kurzfristig an das Gute im Athanasius geglaubt. Absurd, so im Nachhinein betrachtet. 😀

  2. Name

    Ja, das Ende passt. Schade, dass ich das nicht vorhergesehen habe.

    Was sonst noch zu sagen wäre (ich probiere mal hier einen Kommentar):

    Weia! was wollt ihr denn *dem* ,,hübschen Absatz“ machen? 😉

    Ich erlaube mir mal beim Lesen Notizen zu machen, nur was mir so gerade einfällt — oder besser: auffällt 🙂

    Der Marder muss schon unglaublich alt sein, wenn’s beim Raufklettern für ein ganzes Märchen reicht (Eragon?!)

    Wenn Wochen lang sind, dann ist das ein subjektives Erscheinen: Es ist nicht klar, ob dies dem Marder, dem Autor oder wem sonst so erschien, oder ob die vielen Wochen einfach unpassend gestreckt werden sollen. Die Formulierung ist nicht prinzipiell unzulässig, aber für so eine persönliche, subjektive Teilnahme ist noch kein Subjekt präsent genug.

    ,,allein mit seiner Tochter“ wäre wohl angebrachter, da man zu zweit nur mühsam allein ist. Nachdem gerade die Nachbar-Frau-Beziehung angesprochen wurde, hat allerdings die Müller-Tochter-Situation eine Art ,,Geschmäckle“ … 😀

    Sind die ,,prallen Titel“ Absicht? Seit ,,hässlich wie die Nacht“ lach ich eh fast durch …

    ,,gelöst hat,“ packt einfach nicht in den Satz. Wenn man schon für den Effekt in den Präser übergehen will, dann richtig. Sonst einfach in der Vergangenheit hängenbleiben.

    ,,raubte sich“ geht nicht gut, irritiert, muss den ihr für sich rauben oder ihn sich einfach nehmen, oder? Das kann aber auch subjektiv sein, ist ja nicht an sich unverständlich und eigentlich recht gut, aber …

    ,,Hui, wie der Blitz“?? Wie der Wind, oder? Oder ,,Zapp!, wie der Blitz“, oder irgendwas anderes passendes.

    Über das zweite ,,war“ stolpert man, also das erste weglassen: ,,Messe geblieben, … war.“

    ,,Stück des Weges“ oder ,,Stück Weg“, oder? Und ,,mitnehmen möge.“?

    Da ist ein ,,sie“ verloren gegangen: ,,dass sie kaum ihre“

    Wieder ,,Stückchen Weges“ …?

    Türme neigen dazu, ganz im Gegensatz zu Augen, als dünn und lang betrachtet zu werden. Vielleicht ,,wie Fischteiche“, Mühlrad, Misthaufen, Hügel … Auch der Wechsel Plural -> Singular stört.

    ,,dem Henker, sein Weib vor den Richter“

    Auch wenn der übliche Rahmen eines Märchens technisch gesprengt wird hält es sich doch an die Tradition, junge, blauäugige Gemüter auf die kalte Realität vorzubereiten.

  3. Name

    Einschub verloren: *… technisch gesprengt wird <Es fängt nicht mit ,,Es war einmal“ an und kann schlecht mit ,,Und wenn sie nicht gestorben sind“ enden :->, hält es sich …

  4. Athanasius Frost

    Ich bin froh, dir die Geschichte nicht vorher gezeigt zu haben… aber wenigstens kann ich mich diesmal bei einigen Kritikpunkten hinter Zitaten verstecken (z.B. der langsame Marder oder die Turmaugen). Die übrigen Schuhe ziehe ich mir (zwar maulend, aber doch) an. Ich kann mich ja damit trösten, dass du den Humor entdeckt hast – das ist dem Publikum in der Lesung nicht gelungen.

    Danke und bis bald!

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