Zeit zum Grübeln

Irgendwo bei Solingen kriecht Sascha durch den Wald. Es ist 1945 und er ist versprengt – ein gutes, soldatisches Wort, das ihn auch jetzt noch einer Gruppe zuordnet. Zugegeben, es ist die Gruppe derer, die keine Gruppe mehr haben, aber das ist immer noch besser, als allein zu sein, oder?
Sascha denkt nicht über solche Worte nach. Schon gar nicht über deutsche, es sei denn, er sucht zwischen den paar Brocken, die ihm seine Mutter Rosa mitgegeben hat und denen, die der Kommiss gebracht hat, nach den richtigen. Noch vor drei Jahren hat er gegen die Wehrmacht gekämpft, jetzt trägt er ihre Leutnantsabzeichen. Er nimmt sich nicht die Zeit, sich über derlei Dinge zu wundern. Dreißig Jahre ist er alt, Soldat, solange er denken kann, und wenn er Zeit zum Grübeln hat, dann denkt er an seinen Vater Konstantin, der nach Stalins Säuberungen im Gefängnis gestorben ist; demselben Stalin, der Sascha den Orden „Rote Fahne“ dafür angesteckt hat, dass er mit Maschinengewehren auf schwertschwingende Japaner hat schießen lassen. Oder an Katharina und die beiden Kinder, Robert und Eleanore, die eine deutsche Bombe unter den Trümmern seines Hauses begraben hat. Oder an seine Mutter und seinen Bruder Boris, die in Russland geblieben sind und die er nie wieder sehen wird.
Aber viel Zeit zum Grübeln ist nie. Auch jetzt nicht, denn der Wald steckt voller Kanadier. Sie haben nicht viel Kampferfahrung, im Gegensatz zu ihm. Vielleicht kann er durchbrechen. Wenn er leise ist, hat er eine Chance. Aber genau vor ihm steht einer von denen. Wenn es ihm gelingt, dicht genug an den Kanadier heranzukommen, kann er das Messer benutzen – oder den Gewehrkolben. Dann hat er eine Chance. Der Kanadier hat immer noch nichts gemerkt. Sascha kriecht näher, die schlammverschmierte graue Uniform fast unsichtbar auf dem kriegszerfurchten Waldboden. Immer noch sieht der Kanadier in die falsche Richtung. Bald ist Sascha nah genug heran … jetzt! Er springt auf – und bleibt mit dem Stiefel in einer Wurzel hängen. Er klatscht auf den Boden, verliert das Gewehr, der Kanadier wirbelt herum, seine Waffe im Anschlag.
Sascha bleibt einfach liegen. Es ist vorbei. Gleich wird der Schuss krachen. Gleich. Gleich …
Es fällt kein Schuss. Der Kanadier nimmt ihn gefangen. Er spricht sogar deutsch, besser als Sascha. Warum hat er nicht geschossen? Was, wenn Sascha Teil eines deutschen Kommandos gewesen wäre? Wenn ein anderer über den Kanadier hergefallen wäre, während der sich mit Saschas Gefangennahme beschäftigte? Er hätte schießen müssen! Um sich selbst zu retten, um seine Einheit zu warnen, und wenn das nicht reichte, dann weil er Befehl hatte, jeden Deutschen zu tötet, der sich nicht sofort ergab. Oder nicht?
Als Sascha eine kurze Weile später entwaffnet an einem Baum steht und seine Taschen umgekehrt hat, stellt er die Frage: „Warum hast du mich nicht erschossen?“
Der andere sieht ihn erstaunt an: „Wieso? Ich kenne Sie doch gar nicht.“
Sascha hat mir die Geschichte fünfundfünfzig Jahre später in seinem immer noch ein bisschen holprigen Deutsch erzählt: „Und wie das passiert war, da hab‘ ich gedacht: Mensch, der hat ja recht. Ich kenn‘ ihn gar nicht, warum soll ich auf ihn schießen? Und da ist mir dann erst klar geworden, was das für ein Blödsinn war, was wir da gemacht haben.“
Und ich? Ich kenne die Namen von Stalin und Hitler und sogar Georg VI. Aber den Namen eines kanadischen Soldaten, der meinen Großvater zum Grübeln brachte, anstatt ihn zu erschießen, den kenne ich nicht.

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