Vögelperspektive

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„Ein Wetter zum Helden zeugen!“, sage ich zu niemand besonderem. Draußen vor dem Fenster klatscht der Regen runter, als hätte er endlich die letzte trockene Katze entdeckt.
„Vergiss es, mano. Du bist nicht mein Typ“, merkt eine heisere Stimme hinter mir an. Ich drehe mich um.
„Was machst du auf meinem Laptop, Sanchez?“
„Ich schreibe einen Bestseller.“
„Einen Bestseller?“ Armer Vogel – delirium tremens, ganz klar.
„Du weißt schon“, erklärt er trocken, „Bestseller. Eine Geschichte, die nicht nur deine Mama liest.“
„So was wie Sielmanns Expeditionen ins Tierreich?“, ätze ich zurück. „Die Sonora-Wüste. Endlose Weiten. Doch – auch hier gibt es Leben. Die possierliche Blaue Schnapsdrossel (borracho pequeño) etwa, die gerne im Schatten einer Agave ihren Rausch ausschläft …“ Ich lasse mich doch nicht von einem Sittich schmähen!
Er hüpft ungerührt weiter auf den Tasten herum: „K-L-U-G-S-C-H-E-I-S-S-E-R. Kleines „klug“, großer „Scheißer“, wenn es um dich geht, richtig? – Nein, halt die Klappe, mano, und schenk lieber nach. Du hast schließlich auch was davon, wenn ich mir den Tequila in Zukunft selber kaufen kann.“
Da hat er allerdings recht. Die Liebe meines Lebens hat in den letzten Wochen ziemlich forschende Blicke auf mich und das Spirituosenschränkchen geworfen. Dass ich mit dem Sittich rede, hat die Lage nicht verbessert. Dass er meine Stimme perfekt nachmachen und lautstark obszöne Selbstgespräche führen kann, auch nicht. Also kippe ich Tequila ins Vogelbad und stelle es neben den Rechner. Während Sanchez trinkt, werfe ich einen Blick auf den Bildschirm.
„ … sie stöhnte und jammerte nach Erlösung, und endlich entlud ich mich … ?! Schreibst du einen Porno? Hast du deswegen neulich deinen Hintern fotografiert?“
„Aproximado, mano. Das wird meine sexuelle Autobiographie. Eine Mischung aus „Feuchtgebiete“ und „Die Geschichte der O“. So was geht immer.“
„Auf meinem Rechner?!“
„Soll ich’s in Blindenschrift auf den Tisch kacken?“
Ich atme erst mal durch. Die Festplatte kann ich ja immer noch löschen. Wichtiger ist es, Sanchez von diesem Unsinn abzubringen.
„Sanchez, du hast erst seit letztem Monat so was wie ein Sexleben. Und das auch nur, weil wir Limette den Nistkasten gebaut haben; für ihr Schamgefühl, und damit sie aufhört, sich Höhlen in unsere Bücher zu fressen. Was willst du schreiben? Eine Kurzgeschichte?“
Er mustert mich mit einem rotunterlaufenen Auge von Kopf bis Fuß: „Besser eine Kurzgeschichte, als einen Witz, mano. Schon mal von dichterischer Freiheit gehört?“
„Ich dachte, die hättest du dafür aufgebraucht, Limette so devot zu machen.“
Er schielt nervös nach dem Nistkasten: „Lass uns das nebenan besprechen, mano, ok?“
„Im Arbeitszimmer? Das geht nicht, da sitzt gerade die Liebe meines …“ Sanchez grinst gehässig. Keine Ahnung, wie er das mit dem Schnabel hinkriegt. Mir fällt plötzlich ein, wie gut er meine Stimme nachmachen kann und ich beschließe spontan, das Thema zu wechseln.
„Und überhaupt, Sanchez: Erotische Romane werden von Menschen gelesen! Warum sollten die sich für den Sex mit einem Tier interessieren?“
„Du hattest eine sehr behütete Jugend, nicht wahr, mano?“, erkundigt er sich herablassend. „Sex interessiert jeden – fast alle meine Testleser haben mir zurückgeschrieben.“
„Deine … Testleser?“
„Sí. Es sind leider nicht viele. Ich hatte dein Facebook-Passwort nicht.“ Eine vage Hoffnung auf Schadensbegrenzung keimt in mir.
„Nur das von deinem E-Mail-Account.“
Mist. „Du hast meine Bekannten deinen Porno testlesen lassen?!“
„Die meisten haben angewidert getan – dir die Freundschaft gekündigt, weil du pervers bist, und so was – aber in der Regel wegen Sachen aus den letzten Kapiteln. Ich nehme das als gutes Zeichen. Deine Schwiegermutter dagegen war sogar richtig hilfreich.“
„Inwiefern?“, frage ich tonlos.
„Ich habe ein ganzes Kapitel aus ihrem Gewetter gemacht. Eines der besten, sagt mein Verleger. Wegen der großartigen, drastischen Bildsprache.“
„Dein Verleger.“
„Sí. Ich hab‘ mich für Random House entschieden, die arbeiten von Anfang an international. Natürlich gibt es dabei auch kleine Probleme.“
„Ach ja?“
„Sí. Ich würde die Filmrechte lieber in Europa verkaufen. Lars von Trier hatte deswegen schon angerufen. Aber der Verlag sieht die größere Rendite bei Quentin Tarantino. Wenn sie wenigstens den Rodriguez genommen hätten!“
„Sanchez. Sag mir bitte nur eine Sache.“
„Sí, mano?“
„Unter welchem Namen hast du das Ding verkauft?“
„Loch ohne Hoden – man muss ein bisschen schocken, um aufzufallen. Sagt auch Lars.“
„Nein, ich meine – wer ist als Autor angegeben?“
„Na ja, ich hab ja kein eigenes Bankkonto, mano, darum …“
Das Telefon unterbricht ihn. Im Arbeitszimmer wird abgehoben. Nach einer Pause ertönt die Stimme der Liebe meines Lebens: „Für dich, Schatz! Irgend so ein Typ mit dänischem Akzent. Er will unbedingt seinen Vorschuss zurück, wenn du ihn dein Loch und deine Hoden nicht filmen lässt.“
Ich muss weg.

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