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Welches ist das falsche Pferd? – 560 Jahre Soester Fehde

„Soost“ spricht man das; das e soll nicht umlauten, sondern dehnen. Wenn ihr euch das Städtchen aus der Luft anschaut, fällt euch wahrscheinlich zuerst die klassische Form auf. Eine regelrechte Dartscheibe blinzelt einem da entgegen, und das ist seltsam. Gut, die Gegend ist flach, es gibt also kein Problem mit Höhenzügen, die das Stadtbild formen. Aber was ist mit der Industrie? Was mit dem letzten Krieg? Haben die keinen Einfluss genommen?
Wenn ihr dann hingefahren seid und durch die (Innen-)Stadt spaziert, findet ihr enge, verwinkelte Gassen mit nicht mehr als dreistöckigen Fachwerkhäusern, nur gelegentlich unterbrochen von einem Steinbau der Gründerzeit oder einem moderneren Betonklotz. Viele der Häuser haben auch in der Innenstadt ansehnliche Gärten – aber wie das? Ist die Zeit in Soest denn stehen geblieben?

Der Blick ins Geschichtsbuch behauptet zunächst was anderes. Siedlungsspuren lassen sich in Soest bis ins fünfte Jahrtausend vor unserer Zeit nachweisen – wir sprechen hier von der „Bandkeramik-Kultur“ der Jungsteinzeit, die sich natürlich keineswegs nur mit Töpfern beschäftigte, sondern offenbar auch den fruchtbaren Löss-Boden der Soester Börde für den Ackerbau zu schätzen wusste. „Altsiedelland“ nennt man so was. Die archäologischen Befunde deuten darauf hin, dass es eine kontinuierliche Besiedlung der Gegend bis heute gegeben haben könnte, wohl auch, weil Solequellen und später Eisenverarbeitung den Ort nicht nur für Bauern, sondern auch für die Händler des Hellwegs attraktiv machten.
In die Geschichte tritt Soest mit der ersten urkundlichen Erwähnung anno 836. Zumindest von dieser Zeit an war Soest eine aufstrebende und erfolgreiche Handelsstadt. Hier finden wir auch das älteste deutsche Stadtrecht niedergelegt auf der alten und neuen Kuhhaut (1226 bzw. 1281), der alten und neuen Schrae (das ist schon wieder ein Dehnungs-e; Schra bedeutet „trockenes Fell, Pergament“; die alte ist verloren, die neue wurde 1350 begonnen) und dem Nequambuch (1315-1421). Dieses Stadtrecht exportierten Soester Handelherren z.B. nach Lübeck, das ebenso wie Soest wachsende Bedeutung in der Hanse erlangte.

Bis hierhin sieht es für Soest doch ziemlich rosig aus: Fruchtbarer Boden, Salz, Eisen, Tuche, günstige Lage an der Kreuzung Hellweg/Fernweg, fortschrittlich in Recht und Wirtschaft, wohlhabend und expandierend. Um die 10.000 Einwohner ohne zugehörige Umwohner im 15. Jahrhundert! Beteiligt an allen bedeutenden Städtebünden der Zeit! Nichts scheint einer steilen Karriere im Wege zu stehen.

Außer vielleicht die Soester Fehde, die die Bürger zwischen 1444 und 1449 mit ihrem Landesherrn, dem Erzbischof von Köln auszutragen das Bedürfnis verspürten.
Dietrich von Köln wollte die Stadt gerne etwas fester in den Griff bekommen, um von ihrem Wohlstand zu profitieren. Die Handelherren von Soest wollte ihre Rechte allerdings nicht einschränken lassen und sagten sich 1444 von Köln los, um sich einem der Gegner des Erzbischofs, Herzog Johann I. von Kleve-Mark zu unterstellen. Der hatte ihnen bereits im Vorfeld dafür noch größere Freiheiten in Aussicht gestellt.
Der Erzbischof war über die Situation nicht glücklich, sammelte schließlich ein Heer von Söldnern (angeblich 15.000, aber ich bezweifle, dass die Zahl wirklich so hoch war) und belagerte 1447 erst Lippstadt (vergeblich) und dann Soest.
Hier trennen sich die Geschichtsauffassungen.

erzbischöfliche Hakenbüchsen-Schützen

erzbischöfliche Hakenbüchsen-Schützen

Die offizielle Geschichtsschreibung konstatiert schlicht: Der Erzbischof musste die Belagerung am 21.07.1447 aus finanziellen Gründen abbrechen. Die Fehde endete zwei Jahre später, ohne dass der Erzbischof seine Rechte durchgesetzt hatte.

Sturmleitern werden durch den Graben geschleppt

Sturmleitern werden durch den Graben geschleppt

Die Soester dagegen erzählen vom patriotischen Widerstandswillen und der harten Verteidigung der Stadt, an der sich das Söldnerheer des Erzbischofs inklusive der gefürchteten hussitischen Kontingente die Zähne ausbiss: Freiheit für Soest!
Das ist der Stoff, aus dem Stadtfeste sind.

Söldner warten auf den Sturmbefehl

Söldner warten auf den Sturmbefehl

Sturm!

Sturm!

der Sturm ist abgeschlagen und auch die "Katze" müht sich vergebens

der Sturm ist abgeschlagen und auch die Katze müht sich vergebens

Gut, Soest war frei. Freier als je zuvor; die Stadt hatte mehr Rechte, als manche reichsfreie Stadt. Aber was nützt das, wenn man eine auf Handel angewiesene Enklave mitten in erzbischöflichem Gebiet ist?
Nichts.
Und damit beginnt der langsame Niedergang der Stadt. Lasst es mich in Stichworten zusammenfassen:

1604 – letzter Hansetag der Soest zugeordneten Städte
1608 – letzte Teilnahme von Soest an einem allgemeinen Hansetag
1609 – Soest fällt in brandenburgischen Besitz; der Widerstand dagegen endet
1616 – mit der Soester Kapitulation
1618-48 – Soest wird im dreißigjährigen Krieg schwer verwüstet
1661 – die Madonna aus der Wiesenkriche wird nach Werl überführt; mit ihr gehen die Einnahmen aus der einträglichen Wallfahrerei
1742 – das Soester Münzrecht geht verloren
1751 – die mehr als 490 Jahre alte Ratsverfassung wird aufgehoben
1756 – Soest hat noch 3.600 Einwohner; die meisten steinernen Kaufmannshäuser sind zerfallen und in Gartenmauern um die billigeren Fachwerkhäuser herum umgewandelt worden
1809 – die Börde geht Soest verloren
1849 – der Bahnanschluss ist da! Ein Lichtblick, der Arbeit in der Zuckerproduktion und Eisenverarbeitung bringt. Trotzdem verpasst Soest den Anschluss an die industrielle Revolution
1920 – Soest ist immer noch nicht über seine mittelalterliche Stadtumwallung hinausgewachsen
1939-45 – im Krieg ist der Soester Bahnhof ein wichtiger Umschlagplatz zwischen dem Ruhrgebiet und Schlesien; das mach die Stadt aber auch zum Ziel einiger glimpflich verlaufender Bombenangriffe

Heute ist Soest „ein beliebter Wohnort für Pendler ins östliche Ruhrgebiet“ und Sitz des Bübchen-Werks, einer Nestlé-Tochter, die Kinderpflegeprodukte herstellt. Die Ratsherren von 1449 hätten´s erbärmlich gefunden. Denen schwebte eher so etwas wie Berlin, Hamburg, Frankfurt oder Stuttgart vor.

Wie aber lautet unser Urteil?

Wanderer, kommst du nach Soest, schaue dich um und frage: Haben sie wirklich auf´s falsche Pferd gesetzt?

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Drachenfest

Es war einmal vor langer, langer Zeit in einem weit, weit entfernten Königreich. Generell gesprochen. Tatsächlich war es wie jedes Jahr in der letzten Juliwoche; und so unglaublich weit ist der Quast bei Diemelstadt gar nicht entfernt. Außerdem ist Hessen gar kein Königreich. Ebenso wenig wie die Dracheninseln, die witzigerweise an genau demselben Ort wie der Quast liegen – was irgendwie mit Quantenphysik und multidimensionalem Dingsbums zu tun haben soll.

Der Quast ist ein solitärer, bewaldeter Hügel direkt an der A44. Er liegt in einem Muschelkalkgebiet, in dem sich seltene Pflanzen wie Orchideen, Enzian und Türkenbund angesiedelt haben. Obendrein gibt´s natürlich auch noch eine Menge Fossilien, so dass man dem Quast den Status eines Europäischen Flora-Fauna-Habitat-Gebietes zuerkannt hat.
Auf der Kuppe des Hügels befindet sich ein Areal von grob 450m x 850m, das als Weide bzw. Heuwiese genutzt wird. Von dort genießt man einen unglaublichen Ausblick in das weite Flachland Richtung Nordosten.
Aber selbst wenn man sehr angestrengt in die Ferne schaut, sieht man kein Wasser. Es sei denn, der Muschelkalk zählt ersatzweise.

Die Dracheninseln dagegen liegen im Irrelevanten Meer, so benannt, weil sich jedes Jahr um die 2000 Besucher auf den Inseln einfinden, von denen nur ein Zehntel zugibt, per Schiff gekommen zu sein.
Außerdem liegt der Hafen am höchsten Punkt der Insel.

Die Geschichte der Dracheninseln oder Drachenlande ist im Grunde dieselbe Tragödie, die sich in jedem Kinderzimmer zuträgt, wenn Vater und Mutter einkaufen. Die Kleinen spielen friedlich miteinander, als die Eltern das Haus verlassen. Minuten später jedoch befinden sie sich in einem erbitterten Wettstreit, der von jedem Einzelnen mit anderen Gründen rechtfertigt wird, der aber nur ein Ziel hat: Alle anderen zu zwingen, die eigene Großartigkeit ein für alle Mal als die Erstaunlichste anzuerkennen.
Nach einer halben Stunde ist das erste Kinderzimmer eine Wüste aus zerstörtem Spielzeug und wild durcheinanderliegendem Interieur. In einer Kampfpause stellen die Kleinen beschämt fest, dass das bestimmt Ärger geben wird, schließen die Tür hinter sich und ziehen ins nächste Zimmer, wo sie entscheiden, ihren Zwist lieber durch ihre Playmobil-Figuren austragen zu lassen.
Stellt euch das Zimmer als eine Welt und die Kinder groß, schuppig und feuerspeiend vor – dann habt ihr es.

Jedes Jahr lassen die Drachen alles, was Beine hat, gegeneinander antreten. Egal, ob Playmobil-Ritter, Lego-Pirat, Barbie-Elfe, Steiff-Satyr oder Mein-erster-Zauberkasten-Magier – Seite an Seite kämpfen sie für den Sieg ihres Drachens. „FÜR WISSEN UND WEISHEIT!“ brüllt man da beim Schädelspalten, oder auch „FÜR DAS LEBEN!“, wenn man nämlich dem grünen Drachen folgt. Andere beschränken sich auf die Farbe ihres schuppigen Kriegsherrn: „FÜR DEN BLAUEN!“ oder gar „FÜR DEN AUSGLEICH! FÜR GOLD! MACHT SIE NIEDER!“
Wie man sieht, folgt jeder Drache einem eigenen Philosophie-Surrogat, und seine jeweiligen Streiter gleichen die unfreiwillige Komik ihrer Schlachtrufe durch Hingabe aus.

Wenn römische Legionäre Seite an Seite mit schweizerischen Reisläufern gegen Orks und einen Dampfpanzer in die Schlacht ziehen, dürfen auch die Knochenbrecher nicht fehlen. Mit dabei in diesem Jahr:

  • Hauptmann und Feldwüterich Bram von Adel (in diesem Jahr Kommandant der Truppen des Goldenen Drachen),
  • sein Weib Tari von der Belagerung von Falkenstein,
  • Clothwig, englischer Bogenschütze der Burgunderkriege und Büchsenmeister,
  • Tombas von Erkenrode, maximilianischer Landsknecht,
  • Dinnz Dajesh, normannischer Ex-Zwerg,
  • Trutz, hochmittelalterlicher Edelbauer und Kriegsknecht,
  • Ochs, barocker Gutsherr und Kriegsknecht,
  • und natürlich der Autor alias Marten und sein Weib Lin als maximilianischer Landsknecht und ihm angetraute Sudlerin.

Der Kundige bemerkt, dass die Söldnerrotte sich harmonisch in die Grundanforderung „Hauptsache, es hat Beine“ einfügt. Bis auf Rottenmitglied Nr.10 vielleicht, „die Kanone“, deren Name eigentlich Frau Sau lautet, was aber niemand so recht zur Kenntnis genommen hat.
Die hat nämlich Räder.

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DF0901von links: Dinnz, Tari, Clothwig, Ochs, Frau Sau, Trutz, Tombas

DF0902Marten, Bram und Lin (hinter der Kamera)

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Während die ersten sieben Rottenmitglieder sich (unterstützt durch Mitglied Nr.10) fleißig in die Drachenhändel stürzten, ist es dem Autor gelungen, einen neuzeitlichen Fotoapparat vom Quast auf die Dracheninsel zu schmuggeln und sein Weib hat ihn dort auch seiner Verwendung zugeführt. Dies sind einige der Ergebnisse:

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Auf nach Islamabad!

Das Landleben ist schön. Grüne Hügel, glückliche Kühe, ein Postkartenausblick jagt den nächsten.

Man muss allerdings ein motorisiertes Fahrzeug haben, um das Landleben zu genießen. „Pfui!“ höre ich den geneigten Leser rufen, „auf dem Lande fährt man gefälligst mit dem Fahrrad oder Bus! Denke an den Abgasgehalt unserer Milch, Frost!“

Nun, ich lebe in einem kleinen Dorf, das stolz auf seinen Busbahnhof ist. Vier Haltemöglichkeiten, nahe dem Hauptlebensmittelversorger gelegen, professionell und prachtvoll. Leider sind keine Fahrpläne angeschlagen. Wenn man einen Wartenden dazu befragt, erhält man die Auskunft, dass der Bus schon kommen werde (wann, könne man ohnehin nicht so genau wissen) und eigentlich immer nach X fahre (wobei X der gewünschte Zielort des Befragten ist und nicht einmal im selben Milchstraßenarm wie das Ziel des nebenstehenden Menschen ist – der nichtsdestotrotz mit demselben Bus fahren wird.
Ein Bekannter von mir hat nach eingehender Recherche eine Telefonnummer ergattert, die, wenn eine Stunde vor Fahrtantritt gewählt, unfehlbar einen Bus in die richtige Richtung herbeibeschwören soll. Das ist aber eine Insiderinformation. Auf den ländlichen Haltestationen steht üblicherweise nur: „Nächster Bus – Donnerstag“.

Natürlich bemüht sich der solcherart verunsicherte Fahrgast, wenn er das Glück hat, einen Bus besteigen zu können, von dessen Fahrer die fehlenden Informationen zu erhalten. Völlig unwahr ist allerdings, dass sich bei einer solchen Gelegenheit die folgende Szene ereignet hätte:

Fahrgast: „Wohin fährt der?“
Fahrer: „Wer?“
Fahrgast: „Nix wer! Wo-hiiin! Wohin der fährt!“
Fahrer: „Der Bus? Ohne mich nirgendwo hin.“
Fahrgast: „Ey, kannste mal die Frage beantworten? Wohin der fährt!“
Fahrer: „Islamabad.“
Fahrgast: „Was hat´n das damit zu tun?“
Fahrer: „Wieso?“
Fahrgast: „Is mir doch scheißegal!“
Fahrer: „Was denn?
Fahrgast: Ob´s im Bad oder im Stall is, dein Scheiß-Lama! Wohin du fährst, will ich wissen! Ey Mann, bisse blöd oder was?!

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Oostern in Oostfreesland

Diesmal keine Expedition, sondern ein Familienurlaub, weshalb es nur wenig von allgemeinem Interesse zu erzählen gibt.

Stationiert waren wir in Neßmersiel (auf der Karte von Ubbo Emmius aus dem Jahr 1600 „Neßerzill“, direkt südlich von Baltrum). Die vier Tage Aufenthalt waren angefüllt mit exzellentem Wetter, radwunden Hinterteilen, ungeheuerlichen Fressorgien, Fischkuttern, Windkraftanlagen, Deichlämmern, „Moin“-Grüßen, Wattschlick, allerlei Getier und einem kurzen Abstecher ins Wilhelmshavener Marinemuseum.

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Aus der touristischen Perspektive betrachtet, hat Ostfriesland viel von dem, was sich Touristen nicht wünschen. Vor allem sind das viele andere Touristen, vergleichsweise hohe Preise für Unternehmungen (Unterkunft und Verpflegung sind dagegen sehr günstig) und eine strikte Publikumslenkung.
Wer meint, es sei leicht, in Ostfriesland ans Meer zu kommen, der hat es noch nicht selbst versucht. Uns ist es nur durch einen Insider-Tipp gelungen, einen touristisch unerschlossenen Zugang zur Nordsee zu finden, an dem sich nichts desto trotz viele Touristen tummelten. Nun ja, zu Ostern bei Maiwetter war das nicht anders zu erwarten.
Das Inland wartet mit einem Postkartenmotiv nach dem anderen auf. Die zwischen endlosen Feldern eingesprengten Gehöfte und Dörfer sehen nur aus dem Auto alle gleich aus; mit dem Fahrrad bietet sich viel Abwechslung und ein angenehmes Stück Teekultur. Außerdem kann man mit dem Drahtesel auch die Touristenhochburgen schnell wieder hinter sich lassen und sich eine Prise ruhige Einsamkeit zu Gemüte führen. Die drückt sich hier nicht nur in der Abwesenheit von Menschen aus, sondern vor allem auch in der Gleichförmigkeit der Landschaft mit ihre weiten Ausblicken und den omnipräsenten, gemächlich rotierenden Dreiblattpropellern der Windkraftanlagen.

Genug der Worte, jetzt müssen Bilder sprechen – zumindest bis wir eine richtige Expedition ins östliche Friesland unternommen haben und einem Sack voller Geschichten gesammelt haben!

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36 Stunden Harz – Der Reise letzter Teil

Aus dem Expeditionstagebuch, Einträge vom 5. April 2009

Runter vom Brocken und rauf auf´s Schloss!

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Vormittags.
Die Bahn hat einen Haufen Touristen auf den Gipfel des Brockens erbrochen. Alle streben durch mannshohe Schneeverwehungen zu dem Granitfelsen mit der Bronzetafel, die da sagt: „Brocken – 1142 Meter“. Offenbar sind sie alle hergekommen, um diese Tafel zu sehen, zu fotografieren und danach die Frittenschmiede zu besuchen (an der Bahnstation für den kleinen Geldbeutel, im Hotel für den größeren).
Wir aber nicht.

Korvettenkapitän Generaloberbergelch Max Milchkrähe lässt zum Abmarsch blasen, und die beiden Burschenschaften, die auf den Gipfel geraten sind, weil sich Schierker Feuerstein nur auf der Zugfahrt zünftig trinken lässt, grüßen uns mit ihren Bannern zum Abschied. Wir wischen uns die Rührung aus den Augen, schnüren die Stiefel fester und marschieren mannhaft (im Falle von Maidlyn: voll weiblicher Grazie) die Fahrstraße hinunter.
Die Straße ist geräumt, das Wetter trocken, windstill und etwas diesig. Zwar ist die Temperatur niedrig, aber es ist keineswegs so kalt, dass wir die Polarausrüstung und die Schneebrillen benötigen würden, die mitzunehmen Max uns gezwungen hat.
Auf der Straße begegnen wir nur wenigen Menschen und zu Maidlyns großer Freude einer öffentlichen Bedürfnisanstalt. Ihre Freude erhält einen Dämpfer, als sie feststellen muss, dass hier Frauen und Behinderte als homogene Gruppe aufgefasst werden.

Max biegt von der Straße ab, als wir eine von zwei frustrierten Kaltblütern gezogene Kutsche voller frierender Touristen passieren. Das Gelände wird anspruchsvoller; tiefer Schnee und Eis wechseln einander ab. Es gelingt mir, eine Schneewehe zu entdecken, in der man plötzlich mit einem Bein bis zur Hüfte einbrechen kann. Meine Expeditionskameraden sind begeistert und Max entscheidet sich dafür, die Wege Wege sein zu lassen und den Abstieg querfeldein fortzusetzen.
Zur Schnee- und Eislage, in und über die man in zufälligem Rhythmus bis zum Knie einbricht oder schlittert, kommt jetzt auch noch ein extremes Gefälle, verschneite Granitbrocken als Stolperfallen und ein dichtes Netz von Schmelzwasserbächen unter dem Schnee, die für normale Wanderschuhe durchaus Volllauf-Tiefe bieten. Wir sind ganz allein im stellenweise arg geschädigten Fichtenwald, aber Max bringt uns sicher aus der Schneezone heraus. Das bedeutet, dass Schmelzwasser und tiefe Löcher jetzt statt unter Schnee unter Moos versteckt sind – wenigstens farblich eine Abwechslung.

Mittags.
Freundlicherweise hat ein schon länger abgereister Gletscher einige zimmergroße Granitquader zu einem Haufen mit hübscher Aussicht zusammengekehrt. Die Mooskissen oben drauf sind trocken, dick und tückisch. Mit dem Anschein äußerster Harmlosigkeit wuchern sie teppichartig über Spalten, in denen wir hoffnungslos stecken bleiben könnten. Vor allem nach dem gestrigen Abendessen in Panagiota Anagnostou´s Restaurant Poseidon. Im Gedenken an das vorzügliche Mahl dort machen wir hier eine kulinarisch frugale Mittagspause mit Butterbroten, Kuhbonbons und Haribo-Cola.
Der weitere Abstieg wird einfacher, das Gelände flacher und bald stoßen wir wieder auf einen Waldweg, der uns zum Waldgasthaus Steinerne Renne führt, einem ehemaligen SED-Ausflugslokal, das sehr hübsch über einem Mittelding aus Wasserfall und Stromschnelle gelegen ist. Ein Herr, der gerade in einem Erker speist, hat offenbar noch nie eine so wagemutige Brückenüberquerung gesehen. Maidlyn hingegen hat noch nie eine so zweifelhafte Erkerkonstruktion über einem Abgrund beobachtet. Man übt sich also beiderseitig im hämisch-hoffnungsvollen Gaffen, aber leider halten sowohl Brücke als auch Erker den Belastungen stand.

Der Weg vom Gasthaus zur Bahnstation stellt für Menschen, die sich an Max Milchkrähes Interpretation des Begriffs „horizontal“ gewöhnt haben, keine Herausforderung dar, wartet aber mit diversen Ausblicken und Kuriositäten auf. Unter den letzteren sind eine geologische und eine animalische hervorzuheben: Wie kommen sternförmige Rissstrukturen von etwa 1 bis 1,5m Durchmesser im gewachsenen Granit zustande?
Menschliche Ursachen scheinen unwahrscheinlich, da die Lage nicht auf eine Sprengung hinweist und im Zentrum der Rissstruktur keine Spuren einer wie auch immer gearteten Verankerung zu erkennen sind. Die geringe Ausdehnung der Risse schließt auch eine Dehnung während der Entstehung des Felsens als Ursache aus. Bis auf weiteres müssen wir die Risse wohl den schweren Schritten der Suchmannschaft anlasten, die nach ihrem verschwundenen Riesenprinz Bodo gesucht hat.

Die animalische Kuriosität war ein Feuersalamander. „Bäh!“, höre ich die Leser rufen, „wie langweilig! Eine blöde Eidechse!“
„Pah!“ antworte ich, „Eidechse! Wer keine Ahnung hat, soll erst einmal aufmerksam zuhören, bevor er eine Meinung ausposaunt!“
Der Feuersalamander ist keine Eidechse, sondern eine Amphibie. Mit richtigem Namen heißt unsere Reisebekanntschaft Salamandra Salamandra Terrestris, was meiner Meinung nach eher nach einem Zauberspruch als nach einem Schwanzlurch klingt. Die Tierchen sind eigentlich Hügelwaldbewohner, aber ihre nach 9 Monaten Schwangerschaft lebendgeborenen Larven werden oft vom Wasser in die Ebenen gespült.
Hupen nützt bei einem kreuzenden Feuersalamander überhaupt nichts; er hat keine Ohren. Dafür verfügt er aber über zwei Ohrdrüsen, mit denen er ein Salamandrin genanntes Alkaloid absondern und verspritzen kann. Eigentlich dient es zur Hautpflege, aber bei Katzen und Hunden kann es Maulsperre, Genickstarre, Sabbern und gelegentlich den Tod hervorrufen (ich kenne einige ähnlich wirkende Duschgels). Menschen dagegen verspüren üblicherweise ein leichtes Brennen auf der Haut, dann und wann gefolgt von Übelkeit und Erbrechen. Unser Salamander war aufgrund der kühlen Witterung aber ganz froh, auf Maidlyns warme Hand zu dürfen und hat sich giftmäßig als Gentleman verhalten.
Für den Gehörmangel hat die Natur ihn übrigens mit besonders guten Augen entschädigt – wenn wir Menschen bei 0,0001 Lux totale Stockfinsternis konstatieren, hält er immer noch nach leckeren Asseln, Käfern, Schnecken und Regenwürmern Ausschau. Ich vermute, über den Fotoblitz war er nicht sehr erfreut – er hat sich aber nichts anmerken lassen und die katzenbucklige Drohhaltung mit aufgerichtetem Vorderkörper und kampfbereit geschwollenen Ohrdrüsen vermieden. Wirklich ein sehr höflicher Salamander.
Leider sind er und seine Artgenossen vom Aussterben bedroht, möglicherweise wegen seines Namens. Zu dem ist er nämlich gekommen, weil man seine brennenden Sekrete für todbringend hielt und obendrein dazu imstande, Brände zu löschen (fragt mich nicht nach dem Zusammenhang). Viele Großbrände des Mittelalters hätten jedenfalls verhindert werden können, wenn man als Löschmittel Wasser anstatt Salamandern eingesetzt hätte.
Grinst da jemand? Dazu gibt es keinen Grund, denn
erstens ist die Sache mit dem Salamander-zum-Löschen-ins-Feuer-werfen wahr und
zweitens kann ich sofort mindestens 18 Zeitgenossen nennen, die das auch heute noch hoffnungsvoll ausprobieren würden.

Nachmittags.
Zurück in Wernigerode entscheiden wir uns, auf den Schlossberg zu klettern und das alte, im 19.Jhd. disneyartig ausgebaute Prachtstück zu erkunden. Von außen sieht man sofort: Das Quedlinburger Frauenstift ist nicht das einzige Stück zerfallenden Steins in der Gegend. Auf den ersten Blick scheint das Werningeroder Schloss sogar noch übler dran zu sein. Wer sich engagieren möchte, sei auf die Schloss-Stiftung, die Freunde des Schlosses und natürlich auf den Harzverein aufmerksam gemacht.

Wenn das äußere Erscheinungsbild des Schlosses an der Grenze zum Kitsch entlangschrammt, so ist das sicher auch den illustren Gästen und Bewohnern des 19.Jhds anzulasten – besonders hervorzuheben ist dabei natürlich Kaiser Wilhelm I., dessen Klosett kürzlich wiederentdeckt wurde. Wie man sonst zu dieser Zeit auf dem Schlosse lebte, zeigen drei Rundgänge durch das (mit fünf Euro Eintritt belegte) Innere, von denen ich Nummer 1 und 2 jedem Freund der viktorianischen Epoche ans Herz legen kann. Den dritte konnten wir leider nicht mehr absolvieren, weil uns die Schließer im Nacken saßen. Ärgerlicherweise ist das Fotografieren (auch ohne Blitz) im Inneren des Schlosses verboten – diesbezüglich sind mir schottische Museen lieber.
Unterhaltsam war es allerdings schon, im vorletzten Raum des Rundgangs ausführlich über eine maximilianische Rüstung auf einem hölzernen Streitross zu fachsimpeln, das mit dem idiotischsten (und natürlich zeitlich über hundert Jahre später liegenden) Rosspanzer geschützt war, den ich je gesehen habe. Nach einer halben Stunde hatten sich die Schließer die Fingernägel bis zu den Ellenbogen abgekaut und vereinzelte Blutstropfen tauchten in ihren Ohren auf.
In einem Anflug von Mitleid entließen wir sie in den Feierabend.

Auch unsere 36 Stunden waren verstrichen und der Ruf der Heimat („Wenn du zu spät zur Arbeit kommst, kannst du dir gleich deine Papiere abholen!“) lockte uns zurück. Ich bitte all das, was ich nicht erzählt habe und all das, was wir nicht gesehen haben um Entschuldigung.

36 Stunden sind einfach zu wenig.

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36 Stunden Harz – Der Reise vierter Teil

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„Wat is en Dampfmaschin´?
Da stelle mer uns mal janz dumm un´ sagen: En Dampfmaschin´, dat is ene jrooße, runde, schwarze Raum. Un´ der jrooße, runde, schwarze Raum, der hat zwei Löcher.
Dat eine Loch, da kömmt der Dampf ´erein und dat andere Loch, dat krieje mer später.“

Paul Henckels als Gymnasialprofessor Bömmel in „Die Feuerzangenbowle“, Terra-Film 1944

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„Dat is en Dampfmaschin´!“

Athanasius C. Frost am Bahnhof Wernigerode, Harzexpedition April 2009

Ihr armen Kinder des 21. Jahrhunderts! Wie könnte man euch klimageregelten Automobilisten das Reisen unter Dampf vermitteln? – Ich weiß es nicht.

Kennt ihr noch den Geruch von Anthrazitkohlenrauch? Die feuchte, ölstinkende Hitze der unverhüllten Lokomotivenmaschinerie? Ihren erstaunlichen Lärm und das plötzliche Beschleunigen der Zylinder, wenn sie schleudert? Habt ihr euch je durch dichten Qualm und Dampf zum Waggon durchtasten müssen? Oder den Waggon über eine offene Brücke gewechselt, während der Fahrtwind euch mit Ruß und kleinen Kohlensprenkeln überschüttete? Sind euch 40 Stundenkilometer einmal schnell erschienen? Habt ihr schon einmal das heisere Geheul der Dampfpfeife durch die Landschaft hallen gehört?

Nein?

So reist man unter Dampf.

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Netzverbindungen:

– auf „articles“ gehen und „Harzer Schmalspurbahnen Sind Die Besten“ auswählen
– der Lokschuppen der HSB
– Wat is en Dampflok?
– Un wat dät die em Harz?

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36 Stunden Harz – Der Reise dritter Teil

Bodetal und Regenstein

Bodo war ein Riese und böhmischer Prinz, will sagen: in jedem Sinne unmäßig. Ausgenommen vielleicht in Hinsicht auf Klugheit oder Bescheidenheit. So was lag ihm nicht. Heute würden wir ihn in bei einem Fußball-Länderspiel oder in der Jury einer Casting-Show erwarten, aber zu seiner Zeit gab es so was noch nicht. Bodo lebte nämlich irgendwann vor dem siebten Jahrhundert, als Zauberei und Prinzessinnen noch inflationär waren.

Brunhilde war eine von ihnen. Sie entsprach exakt der Industrie-Norm für Prinzessinnen; Barbie-Figur, Krönchen und weißes Ross inklusive. Natürlich war sie allein im Wald, als Bodo sie sah und ein mächtiges Drängen in Stammhirn und Hose verspürte. Ganz klar, er wollte sie heiraten. Sie ihn aber nicht.

Die sich anschließende, romantische Verfolgungsjagd führte auf dem Hochplateau bis an den Rand eines sowohl extrem steilen als auch extrem tiefen Flusstals. Vor die Wahl zwischen Bodo im Ehebett und dem beinahe sicheren Tod gestellt, entschied sich Brunhilde (ohne an das Pferd zu denken) für den Sprung zur anderen Seite. Machen wir´s kurz: Sie kam fast unversehrt hinüber, nur das Krönchen fiel in den Abgrund. Bodo hatte weniger Glück und folgte dem Krönchen anstatt der Prinzessin. Beim Aufprall brach er sich nicht sämtliche Knochen, sondern verwandelte sich, wie es oft geschieht, in einen zottigen Hund. In dieser Gestalt bewacht er am Grunde des Flusses Brunhildens Krone bis zum heutigen Tag.

Nun ist es ja leicht einzusehen, dass jemand, der einen 200m-Sturz bis auf einen Gestaltwechsel unbeschadet wegsteckt, auch unter Wasser bis in alle Ewigkeit leben kann, aber ich frage mich doch eines: Vor wem schützt er die Krone da unten? Vor diebischen Forellen?

Die Wahrheit der gerade erzählten Geschichte bezeugen übrigen drei unwiderlegliche Fakten. Zum ersten hat sich einer der Hufe von Brunhildes abspringendem Pferd im Felsen abgedrückt. Etwas unscharf, gewiss, aber sie hatte es ja auch eilig. Die Größe des Abdrucks erklärt übrigens ganz harmonisch die Weite des Sprunges, die einzelne unverbesserliche Skeptiker angezweifelt haben.

Der zweite Umstand ist, dass die Bode sich im Gedenken an Bodo, der sich beim Aufprall vermutlich die Lippe aufgeschlagen hat, einmal im Jahr blutig rot färbt. Heutzutage tut sie das allerdings aus Mangel an Riesenblut mit Hilfe von Algen.

Der dritte schlagende Fakt ist schließlich die Taufe des bis dato namenlosen, 170km langen, schiffbaren Flusses, der allgemein als „der namenlose, 170km lange, schiffbare Fluss“ bekannt war, auf den Namen „Bode“. Nach dem Prinzen Riesen Hund Bodo. Das e ist ein simpler Schreibfehler. Das ist allemal wahrscheinlicher, als den Namen von ahd. bodam abzuleiten und mit Bodden in Verbindung zu bringen, was den Grund eines flachen Gewässers bezeichnet.

Die Bode entwässert den Hochharz (inkl. Brocken) und mündet bei Nienburg in die Saale. Da der Brocken eine sehr schneereiche Region ist, war die Geschichte des Flusses von katastrophalen Hochwässern gezeichnet, bis mit Hilfe von Talsperren im 20.Jhd. eine Regulierung ermöglicht wurde. Auf ihrem Weg den Harz hinab muss die Bode über viele kleine Wasserfälle durch das enge Bodetal zwischen Treseburg und Thale. Mitten in diesem 10km langen Abschnitt hat sich die Geschichte von Bodo und Brunhilde zugetragen. Heute ist das Bodetal ein touristisch gut erschlossenes Naturschutzgebiet, das aus irgendeinem Grund eng mit der nordischen Mythologie verbunden wird. Wer an einem menschenarmen Tag mit offenen Sinnen durch das Tal wandert, findet vielleicht heraus, warum.

Das Expeditionskorps unter der Führung von Generaloberbergelch Max „der mit dem Golf tanzt“ Milchkrähe, dem anzugehören ich das Vergnügen hatte, hat in dieser Hinsicht festgestellt, dass es sich auch im frühen April dort hervorragend schlafen und träumen lässt.

Die Bode im Netz:
– in der Wikipedia
– beim blauen Band

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Von Thale nach Blankenburg ist es nicht weit und von dort zur Ruine Regenstein auch nicht. Das Geschlecht derer von Regenstein ist urkundlich zuerst durch den Grafen Konrad 1162 nachgewiesen, den Sohn des berüchtigten Poppo I. „Zieh blank, du Arsch!“ von Blankenberg.

Die Burg ist bemerkenswerterweise zu großen Teilen nicht gemauert, sondern in den Fels gehauen worden, was die Ruine ein Star-Wars-Gefühl vermitteln lässt. Apropos Ruine: Nachdem die Burg lange Zeit Hauptsitz der Regensteiner Grafen war, wurde sie im 15.Jhd. aufgegeben und zerfiel bis 1670, als Kurbrandenburg seine Finger nach ihr ausstreckte und sie zur Festung ausbaute. Einer teuflisch großen, übrigens. Lange hat sie trotzdem nicht gehalten; im zweiten Jahr des siebenjährigen Krieges, 1758, eroberten die Preußen sie von den Franzosen zurück und zerstörten sie.
Allerdings nicht ganz, wie wir feststellen mussten. Weil in der Ruine u.a. eine Ausstellung und eine Falknerei untergebracht sind, wird sie zwischen 18 und 10 Uhr geschlossen. Wir wissen nun, wie es sich anfühlt, kurz nach Torschluss an ein Stadt- oder Burgtor zu klopfen und beeilten uns, eine andere sichere Übernachtungsmöglichkeit zu finden.

Regenstein
– blankenburgisch
– touristisch
– enzyklopädisch

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