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Zeit zum Grübeln

Irgendwo bei Solingen kriecht Sascha durch den Wald. Es ist 1945 und er ist versprengt – ein gutes, soldatisches Wort, das ihn auch jetzt noch einer Gruppe zuordnet. Zugegeben, es ist die Gruppe derer, die keine Gruppe mehr haben, aber das ist immer noch besser, als allein zu sein, oder?
Sascha denkt nicht über solche Worte nach. Schon gar nicht über deutsche, es sei denn, er sucht zwischen den paar Brocken, die ihm seine Mutter Rosa mitgegeben hat und denen, die der Kommiss gebracht hat, nach den richtigen. Noch vor drei Jahren hat er gegen die Wehrmacht gekämpft, jetzt trägt er ihre Leutnantsabzeichen. Er nimmt sich nicht die Zeit, sich über derlei Dinge zu wundern. Dreißig Jahre ist er alt, Soldat, solange er denken kann, und wenn er Zeit zum Grübeln hat, dann denkt er an seinen Vater Konstantin, der nach Stalins Säuberungen im Gefängnis gestorben ist; demselben Stalin, der Sascha den Orden „Rote Fahne“ dafür angesteckt hat, dass er mit Maschinengewehren auf schwertschwingende Japaner hat schießen lassen. Oder an Katharina und die beiden Kinder, Robert und Eleanore, die eine deutsche Bombe unter den Trümmern seines Hauses begraben hat. Oder an seine Mutter und seinen Bruder Boris, die in Russland geblieben sind und die er nie wieder sehen wird.
Aber viel Zeit zum Grübeln ist nie. Auch jetzt nicht, denn der Wald steckt voller Kanadier. Sie haben nicht viel Kampferfahrung, im Gegensatz zu ihm. Vielleicht kann er durchbrechen. Wenn er leise ist, hat er eine Chance. Aber genau vor ihm steht einer von denen. Wenn es ihm gelingt, dicht genug an den Kanadier heranzukommen, kann er das Messer benutzen – oder den Gewehrkolben. Dann hat er eine Chance. Der Kanadier hat immer noch nichts gemerkt. Sascha kriecht näher, die schlammverschmierte graue Uniform fast unsichtbar auf dem kriegszerfurchten Waldboden. Immer noch sieht der Kanadier in die falsche Richtung. Bald ist Sascha nah genug heran … jetzt! Er springt auf – und bleibt mit dem Stiefel in einer Wurzel hängen. Er klatscht auf den Boden, verliert das Gewehr, der Kanadier wirbelt herum, seine Waffe im Anschlag.
Sascha bleibt einfach liegen. Es ist vorbei. Gleich wird der Schuss krachen. Gleich. Gleich …
Es fällt kein Schuss. Der Kanadier nimmt ihn gefangen. Er spricht sogar deutsch, besser als Sascha. Warum hat er nicht geschossen? Was, wenn Sascha Teil eines deutschen Kommandos gewesen wäre? Wenn ein anderer über den Kanadier hergefallen wäre, während der sich mit Saschas Gefangennahme beschäftigte? Er hätte schießen müssen! Um sich selbst zu retten, um seine Einheit zu warnen, und wenn das nicht reichte, dann weil er Befehl hatte, jeden Deutschen zu tötet, der sich nicht sofort ergab. Oder nicht?
Als Sascha eine kurze Weile später entwaffnet an einem Baum steht und seine Taschen umgekehrt hat, stellt er die Frage: „Warum hast du mich nicht erschossen?“
Der andere sieht ihn erstaunt an: „Wieso? Ich kenne Sie doch gar nicht.“
Sascha hat mir die Geschichte fünfundfünfzig Jahre später in seinem immer noch ein bisschen holprigen Deutsch erzählt: „Und wie das passiert war, da hab‘ ich gedacht: Mensch, der hat ja recht. Ich kenn‘ ihn gar nicht, warum soll ich auf ihn schießen? Und da ist mir dann erst klar geworden, was das für ein Blödsinn war, was wir da gemacht haben.“
Und ich? Ich kenne die Namen von Stalin und Hitler und sogar Georg VI. Aber den Namen eines kanadischen Soldaten, der meinen Großvater zum Grübeln brachte, anstatt ihn zu erschießen, den kenne ich nicht.

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Was ist ein Landsknecht?

Der Begriff Landsknecht beschreibt die „ in kaiserlichen Landen angeworbenen Fußsöldner“ zwischen dem späten 15. Jahrhundert und dem Ende des 16. Jahrhunderts. Der Name ist eine Prägung, um die Landsknechte von ihren schweizerischen Vorbildern (den Reisläufern) abzuheben und hat nichts mit dem Begriff Lanze zu tun, auch wenn die Bezeichnung Lanzknecht als Verballhornung auftaucht.
Gegen die Deutung als Lanzknecht spricht, dass die Lanze ursprünglich eine germanische und keltische Wurfwaffe war, deren Name erst im Laufe des Hoch- und Spätmittelalters sinnwidrig auf den Reiterspieß übertragen wurde . Gerade im deutschsprachigen Bereich, also den kaiserlichen Kernlanden, erhielt sich aber für den Reiterspieß die korrektere Bezeichnung Reißspieß. Reiß leitet sich vom frühneuhochdeutschen reise, rais(e), rayß oder reis ab und bedeutet Heeres-, Kriegs- oder Beutezug . Dieselbe Wurzel liegt auch dem schweizerischen Begriff Reisläufer zugrunde, also sinngemäß übertragen „jemand, der zu Fuß auf einen Kriegszug geht“.
Zur Verwirrung trägt allerdings bei, dass der Name reisspieß allgemein auf den Spieß der Reisigen und nicht nur spezifisch auf den Reiterspieß angewendet wird .

Die Grenzen der kaiserlichen Lande verlaufen um 1550 im Westen etwa entlang einer Linie Calais – Verdun – Lyon – Nizza, im Süden quer durch Norditalien, dabei Florenz ein- und Bologna und die Po-Ebene ausschließend, im Osten etwa entlang einer Linie Triest – Krakau – Breslau – Danzig und im Norden quer durch die dänische Halbinsel auf einer Höhe zwischen Kiel und Flensburg . Die Schweizer Eidgenossenschaft ist geographisch aus diesem Komplex also kaum auszugrenzen; ganz im Gegenteil liegt sie geradezu mittig in den kaiserlichen Landen.
Auch wenn die Eidgenossenschaft sich ab der Schlacht von Morgarten 1315 praktisch zu einem Bündnis souveräner Stadtrepubliken entwickelte, blieb sie rechtlich ein Teil des Heiligen Römischen Reiches . Eine genaue Beschreibung der politisch-territorialen Entwicklung des Heiligen Römischen Reiches zur Zeit der Landsknechte würde notwendigerweise einen bedeutenden Umfang annehmen und ist hier für unseren Zweck nicht erforderlich. Zweierlei ist allerdings zu beachten:
Erstens ist das Heilige Römische Reich nicht allein auf den deutschen Sprachraum begrenzt, auch wenn deutschsprachige Landesteile die Mehrheit bilden. In der Konsequenz kann das Landsknechtswesen nicht als rein deutsches Phänomen betrachtet werden.
Zweitens sind die Reisläufer als Vorbilder der Landsknechte (und in der Tat Ausbilder der ersten Landsknechtsregimenter) nicht Verteidiger der Eidgenossenschaft, sondern Söldner, die fremden Interessen dienen, solange diese nicht mit denen der Eidgenossenschaft kollidieren.

Die Entwicklung der Landsknechte verläuft in Nachahmung und Abgrenzung zu den Reisläufern. So ist es nicht verwunderlich, dass die erste urkundliche Erwähnung des Begriffs Landsknecht 1486 in der Eidgenossenschaft erscheint. Der Schweizer Konrad Gächuff behauptet dort in einer Schmähschrift, er zöge es vor, „Schwaben oder andere Landsknechte“ zu bewaffnen und auszubilden, da sie doppelt so viel wert seien, wie die Schweizer .
Urheber und bedeutender Förderer der Landsknechte war Kaiser Maximilian I. (1459 – 1519), dem die Überlieferung sowohl den Titel „Vater der Landsknechte“, als auch „der letzte Ritter“ zumisst. Diese beiden Titel stehen in enger Abhängigkeit.
Der Ruf, den die Schweizer genossen, hatten sie sich verdient, indem sie wiederholt mit ihren Infanteriehaufen feudale Reiterheere besiegt hatten. Maximilian, der sich in gewissermaßen nostalgischer Weise in den ritterlichen Tugenden übte, war klug genug, um auf die solcherart veränderte militärische Situation mit der Einrichtung eines alles andere als traditionellen Heereswesens zu reagieren. So stellen die Landsknechte einen Übergang zwischen der ritterlichen Kriegsführung des Mittelalters, deren Kernelemente Feudalismus und individuelle Tapferkeit waren, und der modernen Kriegsführung mit strukturierten Massenheeren dar.

Die Bewaffnung der Landsknechte bestand charakteristischerweise in langen Stangenwaffen, meist Piken und Hellebarden, die dem Hauptfeind, der Kavallerie, widerstehen konnten. Überhaupt haben lange Waffen den Vorteil, dass mehrere Glieder zugleich an den Feind kommen, was die Effektivität der Infanterie merklich verbesserte.
Kombiniert wurden die Stangenwaffen mit solchen, die gegen einen feindlichen Infanteriehaufen nützlich waren; etwa den kurzen Katzbalgern und den langen Zweihandschwertern.
Das Ende der Landsknechte in militärischer Hinsicht liegt in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, als die rasche Entwicklung der Pulverwaffen Pikenhaufen obsolet machte. Auch der Begriff Landsknecht ging in dieser Zeit verloren und wurde durch „kaiserlicher Fußknecht“ ersetzt.

Der Begriff Landsknecht lässt sich also verschieden eingrenzen:

Zeitlich beschreibt er eine militärische Truppengattung, die für ein knappes Jahrhundert zwischen dem Ende des 15. und dem des 16. Jahrhunderts existierte.
Militärisch beschreibt er Söldnereinheiten aus den kaiserlichen Landen, die als Infanteriehaufen mit Stangenwaffen, insbesondere langen Spießen, ins Feld zogen.
Historisch stellt er eine Übergangserscheinung zwischen mittelalterlich-feudaler Kriegsführung und modernen Massenheeren dar, die sich in Abhängigkeit von und in Konkurrenz zu den schweizerischen Reisläufern bildete.

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Mittelalter?

Wer, wie ich, ein Hobby ausübt, in dem das Attribut „mittelalterlich“ eine ständige Plage ist, wird verstehen, warum dieser Artikel entstanden ist. Für die anderen erzähle ich es gerne noch mal:

Angenommen, du solltest einem Unbedarften erklären, vor welchem Hintergrund der Herr der Ringe oder die World of Warcraft spielen – „mittelalterlich“, und alles ist klar.
Angenommen, du besuchst einen Markt, auf dem irgendwie altertümlich sprechende Leute in alberner Kleidung, Fellen oder Lumpen rumlaufen, Met ausgeschenkt und Sackpfeifenmusik gespielt wird – „mittelalterlich“. Keine Frage.
Angenommen, du siehst ein Haus, an dem keine Linie oder Ecke gerade ist oder das gar einen Turm (oder ein Türmchen) hat – „mittelalterlich“.
Angenommen, die bestehende Situation entspricht nicht deinen Wünschen – Frauenhass, Kirchendogmatismus, Unfreiheit, mangelnde Bildung, Faustrecht – „mittelalterlich“.
Und selbst, wenn du dich in der Mittelalter-Szene bewegst, sei es nun in Sachen Musik, Märkte, Reenactment, LARP oder sonstwie, immer wird „mittelalterlich“ eine gute Beschreibung und das Maß der Dinge sein.

Zeit für einen genaueren Blick auf das magische Wort.

Das Mittelalter liegt bekanntermaßen zwischen Antike und Neuzeit. Streiten wir an dieser Stelle nicht darum, wann die Erste endete oder die Letztere begann, genießen wir stattdessen die Gewissheit, dass die Menschen des Mittelalters überwiegend der Ansicht waren, im letzten Zeitalter der Welt zu leben, die am baldigst erwarteten Jüngsten Tag enden würde.
Die Idee eines mittleren Alters kam erst bei den Humanisten des 14. und 15. Jahrhunderts auf. Das ist ein wenig unangenehm, denn die übliche Trennlinie zwischen Mittelalter und Neuzeit liegt um das Jahr 1500, was den Rückblick der Humanisten ins überstandene Mittelalter um ein bis zwei Jahrhunderte verfrüht erscheinen lässt. Macht aber nichts, denn die sprachen sowieso nur in ästhetischer Hinsicht von einem „Mittelalter“. Historisch teilten sie die Welt in das jüdisch-heidnische und das christliche Zeitalter. Oder in die Abfolge der vier Weltreiche, oder der drei französischen Königsdynastien oder so was. Kein Wort von Mittelalter hier.

Mittelalter als historischer Begriff konnte natürlich nur von einem Historiker eingeführt werden. Wir kennen die Täter. Georg Horn aus Leiden brachte 1666 eine Kirchengeschichte heraus (nettes Jahr dafür, nicht wahr?), die er in Altertum, Mittelalter und Neuzeit teilte. Nach der Reformation wirklich das Mindeste, was er tun konnte. 22 Jahre später übertrug Christoph Cellarius diese Dreiteilung auf die gesamte Geschichte und schuf damit den Gegenstand dieses Artikels: Das Problem der genauen Eingrenzung.

Die Grenzen des Mittelalters sind sowohl räumliche, als auch zeitliche. Sie werden seit Cellarius immer wieder neu und immer wieder unterschiedlich bestimmt, je nachdem, was der entsprechende Historiker für das Wesen der mittelalterlichen Kultur hielt. Religionsgeschichtlich z.B. könnte sich das Mittelalter von der Christianisierung des römischen Reiches durch Konstantin I. ab 312 bis zur Reformation durch Luther ab 1517 erstrecken. Politisch ließe es sich durch die Kaiserkrönung Karls des Großen 800 und die Abdankung von Kaiser Franz II. 1806 begrenzen. Räumlich könnte man sich auf die katholischen, Latein sprechenden Reiche Europas beschränken – was aber z.B. die christlich-orthodoxen Reiche (Byzanz!) ausschließt. Und was ist mit Spanien, das mal christlich, mal muslimisch und dann wieder beides gleichzeitig ist?

„Alles blabla“, wird jetzt ein wackerer Zeitgenosse mit gesundem Menschenverstand einwerfen, „solche Streitigkeiten sind überflüssig. Alle christlichen Länder zwischen 500 und 1500, wobei teilchristliche einfach zu christlichen aufgerundet werden, und gut ist´s. Sollen sich die Historiker mal nicht so anstellen.“

Recht hat der gute Mann. Die Historiker haben sich ein Beispiel daran genommen und sich auf ein ungefähres Mittelalter verständigt. Der Schauplatz ist „Alteuropa“, also die Länder, die seit dem 13.Jhd. sich von den übrigen Ländern abzuheben begannen, um den Durchbruch der „modernen Welt“ vorzubereiten. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was genau nun eigentlich die „moderne Welt“ ist, und welche Staaten „Alteuropas“ für sie verantwortlich zu machen sind, aber das sind halt Ermessensspielräume.
Zeitlich stellt sich die Sache schwieriger dar. In religiöser Hinsicht dauert das Mittelalter von 313 (Toleranzedikt) bis 1517, wie schon gesagt wurde. Nach der politischen Ordnung gerechnet, dauerte es vom Hunnenvorstoß 375 (oder vom Ende des weströmischen Kaisertums 476) bis zum Zug Karls VIII. von Frankreich gegen Italien 1494. Geographisch dauerte der Zustand einer geschlossenen, kontinentaleuropäischen Gemeinschaft romanisch-germanischer Völker von 635 oder 650, als die Araber das Mittelmeer zu einer Grenze machten, bis zur Entdeckung Amerikas 1492. Die moderne Geschichtswissenschaft bezieht sich auf den Feudalismus als grundlegendes Element von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, und setzt die Anfangszeit im 8. und das Ende zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert an.

Viel ungenauer kann man kaum noch werden. Viel genauer leider auch nicht, weil die Idee eines „Mittelalters“ wie auch aller anderen Epochen eine Erfindung der Nachwelt ist, die sich auf eine unklare Weise von der vorangegangenen Welt abgetrennt fühlt. Auch eine mehr oder weniger beliebig definierte räumliche und zeitliche Begrenzung hilft kaum weiter, denn derselbe Landstrich der Grafschaft Berg weist z.B. vor 1348 eine ganz andere kulturelle, politische, religiöse und demographische Struktur auf als nach 1350. Da kam nämlich die Pest dazwischen.

Es bleibt also dabei: „Mittelalterlich“ ist eine gute Beschreibung jenes schwammmigen, romantisierten oder fantasyrten Dinges, das so überraschend große Teile unserer gegenwärtigen Alltagskultur prägt. Wer der damit eigentlich gemeinten Epoche ein genaueres Interesse entgegenbringt, wird gezwungen sein, sich einzuschränken, wie es der Autor hier getan hat:

Quellen:
„Lexikon des Mittelalters“, Band VI, dtv, München 2002.
„Der neue Kulturfahrplan“ herausgegeben von Prof. Werner Stein, Herbig, München 2001.

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Wie man 1499 über Blogs dachte

Schon vor 510 Jahren hat sich Sebastian Brant so seine Gedanken um das Bloggen gemacht.

Obwohl noch ohne eigenen Internetzugang, brachte sein Weitblick ihn doch zu einem kritischen Urteil in der Frage, was und wieviel man veröffentlichen soll. Dabei geizt er nicht mit klaren Worten, die ihm unter Bloggern und anderen sozialen Netzwerkern kaum Freunde machen werden.
Von Herrn Brant als Idiot beschimpft, erlaube ich mir, mich zu rächen, indem ich drauf hinweise, dass er seine eigenen Ratschläge auch nicht befolgt hat (immerhin hat er sie als Buch herausgebracht). Und wie der eine treulose WG-Genosse die privaten Angelegenheiten des anderen ausplaudert, zerre ich Herrn Brant auf seinem Narrenschiff wieder ans Tageslicht.

Ätsch.


(zitiert nach Sebastian Brant: Das Narren Schyff Ad Narragoniam, Basel 1494 – 1499, neu herausgegeben von Manfred Lemmer, Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1986)

Soweit Sebastian Brant. In modernem Deutsch (sinngemäß und ungereimt) liest sie sich etwa wie folgt:

Wer öffentlich seine Meinung bekanntmacht
und sein Garn vor jedermann aufspannt (Brant spielt auf rethorische Vogelnetze an, in denen sich der Unvorsichtige fangen soll),
vor dem kann man sich leicht hüten.

Ein Idiot ist, wer sich das Fangen der Beute sparen will
und vor ihren Augen das Netz ausbreitet.
Zu leicht kann ein Vogel dem Garn entkommen,
das er vor sich aufgespannt stehen sieht.

Wer den ganzen Tag nichts tut als zu drohen,
von dem fürchte man keinen festen Schlag.
Wer all seine Beschlüsse öffentlich macht,
vor dem nimmt sich jedermann leicht in Acht;
hätte sich Nikanor nicht entfremdet
und anders verhalten als vorher,
so hätte Judas seine Absichten nicht durchschaut
und sich nicht rechtzeitig vor ihm geschützt. (Anspielung auf 2 Makk 14, 26-34, wo sich Judas Makkabäus der Verhaftung durch seinen Verbündeten Nikanor entzieht)

Derjenige scheint mir ein weiser Mann zu sein,
der seine Sache im Voraus kennt und außer ihm niemand,
wenn ihm sein Wohlergehen ein Anliegen ist.
Es will inzwischen jedermann horchen
und solche Geschäfte anrühren,
die vorne lecken und hinten kratzen.

Ich halte nicht für einen weisen Mann
wer seine Pläne nicht verbergen kann.
Denn ein Haufen Idioten und die Ergebnisse einer Liebschaft,
sowie eine Stadt auf einem Berg
und Stroh, das in den Schuhen liegt;
diese Vier lassen sich nicht lange verbergen.

Ein Armer kann wohl Heimlichkeit bewahren,
aber eines Reichen Sache wird weit herumgetragen
und wird durch untreue Mitbewohner des Hauses
schnell aufgedeckt und verraten.
Jede Sache kommt leicht heraus
durch die, die bei einem im Haus wohnen.
Zum Schaden braucht es keinen anderen Teufel
als die, die bei einem wohnen,
vor denen man sich nicht hütet,
und die doch viele um Leib und Besitz bringen.

Wer mehr lesen will: Hier segelt das Narrenschiff online.
Und hier gibt es (neben dem Original) eine Nachdichtung von 1877

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1000 Jahre futsch

Heute gegen 14.00Uhr wurden 1000 Jahre die U-Bahn runtergespült. Im Kölner Severinsviertel stand bis zu diesem Zeitpunkt das Stadtarchiv, angefüllt mit den Dokumenten der Stadt- und Landesgeschichte. Über Personenschäden besteht noch Unklarheit, offenbar konnten aber nach einer Warnung durch Bauarbeiter die Angestellten und Nutzer des Archivs das Gebäude noch rechtzeitig verlassen. Zwei benachbarte Häuser stürzten ebenfalls ein. Die wahrscheinliche Ursache liegt im Bau der Nord-Süd U-Bahn, der ja bereits den Turm der St.Johann Baptist-Kirche anno 2004 bis kurz vor den Einsturz brachte.
Wenn ich mir vorstelle, wie dort in diesen Augenblicken unersetzliche Verbindungen in die Vergangenheit unter ätzendem Schutt liegen und auf den nächsten Regenschauer oder die Bagger des Aufräumkommandos warten, könnte ich heulen. Wir reden hier über Dokumente, die von Albertus Magnus bis Heinrich Böll reichen, zahllose Rechtsurkunden, unbearbeitetes und unveröffentlichtes Material, und so weiter und so fort. Warum ausgerechnet das Stadtarchiv? Man könnte an den Teufel glauben.

Ich wünschte mir, man würde die Arbeiten an der U-Bahn sofort stoppen, sämtliche Arbeiter und Ingenieure dazu zwingen, über dem Trümmerfeld einen Wetterschutz zu errichten und sie nicht nach Hause lassen, bevor der nicht steht und funktioniert. Dann sollte man die Baufirma dazu verdonnern, die Ausgrabung der Einsturzstelle durch Archäologen und Historiker zu finanzieren, zusätzlich zu den Kosten des Wiederaufbaus. Und selbstverständlich natürlich die Strafe wegen Vertragsbruch, weil die Sicherheit der Gebäude nicht garantiert wurde und eine professionelle Firma jetzt den Job übernehmen muss.
Tatsächlich wírd man über die Fragen der finanziellen Regelung und der Personenschäden achselzuckend über das alte Papier hinweggehen, das ohnehin im Bauschuttrecycling enden wird.

Alles, was entsteht, muss wieder vergehen. Aber dieses unermesslich kostbare Schatzhaus durch Stümperei und Ignoranz zu verlieren, erfüllt mich mit ohnmächtigem Hass auf die Beteiligten.

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Nachtrag am Nachtag:

Jetzt sind es nur noch vier Vermisste. Wir Menschen sind nun mal sehr zerbrechlich und die Zeiten überdauern wir nur als Erinnerung. In diesem Sinne liegen aber nicht vier, sondern tausende unter den Trümmern. Was für eine Kultur, die nicht mal ihre Ahnen ehrt – man ist doch stolz, im 21. Jahrhundert zu leben.
Apropos 21. Jahrhundert: Wäre das Stadtarchiv vor 500 Jahren eingestürzt, dann würden jetzt bereits dutzende Gildenleute und Tagelöhner im Auftrag der Stadtväter nach den Dokumenten graben. In unserer Zeit ist man klüger und viel besser organisiert. Erst mal wird abgesperrt und die Gefahrenlage überprüft. Dann werden Versicherungsfragen geklärt. Danach wird der Aufräum-Auftrag ausgeschrieben, und wenn die Arbeit dann beginnt, wird man vielleicht einigen Historikern (wenn sich überhaupt welche dorthin trauen) erlauben, in den Schuttcontainern rumzustochern. Hoch leben die unbegrenzten technischen Möglichkeiten und die Schnelligkeit der Gegenwart!

Begräbnisriten und Totenehrung sind die ersten Anzeichen von menschlicher Kultur, die wir haben. Überlieferung definiert die Menschheit. Wie wundervoll, dass wir uns inzwischen auch von diesem alten Schuh befreien konnten. Willkommen in der Welt der Vormenschen!

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Nachtrag am Nachtag vom Nachtag:

Oh du kleines Land der Wunder – tatsächlich wurden bereits gestern Planen über die Trümmer gezogen, die den Regen abhalten könnten. Bei einer Versicherungssumme von 400 Millionen Euro unter dem Schutthaufen regt sich das Geschichtsbewusstsein offenbar wieder. Mehr noch: bereits jetzt wurde sieben Historikern gestattet, zu bergen, was man bergen kann, ohne in Lebensgefahr zu geraten oder schweres Werkzeug einzusetzen. Die Teile des Archivs, die in dem nicht eingestürzten Anbau untergebracht waren, sind bereits gerettet. Aber die mittelalterlichen Handschriften und Drucke waren im zweiten und dritten Geschoss des Hauptgebäudes untergebracht und sind daher verloren. Man hofft, der Keller habe standgehalten, so dass dort noch was zu bergen ist – aber angesichts des Hergangs (eine Stützwand der benachbarten U-Bahn-Baugrube bricht, Erde rutscht in einen U-Bahn-Tunnel und die Fundamente des Archivs verlieren den Boden unter den Füßen) halte ich das für unwahrscheinlich. Zumindest ist mit Rissen in den Kellerwänden zu rechnen. Grundwasser, das ja in Köln generell und um diese Jahreszeit besonders hoch steht, oder einige der 1000 Kubikmeter Beton, die zur Stabilisierung in die Baugrube gekippt wurden, haben nun Zeit zu wirken.
Der kölnische Dreisatz „et äß wie et äß, et kütt wie et kütt un et äß noch ewwer jot jejange“ ist zumindest in seinem letzten Schritt widerlegt. Die rheinische Frohnatur sieht es positiv und hat bereits eine neue Generation U-Bahn-Witze entworfen, wie z.B. diesen hier: „Nord-Süd-Linie – nächster Halt: Stadtarchiv.“

Es fällt mir immer noch schwer, zu lachen.

Komisch.

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Etymologische Kostbarkeiten: Der Doppelgänger

Das Rekrutierungsverfahren der Landsknechte zwischen 1486 und 1560 sah in der Regel vor, dass der Freiwillige Namen, Geburtsort, Alter und Beruf in die Musterrolle eintragen ließ. Zu einem festgesetzten Zeitpunkt begab er sich dann zur Musterung. Dort wurde er aufgerufen und musste unter den Augen der Offiziere (Schreiber, Musterungsoffizier, Kapitän und Obrist) durch ein eigens errichtetes Portal (oft drei Piken oder Hellebarden) gehen. Der Musterungsoffizier begutachtete dabei den Mann und seine Ausrüstung und rief dann den Sold aus, der dem Rekruten gezahlt werden würde, was der Schreiber sogleich festhielt. Der Weg des Rekruten führte von dort zum Pfennigmeister, wo ihn sein erster Sold erwartete.
Geschäftstüchtigere Rekruten allerdings marschierten noch ein Stückchen weiter – um sich am Ende der Warteschlange ein zweites Mal anzustellen. Kein Wunder, dass „Doppelgänger“ einander so ähnlich sehen.

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(Miller/Richards/Embleton: Landsknechte. Siegler, St.Augustin 2004, S.13f / Holzschnitt von Jost Amman aus „Der Deutsche Landsknecht“, Friedrich Blau, Görlitz 1882 )

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