Vogelperspektive

„Hola, mano!“
„Schnauze!“
Es ist halb zwölf Uhr morgens, ich stehe in den Trümmern meiner Küche und meines Kopfes und frage mich, ob ich letzte Nacht einen Zombie zungengeküsst habe, oder woher der Geschmack in meinem Mund sonst kommt. Irgendwer hat gestern auf der Geburtstagsfeier das Niveau im Keller angebunden und die Hemmschwelle im Garten vergraben, und jetzt quatscht mich auch noch die Kaffeemaschine auf Spanisch an.
Seit wann kann die überhaupt sprechen?
Ich stelle meine leere Tasse präzise neben die Arbeitsplatte und schaue hinter die Maschine.
„Hier drüben, cretino!“
Das `r´ rrrollt wie ein sehrrr kleinerrr Donnerrr. Meine verklebten Augen schwenken in Richtung Wellensittichkäfig. Ah. Zumindest das Tequilaaroma wird erklärlich. Neben dem Käfig steht eine offene und ziemlich leere Flasche von dem Zeug. Wer hat die angeschleppt?
Ich beuge mich über den Käfig. Sanchez, unser blauer Sittich, sitzt an die Außenseite gelehnt da und starrt mich aus einem rot unterlaufenen Auge an.
„Schenk‘ nach, mano!“
„Du kannst sprechen?“
„Ich habe nicht gesprochen, ich habe bestellt.“ Er nickt mit dem Kopf anklagend in Richtung des verdächtig trockenen Vogelbads.
„Du kannst wirklich sprechen?“
Er seufzt. „Wir Sittiche sind bekannt dafür, oder nicht? Cocoisnguterjungecocowillnkeks und so?“ Er schlägt genau denselben Ton für Grenzdebile an, den ich immer benutze, wenn ich die Zeugen Jehovas zu Boris von den Hells Angels weiterschicke.
„Ich meine, du kannst dich ja richtig unterhalten“, entschuldige ich mich.
„Sí, sonst würde das Reden recht wenig Sinn machen. Übrigens habe ich Durst.“
„Aber warum erst jetzt? Wir haben jahrelang versucht, es dir beizubringen!“
„Ach ja? `Sanchez, sag‘ mal Sanchez´? Was sollte der Schwachsinn? Wenn ich euch nicht verstehe, kann ich’s nicht machen und wenn ich euch verstehe, ist das ja wohl keine Art, in einen Smalltalk einzusteigen! Ich dagegen habe mit piep angefangen. Der einfachste Grundlaut der Welt – und habt ihr auch nur ein Wort Sittisch gelernt? Also hör auf zu jammern und schenk‘ jetzt endlich ein, bevor meine Alte was merkt!“
Verdattert kippe ich Tequila ins Vogelbad. Sanchez nimmt ein paar mächtige Schlucke.
„Woher hast du diesen Akzent?“, erkundige ich mich. „Du warst doch nie in Spanien.“
„Mexiko“, korrigiert er mich. „Hast du mal versucht, auf ’ner Party zu landen, indem du gesagt hast `’sch bin ne berjische Jong´?“
„Du bist auch noch nie auf eine Party gegangen.“
„Kein Grund, unvorbereitet zu sein. Da muss bei ersten Mal alles klappen! Die Mädels mit den schicken Schwänzen haben immer die Wahl. Is‘ bei uns nicht anders als bei euch.“
„Aber was ist mit Limette? Wir haben sie doch extra für dich besorgt, damit du nicht so einsam bist!“
„Und du wunderst dich, warum ich nicht mit euch rede? Los, schenk‘ nach, bevor sie was merkt!“
Ich gehorche. In diesem Augenblick betritt die Liebe meines Lebens die Küche. „Da gehört eine Raupe rein, kein Sittich“, merkt sie an und bahnt sich einen Weg ins Esszimmer.
„Warte mal! Das is total krass, der Sanchez kann sprechen!“, sprudele ich heraus. Aus zwei entgegengesetzten Ecken der Küche starrt mich jeweils ein rot unterlaufenes Auge geringschätzig an. „Ja und? Du kannst es doch auch“, sagt die Liebe meines Lebens mit strapazierter Geduld. Sanchez nickt zustimmend.
„Nein, im Ernst!“ Wenn ich bis hierhin gegangen bin, kann ich auch bis zum Ende gehen: „Sanchez, sag‘ was!“ – Stille. –
„Bitte?“, füge ich kleinlaut hinzu. Keine Reaktion.
„Tequila? … Die ganze Woche?“ Ich kann nicht fassen, dass ich einen Wellensittich zu bestechen versuche. Aber es wirkt: Sanchez plustert sich, streckt erst das eine, dann das andere Bein, setzt sich in Positur, ordnet ein paar Federn und zwinkert mir zu.
„Piep.“

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Zeit zum Grübeln

Irgendwo bei Solingen kriecht Sascha durch den Wald. Es ist 1945 und er ist versprengt – ein gutes, soldatisches Wort, das ihn auch jetzt noch einer Gruppe zuordnet. Zugegeben, es ist die Gruppe derer, die keine Gruppe mehr haben, aber das ist immer noch besser, als allein zu sein, oder?
Sascha denkt nicht über solche Worte nach. Schon gar nicht über deutsche, es sei denn, er sucht zwischen den paar Brocken, die ihm seine Mutter Rosa mitgegeben hat und denen, die der Kommiss gebracht hat, nach den richtigen. Noch vor drei Jahren hat er gegen die Wehrmacht gekämpft, jetzt trägt er ihre Leutnantsabzeichen. Er nimmt sich nicht die Zeit, sich über derlei Dinge zu wundern. Dreißig Jahre ist er alt, Soldat, solange er denken kann, und wenn er Zeit zum Grübeln hat, dann denkt er an seinen Vater Konstantin, der nach Stalins Säuberungen im Gefängnis gestorben ist; demselben Stalin, der Sascha den Orden „Rote Fahne“ dafür angesteckt hat, dass er mit Maschinengewehren auf schwertschwingende Japaner hat schießen lassen. Oder an Katharina und die beiden Kinder, Robert und Eleanore, die eine deutsche Bombe unter den Trümmern seines Hauses begraben hat. Oder an seine Mutter und seinen Bruder Boris, die in Russland geblieben sind und die er nie wieder sehen wird.
Aber viel Zeit zum Grübeln ist nie. Auch jetzt nicht, denn der Wald steckt voller Kanadier. Sie haben nicht viel Kampferfahrung, im Gegensatz zu ihm. Vielleicht kann er durchbrechen. Wenn er leise ist, hat er eine Chance. Aber genau vor ihm steht einer von denen. Wenn es ihm gelingt, dicht genug an den Kanadier heranzukommen, kann er das Messer benutzen – oder den Gewehrkolben. Dann hat er eine Chance. Der Kanadier hat immer noch nichts gemerkt. Sascha kriecht näher, die schlammverschmierte graue Uniform fast unsichtbar auf dem kriegszerfurchten Waldboden. Immer noch sieht der Kanadier in die falsche Richtung. Bald ist Sascha nah genug heran … jetzt! Er springt auf – und bleibt mit dem Stiefel in einer Wurzel hängen. Er klatscht auf den Boden, verliert das Gewehr, der Kanadier wirbelt herum, seine Waffe im Anschlag.
Sascha bleibt einfach liegen. Es ist vorbei. Gleich wird der Schuss krachen. Gleich. Gleich …
Es fällt kein Schuss. Der Kanadier nimmt ihn gefangen. Er spricht sogar deutsch, besser als Sascha. Warum hat er nicht geschossen? Was, wenn Sascha Teil eines deutschen Kommandos gewesen wäre? Wenn ein anderer über den Kanadier hergefallen wäre, während der sich mit Saschas Gefangennahme beschäftigte? Er hätte schießen müssen! Um sich selbst zu retten, um seine Einheit zu warnen, und wenn das nicht reichte, dann weil er Befehl hatte, jeden Deutschen zu tötet, der sich nicht sofort ergab. Oder nicht?
Als Sascha eine kurze Weile später entwaffnet an einem Baum steht und seine Taschen umgekehrt hat, stellt er die Frage: „Warum hast du mich nicht erschossen?“
Der andere sieht ihn erstaunt an: „Wieso? Ich kenne Sie doch gar nicht.“
Sascha hat mir die Geschichte fünfundfünfzig Jahre später in seinem immer noch ein bisschen holprigen Deutsch erzählt: „Und wie das passiert war, da hab‘ ich gedacht: Mensch, der hat ja recht. Ich kenn‘ ihn gar nicht, warum soll ich auf ihn schießen? Und da ist mir dann erst klar geworden, was das für ein Blödsinn war, was wir da gemacht haben.“
Und ich? Ich kenne die Namen von Stalin und Hitler und sogar Georg VI. Aber den Namen eines kanadischen Soldaten, der meinen Großvater zum Grübeln brachte, anstatt ihn zu erschießen, den kenne ich nicht.

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Siehe auch …

-> Textulenzen

Wenn es hier zu still wird.

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Umgezogen! – Nee, doch nicht!

„Das Bloggen geht weiter, aber nicht mehr im guten, alten Anachronicle.“

So habe ich vor gut einem Jahr an dieser Stelle behauptet, aber die Sache dann doch nicht besonders lange durchgehalten. Derzeit habe ich wenig Zeit und noch weniger Lust am Bloggen. Der Anachronicle bleibt als Archiv online, wöchentlich erweitert um die Artikel, die ich eigentlich für meinen neuen Blog geschrieben hatte. Die Texte, an denen ich gegewärtig arbeite, sind ein bisschen zu lang und trotzdem zu unfertig, um sie ins Netz zu stellen. Aber panta rhei, wer weiß, was morgen ist? ;o)

AFC

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Eine Empfehlung in Sachen Steampunk

Für alle, die das Thema Steampunk bewegt, könnte ein Besuch beim Teletypographen interressant sein.

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Das Sündenmännlein

(Diese Geschichte ist nicht von mir, sondern von Maidlyn! … deswegen findet sie vermutlich auch Leser … ;o)
Sie ist wie mein Galgenmärchen Teil der „Unmärchen“-Lesung gewesen, die wir gestern gehalten haben. Viel Spaß damit!)

    * * *

Es war einmal… es war einmal… tief in den innersten Kreisen der Hölle…

Die schmutzverkrustete Fratze des Alten beugte sich so tief über Noirs Gesicht, dass er fauligen Atem riechen konnte.

…ein buckeliges Männchen, das NICHT Rumpelstilzchen hieß!

Der Alte lachte laut und keckernd, wie eine Ziege.

Rumpelstilzchen! RU-HUMpelstilzchen! Habgierig seid ihr, Könige wie Bettler! Und so unermesslich…

    DÄMLICH!

Das letzte Wort brüllte das bucklige Männchen Noir so laut ins Ohr, dass der hellwach und japsend im Bett saß.
Es dauerte einige Sekunden bis er merkte, dass das Geschrei nicht aufgehört hatte. Keine Worte diesmal. Nur ein Wimmern, unterbrochen von Schreien, wie von einem sterbenden Tier.
Nicht schon wieder… Widerwillig wälzte er sich aus dem Bett und schlurfte los. Er machte sich gar nicht erst die Mühe ein T-Shirt überzuziehen, Lucy würde es ohnehin nicht bemerken. Ohne anzuklopfen polterte er in ihr Zimmer.
Da lag sie, in ihrem Bett, das viel zu groß war für sie, und kämpfte mit dem Bettzeug. Wie jede Nacht. Ohne nachzudenken verfiel Noir in die Routine, die er sich im letzten halben Jahr angewöhnt hatte. Rütteln, ansprechen, Decken wegziehen, noch einmal rütteln.
„No-ah?“ Riesige seeblaue Augen blickten ihn an ohne zu begreifen.
„Na endlich“, knurrte er. „Schlaf wenigstens bei mir, damit ich mir den Weg spare.“ – „Oh.“ Langsam dämmerte Begreifen auf ihrem Gesicht. „Hab‘ ich diesmal lang gebrüllt?“ Noir zuckte die Achseln und grinste hoffnungsvoll. „Du weißt, mein Angebot steht. Ich verspreche auch, meine Hände bei mir zu lassen.“ Lucy verdrehte die Augen und schob den Versuch als Ablenkungsmanöver beiseite. Ihr Blick glitt desinteressiert über ihren nur mit Boxershorts bekleideten Mitbewohner hinweg. Noir seufzte resigniert. So etwas konnte ganz schön am Selbstbewusstsein kratzen.
„Wenn du nix gegen diese Albträume unternimmst, dann mache ich was.“

Doch diese Drohung wahrzumachen war gar nicht so einfach. Den nächsten Tag hing Noir im Internet. Eine Webseite einer Universität versprach Hilfe – allerdings mussten die Betroffenen dazu direkt nach dem Aufwachen ihre Albträume in ein Onlinetagebuch schreiben. Lucy konnte sich aber an ihre Träume nie erinnern. Behauptete sie zumindest. So funktionierte es also nicht.
Als sie von der Uni nach Hause kam, war Noir immer noch nicht weiter gekommen.

Stattdessen stand er am Herd und kippte mit verkniffenem Gesichtsausdruck Nudeln in einen Topf brodelnden Wassers.
Neugierig lüftete Lucy den Deckel des zweiten Topfs. „Hmm, Tomatensoße à la Noir. Haste wieder mein Shampoo verschüttet?“ Noir schüttelte wortlos den Kopf. „Mein Deo gekocht?“ Der Heizlüfter im Bad konnte manchmal erstaunliche Leistungen vollbringen.
Wieder Kopfschütteln. „Was dann?“ – „Nix. Was soll schon sein.“
Nachdenklich inspizierte Lucy den Platz, an dem eine Zwiebel hingerichtet worden war.
„Du hast mir Pasta gemacht – das heißt, irgendwas ist los.“
Noir stieß ein unwilliges Schnauben aus. „Weißt du, in manchen Gegenden wird Schlafentzug als Folter eingesetzt. Und ich darf nicht einmal mürrisch sein?“
Lucy schob sich auf einen der beiden Stühle. Schuldbewusst drehte sie das Zwiebelmesser zwischen den Fingern. „Ich wusste ja auch nicht, dass es so schlimm werden würde“, murmelte sie zerknirscht. „Und langsam fange ich sogar an, den Geschichten meines Vaters zu glauben.“
Noir drehte sich abrupt, die Augenbrauen hochgezogen. Dann schob er die Nudeln von der Platte und setzte sich auf den anderen Stuhl. „Ich höre.“
Lucy grunzte und stieß das Zwiebelmesser so fest auf das Schneidebrett, dass es im Holz steckenblieb. Noir sah sie tadelnd an.
„Ach, daher kommen all die Ker-“ – „Ich fürchte ich bin verflucht.“
„Was?“
„Es ist die einzige Erklärung. Weißt du, als die Albträume anfingen, war ich nicht einmal wirklich überrascht. Es war eben alles zu perfekt, meine Familie und so.“
„Hä?“ Natürlich wusste Noir, worauf sie anspielte.
Lucys Vater war einer von diesen Milliardären, die das Computerzeitalter hervorgebracht hatte. Ihre Familie war groß und perfekt – Krankheiten, ernsthaften Streit oder sonstige Probleme hatte es, soweit Noir mitbekommen hatte, nie gegeben. Die Eltern erschienen außerordentlich gelassen – angesichts von sieben Kindern eine beachtliche Leistung – und dass sie Lucy für ihr Studium einfach so in die Stadt in eine WG ziehen ließen… Als jüngste und einziges Mädchen, und dann mit ihm zusammen… Also, merkwürdig war es ja schon.
„Und das alles hätte mich misstrauisch machen sollen,“ nahm Lucy den Gedanken auf, denn sie wusste wie immer, was Noir dachte. „Und hätte es auch – hätte ich meinem Vater auch nur eine Sekunde lang geglaubt, wenn er sein `Märchen vom Erfolg´ erzählte.“

Märchen. Das Thema tauchte in letzter Zeit eindeutig zu häufig auf. Langsam bekam Noir davon ernsthafte Zahnschmerzen. Falls Lucy dies bemerkte, ignorierte sie es allerdings. Stattdessen sprudelte sie plötzlich und völlig untypisch für sie los.

„Mein Vater hatte damals von überall her Absagen bekommen, niemand wollte sein Programm haben. Und das Mädchen, das er haben wollte, hatte einen anderen geheiratet. Also saß er eines Abends auf einer Brücke und spielte mit dem Gedanken herunter zu springen – ich glaube nicht, dass ich es wirklich getan hätte, sagte er immer. Da stand auf einmal ein altes buckliges Männlein hinter ihm. „Du willst Erfolg? Reichtum? Eine glückliche Familie und ein langes Leben?“ Mein Vater drehte sich ärgerlich zu ihm um. „Wer will das nicht?“ knurrte er. „Hör auf, dich über mich lustig zu machen und lass mich in Ruhe.“ – „Aber das will ich doch gar nicht,“ antwortete das Männlein. „Ich will dir einen Handel vorschlagen. Ich gebe dir all das, was du dir so sehr wünschst. Das einzige, was ich dafür im Gegenzug möchte, ist dein siebentes Kind.“
Natürlich glaubte mein Vater ihm nicht. „Mein siebentes?“ spottete er. „Kannst du haben. Oder lieber das achte?“ Er hatte ja nicht einmal eine Frau. – Und damit fing es an.“ Lucy starrte sehnsüchtig auf das Zwiebelmesser, das Noir auf der Spüle vor ihr in Sicherheit gebracht hatte. „Und dann kam plötzlich der Erfolg mit dem Programm?“ Lucy nickte. „Und wenig später traf er meine Mutter.“
„Und glaubt er selbst an den Fluch?“
Lucy zuckte die Achseln. „Bisher ist kein buckliges Männchen erschienen, um mich abzuholen. Eigentlich war die Geschichte immer ein Familienwitz. Eine der Legenden, die mein Vater sich gern ausdachte, wenn er die tatsächliche Geschichte für zu banal hielt.“
Noir schwieg und dachte nach.
„Und jetzt zweifelst du daran“, murmelte er schließlich.
„Genau.“
„Würde ich vielleicht an deiner Stelle auch. Aber natürlich ist es trotzdem Quatsch. Flüche gibt es nicht. Wir leben schließlich nicht im Märchen.“

Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen… ja ÜBERmorgen… – Willst du wissen, was ich übermorgen tue, ja?

Die Frage wurde von einer Wolke aus fauligem Atem begleitet.

Ja, ja, ja?

Noir versuchte auszuweichen – ein vergeblicher Versuch, da er im Bett lag und der Alte wieder einmal auf seinem Oberkörper hockte. „Ähm… nicht Zähneputzen?“

DÄMLICH! Wie oft muss ich es noch sagen?
Weißt du was, vergiss es einfach, denn du hast nicht den Hauch einer Chance.

Noir versuchte gar nicht erst darauf zu antworten.

Die drei Aufgaben würde ein Holzkopf wie du sowieso niemals erfüllen können.

Noir schnaubte verächtlich. Warum musste er in letzter Zeit immer so einen Mist träumen? Wenn der Typ sich wenigstens für jemand Historisches halten würde.
„Aufgaben? Soll ich herausfinden, aus welcher Anstalt du ausgebüchst bist? – Nein warte, will ich gar nicht wissen.“

Die erste Aufgabe ist…

Noir presste sich die Hände auf die Ohren und begann zu summen, doch es nutzte nicht viel, da die Stimme des Buckligen sich einfach in
seinem Kopf materialisierte.
Trotzdem gab er sein Bestes, nicht hinzuhören.

Am nächsten Morgen fühlte er sich wie gerädert. Lucy warf einen Blick auf seine Augenringe und schob ihm ihren Kaffee rüber. „Hab ich dich etwa angesteckt?“ Noir schüttelte den Kopf. „Quatsch. Musste noch was für ein Hauptseminar machen; hat die halbe Nacht gedauert.“ Lucy verzog angewidert das Gesicht. „Du machst nachts Physik? Na kein Wunder, wenn du davon Albträume kriegst.“ –
„Ich habe keine – ach, vergiss es einfach.“

Noirs Laune war immer noch nicht besser, als ihm auf den Weg zur Uni ein Mann mit Dreitagebart und fleckiger Trainingshose eine Obdachlosenzeitung verkaufen wollte. „Danke, nein…“ Doch der Penner ignorierte ihn einfach. Noir hastete genervt weiter. Erst im Foyer des Hauptgebäudes fiel ihm auf, dass er immer noch die Zeitung in den Händen hielt.

„Aufgabe Eins“, stand da in güldenen Lettern, „…Du musst jemanden finden, der dümmer ist als du.“

„Keine leichte Aufgabe“, kicherte eine Stimme hinter ihm. Noir fuhr herum. Dort unter einem der zettelübersähten schwarzen Bretter hatte sich eine ältere Frau mit strähnigem Haar und vergammelten
Zähnen niedergelassen. Um sie herum standen mehrere vollgestopfte Plastiktüten mit Aufdrucken von ansässigen Discountern. Noir musterte sie misstrauisch. Sie hatte ihn bereits wieder vergessen und kramte in ihren Jackentaschen. Nach scheinbar endloser Zeit zog sie ein zerkratztes pinkes Plastikfeuerzeug hervor. „Ah…“ Umständlich angelte sie ein zerknülltes Päckchen aus einer Brusttasche und steckte sich eine krumme Zigarette zwischen die Lippen. Als Noir sich auf den Weg zu seinem Hörsaal machte, sah er aus dem Augenwinkel einen Universitätsangestellten herbeieilen.

„Herzlichen Glückwunsch, Sie haben die beste Klausur geschrieben.“ Noir starrte wie versteinert auf das Bündel Klausurbögen, das der Professor ihm entgegen hielt. „Eine wirklich herausragende Leistung in Relation zur Aufgabenkomplexität. Haben Sie Interesse an einer Stelle als studentische Hilfskraft?“ Noir konnte nur nicken, während er verzweifelt in seinem Gedächtnis kramte. Soweit er sich erinnern konnte, hatte er sich nur so eben von Aufgabe zu Aufgabe gerettet. Als er mit der Wunderklausur immer noch wie durch den Nebel zu seinem Platz wankte, fiel sein Blick zufällig auf die Punkte, die in Rot am Rand neben den Aufgaben notiert waren. Ein Additionsfehler, keine Genialität. Das erklärte es natürlich.
Eine Zeitlang kämpfte er noch mit sich, dann steckte er die Klausur ein und machte sich auf den Heimweg. Manchmal konnte Ehrlichkeit schließlich auch Dummheit sein.

Herzlichen Glückwunsch, Holzkopf, du hast es geschafft. Nun zur zweiten Aufgabe…

„Geh endlich runter von mir!“

Kannst du sie im Stich lassen? Kannstu, kannstu, kannstu?
Noir bäumte sich auf, doch der Bucklige ließ sich nicht abwerfen.

Heute back ich, morgen brau ich, ÜBERmorgen…

„Sei endlich still!“

Es sei denn, es sei denn, es sei denn…
Willst du es wissen, ja?


„Sag es und verschwinde!“

Jemand muss den Handel rückgängig machen.
Ein Schicksal gegen ein anderes. Das ist gerecht! Gerecht, gerecht!
Außer natürlich du glaubst, ihr Vater verdient all den Reichtum…

In dieser Nacht lag Noir noch lange wach.
Am nächsten Morgen ging er zur Bank und löste sein Sparkonto auf. Dann nahm er den Bus in das Stadtviertel, das er normalerweise vermied. Als er am frühen Nachmittag die Wohnung betrat, war Lucy noch nicht zurück. Zwei schwere Anrufe später ließ er sich ins Bett fallen und schlief wie ein Stein bis zum nächsten Morgen. Nicht einmal Lucys Albträume konnten ihn aufwecken.

„Hast du die Nachrichten gesehen?“ fragte Lucy ihn am nächsten Nachmittag. „Das ist schrecklich, was diese Aasgeier meinem Vater andichten! In Bordellen soll er sich rumgetrieben haben? Wer soll das denn glauben?“
„So ein Unsinn“, sagte Noir ehrlich. „Vermutlich ist es jemand, der deinem Vater seinen Erfolg nicht gönnt und der ihm jetzt was anhängen will. Es wird sich schon aufklären.“
Lucy sah ihn hoffnungsvoll an.
Doch statt des erwarteten Freispruchs fanden sich in den nächsten Tagen Beweise; mehrere Prostituierte sagten aus, dass Lucys Vater zu ihren Stammkunden gehört habe.
Eine Woche später reichte Lucys Mutter die Scheidung ein. Und auch finanziell ging es bergab; in dem Programm ihres Vaters hatte sich ein merkwürdiger Virus eingeschlichen, der empfindliche Firmendaten an die Softwarefirma zurückschickte. Der Skandal verbreitete sich noch schneller als der Virus selbst.

Als Noir an diesem Nachmittag nach Hause kam, war Lucys Zimmertür geschlossen. Nach dem dritten Klopfen öffnete er die Tür. Lucy lag auf ihrem Bett, den Kopf in einem Haufen Kissen verborgen. „Hi“, grüßte Noir ein bisschen schuldbewusst. „Wie geht’s?“ Lucys verheultes Gesicht tauchte kurz unter einem Kopfkissen hervor.
„Mein Vater ist seit gestern verschwunden“, murmelte sie. „Sowas hat er noch nie getan.“
Noir schwieg. Nach einer Weile setzte er sich auf die Bettkante und begann, ihr wortlos über den Rücken zu streichen. Lucy sagte nichts. Doch sie schmiss ihn auch nicht aus dem Raum. Diese Nacht verbrachte er zum ersten Mal in ihrem Zimmer.
Drei Nächte später war das Männlein wieder da.

Heute back ich, morgen brau‘ ich…

„Runter von mir! Ich habe gewonnen! Jetzt verschwinde endlich!“

Du hast die FALSCHEN Aufgaben gelöst! Hast gedacht, du wärst schlauer als ich!
Dem König sein Kind, das wollte ich! Und du hast es mir geliefert!

„So ein Blödsinn. Nix hab‘ ich gemacht“, protestierte Noir. Doch in seinem Magen machte sich langsam das ungute Gefühl breit, dass er dem Alten gehörig auf den Leim gegangen war.

So? Das war also nichts, was ihr beide letzte Nacht getrieben habt?
Nichts, sagst du? Lüge, Lüge! Und jetzt kann ich sie haben, endlich!
Und jeder von euch Holzköpfen denkt, ich wär‘ Rumpelstilzchen! RUUUMPELstilzchen!
DÄMLICH! Nicht den Hauch einer Chance!

„Nicht Rumpelstilzchen? Wer bist du dann?“
Doch der Bucklige antwortete nicht. Stattdessen hüpfte er auf Noirs Brust auf und ab, dass dieser glaubte seine Rippen knacken zu hören.

Heute sing ich, – KNACK – morgen tanz ich im Park – KNACK –
Und übermorgen, – KNACK –
ÜBERmorgen hol ich dem König sein Kind!

Im Park. Noirs Verstand arbeitete so fieberhaft wie er es trotz Schmerzen und Luftmangel tun konnte. Der Park. Wenn er den Alten dort erwischen konnte… Weiter kam er nicht.

Als er wieder aufwachte, war der Bucklige fort. „Was war diese Nacht los?“ fragte Lucy beim Frühstück. Noir zuckte die Achseln. „Hatte nen merkwürdigen Traum. Irgendwas Wirres über entlaufene Tiere im Zoo und so.“ Während er noch an seiner Ausrede bastelte, fiel es ihm siedendheiß ein.
Der Park.

Das bucklige Männchen! Diese Kreatur – hatte ihn die ganze Zeit benutzt! Doch es gab noch eine Möglichkeit. Eine Chance, das zu retten, was er zerstört hatte. Der Park. Er musste den Buckligen dort erwischen.

„Ich hab‘ völlig vergessen, dass ich heute noch verabredet bin“, nuschelte er, während er sich vom Stuhl abstieß. „Bin in ein paar Stunden zurück.“ In seinem Zimmer suchte er verzweifelt nach einer Waffe. Ein Baseballschläger wäre gut gewesen. Zu dumm, dass er keinen besaß. Noir runzelte die Stirn. Er warf sich seine Jacke über und steckte beim Passieren der Küche das Zwiebelmesser ein.
Glücklicherweise gab es nur einen Park, der diesen Namen wirklich verdiente. Während er in einem Busch versteckt wartete, hoffte Noir, dass das Männlein dies ebenso sah. Überhaupt war sein Plan so gut, wie man ihn innerhalb von Sekunden eben fassen konnte. Konnte man eine Märchengestalt überhaupt mit einem Zwiebelmesser töten?

Doch er hatte Glück – er hockte noch keine 15 Minuten in seinem Busch, als er eine gebeugte Gestalt auf eine Bank zu humpeln sah.
Der tannengrüne Mantel leuchtete hämisch in der Morgensonne. Noch machte der Bucklige keine Anstalten zu tanzen, aber Noir beabsichtigte auch gar nicht, es dazu kommen zu lassen. Er stürzte aus seinem Versteck und rammte dem Männlein sein Messer in den Bauch.

An diesem Abend ging Noir zum ersten Mal seit langem rundum zufrieden ins Bett.

Heute tanz ich, morgen sing ich, …

„Nein, kann nicht sein. Du bist nicht wirklich!“

… übermorgen hol ich dich!

„Aber du bist tot! Verschwinde endlich und lass uns in Ruhe!“

Holzkopf! Hattest du schon mal das Gefühl, dass eine Aufgabe zu einfach war?
Du hast nach den falschen Regeln gespielt! Dachtest, das wär ein Märchen, was?
DÄMLICH! Nicht den Hauch einer Chance!

Lucy machte gerade Waffeln, als er an diesem Morgen hereingewankt kam. Sie sah verheult aus wie meistens in letzter Zeit. Die Augenringe, die ihr die dauerhaften Albträume verpasst hatten, unterstrichen dies nur noch.
„Sie haben meinen Vater gefunden“, murmelte Lucy mit rauer Stimme. „Hier in der Stadt.“ Noir brauchte sie nicht anzusehen um zu wissen, dass sie heulte. Sollte er sie jetzt in den Arm nehmen? Oder war es besser zu warten?
„Und?“ fragte er, obwohl er die Antwort schon ahnte.
„Er ist tot.“
„Das tut mir leid.“
Wieder schwiegen sie sich an. Schließlich holte Lucy die letzte Waffel aus dem Eisen und ließ sie auf den Teller fallen. Dann griff sie nach dem Zwiebelmesser, das noch auf der Spüle lag. Mit dem Waffelteller in der einen Hand und dem Messer in der anderen setzte sie sich zu ihm an den Tisch. „Danke übrigens, dass du gestern noch gespült hast.“
Noir zuckte die Achseln. „Kein Problem. Was ist denn genau passiert?“ erkundigte er sich leise. Lucy schüttelte den Kopf und wischte sich über das verquollene Gesicht, als würde das dadurch besser. „Er war im Park. Irgendein Irrer hat sich auf ihn gestürzt und wie wild auf ihn eingestochen. Keine Ahnung weshalb. Muss ungefähr passiert sein, als du grad auf dem Rückweg warst.“
Noir spürte plötzlich einen unerträglichen Druck auf der Brust. „Das ist ja schrecklich“, presste er heraus und sog rasselnd Luft ein. Es half nicht. „Ich glaub mir wird schlecht…“
Als er wieder zu sich kam, sah er über sich die rissige Decke der Küche und Lucys besorgtes Gesicht. „Hätte nicht gedacht, dass dich das so trifft“, bemerkte sie. „Ich dachte, du konntest meinen Vater nicht leiden?“
„Das heißt nicht, dass ich ihm den Tod gewünscht hätte“, konterte Noir. Im Nachhinein war es nicht einmal eine Lüge. Langsam rappelte er sich wieder auf. „Wie kannst du so etwas denken?“ knurrte er, während er sich wieder auf seinen Platz am Küchentisch hiefte.
„Weiß nicht.“ Lucy malte mit dem Zwiebelmesser Kreise auf das Frühstücksbrettchen. „Irgendwie passiert in letzter Zeit alles Schlimme auf einmal. Kannst du mir sagen, was neuerdings mit den Idioten dieser Stadt los ist?“
Noir schwieg.
Lucy erwartete vermutlich sowieso keine Antwort.
„Ich hasse Märchen“, knurrte er schließlich. Lucy sah für einen Moment von ihrem Brettchen auf. „Warum das?“
„Weil man ihnen nicht trauen kann.“

    … und lebten glücklich bis an ihr Ende, pah!

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Ein Galgenmärchen

(Diese Geschichte ist für eine Lesung entstanden, die anlässlich des 200. Geburtstages der Grimm´schen Kinder- und Hausmärchen gehalten wurde. Thema der Lesung war „Unmärchen“. Vielleicht stellt die Maidlyn, die dort auch gelesen hat, ihre Geschichte ebenfalls hier ein …?)

    * * *

Weit, weit draußen vor der Stadt, am Kreuzweg, steht seit uralter Zeit der hohe Galgen. Auf diesem Galgen lebt und speist der alte Marder Krallzahn, der immer ein Lügenmärchen raunzt, wenn er hinaufklettert und ein Flüchlein zischt, wenn er hinabsteigt. Das, was hier erzählt wird, ist aber noch gar kein richtiges Märchen, sondern erst ein Vormärchen. Das Märchen selber kommt, wenn der letzte Büttel fort ist und Krallzahn hungrig wird. Bis dahin wollen wir einem hübschen Absatz machen.

Es war einmal vor vielen langen Wochen, da lebte im Lande des Markgrafen von Karabas ein unglücklicher Müller. Dem hatte das Schicksal arg mitgespielt. Die Weinflaschen, die er gastfrei auf ein paar Tage zu beherbergen pflegte, hatten ihm die Frische aus dem Gesicht und das Angenehme aus seinem Wesen gestohlen. Als sei das nicht genug, raubten ihm ein Paar Würfel sein Vermögen und seine Mühle. Zuletzt nahm ihm der Nachbar noch das Weib und ließ den Müller mit seiner Tochter allein in der Gosse zurück.
„Ach!“, jammerte der Müller, „dass mir nicht mal ein reicher Gevatter bleibt, den ich beerben könnte! Ach, um mich kümmern sich nur Hunger und Durst! Wie kann die Welt nur so schlecht zu einem sein, der ihr doch nichts zugefügt hat?“
„Lieber Vater“, tröstete ihn seine Tochter, „ich will versuchen, von mildtätigen Menschen ein wenig zu erbitten, damit wir unser Leben fristen können.“ Im Stillen aber sagte sie sich: `Etwas besseres als den findest du überall´. Sie war nämlich sehr klug.
„Du?“, fragte der Müller. „Wie willst du das bewerkstelligen? Du hast zwar einen hübschen Leib, aber dein Gesicht ist hässlich wie die Nacht!“ Er war nämlich in diesen Dingen sehr erfahren.
Aber das Mädchen antwortete: „Leg dich nur schlafen und lass mich machen. Der Morgen ist klüger als der Abend.“ Als der Müller schlief, stand sie auf und ging fort nach der Stadt, denn sie sagte sich: „Bin ich weder reich noch schön, so muss ich mir eben anders fort helfen!“

Als sie eine Weile gegangen war, gelangte sie an einen Kreuzweg, wo der Henker gerade ein Weib vom Galgen schnitt, welches er eben dort gehenkt hatte. Er sah die Müllerstochter, hielt sie an und sprach zu ihr: „Mägdelein, willst du nicht meine Frau werden?“
„Nein, ich mag nicht, denn du kennst mich ja gar nicht!“
„Ich will dich wohl kennen lernen. Aber wenn du nicht magst, so nimm wenigstens die bestickte Haube, das fein geflochtene Haarband und das buntseidene Busentuch von der hier als mein Geschenk. Es mag dir noch nützlich werden.“
Da nahm die Müllerstochter Haube, Haarband und Busentuch und ging weiter nach der Stadt. Als es schon lange Tag geworden war und ihre wunden Füße sie nicht einen Schritt weitertragen mochten, hörte sie ein Hufgetrippel hinter sich. Wie sie sich umwandte, kam dort ein Schneider auf seinem Eselchen des Weges. Die Müllerstochter knickste wie vor einem hohen Herrn und sprach ihn demütig an: Ob der Herr sie nicht ein Stück des Weges mitnehmen könne? Der Schneider machte Augen, so groß wie Teetassen, und sprach: „Eine, die mich mit so prallen Titeln neckt, soll ich umsonst auf meinem Esel reiten lassen? Das wäre fürbass ein schlechtes Geschäft! Was gibst du mir dafür?“ Und seine Augen wanderten an ihr auf und ab.
„Meine Haube will ich dem Herrn gerne geben; die ist wunderschön bestickt mit einer bunten Jagd.“
„Das mag angehen“, sagte der Schneider, „nur lass sie mich selber lösen, dass du die Bänder nicht etwa abreißt.“
Aber kaum, dass er die Bänder gelöst hat, packte er die Müllerstochter und rief: „Einen Kuss will ich noch dazu!“
Da konnte die Müllerstochter nun zappeln und strampeln, soviel sie wollte! Es nützte ihr nichts, der Schneider raubte sich einen langen Kuss und ließ nicht von ihr ab, als bis ihn ein Hufschlag in der Ferne aufstörte. Da war er – hui! – wie der Blitz auf seinem Eselchen und trippelte davon, so schnell er es nur antreiben konnte. Die Haube aber hatte er mitgenommen, denn er wollte damit sein Weib besänftigen, weil er einen Tag länger auf der großen Messe geblieben war, als es ihm erlaubt gewesen war.

Die Müllerstochter aber richtete sich notdürftig das zerzauste Haar und das beinahe zerrissene Kleid und erwartete den Reiter. Es war ein Kaufmann, der ebenfalls von der großen Messe kam. Diesmal verneigte sich die Müllerstochter tief und bat, dass der gute Herr sie ein Stück Weges mitnehmen möchte. Der Kaufmann machte Augen, so groß wie Mühlsteine, und sprach: „Soll ich eine, die mir einen so wohlgerundeten Hinterhalt legt, noch dafür belohnen? Das wäre fürbass ein schlechtes Geschäft! Was gibst du mir dafür?“ Und seine Augen wanderten an ihr auf und ab.
Die Müllerstochter, die nun wusste, woher der Wind wehte, bot ihm ihr fein geflochtenes Haarband, wenn sie es nur selber abnehmen dürfte. „Das mag angehen“, sagte der Kaufmann, „gib es mir nur und dann will ich dich vor mich auf´s Pferd setzen.“
Aber kaum, dass die Müllerstochter vor ihm auf dem Pferde saß, rief er: „Was für´s Haar hab ich; jetzt will ich für die Hände was dazu!“
Da konnte die Müllerstochter nun zappeln und strampeln, soviel sie wollte! Es nützte ihr nichts, die Hände des Kaufmanns raubten sich ihr Vergnügen und ließen nicht von ihr ab, als bis ihn ein Räderrollen in der Ferne aufstörte. Da warf er sie – hui! – wie der Blitz von seinem Pferde und galoppierte davon, so schnell er den Gaul nur treiben konnte. Das Haarband aber hatte er mitgenommen, denn er wollte damit sein Weib besänftigen, weil er all die kostbaren Geschenke für sie einer Dirne auf der großen Messe gegeben hatte.

Die Müllerstochter aber war so zerrupft, dass kaum ihre Blößen bedecken konnte, bevor ein Richter in seiner feinen Kutsche herangefahren kam. Die Müllerstochter stand ganz still und sah auf ihre Zehenspitzen, bis sie endlich den Mut fand, den Richter darum zu bitten, sie ein Stückchen Weges mitfahren zu lassen. Der Richter machte Augen, so groß wie ein Turm, und sprach: „Soll ich eine, die weder bietet, noch verhehlt, umsonst mit mir auf den Wagen nehmen? Das wäre fürbass ein schlechtes Geschäft! Was gibst du mir dafür?“ Und seine Augen wanderten an ihr auf und ab.
Die Müllerstochter, die nicht wusste, wie sie ihm entgehen könnte, bot ihm ihr buntseidenes Busentuch, das ihr schon halb aus dem Leibchen hing. „Das mag zur Einleitung angehen“, sagte der Richter und warf sich auf sie. Da konnte die Müllerstochter nun zappeln und strampeln, soviel sie wollte! Es nützte ihr nichts, der Richter ließ nicht eher von ihr ab, als bis er ihre Jungfernschaft geraubt hatte. Dann stieß er sie aus der Kutsche und fuhr davon. Das Busentuch aber hatte er mitgenommen, denn er wollte damit sein Weib besänftigen, weil er all sein Geld auf der großen Messe im Spiel verloren hatte.

Da saß nun das Mädchen und weinte, doch als sie aufsah, stand dort der Henker mit seinem Schubkarren. „Magst du mich nun heiraten?“, fragte er. „Die Leute auf der Straße sehen nur dein hässliches Gesicht und deine Armut, und machen sich ein Vergnügen mit deinem hübschen Leib. Ich aber will dich immer lieb halten und du sollst es gut bei mir haben.“
Da heiratete die Müllerstochter den Henker und wurde sein Weib.

Sie lebte mit ihm in demselben Städtchen, in dem auch der Schneider, der Kaufmann und der Richter zu Hause waren und brachte dort übers Jahr einen Knaben zur Welt, der dem Henker so gar nicht ähneln wollte. Da dachte sich das Henkersweib: `Ich will doch einmal sehen, ob ich ihm nicht einen guten Gevatter schaffen kann, damit aus ihm einmal etwas Besseres als ein Henker wird!´
Und sie machte sich eine Haube, ein Haarband und ein Busentuch, ganz genau wie die, die ihr vom Schneider, vom Kaufmann und vom Richter genommen worden waren. Am nächsten Kirchtage legte sie die drei Dinge an und ging zum Gottesdienst.
Da sah die Schneiderin, dass das Henkersweib die gleiche, prächtig bestickte Haube trug, wie sie selbst und sagte ihrem Mann: „Sieh nur, wie mich das Henkersweib verspottet! Sie trägt eine Haube, die ganz der gleicht, die du für mich gemacht hast, an jenem zusätzlichen Tag auf der großen Messe! Sofort gehst du und befiehlst ihr, die Haube abzunehmen und niemals wieder zu tragen! Tust du´s aber nicht, so will ich glauben, dass sie die Haube von dir zum Geschenk bekommen hat, und dann kriegst du deine Elle zu kosten!“
Der Schneider, der ja nicht wusste, ob die Henkersfrau ihrem Mann von dem geraubten Kuss erzählt hatte, zauderte und versuchte alle Ausflüchte, bis er schließlich doch zum Henker gehen musste. „Henker“, sagte er, „dein Weib trägt eine Haube wie das meine und ist doch von weit geringerem Stande. Nimm deinem Weib die Haube ab und ich will dir später eine passendere geben.“ Die Schneiderin spuckte Gift und Galle, als sie ihren Mann so zahm sprechen hörte, denn viele Leute sahen zu, wie die Sache wohl ausgehen würde. Der Henker aber nahm seinem Weib die Haube ab und entblößte so das fein geflochtene Haarband. Da schrie die Kaufmannsfrau den Kaufmann an: „Sieh nur, wie das Henkersweib mich verspottet! Erst macht sie sich der Schneiderin gleich, und weil das nicht angehen kann, soll sie nun mir gleich sein?! Sofort befiehlst du dem Henker, seinem Weib vor den Richter zu bringen! Tust du´s aber nicht, so will ich glauben, dass du solcherlei Band für alle Metzen hast, die deinen Weg kreuzen, und mich nicht einen Deut höher schätzt! Dann wirst du erfahren, was von deinem Geschäft ohne meine Mitgift und die Einlagen meiner Brüder noch übrig bleibt!“
Und so musste der Kaufmann denn wohl oder übel zum Henker gehen, voller Furcht, dass ihm sein Weib von den allzu neugierigen Händen des Kaufmanns gesprochen hatte.
„Lieber Henker“, sagte der Kaufmann kleinlaut, „dein Weib hat sich heute gar ungebührlich benommen. Wir wollen mit ihr zum Richter gehen, damit er sie tüchtig tadele und schimpfe, und dann soll alles gut sein.“
Der Henker nickte gleichmütig, sein Weib aber lächelte.

So kamen sie denn in einer großen Volksmenge vor den Richter, und der Schneider und der Kaufmann trugen ihre Klagen vor. Der Richter aber sah die ganze Zeit besorgt nach dem buntseidenen Busentuch des Henkersweibs und dem Knaben, den das Weib an der Hand führte, und der dem Henker so gar nicht ähnlich sah.
„Du hast gehört, was die da gegen dein Weib vorbringen“, sagte der Richter schließlich milde zum Henker, denn er wusste ja nicht, ob das Henkersweib ihrem Gatten von der geraubten Jungfernschaft gesprochen hatte. „Was hast du für sie vorzubringen?“
„Nichts, Herr“, antwortete der Henker gleichmütig. Da drängte sein Weib sich vor und sprach: „Mein Mann weiß nichts von diesen Dingen, denn ich habe sie mir selbst gemacht, getreu dem Vorbild der Sachen, die man mir im schlechten Tausch abgezwungen hat. Wenn ich unrecht getan habe, will ich die Haube, das Haarband und das andere gerne jetzt und hier den Männern geben, die ein gleiches vorweisen können! Wenn ich schuldig bin, sollen sie obendrein auch das von mir zurückerhalten, was sie mir im Tausch für die ersten Sachen gegeben haben! Wenn aber das Mitleiden mit meinem armen Kinde“, und mit diesen Worten hielt sie dem Richter den Knaben entgegen, dass der dessen Gesichtszüge wohl studieren konnte, „wenn das Mitleiden mit meinem Kinde, sage ich, das Urteil über mich zu mildern imstande wäre, so wollte ich meine Bürde still und bescheiden tragen bis ans Ende meiner Tage.“

Der Richter schwieg eine Weile und sagte dann dem gleichmütigen Henker: „Geh und verfahre mit ihr, wie du mit deinem letzten Weib vor Jahr und Tag getan hast.“

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(Kritik aller Art ist mir wie immer sehr willkommen!)

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