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Vögelperspektive

+++ anachronicle schließt +++ neue adresse: textulenz.wordpress.com +++ cu +++

„Ein Wetter zum Helden zeugen!“, sage ich zu niemand besonderem. Draußen vor dem Fenster klatscht der Regen runter, als hätte er endlich die letzte trockene Katze entdeckt.
„Vergiss es, mano. Du bist nicht mein Typ“, merkt eine heisere Stimme hinter mir an. Ich drehe mich um.
„Was machst du auf meinem Laptop, Sanchez?“
„Ich schreibe einen Bestseller.“
„Einen Bestseller?“ Armer Vogel – delirium tremens, ganz klar.
„Du weißt schon“, erklärt er trocken, „Bestseller. Eine Geschichte, die nicht nur deine Mama liest.“
„So was wie Sielmanns Expeditionen ins Tierreich?“, ätze ich zurück. „Die Sonora-Wüste. Endlose Weiten. Doch – auch hier gibt es Leben. Die possierliche Blaue Schnapsdrossel (borracho pequeño) etwa, die gerne im Schatten einer Agave ihren Rausch ausschläft …“ Ich lasse mich doch nicht von einem Sittich schmähen!
Er hüpft ungerührt weiter auf den Tasten herum: „K-L-U-G-S-C-H-E-I-S-S-E-R. Kleines „klug“, großer „Scheißer“, wenn es um dich geht, richtig? – Nein, halt die Klappe, mano, und schenk lieber nach. Du hast schließlich auch was davon, wenn ich mir den Tequila in Zukunft selber kaufen kann.“
Da hat er allerdings recht. Die Liebe meines Lebens hat in den letzten Wochen ziemlich forschende Blicke auf mich und das Spirituosenschränkchen geworfen. Dass ich mit dem Sittich rede, hat die Lage nicht verbessert. Dass er meine Stimme perfekt nachmachen und lautstark obszöne Selbstgespräche führen kann, auch nicht. Also kippe ich Tequila ins Vogelbad und stelle es neben den Rechner. Während Sanchez trinkt, werfe ich einen Blick auf den Bildschirm.
„ … sie stöhnte und jammerte nach Erlösung, und endlich entlud ich mich … ?! Schreibst du einen Porno? Hast du deswegen neulich deinen Hintern fotografiert?“
„Aproximado, mano. Das wird meine sexuelle Autobiographie. Eine Mischung aus „Feuchtgebiete“ und „Die Geschichte der O“. So was geht immer.“
„Auf meinem Rechner?!“
„Soll ich’s in Blindenschrift auf den Tisch kacken?“
Ich atme erst mal durch. Die Festplatte kann ich ja immer noch löschen. Wichtiger ist es, Sanchez von diesem Unsinn abzubringen.
„Sanchez, du hast erst seit letztem Monat so was wie ein Sexleben. Und das auch nur, weil wir Limette den Nistkasten gebaut haben; für ihr Schamgefühl, und damit sie aufhört, sich Höhlen in unsere Bücher zu fressen. Was willst du schreiben? Eine Kurzgeschichte?“
Er mustert mich mit einem rotunterlaufenen Auge von Kopf bis Fuß: „Besser eine Kurzgeschichte, als einen Witz, mano. Schon mal von dichterischer Freiheit gehört?“
„Ich dachte, die hättest du dafür aufgebraucht, Limette so devot zu machen.“
Er schielt nervös nach dem Nistkasten: „Lass uns das nebenan besprechen, mano, ok?“
„Im Arbeitszimmer? Das geht nicht, da sitzt gerade die Liebe meines …“ Sanchez grinst gehässig. Keine Ahnung, wie er das mit dem Schnabel hinkriegt. Mir fällt plötzlich ein, wie gut er meine Stimme nachmachen kann und ich beschließe spontan, das Thema zu wechseln.
„Und überhaupt, Sanchez: Erotische Romane werden von Menschen gelesen! Warum sollten die sich für den Sex mit einem Tier interessieren?“
„Du hattest eine sehr behütete Jugend, nicht wahr, mano?“, erkundigt er sich herablassend. „Sex interessiert jeden – fast alle meine Testleser haben mir zurückgeschrieben.“
„Deine … Testleser?“
„Sí. Es sind leider nicht viele. Ich hatte dein Facebook-Passwort nicht.“ Eine vage Hoffnung auf Schadensbegrenzung keimt in mir.
„Nur das von deinem E-Mail-Account.“
Mist. „Du hast meine Bekannten deinen Porno testlesen lassen?!“
„Die meisten haben angewidert getan – dir die Freundschaft gekündigt, weil du pervers bist, und so was – aber in der Regel wegen Sachen aus den letzten Kapiteln. Ich nehme das als gutes Zeichen. Deine Schwiegermutter dagegen war sogar richtig hilfreich.“
„Inwiefern?“, frage ich tonlos.
„Ich habe ein ganzes Kapitel aus ihrem Gewetter gemacht. Eines der besten, sagt mein Verleger. Wegen der großartigen, drastischen Bildsprache.“
„Dein Verleger.“
„Sí. Ich hab‘ mich für Random House entschieden, die arbeiten von Anfang an international. Natürlich gibt es dabei auch kleine Probleme.“
„Ach ja?“
„Sí. Ich würde die Filmrechte lieber in Europa verkaufen. Lars von Trier hatte deswegen schon angerufen. Aber der Verlag sieht die größere Rendite bei Quentin Tarantino. Wenn sie wenigstens den Rodriguez genommen hätten!“
„Sanchez. Sag mir bitte nur eine Sache.“
„Sí, mano?“
„Unter welchem Namen hast du das Ding verkauft?“
„Loch ohne Hoden – man muss ein bisschen schocken, um aufzufallen. Sagt auch Lars.“
„Nein, ich meine – wer ist als Autor angegeben?“
„Na ja, ich hab ja kein eigenes Bankkonto, mano, darum …“
Das Telefon unterbricht ihn. Im Arbeitszimmer wird abgehoben. Nach einer Pause ertönt die Stimme der Liebe meines Lebens: „Für dich, Schatz! Irgend so ein Typ mit dänischem Akzent. Er will unbedingt seinen Vorschuss zurück, wenn du ihn dein Loch und deine Hoden nicht filmen lässt.“
Ich muss weg.

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Vogelperspektive

„Hola, mano!“
„Schnauze!“
Es ist halb zwölf Uhr morgens, ich stehe in den Trümmern meiner Küche und meines Kopfes und frage mich, ob ich letzte Nacht einen Zombie zungengeküsst habe, oder woher der Geschmack in meinem Mund sonst kommt. Irgendwer hat gestern auf der Geburtstagsfeier das Niveau im Keller angebunden und die Hemmschwelle im Garten vergraben, und jetzt quatscht mich auch noch die Kaffeemaschine auf Spanisch an.
Seit wann kann die überhaupt sprechen?
Ich stelle meine leere Tasse präzise neben die Arbeitsplatte und schaue hinter die Maschine.
„Hier drüben, cretino!“
Das `r´ rrrollt wie ein sehrrr kleinerrr Donnerrr. Meine verklebten Augen schwenken in Richtung Wellensittichkäfig. Ah. Zumindest das Tequilaaroma wird erklärlich. Neben dem Käfig steht eine offene und ziemlich leere Flasche von dem Zeug. Wer hat die angeschleppt?
Ich beuge mich über den Käfig. Sanchez, unser blauer Sittich, sitzt an die Außenseite gelehnt da und starrt mich aus einem rot unterlaufenen Auge an.
„Schenk‘ nach, mano!“
„Du kannst sprechen?“
„Ich habe nicht gesprochen, ich habe bestellt.“ Er nickt mit dem Kopf anklagend in Richtung des verdächtig trockenen Vogelbads.
„Du kannst wirklich sprechen?“
Er seufzt. „Wir Sittiche sind bekannt dafür, oder nicht? Cocoisnguterjungecocowillnkeks und so?“ Er schlägt genau denselben Ton für Grenzdebile an, den ich immer benutze, wenn ich die Zeugen Jehovas zu Boris von den Hells Angels weiterschicke.
„Ich meine, du kannst dich ja richtig unterhalten“, entschuldige ich mich.
„Sí, sonst würde das Reden recht wenig Sinn machen. Übrigens habe ich Durst.“
„Aber warum erst jetzt? Wir haben jahrelang versucht, es dir beizubringen!“
„Ach ja? `Sanchez, sag‘ mal Sanchez´? Was sollte der Schwachsinn? Wenn ich euch nicht verstehe, kann ich’s nicht machen und wenn ich euch verstehe, ist das ja wohl keine Art, in einen Smalltalk einzusteigen! Ich dagegen habe mit piep angefangen. Der einfachste Grundlaut der Welt – und habt ihr auch nur ein Wort Sittisch gelernt? Also hör auf zu jammern und schenk‘ jetzt endlich ein, bevor meine Alte was merkt!“
Verdattert kippe ich Tequila ins Vogelbad. Sanchez nimmt ein paar mächtige Schlucke.
„Woher hast du diesen Akzent?“, erkundige ich mich. „Du warst doch nie in Spanien.“
„Mexiko“, korrigiert er mich. „Hast du mal versucht, auf ’ner Party zu landen, indem du gesagt hast `’sch bin ne berjische Jong´?“
„Du bist auch noch nie auf eine Party gegangen.“
„Kein Grund, unvorbereitet zu sein. Da muss bei ersten Mal alles klappen! Die Mädels mit den schicken Schwänzen haben immer die Wahl. Is‘ bei uns nicht anders als bei euch.“
„Aber was ist mit Limette? Wir haben sie doch extra für dich besorgt, damit du nicht so einsam bist!“
„Und du wunderst dich, warum ich nicht mit euch rede? Los, schenk‘ nach, bevor sie was merkt!“
Ich gehorche. In diesem Augenblick betritt die Liebe meines Lebens die Küche. „Da gehört eine Raupe rein, kein Sittich“, merkt sie an und bahnt sich einen Weg ins Esszimmer.
„Warte mal! Das is total krass, der Sanchez kann sprechen!“, sprudele ich heraus. Aus zwei entgegengesetzten Ecken der Küche starrt mich jeweils ein rot unterlaufenes Auge geringschätzig an. „Ja und? Du kannst es doch auch“, sagt die Liebe meines Lebens mit strapazierter Geduld. Sanchez nickt zustimmend.
„Nein, im Ernst!“ Wenn ich bis hierhin gegangen bin, kann ich auch bis zum Ende gehen: „Sanchez, sag‘ was!“ – Stille. –
„Bitte?“, füge ich kleinlaut hinzu. Keine Reaktion.
„Tequila? … Die ganze Woche?“ Ich kann nicht fassen, dass ich einen Wellensittich zu bestechen versuche. Aber es wirkt: Sanchez plustert sich, streckt erst das eine, dann das andere Bein, setzt sich in Positur, ordnet ein paar Federn und zwinkert mir zu.
„Piep.“

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Das Sündenmännlein

(Diese Geschichte ist nicht von mir, sondern von Maidlyn! … deswegen findet sie vermutlich auch Leser … ;o)
Sie ist wie mein Galgenmärchen Teil der „Unmärchen“-Lesung gewesen, die wir gestern gehalten haben. Viel Spaß damit!)

    * * *

Es war einmal… es war einmal… tief in den innersten Kreisen der Hölle…

Die schmutzverkrustete Fratze des Alten beugte sich so tief über Noirs Gesicht, dass er fauligen Atem riechen konnte.

…ein buckeliges Männchen, das NICHT Rumpelstilzchen hieß!

Der Alte lachte laut und keckernd, wie eine Ziege.

Rumpelstilzchen! RU-HUMpelstilzchen! Habgierig seid ihr, Könige wie Bettler! Und so unermesslich…

    DÄMLICH!

Das letzte Wort brüllte das bucklige Männchen Noir so laut ins Ohr, dass der hellwach und japsend im Bett saß.
Es dauerte einige Sekunden bis er merkte, dass das Geschrei nicht aufgehört hatte. Keine Worte diesmal. Nur ein Wimmern, unterbrochen von Schreien, wie von einem sterbenden Tier.
Nicht schon wieder… Widerwillig wälzte er sich aus dem Bett und schlurfte los. Er machte sich gar nicht erst die Mühe ein T-Shirt überzuziehen, Lucy würde es ohnehin nicht bemerken. Ohne anzuklopfen polterte er in ihr Zimmer.
Da lag sie, in ihrem Bett, das viel zu groß war für sie, und kämpfte mit dem Bettzeug. Wie jede Nacht. Ohne nachzudenken verfiel Noir in die Routine, die er sich im letzten halben Jahr angewöhnt hatte. Rütteln, ansprechen, Decken wegziehen, noch einmal rütteln.
„No-ah?“ Riesige seeblaue Augen blickten ihn an ohne zu begreifen.
„Na endlich“, knurrte er. „Schlaf wenigstens bei mir, damit ich mir den Weg spare.“ – „Oh.“ Langsam dämmerte Begreifen auf ihrem Gesicht. „Hab‘ ich diesmal lang gebrüllt?“ Noir zuckte die Achseln und grinste hoffnungsvoll. „Du weißt, mein Angebot steht. Ich verspreche auch, meine Hände bei mir zu lassen.“ Lucy verdrehte die Augen und schob den Versuch als Ablenkungsmanöver beiseite. Ihr Blick glitt desinteressiert über ihren nur mit Boxershorts bekleideten Mitbewohner hinweg. Noir seufzte resigniert. So etwas konnte ganz schön am Selbstbewusstsein kratzen.
„Wenn du nix gegen diese Albträume unternimmst, dann mache ich was.“

Doch diese Drohung wahrzumachen war gar nicht so einfach. Den nächsten Tag hing Noir im Internet. Eine Webseite einer Universität versprach Hilfe – allerdings mussten die Betroffenen dazu direkt nach dem Aufwachen ihre Albträume in ein Onlinetagebuch schreiben. Lucy konnte sich aber an ihre Träume nie erinnern. Behauptete sie zumindest. So funktionierte es also nicht.
Als sie von der Uni nach Hause kam, war Noir immer noch nicht weiter gekommen.

Stattdessen stand er am Herd und kippte mit verkniffenem Gesichtsausdruck Nudeln in einen Topf brodelnden Wassers.
Neugierig lüftete Lucy den Deckel des zweiten Topfs. „Hmm, Tomatensoße à la Noir. Haste wieder mein Shampoo verschüttet?“ Noir schüttelte wortlos den Kopf. „Mein Deo gekocht?“ Der Heizlüfter im Bad konnte manchmal erstaunliche Leistungen vollbringen.
Wieder Kopfschütteln. „Was dann?“ – „Nix. Was soll schon sein.“
Nachdenklich inspizierte Lucy den Platz, an dem eine Zwiebel hingerichtet worden war.
„Du hast mir Pasta gemacht – das heißt, irgendwas ist los.“
Noir stieß ein unwilliges Schnauben aus. „Weißt du, in manchen Gegenden wird Schlafentzug als Folter eingesetzt. Und ich darf nicht einmal mürrisch sein?“
Lucy schob sich auf einen der beiden Stühle. Schuldbewusst drehte sie das Zwiebelmesser zwischen den Fingern. „Ich wusste ja auch nicht, dass es so schlimm werden würde“, murmelte sie zerknirscht. „Und langsam fange ich sogar an, den Geschichten meines Vaters zu glauben.“
Noir drehte sich abrupt, die Augenbrauen hochgezogen. Dann schob er die Nudeln von der Platte und setzte sich auf den anderen Stuhl. „Ich höre.“
Lucy grunzte und stieß das Zwiebelmesser so fest auf das Schneidebrett, dass es im Holz steckenblieb. Noir sah sie tadelnd an.
„Ach, daher kommen all die Ker-“ – „Ich fürchte ich bin verflucht.“
„Was?“
„Es ist die einzige Erklärung. Weißt du, als die Albträume anfingen, war ich nicht einmal wirklich überrascht. Es war eben alles zu perfekt, meine Familie und so.“
„Hä?“ Natürlich wusste Noir, worauf sie anspielte.
Lucys Vater war einer von diesen Milliardären, die das Computerzeitalter hervorgebracht hatte. Ihre Familie war groß und perfekt – Krankheiten, ernsthaften Streit oder sonstige Probleme hatte es, soweit Noir mitbekommen hatte, nie gegeben. Die Eltern erschienen außerordentlich gelassen – angesichts von sieben Kindern eine beachtliche Leistung – und dass sie Lucy für ihr Studium einfach so in die Stadt in eine WG ziehen ließen… Als jüngste und einziges Mädchen, und dann mit ihm zusammen… Also, merkwürdig war es ja schon.
„Und das alles hätte mich misstrauisch machen sollen,“ nahm Lucy den Gedanken auf, denn sie wusste wie immer, was Noir dachte. „Und hätte es auch – hätte ich meinem Vater auch nur eine Sekunde lang geglaubt, wenn er sein `Märchen vom Erfolg´ erzählte.“

Märchen. Das Thema tauchte in letzter Zeit eindeutig zu häufig auf. Langsam bekam Noir davon ernsthafte Zahnschmerzen. Falls Lucy dies bemerkte, ignorierte sie es allerdings. Stattdessen sprudelte sie plötzlich und völlig untypisch für sie los.

„Mein Vater hatte damals von überall her Absagen bekommen, niemand wollte sein Programm haben. Und das Mädchen, das er haben wollte, hatte einen anderen geheiratet. Also saß er eines Abends auf einer Brücke und spielte mit dem Gedanken herunter zu springen – ich glaube nicht, dass ich es wirklich getan hätte, sagte er immer. Da stand auf einmal ein altes buckliges Männlein hinter ihm. „Du willst Erfolg? Reichtum? Eine glückliche Familie und ein langes Leben?“ Mein Vater drehte sich ärgerlich zu ihm um. „Wer will das nicht?“ knurrte er. „Hör auf, dich über mich lustig zu machen und lass mich in Ruhe.“ – „Aber das will ich doch gar nicht,“ antwortete das Männlein. „Ich will dir einen Handel vorschlagen. Ich gebe dir all das, was du dir so sehr wünschst. Das einzige, was ich dafür im Gegenzug möchte, ist dein siebentes Kind.“
Natürlich glaubte mein Vater ihm nicht. „Mein siebentes?“ spottete er. „Kannst du haben. Oder lieber das achte?“ Er hatte ja nicht einmal eine Frau. – Und damit fing es an.“ Lucy starrte sehnsüchtig auf das Zwiebelmesser, das Noir auf der Spüle vor ihr in Sicherheit gebracht hatte. „Und dann kam plötzlich der Erfolg mit dem Programm?“ Lucy nickte. „Und wenig später traf er meine Mutter.“
„Und glaubt er selbst an den Fluch?“
Lucy zuckte die Achseln. „Bisher ist kein buckliges Männchen erschienen, um mich abzuholen. Eigentlich war die Geschichte immer ein Familienwitz. Eine der Legenden, die mein Vater sich gern ausdachte, wenn er die tatsächliche Geschichte für zu banal hielt.“
Noir schwieg und dachte nach.
„Und jetzt zweifelst du daran“, murmelte er schließlich.
„Genau.“
„Würde ich vielleicht an deiner Stelle auch. Aber natürlich ist es trotzdem Quatsch. Flüche gibt es nicht. Wir leben schließlich nicht im Märchen.“

Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen… ja ÜBERmorgen… – Willst du wissen, was ich übermorgen tue, ja?

Die Frage wurde von einer Wolke aus fauligem Atem begleitet.

Ja, ja, ja?

Noir versuchte auszuweichen – ein vergeblicher Versuch, da er im Bett lag und der Alte wieder einmal auf seinem Oberkörper hockte. „Ähm… nicht Zähneputzen?“

DÄMLICH! Wie oft muss ich es noch sagen?
Weißt du was, vergiss es einfach, denn du hast nicht den Hauch einer Chance.

Noir versuchte gar nicht erst darauf zu antworten.

Die drei Aufgaben würde ein Holzkopf wie du sowieso niemals erfüllen können.

Noir schnaubte verächtlich. Warum musste er in letzter Zeit immer so einen Mist träumen? Wenn der Typ sich wenigstens für jemand Historisches halten würde.
„Aufgaben? Soll ich herausfinden, aus welcher Anstalt du ausgebüchst bist? – Nein warte, will ich gar nicht wissen.“

Die erste Aufgabe ist…

Noir presste sich die Hände auf die Ohren und begann zu summen, doch es nutzte nicht viel, da die Stimme des Buckligen sich einfach in
seinem Kopf materialisierte.
Trotzdem gab er sein Bestes, nicht hinzuhören.

Am nächsten Morgen fühlte er sich wie gerädert. Lucy warf einen Blick auf seine Augenringe und schob ihm ihren Kaffee rüber. „Hab ich dich etwa angesteckt?“ Noir schüttelte den Kopf. „Quatsch. Musste noch was für ein Hauptseminar machen; hat die halbe Nacht gedauert.“ Lucy verzog angewidert das Gesicht. „Du machst nachts Physik? Na kein Wunder, wenn du davon Albträume kriegst.“ –
„Ich habe keine – ach, vergiss es einfach.“

Noirs Laune war immer noch nicht besser, als ihm auf den Weg zur Uni ein Mann mit Dreitagebart und fleckiger Trainingshose eine Obdachlosenzeitung verkaufen wollte. „Danke, nein…“ Doch der Penner ignorierte ihn einfach. Noir hastete genervt weiter. Erst im Foyer des Hauptgebäudes fiel ihm auf, dass er immer noch die Zeitung in den Händen hielt.

„Aufgabe Eins“, stand da in güldenen Lettern, „…Du musst jemanden finden, der dümmer ist als du.“

„Keine leichte Aufgabe“, kicherte eine Stimme hinter ihm. Noir fuhr herum. Dort unter einem der zettelübersähten schwarzen Bretter hatte sich eine ältere Frau mit strähnigem Haar und vergammelten
Zähnen niedergelassen. Um sie herum standen mehrere vollgestopfte Plastiktüten mit Aufdrucken von ansässigen Discountern. Noir musterte sie misstrauisch. Sie hatte ihn bereits wieder vergessen und kramte in ihren Jackentaschen. Nach scheinbar endloser Zeit zog sie ein zerkratztes pinkes Plastikfeuerzeug hervor. „Ah…“ Umständlich angelte sie ein zerknülltes Päckchen aus einer Brusttasche und steckte sich eine krumme Zigarette zwischen die Lippen. Als Noir sich auf den Weg zu seinem Hörsaal machte, sah er aus dem Augenwinkel einen Universitätsangestellten herbeieilen.

„Herzlichen Glückwunsch, Sie haben die beste Klausur geschrieben.“ Noir starrte wie versteinert auf das Bündel Klausurbögen, das der Professor ihm entgegen hielt. „Eine wirklich herausragende Leistung in Relation zur Aufgabenkomplexität. Haben Sie Interesse an einer Stelle als studentische Hilfskraft?“ Noir konnte nur nicken, während er verzweifelt in seinem Gedächtnis kramte. Soweit er sich erinnern konnte, hatte er sich nur so eben von Aufgabe zu Aufgabe gerettet. Als er mit der Wunderklausur immer noch wie durch den Nebel zu seinem Platz wankte, fiel sein Blick zufällig auf die Punkte, die in Rot am Rand neben den Aufgaben notiert waren. Ein Additionsfehler, keine Genialität. Das erklärte es natürlich.
Eine Zeitlang kämpfte er noch mit sich, dann steckte er die Klausur ein und machte sich auf den Heimweg. Manchmal konnte Ehrlichkeit schließlich auch Dummheit sein.

Herzlichen Glückwunsch, Holzkopf, du hast es geschafft. Nun zur zweiten Aufgabe…

„Geh endlich runter von mir!“

Kannst du sie im Stich lassen? Kannstu, kannstu, kannstu?
Noir bäumte sich auf, doch der Bucklige ließ sich nicht abwerfen.

Heute back ich, morgen brau ich, ÜBERmorgen…

„Sei endlich still!“

Es sei denn, es sei denn, es sei denn…
Willst du es wissen, ja?


„Sag es und verschwinde!“

Jemand muss den Handel rückgängig machen.
Ein Schicksal gegen ein anderes. Das ist gerecht! Gerecht, gerecht!
Außer natürlich du glaubst, ihr Vater verdient all den Reichtum…

In dieser Nacht lag Noir noch lange wach.
Am nächsten Morgen ging er zur Bank und löste sein Sparkonto auf. Dann nahm er den Bus in das Stadtviertel, das er normalerweise vermied. Als er am frühen Nachmittag die Wohnung betrat, war Lucy noch nicht zurück. Zwei schwere Anrufe später ließ er sich ins Bett fallen und schlief wie ein Stein bis zum nächsten Morgen. Nicht einmal Lucys Albträume konnten ihn aufwecken.

„Hast du die Nachrichten gesehen?“ fragte Lucy ihn am nächsten Nachmittag. „Das ist schrecklich, was diese Aasgeier meinem Vater andichten! In Bordellen soll er sich rumgetrieben haben? Wer soll das denn glauben?“
„So ein Unsinn“, sagte Noir ehrlich. „Vermutlich ist es jemand, der deinem Vater seinen Erfolg nicht gönnt und der ihm jetzt was anhängen will. Es wird sich schon aufklären.“
Lucy sah ihn hoffnungsvoll an.
Doch statt des erwarteten Freispruchs fanden sich in den nächsten Tagen Beweise; mehrere Prostituierte sagten aus, dass Lucys Vater zu ihren Stammkunden gehört habe.
Eine Woche später reichte Lucys Mutter die Scheidung ein. Und auch finanziell ging es bergab; in dem Programm ihres Vaters hatte sich ein merkwürdiger Virus eingeschlichen, der empfindliche Firmendaten an die Softwarefirma zurückschickte. Der Skandal verbreitete sich noch schneller als der Virus selbst.

Als Noir an diesem Nachmittag nach Hause kam, war Lucys Zimmertür geschlossen. Nach dem dritten Klopfen öffnete er die Tür. Lucy lag auf ihrem Bett, den Kopf in einem Haufen Kissen verborgen. „Hi“, grüßte Noir ein bisschen schuldbewusst. „Wie geht’s?“ Lucys verheultes Gesicht tauchte kurz unter einem Kopfkissen hervor.
„Mein Vater ist seit gestern verschwunden“, murmelte sie. „Sowas hat er noch nie getan.“
Noir schwieg. Nach einer Weile setzte er sich auf die Bettkante und begann, ihr wortlos über den Rücken zu streichen. Lucy sagte nichts. Doch sie schmiss ihn auch nicht aus dem Raum. Diese Nacht verbrachte er zum ersten Mal in ihrem Zimmer.
Drei Nächte später war das Männlein wieder da.

Heute back ich, morgen brau‘ ich…

„Runter von mir! Ich habe gewonnen! Jetzt verschwinde endlich!“

Du hast die FALSCHEN Aufgaben gelöst! Hast gedacht, du wärst schlauer als ich!
Dem König sein Kind, das wollte ich! Und du hast es mir geliefert!

„So ein Blödsinn. Nix hab‘ ich gemacht“, protestierte Noir. Doch in seinem Magen machte sich langsam das ungute Gefühl breit, dass er dem Alten gehörig auf den Leim gegangen war.

So? Das war also nichts, was ihr beide letzte Nacht getrieben habt?
Nichts, sagst du? Lüge, Lüge! Und jetzt kann ich sie haben, endlich!
Und jeder von euch Holzköpfen denkt, ich wär‘ Rumpelstilzchen! RUUUMPELstilzchen!
DÄMLICH! Nicht den Hauch einer Chance!

„Nicht Rumpelstilzchen? Wer bist du dann?“
Doch der Bucklige antwortete nicht. Stattdessen hüpfte er auf Noirs Brust auf und ab, dass dieser glaubte seine Rippen knacken zu hören.

Heute sing ich, – KNACK – morgen tanz ich im Park – KNACK –
Und übermorgen, – KNACK –
ÜBERmorgen hol ich dem König sein Kind!

Im Park. Noirs Verstand arbeitete so fieberhaft wie er es trotz Schmerzen und Luftmangel tun konnte. Der Park. Wenn er den Alten dort erwischen konnte… Weiter kam er nicht.

Als er wieder aufwachte, war der Bucklige fort. „Was war diese Nacht los?“ fragte Lucy beim Frühstück. Noir zuckte die Achseln. „Hatte nen merkwürdigen Traum. Irgendwas Wirres über entlaufene Tiere im Zoo und so.“ Während er noch an seiner Ausrede bastelte, fiel es ihm siedendheiß ein.
Der Park.

Das bucklige Männchen! Diese Kreatur – hatte ihn die ganze Zeit benutzt! Doch es gab noch eine Möglichkeit. Eine Chance, das zu retten, was er zerstört hatte. Der Park. Er musste den Buckligen dort erwischen.

„Ich hab‘ völlig vergessen, dass ich heute noch verabredet bin“, nuschelte er, während er sich vom Stuhl abstieß. „Bin in ein paar Stunden zurück.“ In seinem Zimmer suchte er verzweifelt nach einer Waffe. Ein Baseballschläger wäre gut gewesen. Zu dumm, dass er keinen besaß. Noir runzelte die Stirn. Er warf sich seine Jacke über und steckte beim Passieren der Küche das Zwiebelmesser ein.
Glücklicherweise gab es nur einen Park, der diesen Namen wirklich verdiente. Während er in einem Busch versteckt wartete, hoffte Noir, dass das Männlein dies ebenso sah. Überhaupt war sein Plan so gut, wie man ihn innerhalb von Sekunden eben fassen konnte. Konnte man eine Märchengestalt überhaupt mit einem Zwiebelmesser töten?

Doch er hatte Glück – er hockte noch keine 15 Minuten in seinem Busch, als er eine gebeugte Gestalt auf eine Bank zu humpeln sah.
Der tannengrüne Mantel leuchtete hämisch in der Morgensonne. Noch machte der Bucklige keine Anstalten zu tanzen, aber Noir beabsichtigte auch gar nicht, es dazu kommen zu lassen. Er stürzte aus seinem Versteck und rammte dem Männlein sein Messer in den Bauch.

An diesem Abend ging Noir zum ersten Mal seit langem rundum zufrieden ins Bett.

Heute tanz ich, morgen sing ich, …

„Nein, kann nicht sein. Du bist nicht wirklich!“

… übermorgen hol ich dich!

„Aber du bist tot! Verschwinde endlich und lass uns in Ruhe!“

Holzkopf! Hattest du schon mal das Gefühl, dass eine Aufgabe zu einfach war?
Du hast nach den falschen Regeln gespielt! Dachtest, das wär ein Märchen, was?
DÄMLICH! Nicht den Hauch einer Chance!

Lucy machte gerade Waffeln, als er an diesem Morgen hereingewankt kam. Sie sah verheult aus wie meistens in letzter Zeit. Die Augenringe, die ihr die dauerhaften Albträume verpasst hatten, unterstrichen dies nur noch.
„Sie haben meinen Vater gefunden“, murmelte Lucy mit rauer Stimme. „Hier in der Stadt.“ Noir brauchte sie nicht anzusehen um zu wissen, dass sie heulte. Sollte er sie jetzt in den Arm nehmen? Oder war es besser zu warten?
„Und?“ fragte er, obwohl er die Antwort schon ahnte.
„Er ist tot.“
„Das tut mir leid.“
Wieder schwiegen sie sich an. Schließlich holte Lucy die letzte Waffel aus dem Eisen und ließ sie auf den Teller fallen. Dann griff sie nach dem Zwiebelmesser, das noch auf der Spüle lag. Mit dem Waffelteller in der einen Hand und dem Messer in der anderen setzte sie sich zu ihm an den Tisch. „Danke übrigens, dass du gestern noch gespült hast.“
Noir zuckte die Achseln. „Kein Problem. Was ist denn genau passiert?“ erkundigte er sich leise. Lucy schüttelte den Kopf und wischte sich über das verquollene Gesicht, als würde das dadurch besser. „Er war im Park. Irgendein Irrer hat sich auf ihn gestürzt und wie wild auf ihn eingestochen. Keine Ahnung weshalb. Muss ungefähr passiert sein, als du grad auf dem Rückweg warst.“
Noir spürte plötzlich einen unerträglichen Druck auf der Brust. „Das ist ja schrecklich“, presste er heraus und sog rasselnd Luft ein. Es half nicht. „Ich glaub mir wird schlecht…“
Als er wieder zu sich kam, sah er über sich die rissige Decke der Küche und Lucys besorgtes Gesicht. „Hätte nicht gedacht, dass dich das so trifft“, bemerkte sie. „Ich dachte, du konntest meinen Vater nicht leiden?“
„Das heißt nicht, dass ich ihm den Tod gewünscht hätte“, konterte Noir. Im Nachhinein war es nicht einmal eine Lüge. Langsam rappelte er sich wieder auf. „Wie kannst du so etwas denken?“ knurrte er, während er sich wieder auf seinen Platz am Küchentisch hiefte.
„Weiß nicht.“ Lucy malte mit dem Zwiebelmesser Kreise auf das Frühstücksbrettchen. „Irgendwie passiert in letzter Zeit alles Schlimme auf einmal. Kannst du mir sagen, was neuerdings mit den Idioten dieser Stadt los ist?“
Noir schwieg.
Lucy erwartete vermutlich sowieso keine Antwort.
„Ich hasse Märchen“, knurrte er schließlich. Lucy sah für einen Moment von ihrem Brettchen auf. „Warum das?“
„Weil man ihnen nicht trauen kann.“

    … und lebten glücklich bis an ihr Ende, pah!

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Ein Galgenmärchen

(Diese Geschichte ist für eine Lesung entstanden, die anlässlich des 200. Geburtstages der Grimm´schen Kinder- und Hausmärchen gehalten wurde. Thema der Lesung war „Unmärchen“. Vielleicht stellt die Maidlyn, die dort auch gelesen hat, ihre Geschichte ebenfalls hier ein …?)

    * * *

Weit, weit draußen vor der Stadt, am Kreuzweg, steht seit uralter Zeit der hohe Galgen. Auf diesem Galgen lebt und speist der alte Marder Krallzahn, der immer ein Lügenmärchen raunzt, wenn er hinaufklettert und ein Flüchlein zischt, wenn er hinabsteigt. Das, was hier erzählt wird, ist aber noch gar kein richtiges Märchen, sondern erst ein Vormärchen. Das Märchen selber kommt, wenn der letzte Büttel fort ist und Krallzahn hungrig wird. Bis dahin wollen wir einem hübschen Absatz machen.

Es war einmal vor vielen langen Wochen, da lebte im Lande des Markgrafen von Karabas ein unglücklicher Müller. Dem hatte das Schicksal arg mitgespielt. Die Weinflaschen, die er gastfrei auf ein paar Tage zu beherbergen pflegte, hatten ihm die Frische aus dem Gesicht und das Angenehme aus seinem Wesen gestohlen. Als sei das nicht genug, raubten ihm ein Paar Würfel sein Vermögen und seine Mühle. Zuletzt nahm ihm der Nachbar noch das Weib und ließ den Müller mit seiner Tochter allein in der Gosse zurück.
„Ach!“, jammerte der Müller, „dass mir nicht mal ein reicher Gevatter bleibt, den ich beerben könnte! Ach, um mich kümmern sich nur Hunger und Durst! Wie kann die Welt nur so schlecht zu einem sein, der ihr doch nichts zugefügt hat?“
„Lieber Vater“, tröstete ihn seine Tochter, „ich will versuchen, von mildtätigen Menschen ein wenig zu erbitten, damit wir unser Leben fristen können.“ Im Stillen aber sagte sie sich: `Etwas besseres als den findest du überall´. Sie war nämlich sehr klug.
„Du?“, fragte der Müller. „Wie willst du das bewerkstelligen? Du hast zwar einen hübschen Leib, aber dein Gesicht ist hässlich wie die Nacht!“ Er war nämlich in diesen Dingen sehr erfahren.
Aber das Mädchen antwortete: „Leg dich nur schlafen und lass mich machen. Der Morgen ist klüger als der Abend.“ Als der Müller schlief, stand sie auf und ging fort nach der Stadt, denn sie sagte sich: „Bin ich weder reich noch schön, so muss ich mir eben anders fort helfen!“

Als sie eine Weile gegangen war, gelangte sie an einen Kreuzweg, wo der Henker gerade ein Weib vom Galgen schnitt, welches er eben dort gehenkt hatte. Er sah die Müllerstochter, hielt sie an und sprach zu ihr: „Mägdelein, willst du nicht meine Frau werden?“
„Nein, ich mag nicht, denn du kennst mich ja gar nicht!“
„Ich will dich wohl kennen lernen. Aber wenn du nicht magst, so nimm wenigstens die bestickte Haube, das fein geflochtene Haarband und das buntseidene Busentuch von der hier als mein Geschenk. Es mag dir noch nützlich werden.“
Da nahm die Müllerstochter Haube, Haarband und Busentuch und ging weiter nach der Stadt. Als es schon lange Tag geworden war und ihre wunden Füße sie nicht einen Schritt weitertragen mochten, hörte sie ein Hufgetrippel hinter sich. Wie sie sich umwandte, kam dort ein Schneider auf seinem Eselchen des Weges. Die Müllerstochter knickste wie vor einem hohen Herrn und sprach ihn demütig an: Ob der Herr sie nicht ein Stück des Weges mitnehmen könne? Der Schneider machte Augen, so groß wie Teetassen, und sprach: „Eine, die mich mit so prallen Titeln neckt, soll ich umsonst auf meinem Esel reiten lassen? Das wäre fürbass ein schlechtes Geschäft! Was gibst du mir dafür?“ Und seine Augen wanderten an ihr auf und ab.
„Meine Haube will ich dem Herrn gerne geben; die ist wunderschön bestickt mit einer bunten Jagd.“
„Das mag angehen“, sagte der Schneider, „nur lass sie mich selber lösen, dass du die Bänder nicht etwa abreißt.“
Aber kaum, dass er die Bänder gelöst hat, packte er die Müllerstochter und rief: „Einen Kuss will ich noch dazu!“
Da konnte die Müllerstochter nun zappeln und strampeln, soviel sie wollte! Es nützte ihr nichts, der Schneider raubte sich einen langen Kuss und ließ nicht von ihr ab, als bis ihn ein Hufschlag in der Ferne aufstörte. Da war er – hui! – wie der Blitz auf seinem Eselchen und trippelte davon, so schnell er es nur antreiben konnte. Die Haube aber hatte er mitgenommen, denn er wollte damit sein Weib besänftigen, weil er einen Tag länger auf der großen Messe geblieben war, als es ihm erlaubt gewesen war.

Die Müllerstochter aber richtete sich notdürftig das zerzauste Haar und das beinahe zerrissene Kleid und erwartete den Reiter. Es war ein Kaufmann, der ebenfalls von der großen Messe kam. Diesmal verneigte sich die Müllerstochter tief und bat, dass der gute Herr sie ein Stück Weges mitnehmen möchte. Der Kaufmann machte Augen, so groß wie Mühlsteine, und sprach: „Soll ich eine, die mir einen so wohlgerundeten Hinterhalt legt, noch dafür belohnen? Das wäre fürbass ein schlechtes Geschäft! Was gibst du mir dafür?“ Und seine Augen wanderten an ihr auf und ab.
Die Müllerstochter, die nun wusste, woher der Wind wehte, bot ihm ihr fein geflochtenes Haarband, wenn sie es nur selber abnehmen dürfte. „Das mag angehen“, sagte der Kaufmann, „gib es mir nur und dann will ich dich vor mich auf´s Pferd setzen.“
Aber kaum, dass die Müllerstochter vor ihm auf dem Pferde saß, rief er: „Was für´s Haar hab ich; jetzt will ich für die Hände was dazu!“
Da konnte die Müllerstochter nun zappeln und strampeln, soviel sie wollte! Es nützte ihr nichts, die Hände des Kaufmanns raubten sich ihr Vergnügen und ließen nicht von ihr ab, als bis ihn ein Räderrollen in der Ferne aufstörte. Da warf er sie – hui! – wie der Blitz von seinem Pferde und galoppierte davon, so schnell er den Gaul nur treiben konnte. Das Haarband aber hatte er mitgenommen, denn er wollte damit sein Weib besänftigen, weil er all die kostbaren Geschenke für sie einer Dirne auf der großen Messe gegeben hatte.

Die Müllerstochter aber war so zerrupft, dass kaum ihre Blößen bedecken konnte, bevor ein Richter in seiner feinen Kutsche herangefahren kam. Die Müllerstochter stand ganz still und sah auf ihre Zehenspitzen, bis sie endlich den Mut fand, den Richter darum zu bitten, sie ein Stückchen Weges mitfahren zu lassen. Der Richter machte Augen, so groß wie ein Turm, und sprach: „Soll ich eine, die weder bietet, noch verhehlt, umsonst mit mir auf den Wagen nehmen? Das wäre fürbass ein schlechtes Geschäft! Was gibst du mir dafür?“ Und seine Augen wanderten an ihr auf und ab.
Die Müllerstochter, die nicht wusste, wie sie ihm entgehen könnte, bot ihm ihr buntseidenes Busentuch, das ihr schon halb aus dem Leibchen hing. „Das mag zur Einleitung angehen“, sagte der Richter und warf sich auf sie. Da konnte die Müllerstochter nun zappeln und strampeln, soviel sie wollte! Es nützte ihr nichts, der Richter ließ nicht eher von ihr ab, als bis er ihre Jungfernschaft geraubt hatte. Dann stieß er sie aus der Kutsche und fuhr davon. Das Busentuch aber hatte er mitgenommen, denn er wollte damit sein Weib besänftigen, weil er all sein Geld auf der großen Messe im Spiel verloren hatte.

Da saß nun das Mädchen und weinte, doch als sie aufsah, stand dort der Henker mit seinem Schubkarren. „Magst du mich nun heiraten?“, fragte er. „Die Leute auf der Straße sehen nur dein hässliches Gesicht und deine Armut, und machen sich ein Vergnügen mit deinem hübschen Leib. Ich aber will dich immer lieb halten und du sollst es gut bei mir haben.“
Da heiratete die Müllerstochter den Henker und wurde sein Weib.

Sie lebte mit ihm in demselben Städtchen, in dem auch der Schneider, der Kaufmann und der Richter zu Hause waren und brachte dort übers Jahr einen Knaben zur Welt, der dem Henker so gar nicht ähneln wollte. Da dachte sich das Henkersweib: `Ich will doch einmal sehen, ob ich ihm nicht einen guten Gevatter schaffen kann, damit aus ihm einmal etwas Besseres als ein Henker wird!´
Und sie machte sich eine Haube, ein Haarband und ein Busentuch, ganz genau wie die, die ihr vom Schneider, vom Kaufmann und vom Richter genommen worden waren. Am nächsten Kirchtage legte sie die drei Dinge an und ging zum Gottesdienst.
Da sah die Schneiderin, dass das Henkersweib die gleiche, prächtig bestickte Haube trug, wie sie selbst und sagte ihrem Mann: „Sieh nur, wie mich das Henkersweib verspottet! Sie trägt eine Haube, die ganz der gleicht, die du für mich gemacht hast, an jenem zusätzlichen Tag auf der großen Messe! Sofort gehst du und befiehlst ihr, die Haube abzunehmen und niemals wieder zu tragen! Tust du´s aber nicht, so will ich glauben, dass sie die Haube von dir zum Geschenk bekommen hat, und dann kriegst du deine Elle zu kosten!“
Der Schneider, der ja nicht wusste, ob die Henkersfrau ihrem Mann von dem geraubten Kuss erzählt hatte, zauderte und versuchte alle Ausflüchte, bis er schließlich doch zum Henker gehen musste. „Henker“, sagte er, „dein Weib trägt eine Haube wie das meine und ist doch von weit geringerem Stande. Nimm deinem Weib die Haube ab und ich will dir später eine passendere geben.“ Die Schneiderin spuckte Gift und Galle, als sie ihren Mann so zahm sprechen hörte, denn viele Leute sahen zu, wie die Sache wohl ausgehen würde. Der Henker aber nahm seinem Weib die Haube ab und entblößte so das fein geflochtene Haarband. Da schrie die Kaufmannsfrau den Kaufmann an: „Sieh nur, wie das Henkersweib mich verspottet! Erst macht sie sich der Schneiderin gleich, und weil das nicht angehen kann, soll sie nun mir gleich sein?! Sofort befiehlst du dem Henker, seinem Weib vor den Richter zu bringen! Tust du´s aber nicht, so will ich glauben, dass du solcherlei Band für alle Metzen hast, die deinen Weg kreuzen, und mich nicht einen Deut höher schätzt! Dann wirst du erfahren, was von deinem Geschäft ohne meine Mitgift und die Einlagen meiner Brüder noch übrig bleibt!“
Und so musste der Kaufmann denn wohl oder übel zum Henker gehen, voller Furcht, dass ihm sein Weib von den allzu neugierigen Händen des Kaufmanns gesprochen hatte.
„Lieber Henker“, sagte der Kaufmann kleinlaut, „dein Weib hat sich heute gar ungebührlich benommen. Wir wollen mit ihr zum Richter gehen, damit er sie tüchtig tadele und schimpfe, und dann soll alles gut sein.“
Der Henker nickte gleichmütig, sein Weib aber lächelte.

So kamen sie denn in einer großen Volksmenge vor den Richter, und der Schneider und der Kaufmann trugen ihre Klagen vor. Der Richter aber sah die ganze Zeit besorgt nach dem buntseidenen Busentuch des Henkersweibs und dem Knaben, den das Weib an der Hand führte, und der dem Henker so gar nicht ähnlich sah.
„Du hast gehört, was die da gegen dein Weib vorbringen“, sagte der Richter schließlich milde zum Henker, denn er wusste ja nicht, ob das Henkersweib ihrem Gatten von der geraubten Jungfernschaft gesprochen hatte. „Was hast du für sie vorzubringen?“
„Nichts, Herr“, antwortete der Henker gleichmütig. Da drängte sein Weib sich vor und sprach: „Mein Mann weiß nichts von diesen Dingen, denn ich habe sie mir selbst gemacht, getreu dem Vorbild der Sachen, die man mir im schlechten Tausch abgezwungen hat. Wenn ich unrecht getan habe, will ich die Haube, das Haarband und das andere gerne jetzt und hier den Männern geben, die ein gleiches vorweisen können! Wenn ich schuldig bin, sollen sie obendrein auch das von mir zurückerhalten, was sie mir im Tausch für die ersten Sachen gegeben haben! Wenn aber das Mitleiden mit meinem armen Kinde“, und mit diesen Worten hielt sie dem Richter den Knaben entgegen, dass der dessen Gesichtszüge wohl studieren konnte, „wenn das Mitleiden mit meinem Kinde, sage ich, das Urteil über mich zu mildern imstande wäre, so wollte ich meine Bürde still und bescheiden tragen bis ans Ende meiner Tage.“

Der Richter schwieg eine Weile und sagte dann dem gleichmütigen Henker: „Geh und verfahre mit ihr, wie du mit deinem letzten Weib vor Jahr und Tag getan hast.“

    * * *

(Kritik aller Art ist mir wie immer sehr willkommen!)

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Preußisch Blau

Gehe wohl nicht fehl darin, dass die Herrschaften die Erzzüge nicht aus eigener Anschauung kennen … Lärm und Rauch freilich zugestanden, mein Fräulein, aber nur aus der Ferne. Am Gleis dagegen klingen die Kolben wie eine feuernde Batterie schwerer Artillerie. Der Boden wankt, man ist geblendet von Rauch und Dampf, das Fauchen und Zischen der Ventile macht eine Unterhaltung unmöglich. Habe das zum ersten Mal vor wenigen Tagen in Fushun erlebt, als der Liberator der Preußisch Blau in den Frachthangar einfuhr. Stehe also dort nebst einem Bahner und einer chinesischen Dame auf dem Perron und kann mich des Staunens über die gewaltige Maschine nicht erwehren. Plötzlich knallt Gewehrfeuer durch den Lärm, Querschläger jaulen herum – will schon Deckung nehmen, da klopft mir der Bahner auf die Schulter und ruft: „Sin´ nur zersprengte Schottersteine, Soldat! Der olle Meiler is ja keins von die leichtn Mädchen!“ Herrschaften wissen ja, ich war zu einer diskreten Mission abkommandiert. Stellte darum einen Füsilier der Ostasien-Handelsgesellschaft vor, mit peroxidiertem Haar, sie sehen es noch, Gummirollen in den Wangen und aller Schauspielkunst, der ich gebot.
Der Bahner also – so ein kleiner, feister und krummbeiniger Ladesergeant der Donar & Cie – zeigt mit glänzenden Augen zu den zernarbten Panzerplatten und den rußigen Vier-Zoll-Zwillingsrohren hinauf. „Großartich, was?“, schreit er. „Das kriegste nich mehr oft zu sehn, jetzt, wo se die Polyprops statt die Hochlader baun. Un auch bei die Hochladers is die Preußisch Blau eine vonne größten. Ohne Fracht gut neunzich Doppelschritt vom Räumer bis Schleppschild! Seit zwölf Jahren auffer Asienroute, durch Wüste un Krieg, un is immer durchekommen!“
Indes rumpelt der Liberator sachte gegen den Postwagen. Der macht, im Verein mit achtzehntausend Tonnen Kohlen in den Erzschütten und dem Reiter einen zierlichen Hüpfer und lässt eine letzte Salve Steine zerknallen.
Einer der Kuppler, die dicht an der Rollgrube bereitstanden, flucht plötzlich und hält sich den Arm. Blut sickert ihm durch die Finger; ein Splitter hat ihn gestreift. Sein Ärger gilt aber nicht dem klaffenden Schnitt, sondern der zerrissenen Jacke und den Flecken darin.
„So sinse“, stellt der Ladesergeant melancholisch fest. „Fleisch wächst von allein, Jacken nich.“
„Ein seltsamer Grund, deshalb dem Überdauern der Jacke die größere Bedeutung beizumessen“, wirft die Chinesin neben uns in deutscher Sprache ein. Solcherlei freie Rede, Herrschaften, gilt den Frauen im Reich des Himmelssohnes für äußerst anstößig und verblüffte uns einigermaßen. Die junge Dame im kostbar bestickten Qipao – ihr hoher Wuchs und die ungebundenen Füße wiesen sie als eine Mandschu aus – entgegnete unserem Schweigen mit einem Lächeln und Kopfneigen. Mein Nebenmann zeigte sich weniger höflich.
„Un? Seid ihr schlauer?“, pöbelte er, „Eure Konfuziusse, oder Buddhas, oder wie die heißen, die sagen doch, dass nix ewig is un man darum zu nix werden muss, wenn man ewig leben will! Is doch saublöd, so was. Da lob ich mir die Uniform von mein alten Herrn.“
„Zu keinem Ziel werden mehr Wege gebahnt“, stellte die Chinesin mit einer erneuten Verneigung fest, „als zu einem unerreichbaren.“
Der Bahner spuckte auf den Boden. „Un so sin die“, er deutete mit dem Daumen nach der Chinesin, „noch´n Kückenflaum am Leib, aber in Sprichwörtern redn. Wenigstens isses nur die eine. Wenn sich mehr Passagiere auffe Wüstenroute trauten, wär der Postwagen ratzfatz voll un ich könnt auffe Greif oder auffe Malmer warten, um heimzukommn. So hat der große Krieg auch sein Gutes, eh? Oder biste dahin kommandiert?“
… Aber ich sehe, Herr Doktor beginnen unruhig zu werden; sehr begreiflich angesichts solchen Geschwätzes. Herrschaften haben wohl einen Eindruck von dem Ladesergeanten gewonnen; kann mich darum jetzt kürzer fassen. Hatte ja bereits der Natur meiner Mission Erwähnung getan. Herrschaften können sich meine peinlichste Verlegenheit ausmalen, als über die ganze Zeit, in der die Preußisch Blau gekuppelt und abexaminiert wurde, kein weiterer Reisender erschien. Hatte mein Mann einen anderen Weg nach Europa gefunden? Blieb er in Fushun? Oder hatte er sich schon irgendwo an Bord versteckt? Und vor allem: Was war zu tun, wenn er nicht kam? Fahren oder bleiben?
Indes: Das Dampfhorn der Preußisch Blau dröhnte zur Abfahrt; ich entschloss mich und nahm mit meinen beiden Mitreisenden in einem der engen und unbequemen Abteile auf dem vierten Deck des Postwagens Platz. Sie dürfen mir glauben, dass mir mehr noch als die Sitze schwärzeste Sorgen die Abreise verdarben.

* * *

„Humbug, Madame, alles Humbug! Das, hm, Übersinnliche nicht weniger denn die Fortdauer der, hm, Seele. Nein, Madame, uns Männern der Wissenschaft ist diese ganze Angelegenheit eine Mischung von Hörensagen, atavistischen Feigeleien und der Unfähigkeit sich des, hm, Verstandes kritisch zu bedienen.“
Ob dieser Blasphemie des Doktor R. schlug sich Madame de Muellher die Hand vor den Mund und das, was Maidlyn ihre Schleppe („Etwas, das sich an den Hals zu hängen um so größere Anerkennung hervorruft, je mehr Schmutz es aufzuwirbeln imstande ist.“) nannte, tat es ihr erregt flüsternd nach. Einigen gelang es sogar, trotz der Ofenglut und des genossenen Weines und Konfekts zu erbleichen.
Doktor R. dagegen blähte bedeutungsvoll die Brust über dem beträchtlichen Embonpoint. Die Szene glich Luthers Thesenanschlag, interpretiert durch die Laienspielgruppe eines Hühnerstalls.
Maidlyns Lächeln in Verbindung mit der Kaminuhr über ihrer Schulter erschienen mir plötzlich als ablaufende Zeitbombe. Nur unter grober Beschädigung des Anstands hätten wir uns schon jetzt empfehlen können, doch schien das ein unbedeutendes Opfer verglichen mit dem, was die Karrieren, das Ansehen und die Selbstachtung der Anwesenden erwartete, falls diese schwachhirnige Teegesellschaft Maidlyn weiter aufreizte.
Maidlyn gilt allgemein für „scharfzüngig“. Unvorsichtigerweise pflegt man mit diesem Begriff ein Kartoffel- oder Obstmesser zu verbinden, und keine Guillotine.
Sie schöpfte bereits Atem, um den Doktor zu zergliedern, als ihr jemand zuvor kam: „Erlaube mir, Herrn Doktor darin zu widersprechen!“
Als Retter des ahnungslosen Doktors zeigte sich der königliche Rittmeister Gregor Jagan – übrigens einer derjenigen, denen sich Madames „circle extraordinaire“ heuer zum ersten Male geöffnet hatte. Eigentümlicherweise nicht nur ihm, sondern auch seiner kleinen Reisetasche, die er bei der Chaiselongue abgestellt hatte, anstatt sie dem Mädchen zu übergeben. Dennoch hatte Madame ihm bereits während der Sahnetörtchen die Gunst ihrer Konversation erwiesen.
„Erlaube mir, Herrn Doktor darin zu widersprechen“, erklärte also Gregor Jagan schneidig, in blitzender Uniform und tadelloser Haltung. „Habe da gerade neulich ein Ding erlebt, das geeignet sein dürfte, Ihre These ernstlich zu probieren.“
„Soso?“, erkundigte sich Doktor R. gedehnt, „Dann bitte ich, mir den, hm, Casus vorzutragen. Er soll mir die willkommene Gelegenheit sein, an meinen, hm, Mitmenschen aufklärerisch zu wirken, Herr Rittmeister.“
Jagan ignorierte des Doktors Tonfall und befeuerte noch einmal Lippen und Geist durch einem kräftigen Schluck Burgunder, bevor er begann:
„Der Fall betrifft einen … nun, einen Mann. Sein Name ist möglicherweise Kilian. Mehr über seine Identität zu sagen, wäre Spekulation. Werde darum den Herrschaften seine Karriere im groben darlegen, soweit ich Kenntnis von ihr…“
„Zur Sache!“, fiel ihm der Doktor ins Wort.
„Mit Vergnügen“, erwiderte Jagan steif. „Unsere ältesten Nachrichten über Kilian stammen aus Neu-Amsterdam, wo er vor einigen Jahren für einen ausgezeichneten Magnetiseur galt. Veranstaltete Vorführungen über den medizinischen Nutzen des magnetischen Schlafs, vor einer Reihe bedeutender Kapazitäten. Ging schließlich so weit, bei einer solchen Gelegenheit seine Assistentin zu vivisezieren. Sie fühlte offenbar keinen Schmerz, obgleich sie sich der Vorgänge bewusst war, wie ihre Antworten auf seine Fragen zeigten. Er – bitte den Ausdruck zu entschuldigen – weidete sie so weitgehend aus, dass ihr Tod unter anderen Umständen sofort hätte eintreten müssen. Als sie schließlich ihr eigenes, schlagendes Herz in der Hand hielt, weckte er sie und verließ den Saal.“

* * *

Am dritten Tag wurde mein Versagen Tatsache. Außer dem Personal waren nur Orn Stubbok und Liu Jiao Feng, meine Mitreisenden von Fushun, an Bord. Der Gesuchte war auch in Beijing nicht zugestiegen. Hatten nunmehr die Gobi erreicht, weshalb ich ihn für endgültig entkommen ansehen musste. Blieb nur, nach der Rückkehr meinen Abschied zu nehmen und der Ehre genüge zu tun.
Fand mich also in solcher Lage dem immerzu schwatzenden Orn Stubbok in dem erstickend heißen Abteil so dicht gegenüber, dass unsere Knie einander beinahe berührten. Fräulein Liu zu meiner Rechten studierte beständig eine Schriftrolle. Ihr ungewöhnlicher Freimut gestattete ihr offenbar, ohne Begleitung zu reisen. Hatte sie in meinem unvollkommenen Kantonesisch auf ihre Lektüre angesprochen, worauf sie in ihrem ausgezeichnetem, wenn auch nicht akzentfreien Deutsch antwortete, es handle sich um ein altes Buch, das einem entfernten Verwandten zu überbringen sie geschickt worden war.
Über diese Bemerkung hinaus ließ sie kein Bedürfnis nach Konversation erkennen. Hörte darum Stubboks Schwafeln gewissermaßen im Halbschlaf an, derweil ich seine Nähe und den Geschmack der Gummirollen in meinem Mund verfluchte. Die Landschaft war von stupender Öde und änderte sich sich den ganzen Tag nicht. Selbst der vorbeiziehende Rauch, der das winzige Fenster alle paar Stunden vollständig schwärzte, schien ein Fortkommen der Preußisch Blau nur vorzutäuschen.
Plötzliches Schweigen legte mir nahe, dass Stubbok auf irgendeine Frage Antwort erwartete. Dehnte indes die herrliche Stille bis an die Grenze der Beleidigung, ehe ich ihm einen fragenden Blick widmete.
„Was siehstn da draußen?“ wiederholte er.
„Täuschend offenes Gelände, mit vielen Senken, Felsen und Buschwerk. Bietet einem geschickten Trupp Trassenpiraten bis Kompaniestärke Deckung und Gelegenheit zu Hinterhalten. Schätze, etwas tiefer in der Wüste werden die Vierzöller zu tun bekommen, wenigstens vorbeugend“, gebe ich unbedacht die Einschätzung eines Offiziers zum besten.
„Tatsächlich, da haben Sie recht. Es ist ein Land wie eine Handfläche“, bemerkt er ohne jede Spur seines Bahner-Jargons. Mehr noch: Gerade noch hockt dort ein kleiner Mann mit den O-Beinen einer überwundenen Rachitis, dicklich, mit weichlichem Mondgesicht und ohne einen Funken esprit. Dann – in einem Lidschlag, verstehen sie, Herrschaften? – sitzt ebenda in tadelloser Haltung ein großer, schlanker Kerl und fasst mich scharf ins Auge! Und dennoch ist es zweifellos derselbe Mann!
Während er spricht, zieht er das blaue Halstuch seiner Uniform ab, knäult es in der Hand zusammen, schüttelt sie kurz und öffnete sie wieder. Das Tuch ist fort.
Sie können sich denken, Herrschaften, dass es mir in diesem Moment wie kochendes Eis durch die Glieder fährt! – Ist er der Gesuchte? – Hat er mich durchschaut?
Indes enthob mich Liu Jiao Feng einer unmittelbaren Antwort. Sie räusperte sich vernehmlich, beugte sich vor und zog das blaue Halstuch aus der Brusttasche des Mannes. „Vielleicht wird dem Herrn dieses Tuch nützlich sein, um die Blößen seiner Kunst zu bedecken?“ bemerkte sie kühl in Stubboks Richtung.
Applaudierte kurzentschlossen dazwischen: „Phantastisch – so sind sie beide Illusionisten?“
„Bedeutet Illusion nicht Täuschung?“, fragte Fräulein Liu, ohne den Blick von Orn Stubbok zu lassen. „Meine Kunst kennt keine Täuschung. Sie ist die ehrwürdige Tradition des einfachen Meisters.“
„Ich hingegen lüge gerne“, lachte Stubbok. „Ich mag die Rätsel, die in so einem Satz stecken.“
„Sie behaupten die Existenz wirklicher Magie?“
„Natürlich! Und Sie sollten dasselbe tun! Wenn Sie mir okkulte Fähigkeiten unterstellten, dann läge es außerhalb ihrer Verantwortung, dass mich ihre Maske nicht täuschen konnte. Und es wäre ganz unvermeidlich, dass sie den erlauchten Herren, in deren Auftrag sie reisen, nicht meine Person, sondern nur eine Nachricht von mir bringen werden: Ich lasse mich nämlich nicht für deren lächerlichen Zwecke instrumentalisieren.“
Er gab mir ein bedauerndes Lächeln lang Gelegenheit, mich zu fassen, und fuhr dann fort: „Natürlich ist ihr Skeptizismus nicht überraschend. Umso mehr freue ich mich, dass meine geschätzte Rivalin Liu Jiao Feng mir offenbar die Gelegenheit verschaffen will, ihre Zweifel, mein Herr, durch ein magisches Duell zu erschüttern. Ich habe sie doch recht verstanden, Fräulein Liu? Sie wünschten die Blößen meiner Kunst zu bedecken?“
„Sie haben mich vollkommen verstanden, Jingdi“, nickte sie, ohne ihn aus dem Blick zu verlieren. Stubbok – ich sollte sagen: Kilian – wandte sich wieder an mich: „Darf ich Sie dann bitten, sich als Unparteiischer zur Verfügung zu stellen?“
„Sind denn unter Zauberern die Damen satisfaktionsfähig?“
Liu Jiao Feng lächelte, während sie antwortete: „Mehr als das. Viel mehr.“

* * *

„Und weiter?“ dröhnte Madame de Muellhers unreiner Mezzosopran durch die plötzliche Stille.
„Es gelang ihm, in den Westen zu entkommen, Madame.“
Sie wedelte ungeduldig mit dem Fächer: „Nicht doch! Ich meine, was ist mit seiner Assistentin passiert?“ Dieser Frage folgte eine gänzlich andere Stille, bis Jagan zu einer Antwort fand.
„Sie wurde unter großer öffentlicher Anteilnahme begraben, Madame. Entsinne mich, dass einer der Ärzte dabei einen hysterischen Anfall erlitten haben soll.“
„Hach!“ seufzte Madame und schneuzte sich befriedigt, derweil das chronische Tuscheln ihrer Schleppe erneut anhob, „Und Kilian entkam, sagten Sie?“
„Korrekt, Madame. Unsere nächsten Nachrichten von ihm datieren einige Monate jünger. Man hegt ja in einigen der konföderierten Staaten noch Groll gegen die Neger, besonders jene, die fortliefen und die Waffen auf Unionsseite ergriffen. Nahm da nun ein junger Mulatte mit dem stolzen Gebaren eines Revolvermannes Quartier im Städtchen P. in Tennessee. Dürfte wohl kaum überrascht gewesen sein, als die Bürger nachts seine Zimmertür erbrechen – tatsächlich harrt er der Männer mit Revolvern in den Fäusten. Wagte dann aber doch keinen Schuss, sondern ging mit ihnen zur Galgenhöhe, wo man bereits die ganze Einwohnerschaft samt Frauen und Kindern versammelt fand. Der Mulatte erhielt nun seine Lektion in Demut und darüber noch eine kräftige Mahnung an die Negerschaft insgesamt. Dieser spezielle Kerl war allerdings stumpf und duldete stumm wie ein Tier. Dadurch zuäußerst erbost, hatten die Bürger ihm bereits die rechte Hand zuschanden gemacht und ein Auge genommen, ehe sie von ihm abließen und ihm empfahlen, das Städtchen vor Morgengrauen zu verlassen. Man sah ihn auch bald blutend forthinken. Die Kinder warfen Steine und spielten den Tag über Niggerdreschen.
Indes, kurz nach Einbruch der Dunkelheit kehrte er zurück und klopfte an die Tür des ehrenwerten Friedensrichters Copper. Dieser Herr gehörte den Kukluxiern an und bewirtete gerade einen durchreisenden Ordensoberen, da er solchermaßen gestört wurde. Copper sah die kleine Gestalt im großen Schlapphut kaum an, da rief er schon seinem Gast zu, dass diese Nacht noch eine ernste Arbeit anstünde. Der Obere befahl den Delinquenten zu sich und schickte Copper aus, das örtliche Kapitel zusammenzurufen. Als sich die Männer in ihren weißen Roben versammelt hatten, trat der Obere, ebenfalls festlich angetan, hinaus. Vor sich her trieb er den gebundenen Mulatten, dem er einen Kohlensack über den Kopf geworfen hatte, darauf ein krudes Spottgesicht gemalt war. So prügelte der lustige Zug den Mulatten durchs Städtchen auf die Galgenhöhe, wo er an ein rasch aufgestelltes Holzkreuz gebunden wart. Dort verfuhren sie mit ihm, wie Kukluxier mit den Negern zu verfahren pflegen, und die stumme Gegenwart des Oberen stachelte sie noch zu besonderen Dingen an. Copper, der sich als würdiger Anführer des Kapitels erweisen wollte, war in allem der erste, phantasievollste und grausamste. Als ihre rasende Tollheit sich im Morgengrauen erschöpfte, fanden sie die Haut des schwach zuckenden Krüppels, wo sie noch auf dem Fleisch haftete, seltsam hell. Man suchte Rat beim Oberen, doch der war verschwunden. So zog denn schließlich Copper selbst die Maske ab. Er blickte in die blutigen Augen seines eigenen, geknebelten Sohnes.“
„War der Obere…?“ hauchte eine aus Madames Schleppe.
„Gewiss, mein Fräulein. Kilian, wie sein Signalement zweifellos ergab. Die Einwohner von R. behaupteten, er habe durch Hexerei den Sohn des Friedensrichters unkenntlich gemacht. Der Mulatte übrigens erwies sich als Kilians Genosse; ein Kerl namens James Jerry Morris. Man kannte die beiden später im Westen als den Teufelsdoktor und den Linken Tod.“
„Ich muss doch sehr, hm, bitten!“, unterbrach Doktor R. den Rittmeister.
„Solcherlei abgeschmackte Ammenmärchen kennen wir zur Genüge. Wenn diese, hm, haltlosen Behauptungen ihren Casus bilden sollen, darf ich ihnen Madames, hm, Pudel als Widersacher empfehlen … der ein, hm, ungewöhnlich kluges Tier ist“, setzte er noch hinzu, als er Madames dräuenden Blicks gegenwärtig wurde.
„Werde mit Vergnügen konkreter werden, wenn Herr Doktor mir die Höflichkeit seiner Geduld erweisen wollen. In der Tat sind dergleichen Ammenmärchen Legion und jeder Varieté-Taschenspieler bemüht sich um einen Nimbus von ihnen. Bei Kilian allerdings liegt die Sache anders. Nachdem er der neuen Welt den Rücken gekehrt hatte, lebte er eine Zeit lang in der Bremer Fleetstraße. Firmierte dort unter dem Namen von Kempelen.“
„Etwa der Falschmünzer? Der in Wahrheit aber herausgefunden hatte, wie man Blei zu Gold macht?“, zwitscherte ein Mitglied von Madames Schleppe aufgeregt. Der Rittmeister nickte Bestätigung, der Doktor zog ein Gesicht. „Es stand in allen Zeitungen! Hach, es war so aufregend! Man hatte ihn verhaftet, nicht wahr, und eines Tages war er einfach nicht mehr in seiner Zelle! Den Alchimisten haben ihn die Zeitungen getauft, und er soll so einen… einen Stein gehabt haben, für die Goldmacherei und der soll auch ewige Jugend geben“, sprudelte sie heraus, bevor der Rittmeister ihr ins Wort fiel: „Sehr richtig, Mademoiselle sind ausgezeichnet informiert. Allerdings verfügte er nicht über den Stein der Weisen; hatte lediglich ein chemisches Verfahren zur Goldherstellung entwickelt. Dessen Geheimnis er im Übrigen mit sich nahm, was den Geheimen Rat Stolte völlig ruinierte und seine Töchter zunächst in fremde Dienste und zuletzt in Ludenhände brachte. Nach seiner Flucht gab er sich für einen Dr. Mohammed Darasche-Koh aus und praktizierte eine Weile als Anatom, bevor er mit einer Kuriositäten-Schau durch die Lande fuhr.“

Ich – und dem Anschein nach auch der weit größte Teil der Gesellschaft; gewiss aber zumindest Doktor R. – fühlte ob dieses Namens eine Beklemmung in der Brust. Das Geschäft des Anatoms und des Präparators muss Verstörung in jeder Seele hervorrufen, die nicht wissenschaftlich kalt oder abgestumpft ist. Aber Darasche-Koh hatte es nicht mit Rücksichtslosigkeiten gegen Leichen bewenden lassen sondern war weit darüber hinaus gegangen.
Man war hinter sein Geheimnis gelangt, nachdem einige angesehene Männer in sein Haus in Prag eingebrochen waren. Sie waren von einem unbestimmten Verdacht zu ihrer Tat getrieben worden, da ein gemeinsamer Freund, ein erklärter Todfeind des Darasche-Koh, unversehens starb und eben jener giftkundige Anatom Anspruch auf die Leiche erhob. Er führte als Beleg eine Quittung über eine beträchtliche Summe an, dafür ihm der Verstorbene zu Lebzeiten seine sterbliche Hülle vermacht habe.
In der Studierstube Darasche-Kohs fanden die Männer das Haupt ihres Freundes als grausames memento mori in eine Wanduhr eingearbeitet. Sie suchten noch die Fassung wiederzugewinnen, als die Uhr schlug. Die Lider des abgetrennten Kopfes hoben sich, der Mund klaffte auf und – lallend und schnarrend – hörten die Männer ihn die Zeit ansagen. Er war, auf teuflische Weise mit künstlichen Organen verbunden, lebendig präpariert!
Die Hand desselben Mannes diente als Türklinke der Stube, so dass seine Freunde, um herauszukommen, gezwungen waren, sie zu drücken.
Halb von Sinnen die Polizei alarmierten sie schließlich die Polizei. Allein, auch da Darasche-Koh durch die Ermittlungsbehörden auf einer Spur menschlichen Elends und entsetzlicher Verstümmelungen quer durch Europa gejagt wurde, konnten sie seiner doch nicht habhaft werden.
Der Rittmeister, der in seiner Erzählung kurz innegehalten hatte, um dem erregten Flüstern Raum zu geben, musterte ernst den Doktor R., der an seiner Lippe nagte, und fuhr fort:
„Ich sehe, Herrschaften belieben sich des Namens zu erinnern. Gesucht und von schwersten Strafen bedroht, musste Darasche-Koh alias Kilian der Aufenthalt in Europa äußerst unbequem sein. Wandte sich darum nach Asien. Das war die Lage, als sich bestimmte, erhabene Autoritäten meiner erinnerten und mich, mit den weitest reichenden Vollmachten versehen, aussandten, Kilian zu fassen und zurückzubringen. Es war eine schwierige Jagd, die schwierigste, die ich je unternommen habe.
Erlaube mir, um das Zartgefühl der Damen zu schonen, nur die Andeutung, dass ich ihm bis in die Hochebene von Leng verfolgte. Nur unter der äußersten Anspannung aller Kräfte gelang es mir nach wenigen Tagen, von dort zu entkommen. Trug ein schweres Nervenfieber davon, das mich zwei Monate niederstreckte. Indes, ich hatte Glück im Unglück: Kilian blieb nahezu ein halbes Jahr unter den … in jenen … in jener Gegend. Verlor seine Spur also nicht vollständig. War ihm dicht auf den Fersen, als er sich in den Dienst des chinesischen Kaisers im Krieg gegen den Zaren stellte. Als ich schließlich zum ersten Minister des Himmelssohnes vorgelassen wurde, hatte dieser Kilian bereits seinen Abschied gegeben. Der Himmelssohn war derartig entsetzt von Kilians Erfolgen, dass er lieber den Krieg verlieren wollte, als den Zauberer länger in seinem Reich zu dulden. Es ergaben sich jedoch für Kilian einige Schwierigkeiten bezüglich der Rückreise, die es mir ermöglichten, seine Spur in Fushun wieder aufzunehmen.“
Madames mondkalbiger Ausdruck gab dem Doktor Gelegenheit, wieder etwas Terrain zu gewinnen, denn er hatte sein Konversationslexikon gut studiert:
„Sie sprechen von jenem, hm, ungeheuerlichen Renommierprojekt des chinesischen Kaiserhauses?“ Und sich direkt an Madame wendend, fuhr Doktor R. fort: „Denken sie nur, Madame, es wurde dort eine neue, hm, Stadt errichtet, nach den modernsten Erkenntnissen und Erfordernissen unserer, hm, Zeit, und das direkt neben der alten Stadt Fushun. Man kann nun dort mit einem Blick das neue mit dem, hm, alten China vergleichen. Ein ungeheuerlicher Aufwand wurde betrieben! Die modernste Bergbaustadt ganz Chinas; auf einen, hm, Schlag errichtet! Dennoch bin ich davon überzeugt, dass dieses, hm, neue Fushun, hätte man es neben unserem guten alten Grollmar errichtet, gewissermaßen, hm, gelb vor Neid würde.“ Der Doktor erntete wohlgefällig das Gekicher der Damen, das zu unterbrechen ich mich nicht enthalten konnte: „Meinen Sie in Bezug auf unser unerreicht hohes Verhältnis von toten Bergleuten pro Tonne geförderten Erzes, die Kinder nicht gerechnet? Oder eher wegen der vorhergesagte Lebensdauer Grollmars, wenn seine Fundamente weiter so unterwühlt werden? Professor Kühn sprach letztlich von äußerstenfalls noch einigen Dekaden bis zum völligen Zusammenbruch, nicht wahr?“
„Ich, hm, dachte an den Wohlstand und die, hm, Kultiviertheit seiner Bürger, mein Herr“, trumpfte der Doktor süffisant auf, „aber möglicherweise befinde ich mich diesbezüglich in, hm, Einzelfällen im Irrtum.“
„Du würdest dich weniger oft blamieren, Athanasius“, bemerkte Maidlynn kühl, „wenn du besser zuhören würdest. Hat nicht unser geschätzter Doktor während der Sahnetörtchen bemerkt, dass etwa die buddhistische Kultur den Grad menschlicher Vollkommenheit an der Größe des Embonpoints misst? Diesbezüglich werden die Bürger, von denen er spricht, in einem Einsturztrichter liegend sogar noch mehr Neid erregen, als bei ihrer Selbstvervollkommnung an der Konfekttafel.“
Eisige Stille breitete sich aus, bis der Doktor sich an den ausdruckslosen Rittmeister wandte: „Passiert nicht unsere, hm, Erzbahn die Stadt?“
„Durchaus. Kilian fand sich übrigens gezwungen, gerade auf dieser Bahnlinie heimzukehren. Heim ins gute, alte Grollmar.“

* * *

Erlaube mir, an dieser Stelle dem Herrn Doktor besondere Aufmerksamkeit zu empfehlen, da ich nun den eigentlichen „Casus“ zu berichten habe … sehr verbunden.
Liu Jiao Fengs Blick war also dergestalt schlangengleich auf Kilian geheftet, dass aus ihrem Lächeln Gift tropfen zu sehen mich wenig erstaunt hätte. Er jedoch erläuterte mir gelangweilt meine Aufgabe: „Ein Duell in unserer Zunft ist eine einfache Sache. Die Waffen stehen von vornherein fest, man ist nicht auf irgendwelche Vorbereitungen angewiesen und benötigt im allgemeinen noch nicht einmal einen Unparteiischen, da gewöhnlich der Schnellere beginnt. Aber da wir nun einmal den Vorzug ihrer Anwesenheit genießen – geben sie doch bitte das Zeichen zum Anfang.“ Damit lehnte er sich zurück, verschränkte die Hände hinterm Kopf und schloss die Augen.
„Fräulein Liu?“ frage ich.
„Auf ihr Zeichen“, erwidert sie, die Hand auf der Schriftrolle.
Also zähle ich.
Indes – nichts geschieht. Wiederhole also noch einmal meine Aufforderung – wieder nichts. Kilian scheint zu schlafen und Liu Jiao Feng beobachtet ihn. Das Abteil dröhnt vom vertraute Donnern und Fauchen der Preußisch Blau. Ein paar Schweißtropfen glitzern auf Kilians Stirn. Fräulein Lius Blick fliegt hierhin und dorthin, bevor er sich wieder auf Kilian richtet. Kilian zittert eine Nuance mehr, als die Bewegung des Postwagens rechtfertigt. Fräulein Liu errötet. Ihr Blick ist auf mich gerichtet. Studiere ihr Gesicht genau. Der Mund ist leicht geöffnet und zeigt die Zungenspitze, die Augen tanzen auf und nieder, als wollten sie etwas mitteilen, aber sie schweigt. Das Rot ihres Gesichts vertieft sich. Ist fast schon bläulich. Begreife endlich ihren Blick und senke den meinen: Meine Hände liegen um ihren Hals und würgen sie! Sofort lasse ich sie fahren. Meine Entschuldigungen schneidet sie mit einer heftigen Gebärde ab und deutet zum Fenster, das sich rasend schnell verfinstert.
„Kara Buran“, röchelt sie, da prickeln schon die ersten Körner des Sandsturms gegen das Glas. Reiße also den Hebel herunter, der die Panzerlade vor das Fenster fallen lässt, aber der Sand ist schneller. Kaum die Hälfte der Scheibe ist geschützt, da bleibt die Lade knirschend hängen. Erst jetzt heult die Sturmsirene der Preußisch Blau. Es ist jetzt vollkommen dunkel; entzünde also nach einigem Herumtasten die Lampe. Kilian liegt reglos und Schweiß rinnt ihm die Schläfe hinab. Fräulein Liu massiert sich geistesabwesend die Würgemale. Wende mich dem Fenster zu. Schon dringt Staub herein – die Dichtungen lösen sich unter dem Schmirgeln des feinen Staubs rasch auf. Die Scheibe ist bereits vollkommen blind und wackelt, dahinter bewegt sich etwas wie sirrender, bräunlicher Mokka. Fräulein Liu drängt sich neben mich, legt die Linke auf die Abteilwand dicht neben dem Fenster und murmelt rasend monoton in einem mir unbekannten chinesischen Dialekt. Die Dichtungen haben sich völlig aufgelöst, die Scheibe rappelt lose in der Metallfassung und zeigt bereits erste Sprünge. Ätzend metallisch schmeckender Staub wirbelt ins Abteil und bringt mich zum Husten. Dann knirscht plötzlich etwas und die Panzerlade ruckt ein Stück hinab – noch eines – und schließt endlich malmend. Öffne die Tür zum Gang, um die Staubwolke abziehen zu lassen und zerre zugleich die hustende Mandschu hinaus in die verhältnismäßig bessere Luft. Ihre linke Hand ist blutig feucht. Kilian liegt immer noch still im Abteil. Fasse Verdacht und gehe zurück. Eine feine Schicht Staub bedeckt ihn, von seinem Schweiß dunkel gemustert. Aber sie liegt auch ungestört auf den Lippen und um die Nasenlöcher!
„Was haben Sie getan?“, frage ich über die Schulter.
„Ich … habe nicht … auf ihr Zeichen gewartet“, hustet Liu Jiao Feng. „Mein Buch … ist das Baopu Zi, in dem … das Geheimnis des ewigen Lebens niedergelegt ist. Ich habe viele, viele Jahre benötigt, um es … auf die entgegengesetzte Weise lesen zu lernen. Ich habe ihn getötet … als ich seine Brust berührte, während ich das Tuch aus seiner Tasche zog.“
„Und mein – Angriff?“
Sie nickte. „Er. Als ich Sie zu Verstand brachte, rief er den gelben Drachen, den Wüstensturm. Aber der Buram ist hier nicht zu Hause und wird bald seine Kraft verlieren.“
„Aber warum das Ganze?“
Sie starrte mich mit brennenden Augen an: „Sie machen sich keine Vorstellung, was er meinem Volk durch seine Dienste im großen Krieg angetan hat. Von den Mongolen und Russen ganz zu schweigen. Sagt man in ihrem Land nicht: Staub zu Staub?“ Sie spuckt dem Leichnam ins Gesicht.
Dessen Lippen verziehen sich zu einem spöttischen Grinsen. „Wie respektlos, Jiao Feng. Weißt du denn nicht, dass die Toten stets zurückkehren, um solche Beleidigungen zu rächen?“ Er öffnet die blutunterlaufenen Augen und mir wird klar, dass ich nicht sagen kann, welche Farbe sie eigentlich haben. Er leckt sich mit seiner schwarzblutigen Zunge die aufgesprungenen Lippen und kichert. „Ein Glück, dass ich ein so friedfertiger Mensch bin. Und dass ich ebenfalls nicht auf ihr Zeichen gewartet habe. Sehen Sie, mein Bester, das war eine Demonstration gewissermaßen akademischer Magie. Ich für meinen Teil bin Traditionalist und schätze darum vor allem die Kunst der Verwandlung. Nein“, sein Kichern jagt einen Schauder über meinen Rücken, „fürchten sie nicht um Fräulein Lius Figur! Ich werde nicht sie verwandeln, sondern mich selbst – oder besser, ich habe das bereits getan, als sie meine Schauspielkunst zu bewundern beliebten.“ Er schnippt mit den Fingern. „Raten Sie, was ich bin!“
Ich schüttele verwirrt den Kopf. „Immer noch derselbe. Was soll das? Ein miserabler Witz?“
„Ich, mein Herr, bin nunmehr eine Vorstellung“, grinst er wie ein Totenschädel.
„Und ich, mein Herr, bin nunmehr wieder an der Reihe“, zischt Liu Jiao Feng, ihr Buch entrollt. Aus ihrem Mund dringen Laute, die sich in meinen Kopf fressen, als drehte man mir langsam Korkenzieher durch die Gehörgänge. Meine Augen schwimmen plötzlich in Tränen und ich muss eine heftige Übelkeit gewaltsam herunter schlucken. Kilian stöhnt gequält. Eine schwarze, kalte Wolke scheint das Abteil zu verdunkeln. Ich kann nicht mehr atmen. In Todesnot will ich der Hexe an meiner Seite den Mund zu halten, kann mich aber nicht rühren. Meine Glieder kribbeln unerträglich, kalter Schweiß trieft mir vom Leib – die Wolke verdüstert sich, fast ist es schon schwarze Nacht – da! Ein gellender Schrei, ein grässlich gurgelndes Röcheln und die Worte, wenn es denn Worte waren, verstummen.
Brauchte sicher einige Minuten, bis ich mich weit genug erholt hatte, mir ein Bild der Lage zu verschaffen. Kilian war verschwunden. Wandte den Blick zu der Hexe neben mir um. Sie saß vornüber gekrümmt über einer Pfütze Auswurfs, schneeweiß, von Krämpfen geschüttelt und heftig keuchend. Sich langsam erholend, sah sie sich hektisch um. „Haben Sie…?“ begann ich, aber sie unterbrach mich: „Wo ist er?“
Dann fiel ihr Blick auf das halb entrollte Manuskript in ihrem Schoß. In einem Augenblick wurde sie so bleich, dass sie schwankte – dann schoss ihr das Blut gewaltsam ins Gesicht und sie fluchte, wie ich noch nie jemanden fluchen gehört habe. Die chinesischen Zeichen der Schriftrolle waren ausgelöscht. An ihrer Statt erschien dort eine europäische Hand, schrieb, und verblasste gleich wieder.
„Er hat das Baopu Zi zerstört!“, schrie Liu Jiao Feng schließlich.
Es war das letzte Wort, das ich aus ihrem Munde hörte. Sie verschwand in der folgenden Nacht. Wahrscheinlich ist sie vom Zug gesprungen. Falls sie den fürchterlichen Sturz überlebt hat, wird sie in der Wüste zugrunde gegangen sein.“

Der Rittmeister Jagan schwieg.
„Wie eine Handfläche“, murmelte Maidlyn in die betroffene Stille hinein.
„Und jetzt verlangen Sie wohl von mir eine, hm, natürliche Erklärung für, hm, ihre Erlebnisse?“ erkundigte sich der Doktor.
„Keineswegs, Herr Doktor. Bin nun mal der einzige Zeuge der Angelegenheit. Könnte durch einen rhetorisch versierten Mann leicht diskreditiert werden, wenn schon nur in der Weise, das mein Erlebnis unter einer Mischung von magnetischen Einflüssen und Taschenspielerei entstand.“
„Dann ist ihr, hm, Casus wohl hinfällig“, triumphierte Doktor R.
„Gewiss“, stimmte Jagan ihm zu, „sobald Sie mir erläutert haben, warum dieses Buch in der Lage ist, mir zu antworten.“
Jagan reichte dem Doktor eine umfangreiche Schriftrolle aus der Tasche, die er bei der Chaiselongue abgestellt hatte, und trat beiseite. Doktor R. entrollte sie und alle drängten sich, ihm über die Schulter zu schauen. Auch ich hatte mich in Madames atemlos staunende Schleppe verfügt. Und tatsächlich, es erschien eine Schrift dort und verblasste gleich wieder, wie von einem Streiflicht erhellt oder von der Hand eines Geistes geschrieben. Folgendes war zu lesen:
… Guten Tag, Herr Doktor … was halten sie von meinem Kniff? …
Doktor R. erbleichte und seine Hände zitterten so sehr, dass er beinahe die Rolle fallen gelassen hätte. Mehrere Damen quiekten auf, zwei fielen in Ohnmacht, aber niemand kümmerte sich darum.
„Hm, hm, wer, hm, sind Sie?“, stammelte der Doktor.
… Der Rittmeister hat mich doch recht ausführlich vorgestellt …. ich … bin … Kilian … oder besser: … ich bin eine Vorstellung von Kilian … nur eine Vorstellung … und darum in einem Buch gut aufgehoben …
„D-das kann unmöglich sein!“, stöhnte der Doktor, aber schon antwortete die Schrift:
… Sie zweifeln? … Soll ich mich deutlicher zu erkennen geben? …
Doktor R. sah mit wild rollenden Augen um sich und keuchte schließlich totenblass: „Können sie sich materialisieren?“

„Gewiss.“ sagte eine fremde Stimme hinter uns. Dort, in einer der Türen zum Speisezimmer, stand Kilian, wie er beschrieben worden war, in der Uniform des Orn Stubbok mit seinem preußisch-blauen Halstuch und winkte dem Doktor einen Gruß zu. Der, Madame de Muellher und einige weitere Damen sanken ohnmächtig nieder. Kilian lächelte, machte einen Schritt zurück und schloss die Tür hinter sich.
Als der darauf folgende Tumult im Salon sich ordnete, trat Rittmeister Jagan vor, nahm dem Doktor, dem ich gerade Kognak zur Stärkung einflößte, die Schriftrolle sachte aus der Hand und verstaute sie sorgfältig wieder in seiner Tasche.
Maidlyn klatschte vergnügt in die Hände: „Wünschten Sie jetzt nicht auch, Herr Doktor, dass ihr Verstand Hörensagen und Urängsten ebenso gut gewachsen wäre wie ihr Gerede? Was sagen Sie? Gibt es nun ein Übersinnliches oder nicht?“
„Ich, hm, ich muss gestehen, hm, dass ich, hm, meine Position in dieser Frage überdenken muss.“ Er starrte voller Grauen auf die Tasche des Rittmeisters.
„Meine Damen und Herren!“, wandte sich Maidlyn an die Runde und deutet auf den armen Doktor. „Sie sehen hier jemanden, der an die Macht des Verstandes glaubt. Er könnte ebenso an einen beliebigen anderen Fetisch glauben – stets in Furcht vor irgendeinem mächtigeren Totem, das seinen Weg kreuzen könnte. Sie sehen, meine Damen und Herren, einen Primitiven, gewickelt in einen Lendenschurz von Wissenschaft.“
Madame, die sich als Gastgeberin herausgefordert fühlte, wenn jemand anderer als sie selbst ihre Gäste bloßstellte, bemühte sich um einen möglichst spöttischen Tonfall, als sie Maidlyn entgegnete: „Ach, meine Liebe, dann können sie uns ja gewiss eine wissenschaftliche Erklärung für dieses unerhörte Wunder geben?“
Maidlyn lachte: „Natürlich – aber können sie sie ertragen? Sie ist nämlich ganz einfach: Mein Bruder ist aus China zurück!“
Und mit einem Griff zog sie ein preußisch-blaues Halstuch aus Rittmeister Jagans Rockkragen, der sich lächelnd verneigte. In die Stille, durch die sich leise Zweifel in die Versammlung schlichen, fragte sie fast flüsternd:
„Warum seid ihr Glaubenden nur so versessen auf Wunder an der einzigen Stelle, wo keine sind?“

Und so erwies mir just an dem Tage, da ich ihn kennen lernte, mein Schwager Kilian den nicht geringen Gefallen, dafür zu sorgen, dass weder Maidlyn noch ich jemals wieder in den circle extraordinaire der Madame de Muellher eingeladen wurden. Alles in allem war es ein wirklich gelungener Abend. Meinen Sie nicht auch?

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Kein Nachwort

„Feige!“

Der trübe Klecks Speichel sickerte bereits in Carls Schuhspitze ein. „Kann ich gehen?“, fragte er leise. Der Alte wandte sich mit einer heftigen Gebärde von ihm ab.

Ein wenig später saß Carl am Küchentisch und versuchte, mit dem rotweißen Muster der Tischdecke das Durcheinander in seinem Kopf einzuwickeln.
„Ich kann dich wirklich nicht verstehen“, sagte seine Mutter durch das Klappern der Teller im Spülstein.
„Es ist falsch“, antwortete Carl ihrem Rücken. „Wofür soll der Krieg denn gut sein?“
„Dein armer Vater! Er hat seine Pflicht am Vaterland getan, damals.“
„Aber damals gab es sein Vaterland doch noch gar nicht, Mutter.“
„Er hat sich nicht hinter fadenscheinigen Ausreden versteckt, als die Zeit kam. Er ist tapfer ins Feld gezogen und ehrenvoll wieder heim gekommen.“
„Was ist mit denen, die er erschossen hat? Die sind nicht zu ihren Familien heim gekommen. Findest du das richtig?“
„Werd´ nicht frech!“
„Entschuldige.“
„Wir haben immer versucht, aus dir einen guten Christen und einen Patrioten zu machen. Aber du…!“
„Christus hat doch gelehrt, dass wir nicht töten sollen, oder, Mutter? Und was ist patriotisch daran, sich an einem Krieg zu beteiligen, der eigentlich nur zwei andere Länder angeht? Bedeutet das nicht, das Vaterland unnütz in Gefahr zu bringen?“
„Was verstehst du schon von Politik! Aber von Anstand und Treue, davon solltest du was verstehen. Diese Schande!“
„Es tut mir leid, Mutter.“
„Wenn es dir wirklich leid täte, dann würdest du heute noch hingehen!“
Carl zögerte, um die richtigen Worte zu suchen. Schließlich gab er auf. Wahrscheinlich gab es sie gar nicht.
„Nein, Mutter. Ich werde nicht gehen.“
Ein Teller klirrte so plötzlich und laut wie ein Schuss auf dem Abtropfbrett. Dann sackten ihre Schultern herab und sie schniefte leise. Carl stand auf und ging hinaus.

Auf der Straße hüpfte Ella alleine vom Himmel in die Hölle: „Gehst du zum Teich?“
„Nein. Ja. Doch, ich gehe zum Teich.“
„Ich komm´ mit!“
„In Ordnung.“
„Weißt du schon, dass Richard morgen zu Besuch kommt? Er hat Blondurlaub, sagt Mama.“
„Es heißt `Fronturlaub´, Ella.“
„Richard ist aber blond!“
„Das hat nichts mit seinen Haaren zu tun. Es bedeutet, dass er für ein paar Tage aus dem Krieg zurück kommt.“
„Und dann geht er wieder hin?“
„Ja, wahrscheinlich.“
„Dann schießt er wieder die Franzmänner ab, mit seinem Gewehr!“ Sie juchzte, wurde dann aber plötzlich ernst. „Du bist doch der beste Freund vom Richard, oder, Carl?“
„Kann schon sein.“
„Warum bist du dann nicht im Krieg?“
„Weil…“ Wie konnte man etwas Offensichtliches erklären, wenn alle Leute beschlossen hatten, es zu ignorieren?
„Weil ich hier nützlicher bin.“
Ella sah ihn skeptisch an.

„Du kannst dir den Krach einfach nicht vorstellen.“ Richard zupfte an seinem Verband herum und trank noch einen Schluck Bier. „Wie wenn der Blitz direkt neben dir einschlägt, aber nicht nur einmal, sondern immer wieder, stundenlang! Die Erde zittert und Splitter und Granaten heulen durch die Luft. Einmal hat es mich unter dem aufgeworfenen Dreck begraben, als wäre er eine Welle. Oder ein Schrank, der auf mich drauf kippt.“
„Ist das nicht schrecklich?“, erkundigte sich Carl blass.
„Mhhmm.“ Richard sah sich verstohlen um. Dann neigte er sich vor: „Sag´s nicht weiter, Carl, aber beim ersten Mal… also… ich hab´ mir in die Hose gemacht. So richtig. Hab´s aber erst gemerkt, als wir wieder in der Stellung lagen.“
„Bereust du es nicht, dass du dich gemeldet hast?“
Richard schnaubte. „Da draußen ist es übel, das stimmt schon. Und ich bin bestimmt lieber hier als im Graben, das kann ich dir sagen. Das ist eben der Krieg. Aber wenn wir nicht da wären, wer würde denn die Heimat verteidigen?“ Richard sah ihn forschend an. „Hast du – ich meine, bist du…?“
Carl kam sich vor, als triefe er plötzlich vom Speichel seines Vaters.
„Äh, ich…“ Er straffte sich innerlich. `Keine Ausreden!´, ermahnte er sich im Stillen.
„Ach so“, murmelte Richard, noch bevor er etwas sagen konnte.

„Carl, Carl! General Holtzberg wird bei uns wohnen! Hast du´s gehört?“
„Hab´ ich, Ella.“
„Ich find´s gemein, dass ich in der Zeit bei euch schlafen soll.“
„So schlimm wird es schon nicht werden. Und wenn du dich gut benimmst, darfst du bestimmt mal mit dem General zu Mittag essen. Wenn er Zeit hat.“
„Wieso ist der General eigentlich nicht im Krieg? Muss der nicht auf einem Pferd ganz vorne sein?“
„Gute Frage, Ella. Besser, du fragst ihn nicht.“

„Lieber Carl.
Mit diesem Brief schicke ich dir den Ring zurück, den du mir gegeben hast. Ich habe wirklich versucht, dich zu verstehen und deine Entscheidung zu respektieren, aber ich halte es nicht länger aus. Mein Vater macht immer Bemerkungen über dich, wenn er vom Kriegsverlauf aus der Zeitung vorliest. Alle meine Freundinnen warten jeden Tag aufgeregt auf die Feldpost, und ich sehe ihre Gesichter immer sorgenvoll und dann wieder strahlend. Nur ich bin immer traurig und kann nichts dagegen tun. Jedes Mal, wenn ich einen Mann in Uniform sehe, schaue ich zu Boden und schäme mich. Ich verstehe deine Gründe, aber es gibt doch gewiss Gründe, die noch wichtiger sind! Auch wenn der Krieg schrecklich und unmenschlich und falsch ist, so ist er doch eine Tatsache. Und da wir ihn nun einmal führen, dürfen wir ihn nicht verlieren! Schon um unserer Familien willen, die der Feind genauso schänden und vernichten würde, wie er es mit den armen Familien im Grenzland getan hat. Wie kann ich einen Mann lieben, der nicht bereit ist, mich zu beschützen? Wie kannst du so etwas von mir erwarten, wenn du mich wirklich liebst?
Bitte antworte nicht auf diesen Brief und bitte besuche mich nicht mehr. Es ist mir schon schwer genug, dir diese Zeilen zu schreiben.
Es tut mir leid.
Hannelore“

„Runter, Ella, in den Keller!“
Das Haus brannte. Etwas hatte es heulend und krachend getroffen und nun stand es lichterloh in Flammen. Aber bestimmt würde die Feuerwehr bald kommen und löschen. Sie mussten nur noch eine kleine Weile durchhalten und der Keller bot eine Zeit lang Schutz. Carl schubste Ella beinahe von der Treppe, als er hastig die Kellertür schloss. Nachdem er die Glutnester in seiner qualmenden Jacke ausgeklopft hatte, hockte er sich neben Ella an die Wand und starrte nach oben. Es gab nichts zu sehen. Nur das Fauchen, Knacken und Knallen der Flammen war betäubend laut.
„Ich hab´ Angst, Carl.“
„Komm her, ich nehm´ dich in den Arm. Dann brauchst du keine Angst haben.“
„Kommt das Feuer nicht in den Keller?“
„Noch nicht. Schau, wenn da oben Licht zwischen den Bodendielen durchscheint, dann kommt das Feuer runter. Aber bis dahin ist die Feuerwehr schon lange beim Löschen. Wenn du scharf aufpasst, kannst du bestimmt die Glocke hören, wenn sie kommen.“
Sie lauschten, aber statt der Feuerwehr kam Rauchgeruch, der in der Kehle kratzte. Als Ella zu husten anfing, öffnete Carl ein Glas mit eingemachten Pflaumen, tränkte sein Halstuch und sein Taschentuch im Saft und band ihr das eine und sich das andere um.
„Dann kratzt es nicht so.“
„Du, Carl, ich kann Licht zwischen den Dielen sehen.“
„Wo?“
„Da drüben.“
„Ah, stimmt. Pass auf, Ella, dann müssen wir jetzt ein bisschen vorsichtig sein. Am besten hockst du dich da in die Wandnische, da wo früher das Weinregal drin war. Ich setz´ mich dann davor.“
„Mir ist heiß, Carl. Kann ich die Schürze ausziehen?“
„Nein, Ella. Drück dich lieber an die Wand und trink von dem Pflaumensaft.“
„Deine Mutter wird bestimmt wütend, weil du das Glas aufgemacht hast.“
„Kann schon sein. Wenn sie mich verhauen will, verstecke ich mich in deinem Schrank, in Ordnung?“
Ella kicherte, und das Feuer kam die Kellertreppe herunter.
„Ich krieg´ keine Luft mehr, Carl!“
„Du musst ganz langsam durch das Tuch atmen.“
„Carl, ich hab Angst! Kannst du mich nicht noch mal in den Arm nehmen? Bitte?“
„Nimm meine Hand, Ella. Ich kann mich nicht umdrehen, ich muss das Feuer im Auge behalten.“
„Müssen wir sterben?“
„Kann schon sein.“
„Ich will aber nicht sterben!“
„Dann bleib hinter mir, drück dich eng an die Mauer und atme ganz langsam durch das Tuch.“
Das Feuer zerstampfte die Kellerdecke und sprang Carl fast in den Schoß.
„Aua! Carl, lass los! Das tut weh!“
„Entschuldige.“
„Carl? Was riecht hier so komisch? Carl!“
„Nichts… bleib… wo du bist.“

„Da ist einer!“
„Verdammt, den Jungen hat´s aber übel erwischt.“
„Nur von vorn, schau mal. Nun komm, pack schon mit an!“
„Was ist denn das da hinter ihm? In der Nische?“
„Herrgott, das ist doch die Kleine von Selfarths! Lebt sie noch?“
„Zumindest ist sie nicht verbrannt. Sogar ihr Haar hat sei noch…“
„Und?“
„Nix. Ist wohl erstickt.“
„Herrje.“
„Hat denn keiner gewusst, dass die beiden im Haus waren?“
„Hat doch keiner dran gedacht; die Rettung vom General und seinem Stab war ja nun auch wichtiger. Und soviel Verstand hätte man dem Jungen doch zutrauen können, dass er sich nicht in den Keller verkriecht. Aber was willst du erwarten; der verdammte Feigling hat es ja nicht mal über sich gebracht, sich freiwillig zu melden.“

Ein Nachwort
„C. Scholz 1894 – 1914“ steht auf dem kleinen Grabstein, der unter der gefällten Eibe zum Vorschein gekommen ist. Es ist ein seltsamer Kontrast zu dem großen Ehrenmal schräg gegenüber. Dort, unter einem wilden Bronzeadler mit einem Schwert in der Klaue steht in golden schimmernden Lettern: „Dem Andenken der tapferen Männer, die heldenhaft und treu ihren Fahneneid mit dem Tode besiegelten“. Darunter sind siebenundvierzig Zeilen zu lesen. Die zwölfte lautet: „Richard Selfarth, geb.12.Juni 1893, gefallen am 21.Dezember 1917 bei Cambrai“. Natürlich gibt es keine Gräber zu den Zeilen.

Vielleicht hat Hannelore ihren Brief und den Zeitungsartikel über den Bombenangriff und die Brände aufbewahrt. Vielleicht hat ein merkwürdiger Zufall mir die Papiere nach all den Jahren in die Hände gespielt.
So was passiert.

Vielleicht war Carl Scholz auch einfach nur feige. Und warum sollte man sich an einen Feigling erinnern?

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Eine beinahe belanglose Belagerung.

Im Sommer des dritten Jahres nach der Lossagung der freien Städte vom Reich belagerte König Legraille IV. die freie Stadt Saccenta. Die Chronisten wissen zu berichten, dass diese Belagerung einer unbedeutenden Stadt eher repräsentativen Zwecken hätte dienen sollen, als solchen der Eroberung und Unterwerfung. Da es sich aber um den ersten Kriegszug Legraille IV. handelte, nahm der junge König die Sache unnötig ernst, brachte die Stadt nach zwei Monaten in seine Gewalt und ließ sie drei Tage plündern, bevor er vor der Kulisse der rauchenden Ruinen das Gnadengesuch des Magistrats huldvoll gewährte.
Danach stürzte er sich, besoffen von diesem leichten Sieg, in den ersten Allianzkrieg, der sich elf Jahre und mehrere Dutzend Geschichtsbücher lang hinzog, ihn zweimal die Krone kostete und schließlich das Reich in Stücke schlug. Hätte er die beiden denkwürdigen Ereignisse der Belagerung von Saccenta zur Kenntnis genommen, wäre er gewiss vorsichtiger gewesen.

Wenn wir die Geschichte aus dem Blickwinkel der Dinge betrachten, die sie überdauern, müssen wir mit der neu errichteten Bäckerei von Meister Stellario Rissi beginnen; genauer: mit dem schweren, eichenen Türsturz über ihrem Eingang. Stellario hatte ihn ebenso wie die Tür und die restlichen Teile des Fachwerks bemalen und mit Schnitzereien verzieren lassen. In den Türsturz war nach alter Sitte ein Sinnspruch eingeschrieben: „Auch KönigsMacht ist eytler tand – schütz du o GOt diß Haus vor Fäuer und Brannt“.
Stellarios Sprüchlein war nicht nur durch sein Handwerk wohl begründet. Seine alte Bäckerei war bei der Plünderung von Saccenta niedergebrannt und sein ältester Sohn von einem königlichen Soldaten erschossen worden. Ironischerweise war es eben jener Türsturz gewesen (damals noch ein mächtiger Querbalken in einem Dachstuhl hoch über der Stadtmauer) der es dem Mörder von Stellarios Sohn ermöglicht hatte, seinem eigenen Tod zu entgehen. Hätte Stellario das gewusst, er hätte seine Bäckerei eigenhändig erneut angezündet und dafür gesorgt, dass ihre Asche in alle Winde verstreut worden wäre. So aber ging er Tag für Tag unter dem Balken her, auf dem in einer bestimmten Nacht drei Soldaten des Königs gehockt und einander stumm und entsetzt angestarrt hatten.
Dieser Balken war, ebenso wie die drei Soldaten, Zeuge der beiden denkwürdigen Ereignisse geworden, die die Belagerung von Saccenta zu einem der unbemerkten Wendepunkte der Geschichte machen.

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Einen dreiviertel Tag, bevor die Soldaten im Finstern auf dem Balken hockten, gaben das Zischen eines Schärfsteins und der dumpfe Dunst von Nelkenöl ihr subtiles, böses Versprechen, dass sich aber im Lärm und Gestank des Feldlagers völlig verlor. Der Mann, der den Schärfstein hielt, legte ihn neben seinen Schemel und ließ das Mittagslicht über die Schneide seines Schwertes laufen.
Mit einem Stirnrunzeln griff er wieder nach dem Stein. Diesmal übertönten ein lautes Gähnen und ein langer Furz aus dem Zelt neben ihm das metallene Flüstern.
„Ich glaube, ich mag Belagerungen“, schnurrte eine Frauenstimme von dort, „was meinst du, wie lange die Saccentischen noch durchhalten?“
Der Stein wisperte zur Antwort.
„Mortigny behauptet, die Sache zieht sich noch wenigstens zwei Monate hin. Er sagt, er hätte noch nie so faule Sappeure gesehen“, schwatzte die Frau weiter. „Wusstest du, dass er daheim ein Mädchen hat, dass er heiraten will? Er hatte sogar einen Ring für sie.“
Ein nackter Arm reckte sich aus dem Zelteingang dem Mann entgegen: „Schau dir nur die hübsche Gemme drauf an! Wirklich ein Geschenk, um ein Mädchen zu überzeugen.“
Der Mann sah flüchtig nach dem Ring und schüttelte den Kopf: „Hübsch. Aber Mortigny ist ein Grünschnabel. Viel zu ungeduldig, genau wie der König.“
Respektlose Bemerkungen wie diese gehen nicht einfach verloren. Mit dem Orientierungssinn von Zugvögeln finden sie das eine Ohr, in dem sie den größtmöglichen Ärger verursachen können. In diesem Fall hing es am Haupt eines lilienbestickten Herolds, der sich unbemerkt genähert hatte. Mit dem leicht angewiderten Lächeln geliehener Autorität fragte er: „Haust hier der Langhans? Er möge sich vor dem Zelt des Marquis de Brunné einfinden.“
„Siehst du?“ bemerkte Langhans über die Schulter nach hinten. Dann wischte er sein Schwert mit dem ölgetränkten Lappen ab, steckte es ein und folgte dem Herold.

Die Männer vor dem Zelt des Marquis musterten einander mit sorgfältigem, ausdruckslosem Interesse, nur gelegentlich unterbrochen von dürren Gesten des Wiedererkennens. Keine Prahlerei, kein Fluchen, keine zwei handvoll Männer – de Brunné hatte keine gewöhnlichen Soldaten zusammengerufen.
An einem Karren lehnte ein riesiger Kerl mit pockenzerfressenem Gesicht und wulstigen Lippen. Ein Stück weiter saß ein magerer Bursche mit baumelnden Beinen auf einem Fass; die Kapuze hatte er trotz der Hitze so tief ins Gesicht gezogen, dass nur die fadendünnen Enden seines Schnurrbartes herausschauten. Zwei Männer mit künstlich gedrehten Locken, einander ähnlich wie Brüder, standen nahe bei und stritten leise über ein Kartenspiel. Ein Jüngling mit nadelkleinen, fanatischen Augen übte – in durchgeschwitzter, gänzlich schwarzer Kleidung – Griffe an einem imaginären Schwert. Dabei wurde er von einem graubärtigen Greis, der im Schatten des Zeltes hockte, scharf beobachtet. Neben dem Alten stand ein rothaariger Mittvierziger und gähnte so herzhaft, dass man durch seinen Mund das Licht am anderen Ende zu sehen erwartete.
Ein Page winkte sie schließlich in das buntverzierte Zelt. Im Innern trennte ein schwerer Damastvorhang eine Art Vorraum ab, in den das Zelt, das sich Langhans und Aschenjule teilten, mühelos hineingepasst hätte. An einer Tafel mit vielen Stühlen saß dort der alternde, falkengesichtige Marquis de Brunné und trank aus einem Silberpokal. Mit seinen hellen Vogelaugen fixierte er nacheinander jeden einzelnen seiner Gäste, ohne ihnen allerdings Sitzplätze anzubieten.
„Der Zweck dieser Zusammenkunft dürfte euch klar sein“, stellte er schließlich knapp fest, „kommen wir also gleich zu den Details. Euer Sold für diese Sache beträgt für jeden Mann zehn Goldlilien. Dementsprechend unwahrscheinlich ist es, dass ihr lebend zurückkommt. Wer auf das Gold verzichten möchte, hat jetzt die Gelegenheit, das Zelt zu verlassen.“
Die beiden Männer mit den künstlichen Locken flüsterten kurz miteinander, verneigten sich vor dem Marquis und gingen. Der Rothaarige sah ihnen verstohlen nach.
„Gut“, fuhr der Marquis ohne eine Spur von Zufriedenheit fort, „die Lage ist die folgende. Saccenta hofft, durch ein larughisches Aufgebot entsetzt zu werden, bevor die Nahrungsknappheit zu groß wird. Tatsächlich ist ein solches Aufgebot auf dem Weg.“
Der Pockennarbige, den der Langhans als den hässlichen Guillaume kannte, schnaubte: „Und wir sollen ihren Heerführer alle machen?“
Marquis de Brunné verzog das Gesicht und der alte Falke verwandelte sich für einen Augenblick in eine unglückliche Eule. „Nein. Die Sache ist komplizierter. Der Fürst von Larughia hat seiner Majestät eine Verständigung angeboten. Die Einzelheiten gehen euch nichts an, bis auf diese: Larughia hat einen Verräter in der Stadt. Auf ein bestimmtes Zeichen hin wird er eine Ziegenpforte in der Südmauer öffnen und euch einlassen. Ihr müsst durch die Stadt zum Schwanentor kommen, die Besatzung überwältigen und das Tor öffnen. Dort wartet das Heer. Verstanden?“
Der kleine Dürre, dem die Schnurrhaare aus der Kapuze hingen, fragte heiser: „Kennt eina von uns die Gassn? Ich tät nur ungern nachm Weg fragen.“
„Der Verräter wird euch den Weg zeigen. Sonst noch was?“
„Wann soll´s losgehen?“
„Heute Nacht. Kommt nach dem Gottesdienst hierher, dann gibt es auch den Sold. – Ach ja, noch etwas. Es versteht sich wohl von selbst, dass ihr eure Überlebenschancen deutlich verbessert, wenn niemand von dieser Sache erfährt.“
„Oh!“ quiekte der Rothaarige in überzogenem Falsett, „wird haben doch nicht etwa Spione unter uns?!“
„Ich habe nicht die geringste Ahnung, was Spione angeht“, lächelte der Marquis böse, „aber ich bin mir in Bezug auf rachsüchtige Feldherren ziemlich sicher.“

„Wie geistreich“, kommentierte Jule Langhans´ knappen Bericht. „Hat der Marquis etwas darüber fallen lassen, was unser geliebter König dem Fettsack von Larughia als Gegenleistung gibt?“
„Nein.“
„Wir beide sind doch wohl zu unwichtig, als dass der Dicke sein Bündnis mit Saccenta opfern würde, um uns zu kriegen… oder?“
„Vermutlich.“
Jule griff nachdenklich in einen Sack und zog eine honigglasierte Lerche am Spieß heraus. Sie knabberte nachdenklich, bis sie Langhans´ Blick bemerkte. „Oh, entschuldige. Bedien dich, die Jungs von Gascia haben zwei Mulis mit Sachen für einen von den Handelsherren erwischt. – Da ist was faul.“
Langhans zog die Hand aus dem Sack zurück. Jule verdrehte die Augen.
„Nicht mit den Lerchen! Ich rede von diesem plötzlichen Pakt zwischen Erzrivalen. Ich meine, der Dicke und der König wollen beide die freien Städte unter ihre Kontrolle bringen. Keiner kann einen Krieg gegen den anderen gewinnen, und keiner macht dem anderen Geschenke. So war es doch bisher. Wenn der König Saccenta nicht nehmen kann, weil der Dicke ihm in den Rücken fällt, dann kann der die Stadt für Larughia einsacken. Warum sollte er darauf verzichten? Was besseres kann ihm doch gar nicht passieren!“
Nur Schmatzen und das leise Knirschen von Vogelknochen antworteten ihr.
„Interessiert dich das nicht?“
„Doch. Aber wenn ich diese Nacht überleben will, brauche ich jetzt vor allem ein gutes Essen und Schlaf. Politik kommt später.“
Jule schnaubte verächtlich. „Du bist und bleibst ein dummer Soldknecht, Langhans. Ehrlich.“
„Und deswegen überlasse ich Politik und Spionage der scharfsinnigen und entzückenden Aschenjule“, grinste er mit honigverschmiertem Mund, warf sich auf sein Bett und zog eine weitere Lerche aus dem Beutel. Jule bleckte die Zähne, knickste und huschte aus dem Zelt.

Als das blecherne Plärren der Feldglocken Langhans zum Abendgottesdienst weckte, war sie noch nicht zurück. Er kleidete sich sorgfältig an, das Wams über dem Panzer, und schnallte das lange Schwert und einen Dolch um.
Wenig später ergriff vor dem Zelt des Marquis der hässliche Guillaume das Wort: „Ich sehe ein Halbdutzend Fechtmeister hier. Keine schlechte Chance, denk´ ich. Aber wir sollten einen Befehlshaber wählen, damit das da drin nicht drunter und drüber geht. Ich schlage den Langhans vor; der hat so was schon mal gemacht und hat, glaube ich, von allen hier die meisten Kampagnen hinter sich. Was sagt ihr?“
Allgemein erhob sich zustimmendes Gemurmel; nur der kleine Dürre mit dem erbärmlichen Schnurrbart merkte heiser an, dass ihm ein weniger maulfauler und hübscherer Kommandant besser passen würde.
„Wie heißt du, mein Freund?“ fragt der Langhans liebenswürdig.
„Attler“, krächzte der Schatten in der Kapuze.
„Wenn ihr mich zum Kapitän haben wollt, werde ich das nach besten Kräften erledigen“, verkündete Langhans dann, „aber unter der Bedingung, dass der wortgewandte und hübsche Attler mein Leutnant wird, um meine Mängel darin auszugleichen.“
„Recht so,“ kicherte der Alte, der sich Bernardo nannte, und schielte auf den kleinen Attler herunter. „Geben wir dem aufstrebenden jungen Mann Gelegenheit, sich zu beweisen!“
„Schon weil´s klüger is, eim hinauf zu folgen, als eim, der wo schon aufm halben Weg inne Grube is“, gab Attler mit einem tiefen Kratzfuß zurück.

Im Zelt des Marquis nahmen die Männer ihren Sold entgegen. De Brunné saß mit versteinertem Gesicht dabei, beinahe, als wäre es sein eigenes Gold, das er auszahlte. Er war eindeutig kein Mann der Verschwendung, auch wenn man sich nicht sicher sein konnte, ob sich diese Abneigung auf die Vergeudung von Gold oder Männern bezog. Schließlich erhob er sich. „Noch eine Sache, bevor ihr geht. Diese drei Männer des Fürsten von Larughia werden euch begleiten.“ Er zog den Vorhang ein Stück beiseite und drei Gestalten, deren Gesichter deutlich darauf hinwiesen, dass sie aus weit südlicheren Regionen als Larughia stammten, traten ein. „Sie haben einen besonderen Auftrag, der euch nichts angeht und euch nicht stören soll. Ihr werdet gemeinsam die Stadt betreten und euch danach trennen. Die Pforte wird sich öffnen, sobald einer dieser Männer ein geheimes Zeichen gibt. Das sollte nicht vor Mitternacht geschehen, aber auch nicht zu lange danach. Verstanden?“

Fünfeinhalb Stunden später öffnete sich knirschend die Ziegenpforte in der Südmauer. Ein junger Mönch des Klementiter-Ordens blickte sich nervös um, aber in der Finsternis des Steilhangs mit seinen vereinzelten Krüppelpinien und Dornbüschen war nichts zu sehen. Als er den Kopf durch die Pforte hinausstreckte, drückten schwielige Hände ihm die Luft ab. Jemand zwängte sich an ihm vorbei und unterband mit einem brutalen Hieb sein hilfloses Gezappel. Dem unglücklichen Mönch waberten bereits Wolken vor Augen, die schwärzer als die Nacht waren, als ein leises Flüstern von drinnen den mörderischen Druck der Hände löste.
Neun Männer sammelten sich in dem stinkenden Hof hinter der Pforte. Drei von ihnen verschwanden sofort wie Geister in einem Durchgang. Auf ein Nicken von Langhans folgten ihnen Attler, Bernardo und der hässliche Guillaume.
Im matten Schimmer seiner Laterne sah der Mönch fassungslos dieser Verminderung zu. „Nur drei?“ röchelte er. Clavelli, der Junge in Schwarz, strahlte ihn mit der irren Fröhlichkeit eines Marders im Hühnerstall an. Der rothaarige de Groot zuckte nur desinteressiert die Achseln.
„Führ uns zum Schwanentor, Heiligkeit, und zwar recht hastig“, flüsterte Langhans dem Mönch zu. „Rechne mit einem unangenehmen Tod, falls irgendwelche Zwischenfälle passieren.“
„Ja, Herr“, hustete der Klementiter, riss sich zusammen und ging voran ins Gassengewirr der Stadt. Nur Augenblicke später erschienen die Lichter einer Patrouille auf der Mauer über dem leeren Hof.

Die Häuser waren dunkel, denn Brennstoffe waren knapp. Mit dem Verschwinden der Wohlgerüche von Rauch, Speisen, Gewürzen und Parfum kam die Verstärkung des Gestanks. Es war unmöglich, Karren und Eimer mit Exkrementen auf die Äcker vor der Stadt zu bringen und gefährlich, sie von der Mauer zu kippen. Deshalb konnte man weich und fast lautlos durch die Straßen gehen, auch wenn man sich danach besser neue Schuhe machen ließ.
Die nächtliche Stille war fast ebenso intensiv wie der Gestank. Die wenigen Geräusche – mal ein Kind, das weinte oder im Fieber faselte oder das Stöhnen von jemandem, den der Durchfall vor die Tür trieb, hier Beten und dort Fluchen – hallten wie ein stockender Totentanz durch die Gassen. Der Langhans war beinahe erleichtert, wenn der Lärm einer gelegentlichen Gruppe Bewaffneter sie zwang, in einem dunklen Winkel Zuflucht zu suchen.
Sie erreichten den kleinen Platz vor dem Tor ohne größere Schwierigkeiten, obwohl der Mönch von Schritt zu Schritt panischer wurde. „Ich dank dir, Heiligkeit“, murmelte der Langhans ihm ins Ohr, während er die Lichter auf der Torbastion zählte und die Stärke der Verschlagung einschätzte. Dann wandte er dem Klementiter seine volle Aufmerksamkeit zu: „Einen schönen Gruß von Vater Ormond soll ich dir bestellen.“ Selbst im verglimmenden Licht der Laterne sah er, wie der Mönch erblasste.
„Ich – man hat – ich meine, ich habe nicht…“, stammelte er. Langhans unterbrach ihn mit einem scharfen Flüstern: „Du bist hier gegen den Befehl des Ordens, Bursche! Eine Stadt verraten ist eine Sache, aber den Orden…!“ Langhans hatte nur ins Blaue geschossen, aber ins Schwarze getroffen. Der Mönch würgte ein Schluchzen herunter: „Gnade, Herr! Bitte… es ist doch kein Schaden angerichtet… eure Männer werden das Kleinod doch sicher vor den drei Meuchlern schützen!“
„Soso, das Kleinod… wie viel weißt du davon? Rede nicht drum herum, ich hab keine Zeit!“
„Gar nichts weiß ich, Herr, überhaupt nichts…“
„Clavelli“, flüsterte Langhans in Richtung des Jungen, der, ebenso wie de Groot, aufmerksam zugehört hatte, „er gehört dir.“ Clavelli wusste, was er zu tun hatte, zog seinen Dolch und lächelte sein Marderlächeln.
„Nein, bitte, Herr, Gnade! Bitte! Ich weiß wirklich so gut wie gar nichts, nur dass es in der Krypta der Heilig Bothius-Kirche aufbewahrt wird…“ Die Spitze des Dolches berührte einen Punkt zwischen Adamsapfel und Halsmuskel und die Stimme des Mönchs wurde schriller: „Ja, und dass es in eine Eisenkassette geschlossen ist und dass es zauberkräftig sein soll…“
„Zauberkräftig?“ Der Dolch stach langsam und ohne viel Widerstand zu finden durch die Haut.
„Zerschmetternd wie der Zorn Gottes bittemehrweißichwirklichnicht …“
Langhans winkte Clavelli, und der Dolch verharrte in seiner Position. „Kannst du uns hinbringen, bevor sie den Diebstahl zuende gebracht haben?“
Der Mönch zögerte verwirrt: „Aber Herr, deswegen wurde doch die Ziegenpforte bestimmt – der Hof grenzt direkt an die Kirche.“
Langhans spuckte aus. Dann nickte er Clavelli zu. In einem Augenblick stieß der Dolch hinter dem Adamsapfel durch den Hals des Mönchs und fand dann mit einem ziehenden Schnitt den Weg ins Freie. Leise gurgelnd sank der Klementiter zu Boden, die Augen weit aufgerissen und die Hände gegen die klaffende Wunde pressend.

„Acht Lichter“, stellte Langhans leise fest, während Clavelli den Dolch an der Mönchskutte abwischte und wieder einsteckte, „zu viele für ein versiegeltes Tor.“
De Groot sah sich besorgt um: „Dann warten die da drin auf uns. Zeit zum Rückzug!“
Langhans setzte sich im Schatten wortlos bequemer hin. Clavelli machte es ihm nach kurzem Zögern nach.
„Wir sind verraten, Langhans! Was willst du hier noch?“ fragte de Groot unruhig.
„Darauf warten, dass sie bis auf die Notwache die Bastion verlassen, ordentlichen Lärm machen, alle in die falsche Richtung starren und schließlich die untere Tür öffnen, wenn wir anklopfen.“
De Groot schüttelte den Kopf und auch Clavellis Augenbrauen hoben sich zweifelnd. Dann hörten sie das Feuerläuten aus der Richtung, aus der sie gekommen waren.
Eine Viertelstunde später waren die Wachen im Schwanentor durch das rote Licht, den Rauch, das Geschrei und wilde Feuerläuten im Heilig-Bothius-Viertel davon überzeugt, die Pläne ihrer Gegner missverstanden zu haben. Als dann auch noch ein blutiger Überlebender der Mauerpatrouille von einem Sturm durch die Ziegenpforte berichtete und um Waffenhilfe flehte, gingen bis auf den letzten alle von Langhans´ Wünschen in Erfüllung.
Im Durcheinander der erwachenden Stadt stand er auf und ging energischen Schrittes auf die untere Pforte der Torbastion zu. Clavelli und de Groot folgten ihm, die Hand am Schwertheft.
Langhans hatte kaum dreimal lang und viermal kurz geklopft, da war schon das Schaben des Riegels zu hören. Im Türspalt erschien Bernardo, blutbeschmiert, in einem zerhauenen saccentischen Überwurf. Augenblicke später war die Tür sicher verschlossen und vier Männer schlichen die Treppe im Torturm hinauf. Sie waren nicht lautlos, aber leise genug.

Wenig später kamen zwei von ihnen wieder herunter, beide nicht nur mit fremden Blut besudelt. Der Langhans wischte sich immer wieder den Ausfluss einer Platzwunde aus dem Auge, während Clavelli auf dem rechten Bein hinkte und immer blasser wurde. Die Zeit war gegen sie; von Minute zu Minute sank ihre Tatkraft und jederzeit konnten eine Patrouille oder aufgescheuchte Bürger auftauchen und sie entdecken. Trotzdem mussten sie die Verkeilungen der Torverschlagung so leise und vorsichtig wie möglich lösen, damit sie nicht vorzeitig entdeckt wurden. Als sie einen schweren Querbalken anhoben, seufzte Clavelli und fiel zu Boden. Glücklicherweise (oder auch nicht) landete das Balkenende auf ihm, was kaum ein Geräusch verursachte. Unglücklicherweise konnte der Langhans nicht allein weitermachen.

Der Bäckergeselle Stephano Rissi befand sich mit einer Menge seiner Nachbarn auf dem Weg in Richtung des Heilig Bothius – Viertels (nicht allzu weit versteht sich, nur um sich ein Bild der Lage zu machen) als er die bleiche Gestalt im Zwinger des Schwanentors (das er aus der Zeit vor der Lossagung noch als „Gänseport“ kannte) entdeckte. Auf seinen Ruf hin eilten alle zum armen Clavelli, der nicht wieder zu Bewusstsein gekommen war. Ihre Hilfsbereitschaft verwandelte sich allerdings in einen einzigen Schreckensschrei, als hinter dem Letzten von ihnen plötzlich das Fallgatter herunterdonnerte.
„Bürger von Saccenta!“, versuchte eine herrische, wenn auch atemlose Stimme das Durcheinander im Zwinger zu übertönen, „Bürger von Saccenta! Seiner Majestät Ritter und Soldaten haben eure Stadt an vier Stellen erstürmt! Ihr seid der Gnade des Königs vollkommen ausgeliefert! Es wird euch nur dann Gnade gewährt, wenn ihr euren sündigen Widerstand gegen euren, durch Gottes Willen rechtmäßig eingesetzten König aufgebt! Gehorcht meinem Befehl! Ich bin der Marquis de Brunné und habe dieses Tor mit meinen Schützen besetzt! Ich befehle euch, augenblicklich die Verschlagung zu entfernen und das Tor zu öffnen!“
Das kurze Zögern, das folgte, als Stephano und seine Mitbürger auf die Bastion hinaufspähten, um zu sehen, was dort vor sich ging, ohne im Schatten der Schießscharten irgendetwas erkennen zu können, wurde erneut durch die herrische Stimme beendet:
„Schützengarde! Schießt jeden nieder, der nicht augenblicklich im Zwinger an die Arbeit geht! Auf mein Kommando: Achtung!“ In diesem Augenblick schnalzte eine Sehne und ein Armbrustbolzen bohrte sich dicht neben Stephano in den Dreck. Mit einem Sprung war er in der Verschlagung, dicht gefolgt von seinem Vater, seinem Onkel und zehn weiteren Nachbarn, die ein ungewisses Schicksal spontan einem sicheren Tod vorzogen.

Nun kann man aber nicht lange aus Leibeskräften um sein Leben schufte, wenn man der Bedrohung nicht gegenwärtig bleibt. Trotz der anspornenden Rufe des unsichtbaren Marquis de Brunné kamen Stephano doch ernstliche Zweifel, die er schließlich leise mit den anderen teilte: „Wenn sie die Stadt an vier Stellen erstürmt haben, warum hört man dann nur die Glocken von Heilig Bothius und Heilig Marga? Und warum ist die Schützengarde so still? Kein Wort ist von denen zu hören, nicht mal ein Fluch oder Witz! Ich glaube, da will uns jemand reinlegen!“
Das Flüstern wuchs zu leisem Murren an, Köpfe wurden gedreht und spähten zu den Schießscharten im Zwinger hinauf, hinter denen nur Dunkelheit und Stille herrschte. Schließlich, mit wild klopfendem Herzen und schwindeligem Kopf richtete sich Stephano auf und rief in die Finsternis hinein: „Du lügst! Du hast gar keine Männer da oben! Wir sind treue Bürger von Saccenta und wir sterben eher, als das wir deinem verfluchten König die Tore öffnen! Es lebe Sa…“
Stephano wurde vom dumpfen Aufschlag der Leiche eines Torwächters, die aus einer der Pechnasen gefallen war, unterbrochen. Er schluckte und wiederholte etwas weniger laut in die atemlose Stille hinein: „Es lebe Saccenta!“
„Gute Bürger von Saccenta!“ klang wieder die Stimme des Marquis von oben herab, „Selbst, wenn ich nicht meine treue Garde bei mir hätte, deren vorbildliche Disziplin euch eher beunruhigen sollte, als euch in eurem sinnlosen und sündigen Widerstand gegen den König noch anzustacheln, bräuchte ich jetzt nur eine einzige Armbrust, um euch alle, einen nach dem anderen, zu erschießen. Ich stimme dir, mein junger Freund, zu: Es lebe Saccenta! Aber: Es lebe als königstreue, gottgefällige Reichsstadt und nicht als Brutstätte von Ungehorsam und Aufruhr! An die Arbeit, oder es wird keine Gnade für euch geben!“
Draußen vor dem Gatter hatten sich inzwischen einige weitere Stadtbewohner in sicheren Winkeln versammelt, lauschten der kleinen Rede des Marquis und verfolgten die Geschichte des heldenhaften Widerstandes des Bäckergesellen Stephano. Der rief gerade – mit zitternder Stimme, aber laut und klar – „Niemals!“
Direkt darauf setzte er sich ungeschickt auf seinen Hintern und starrte verblüfft auf ein kleines Bündel Gänsefedern, das geradewegs aus seinem Bauch gewachsen zu sein schien. „An die Arbeit, Bürger von Saccenta“, wiederholte die Stimme des Marquis leise, bevor das allgemeine Geschrei losging.

Das Geschrei am Schwanentor verhallte nicht ungehört – Unbewaffnete rannten weg, Bewaffnete rannten hinzu und alle verstärkten nach Kräften das allgemeine Kreischen. Die einen schrieen von gefallenen Toren, Feuer, Tod und Untergang, um ihrer Furcht Luft zu machen, die anderen brüllten nach Verstärkung und zum Angriff, ihren Mut anzustacheln. Auch draußen vor dem Tor blieb man nicht stumm: Das königliche Heer, das sich verblüffend leise gesammelt hatte, setzte heulend und röhrend, die Rammkatze voran, zum Sturm an.

Der Langhans oben im Torturm überschlug seine Möglichkeiten und fand sie beunruhigend beschränkt. Schon rannten Stadtsoldaten unten und auf der Mauer gegen die notdürftig verrammelten Pforten der Bastion an. Er seufzte, schoss eine Frau nieder, die verzweifelt am Fallgatter rüttelte, anstatt sich an der Beseitigung der Verschlagung zu beteiligen und warf einen besorgten Blick auf den Riegel der Pforte hinter sich, der bedenklich viel Spiel in seiner Halterung hatte.
Früher oder später musste er das Fallgatter hochziehen und die Winde unbrauchbar machen, damit, falls das Tor fallen sollte, die Truppen des Königs nicht vor dem Gatter stünden. Damit musste er fertig sein, bevor der Riegel hinter ihm den Geist aufgeben würde. Ebenso wichtig war es allerdings, das Öffnen des Gatters so lange wie möglich hinauszuzögern, damit seine Gefangenen im Zwinger weiterarbeiteten. Ohne Werkzeug kamen sie selbst mit der Kraft der Verzweifelung nur langsam voran.
Im Augenblick hing die Rettung der Stadt ganz allein an der Opferbereitschaft eines Türriegels. „Und der“, so murmelte der Langhans, während er die Armbrust spannte, „macht einen sehr patriotischen Eindruck.“
Plötzlich wurde das rhythmische Rempeln gegen die Tür unterbrochen und die Schreie auf der Mauer veränderten ihre Richtung und Qualität. Kurz darauf entstand eine Pause, die durch ein gesittetes, aber drängendes Klopfen an der Pforte beendet wurde: „Macht auf, hier stehen Leutnant Attler und der hässliche Guillaume!“

Langhans zögerte. Natürlich hatte er sich im Oberbau des Tores auf der Mauerseite verschanzt, auf der die beiden hätten kommen können, aber damit zu rechnen war nicht gewesen. Ein Trick?
„Langhans! Bist du da drin?! Mach sofort auf, sonst sind wir Rabenfutter!“ Attlers Stimme glitt von seinem gewohnten Krächzen in eine panische, fast mädchenhafte Tonlage.
Immer noch zögerte Langhans. Draußen standen im günstigsten Fall zwei Fechtmeister, die ihre Position mit ihrem Leben verteidigen mussten. Im Inneren des Raumes wären sie zu nichts nutze, denn hier war kaum Platz genug für einen Fechter. Draußen konnten sie ihm dagegen vielleicht die nötige Zeit erkaufen.
Ein wütender, mächtiger Hieb ließ die Tür erzittern. „Langhans, du gottverfluchtes Rabenaas, mach die Tür auf!“ brüllte Guillaumes Stimme über den allgemeinen Lärm hinweg. „Erst hängst du mir dieses verrückte Weibsstück an und jetzt willst du mich von den Saccentischen wegputzen lassen?! Mach die Tür auf, oder ich schwöre dir, ich komme aus der Hölle zurück und reiße dir den Arsch auf!“
Weibsstück? Ein ununterdrückbarer Verdacht krabbelte wie ein Nest wütender Ameisen Langhans´ Rücken hoch. Er warf einen Blick in den Zwinger, wo alle unter lauten Jammern und Klagen hingebungsvoll die Bemühungen des königlichen Heeres auf der anderen Seite unterstützten. Selbst wenn Guillaume alleine mit ihr dort draußen stünde, könnte die Zeit noch reichen.
Zögernd legte er die Armbrust beiseite. Dann stand er auf, griff widerwillig nach seinem Schwert, und trat zur Tür. Auf der anderen Seite war Kampflärm zu hören – Klingen schliffen aneinander oder trafen dumpf dröhnend auf Schilde. Keine Schützen. Gut.
Und dann war da eine Frauenstimme ganz dicht an der Tür: „Bitte, Langhans, ich bin´s doch, die Aschenjule. Mach auf, sonst schneiden sie uns in Fetzen!“

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Diese Worte lösten das erste der beiden denkwürdigen Ereignisse der ansonsten belanglosen Belagerung von Saccenta aus.
Die Tatsachen sind schnell berichtet und für sich genommen (das heißt: ohne die Meinungen der Hinterbliebenen zu berücksichtigen) kaum erschütternd. Langhans öffnete die Tür und schleuderte mit einem Griff die Aschenjule, die einen schweren Kasten an sich presste, ins Innere des Torturms. Dann sprang er dem hässlichen Guillaume bei und es begann ein wildes Hauen und Stechen im flackernden Halblicht der Öllampe im Turmzimmer und der Lichter auf dem Platz vor dem Tor. Die saccentischen Soldaten, denen ihre Überzahl auf dem engen Wehrgang nichts nützte, sahen nur die schwarzen Schattenrisse zweier scheinbarer Riesen vor sich und ließen von ihnen ab, nachdem drei der Stadtsoldaten zu Boden gegangen waren. So gelang es, den patriotischen Riegel wieder vorzuschieben und die Tür mit zwei Messern zusätzlich zu verkeilen. Dann tauschte der Langhans einen langen Blick mit der Aschenjule, die unter Attlers Kapuze zum Vorschein gekommen war, nahm die Armbrust auf, kniete sich wieder an die Schießscharte und fragte über die Schulter: „Seid ihr soweit heil?“

Diese Episode kostete König Legraille IV. und alle anderen Parteien des Allianz-Krieges den gefürchtetsten Fechtmeister und Söldnerführer des Graubunds. Nie wieder ließ sich der Langhans für eine Kampagne anwerben, nachdem er aus einer seltsamen Regung heraus die Tür des Turmzimmers geöffnet hatte und damit ein unberechenbares Risiko für sich und seinen Auftrag eingegangen war. Mit diesem Augenblick betrachtete er seine Laufbahn als beendet. Andere hätten – und haben – das anders beurteilt; sie sagen, dass sich taktische Überlegung mit Kühnheit paaren muss, um zum Erfolg zu führen. Aber der Langhans war davon überzeugt, dass „Kühnheit“ in diesem Sinne dasselbe bedeutete wie „Narrenglück“. „Wenn ich meinem Gegner taktisch überlegen bin“, so sagte er, „muss er trotz aller Tapferkeit unterliegen, und umgekehrt. Nur wenn die Sache auf Messers Schneide steht, ist ein wohlberechnetes Maß an Risikobereitschaft notwendig, um sie zu meinen Gunsten zu entscheiden. Ein Zuviel davon wird mich ebenso umbringen, wie ein Zuwenig.“
Oder in den Worten des hässliche Guillaume: „Er hat mit dem Herz gefochten. Wenn einer damit anfängt, ist es vorbei.“

Und damit kommen wir zum zweiten denkwürdigen Ereignis der Belagerung von Saccenta. Es hätte sich, wenn nicht bei dieser Gelegenheit, sicher in nächster Zeit bei einer anderen abgespielt, und wäre dann wahrscheinlich sogar von einem Vielfachen unmittelbaren Schreckens begleitet gewesen. Aber es war, so wie es war, die erste, zögerliche Welle einer Sturmflut.

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Jule hatte den schweren eisernen Kasten auf den Boden fallen gelassen.
„Ja, wir sind soweit heil“, bestätigte der hässliche Guillaume. „Die Sache lief gut für uns; wir brauchten nicht einmal zu fechten. Die drei Meuchler sind sofort in die Kirche gehetzt. Wir folgten ihnen, nur um festzustellen, dass sie direkt in einen Hinterhalt des Ordens gestolpert waren. In dem Durcheinander hab ich mit Bernardo, wie besprochen, für Feuer gesorgt, während die da“, er zeigte anklagend auf Jule, „sich irgendwie in die Krypta geschlichen hat und dieses Ding da anschleppte.“
„Wie bist du an Attlers Sachen gekommen?“ erkundigte sich Langhans über die Schulter. Die rhythmischen Stöße gegen die Tür begannen wieder – und diesmal härter als vorher. Anscheinend hatten sich die Wachen auf der Mauer einen provisorischen Rammbock besorgt. Nach einem besorgten Blick auf den Riegel antwortete Jule mit wackeliger Nonchalance: „Och, als du mir erzählt hast, er hätte mittags seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen, heiser geklungen und auf einem Fass gesessen, war ich mir sicher, dass er Branntwein einem Selbstmordkommando vorziehen würde. Wie sich herausstellte, lag ich damit absolut richtig.“
„Und was ist in dem Kasten?“
„Offenbar etwas, das der Orden und der Fette gleichermaßen haben wollen und das Larughia im Zweifelsfall eine ganze Stadt wert ist – oder wie hat man euch empfangen?“
Langhans knurrte. „Sie hatten tatsächlich eine Begrüßung vorbereitet, die wir nicht überleben sollten. Bis auf mich ist der Plan auch aufgegangen. Die da unten“, er deutete mit der Armbrust in die Tiefe, „machen jetzt das, was wir eigentlich hätten tun sollen.“
„Ich sag das ja nur ungern“, unterbrach Guillaume das Gespräch, „aber diese Tür ist in wenigen Augenblicken nur noch ein Loch in der Wand. Und wenn die da draußen nicht ganz dämlich sind, werden sie ein paar Schützen dabei haben, wenn es soweit ist.“
„Mach den Kasten auf!“, befahl Langhans Jule, „Der Mönch hat gesagt, es wäre ein zerstörerischer Zauber drin.“
Sie schnaubte wütend. „Ohne Schlüssel geht das nicht.“
„Dann müssen wir jetzt das Gatter öffnen.“
Jule erbleichte. Guillaume runzelte die pockennarbige Stirn, dann sprang er von der Tür, gegen die er sich gestemmt hatte, zur Winde. Er griff aber nicht nach dem Rad, sondern nach einer der Ketten, die die Gegengewichte des Fallgatters trugen. Stöhnend mühte er sich ab, bis die beiden begriffen und ihm halfen. Der Türriegel splitterte unter den Schlägen des Rammbocks, als sie die mit Eisenbändern zusammengehaltenen Steine endlich aus ihrem Schacht heraus hatten, die Kette über einen der Deckenbalken warfen und das Gewicht so hoch wie möglich aufzogen. Ächzend hielten Langhans und Guillaume es in der Schwebe, während Jule das Kästchen darunter positionierte. Krachend sauste das Gewicht herab, krachend barst der Riegel und dann wurden Flüche laut. Von draußen, weil die beiden Messer die Tür noch ein paar Augenblicke länger verschlossen hielten, von drinnen, weil das Kästchen zwar arg verbeult, aber nicht offen war. „Noch mal!“ kommandierte Langhans nahezu gleichzeitig mit einem Offizier vor der Tür.
Allerdings waren die da draußen schneller. Mit jedem Schlag ging die Tür ein Stück weiter auf, Fingerbreite für Fingerbreite löste sich die Sicherheit der Turmkammer auf.
Endlich waren Kästchen und Gewicht wieder in Position. „Los!“ befahl Langhans. Noch einmal krachte das Gewicht auf das Kästchen, traf es nicht richtig und schmetterte es gegen die Wand, wo es aufbrach und seinen Inhalt durch den Raum verstreute. Im selben Moment angelten zwei Hellebarden in den Raum. Guillaume warf sich zur Seite und entging ihnen um Haaresbreite. Der Plan der Wächter sah wohl vor, im Schutze der Hellebarden Bewaffnete durch den Türspalt zu bringen, denn schon drängte sich ein Mann in halbem Harnisch mit dem Schwert in der Hand hinein. Dabei behinderte er aber die beiden Langwaffen, erstarrte plötzlich, ließ seine Klinge fallen und begann gellend zu kreischen. Der Langhans hatte die Verteidigung mit einem grausam langsamen, gut gezielten Stich von unten begonnen.
„Das Gatter auf und die Winde blockieren!“ rief er noch, bevor er sich ganz auf das Durcheinander am Türspalt konzentrierte.
Alle Kräfte mit einem verzweifelten Schrei anspannend, gelang es Guillaume, das Gewicht in seinen Schacht fallen zu lassen. Wunderbarerweise brach die Kette nicht, als das Gatter einen kleinen Hopser machte, und Guillaume war klug oder erschöpft genug, das Zurückfallen abzuwarten, bevor er sich ans Aufwinden machte.
Jule dagegen wand sich zwischen den zuckenden Hellebarden herum und schnappte sich den Inhalt des Kästchens; einige beschriebene Bögen Pergament und eine weiteres, kopfgroßes Eisenkästchen. Hastig zog sie sich mit dem letzten Bogen aus der unmittelbaren Gefahrenzone zurück und versuchte zu lesen.
Unten im Zwinger wurden Jubelrufe laut, als sich die Ersten unter den Spitzen des sich hebenden Gatters durchquetschten und an nichts anderes als einen Sieg der Stadtsoldaten über die Eindringlinge in der Torbastion dachten. Die Soldaten auf der Mauer und vor dem Gatter waren darüber weit weniger glücklich. Die Verschlagung war ernstlich geschwächt, und das Tor bebte merklich unter den Angriffen der Rammkatze auf der anderen Seite. Der Umstand, dass sich die Schützen der Verteidiger völlig auf das angreifende Heer konzentrierten, verschaffte dem Langhans die Möglichkeit, die Tür noch länger zu verteidigen. Man hatte den erbärmlich kreischenden Halbgerüsteten rücksichtslos aus dem Spalt und von dem bereits halb in ihm verschwundenen Schwert des Langhans gerissen. Als nächstes wurden die Hellebarden zurückgezogen, um noch einmal Platz für die Ramme zu schaffen. Schon der zweite Stoß wurde mit einem hohen Klingeln belohnt – eine der beiden Messerklingen, die als Keile unter der Tür dienten, war gebrochen.
Wie wenige Augenblicke zuvor der Hässliche stemmte sich jetzt Langhans mit dem Rücken gegen die Tür.
Inzwischen hatte Guillaume das Fallgatter halb hoch gezogen und benutzte das bereitliegende Messer des Langhans, um die Winde für wenigstens ein oder zwei Viertelstunden unbrauchbar zu machen. Mit einem Kopfnicken bedeutete Langhans ihm, die Treppe hinabzusteigen. Jule sah die Geste nicht einmal, weil sie sich mit der Öllampe über das kleinere Kästchen gekniet hatte. Guillaume lauschte allerdings auch nur kurz die Treppe hinab und schüttelte dann den Kopf: „Sie kommen schon rauf.“
„Na dann“, antwortete der Langhans und gab die Tür frei. Nebeneinander erwarteten sie ihre Gegner zum letzten Gefecht.
Da drängte sich Jule mit etwas Knisterndem und Stinkendem zwischen ihnen durch. Beißender Rauch füllte die Kammer, während sie an der Pechnase unter der Schießscharte stand und zielte. Dann ließ sie das Ding fallen.

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Natürlich kannten und fürchteten die Königlichen ebenso wie die Verteidiger Brandsätze und Feuertöpfe. Damit ließen sich Panik und gierige Flammen in die Reihen des Gegners tragen. Schreckliche, aber indirekte Waffen und nicht entfernt zu vergleichen mit dem, was das Eisenkästchen am Schwanentor ausspie.
Plötzlich gleißte ein Blitz; ein Donnerkrachen schmetterte durch die Stadt, das alle Herzen innerhalb und außerhalb einen Schlag aussetzen ließ, die Verteidiger auf dem Torplatz wie ein wütender Schlag ins Gesicht traf und Fackeln und Lampen auslöschte. Dann hagelten von einem tobenden Giganten geschleuderte Trümmer rund um das Tor nieder, während eine ätzende Qualmwolke sich rasend schnell ausbreitete und undurchdringliche Finsternis auf das Tor legte.
Einen Atemzug lang herrschte, vom Prasseln der Trümmer abgesehen, Totenstille in Saccenta. Dann brandete wie eine blasse Nachahmung des Explosionsdonners erneut das Schreien der Menschen heran.
Als die Qualmwolke sich langsam verzog, zeigte es sich, dass nahezu alle Verteidiger im Zwinger tot, das Tor aufgesprengt, sein rechter Flügel sogar vollständig aus den Angeln gerissen und in die Reihen der Angreifer geschleudert worden war, wo einige Unglückliche von ihm erschlagen worden waren.

Der Einsatz jenes verbesserten Sprengpulvers war das zweite denkwürdige Ereignis der Belagerung von Saccenta. Nicht wegen der wenigen Leben, die die erste, primitive Bombe mit dem neuen Pulver gekostet hatte, sondern wegen der Revolution der Kriegsführung, die findige Ingenieure mit dieser neuen Möglichkeit innerhalb von wenigen Jahren schufen.

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Als man sich wieder gefasst hatte, lautete der allgemeine Schrei bereits „Bresche! Alles zur Bresche im Schwanentor!“
Im Dachgebälk der Torbastion hockten der hässliche Guillaume, die Aschenjule und der Langhans und starrten einander sprachlos und mit weit offenen Augen an als die Geburtshelfer eines neuen Zeitalters, dessen Grässlichkeit sie in einem einzigen Augenblick erkannt hatten, als ein Mädchen mühelos und ungesehen zwei Dutzend gepanzerte, erfahrene Soldaten getötet und eine Stadt zu Fall gebracht hatte.

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