Schlagwort-Archive: Jammern & Klagen

Homöopathische Einsicht

+++ anachronicle schließt +++ neue adresse: textulenz.wordpress.com +++ cu +++

(Im Folgenden habe ich einige unangenehme Wahrheiten provokant formuliert. Zugegeben. Mir ist auch das Schindluder bewusst, das die Pharmaindustrie auf dem Wege der Schulmedizin betreibt. Bedauerlicherweise ändert das nichts daran, dass Homöopathie genauso funktioniert wie Gesundbeten. Eine wunderbare Sache, wenn Symptome behandelt werden sollen, aber die Ursache der Krankheit bleibt unberührt.
… und diese Vorbemerkung hätte ich sicher nicht schreiben müssen, wenn ich über Aspirin geschimpft hätte … ich frage mich, warum?)

Mein Sohn kann die Augen nicht aufmachen. Eiter klebt sie zusammen. Rot sind sie auch noch, und jucken. Die Augenärztin verschreibt Tropfen. Beim Einlösen des Rezepts stellen wir fest, dass es homöopathische Tropfen sind. Wir lehnen sie ab.
Apothekerin, erbost: “Man muss doch nicht gleich mit Kanonen schießen! Sanfte, natürliche Medizin geht auch!”
Stimmt. Wenn mich ein Husten plagt, trinke ich gerne heißen Schafgarbentee mit Honig. Aber mit einen Husten gehe ich auch nicht zum Arzt. Und wenn ich statt Tee geschütteltes Wasser versuchen will, muss ich es nicht in der Apotheke kaufen. (Ja, ich weiß: Wirkungspotenzierung durch Weglassen des Wirkstoffs … satt werden durch Kochbücher lesen …)
Und selbst wenn ein Wirkstoff (oder eine Wirkung) im homöpathischen Wasser drin wäre – die würde immer noch dem Prinzip „Ähnliches soll durch Ähnliches geheilt werden“ (similia similibus curentur) folgen. Ein völlig aus der Luft gegriffenes Konzept der sympathetischen Magie des 17.Jahrhunderts, das dem Verstand und der Lebenserfahrung nicht Hohn spricht, sondern schreit.
Damit die Augenrötung, -reizung und das heftige Eitern der Gucker meines Sohnes verschwinden, gebe ich ihm etwas, das diese Symptome hervorruft? Wird man für so was nicht normalerweise vom Jugendamt heimgesucht?
Natürlich soll ein Arzt sich nach Kräften den Placebo/Nocebo-Effekt zunutze machen. Aber er soll auch wissen, wenn er das tut. Was sagt unser Kinderarzt zu homöopathischen Medikamenten?
“Das ist eine Kapitulation. Man wartet, bis die Sache von selber ausheilt.”

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter S.T.I., Zungenschlag

Exkursion ins Krankheitswesen

„Scheiße!“
Geht euch das auch so? Ich schreie nicht Aua!, Autsch! oder Weh mir!, wenn ich mich verletze, sondern greife direkt eine Sprachschublade tiefer. So auch dieses Mal. Wenn die bei OBI das Handschuhsymbol auf die Bauanleitung für ihre Regale drucken, dann meinen die das auch so. Andererseits ist der Grat an dem Blech derart scharf , dass, hätte ich Handschuhe getragen, ich jetzt auch noch zusätzlich ungewaschene Rinderhaut aus der Wunde puhlen könnte. Ein kurzer Blick in den klaffenden Schnitt – ziemlich lang, sehr blutig und ja, da ist etwas Weißes im Wundgrund zu sehen. Also: Ab ins Krankenhaus.

Seit ich vor vielen Jahren mit einer ähnlichen Verletzung hier war, hat sich einiges getan: Kein endlos langer, zugiger Flur, in dem man stundenlang hockt, bis irgendein Chirurg aus seinem 48h-Schicht-Koma so weit aufgewacht ist, dass er nähen kann. Nein, eine Wartelounge wie am Flughafen, sogar mit Fernsehen! Ich werfe einen Blick auf den Riesenflachbildschirm: Ein Patient stirbt gerade geräuschvoll in seinem Krankenbett. Arztserie oder Überwachungskamera? Erst eine Werbepause löst meine Zweifel. So zynisch sind sie, glaube ich, doch noch nicht.
Eine knappe Stunde lang darf ich virtuell mitleiden. Ein großer Trost, wenn man sich selber ein bisschen flau fühlt. Dann kommt eine Stimme über Lautsprecher: „Heer Maddjahsch Drwan bittä OP-Zimmer.“
Versuchen die, eine Armee indischer Chirurgen in dieses Zimmer zu operieren? Oder bin ich aufgerufen worden? Kurz entschlossen mache ich mich auf den Weg. Hinter der Doppeltür ist dann wieder alles wie früher: zugiger Flur – dank abgetrennter Lounge etwas kürzer – und jede Menge nummerierter Türen. Nur kein OP-Zimmer. Aber nach ein paar Irrwegen, einem Besuch bei dem einsamen Patienten mit galoppierender Leberzirrhose und ein paar geschickten Fragen bin ich in der gekachelten Kaffeeküche der Abteilung. Eine Menge gut gelaunter junger Damen pausieren dort und schicken mich durch eine Stahltür in den benachbarten, leeren Operationssaal. Nein, eigentlich nicht. Bei dem Wort Operationssaal denkt man gleich an Professor Sauerbruch, große Fenster und Gründerzeit-Stuck. Sagen wir also lieber: Operationskeller. Dort warte ich weiter, betrachte die abgeranzten Möbel, die primitiven Rollhocker für die Chirurgen, den Laptop und die Kaffeetasse auf der Ablage und genieße das wüste Erbrechen aus dem Nebenzimmer – nein, auf der anderen Seite, so schlecht war der Kaffee wohl doch nicht. Alles genau so wie früher. Ich glaube, ich erkenne sogar einen der Hocker wieder.
Irgendwann kommt eine bezaubernde Assistenzärztin italienischer Provenienz herein. Ich entnehme das ihrem Namensschild und ihrem Akzent.
„Was passiert?“ Ich schildere ihr mein Malheur und gebe, Klugscheißer der ich bin, der Vermutung Ausdruck, dass eine Naht und vielleicht eine Schiene nötig sein könnten. Sie wickelt meinen Notverband ab und betrachtet die nun wieder heftig blutende Verletzung.
„Nein, da mussen wir nikt nähen.“
Ich bin verblüfft. Will sie direkt amputieren? Nein, sie denkt offenbar an ein großes Pflaster. Oder mehrere. Zum Glück kommt ihre vorgesetzte Ärztin zufällig vorbei, wirft im Vorbeigehen einen flüchtigen Blick auf die Wunde und diagnostiziert, bereits entschwindend: „Natürlich müssen wir das nähen! Schick ihn rauf zum Röntgen!“
Ich bekomme einen Laufzettel. Drauf steht: „Er hat sich an da einer Metalkant geschnitten“. Das Deutsch der jungen Dame ist zweifellos um Welten besser als mein Italienisch, aber ich ahne dunkle Wolken am Kommunikationshorizont. Egal, ab zum Röntgen in der privatisierten Spezialpraxis im selben Gebäude. Während ich dort warte, halte ich die beiden Kompressen fest, die man mir statt eines Verbandes gegeben hat, und die nun zügig durchbluten. „Ah, da hat jemand einen schlimmen Finger!“ Große Heiterkeit allerseits, offensichtlich hat man hier Clowns gefrühstückt. Ich bin froh, dass alle so hochmotiviert sind, verkneife mir alle Kommentare meinerseits und versuche, so wenig wie möglich auf den Boden zu tropfen.
Zurück in meinem Lieblings-OP schaut sich die Chirurgin die Aufnahmen an und weist die Assistenzärztin an, mich zum Nähen vorzubereiten, sie käme dann gleich.
Eine der lustigen Kaffee-Schwestern bettet mich auf die OP-Liege und kündigt mir die Betäubungsspritze an: „Das tut fast gar nicht weh. Na ja, also eigentlich tut es höllisch weh.“
Sie lacht. Ich lache. Klar. Männer kennen keinen Schmerz und haben auch keine Angst davor.
Ich bekomme die versprochene Dosis Hölle – unangenehm, aber zum Glück nicht so unerträglich wie versprochen. Dann heißt es wieder warten. Schließlich kommt die Assistenzärztin herein und beginnt zu nähen. Ich sage nichts dazu. Ich möchte sie wirklich nicht noch mehr verunsichern, als sie es sowieso schon ist. Schon in meinem ureigensten Interesse. Aber der Arbeitsauftrag, den sie bekommen hatte, lautete ganz eindeutig anders. Und dass sie nicht einmal die OP-Leuchte einschaltet, bevor sie loslegt, gibt mir auch zu denken.
Drei oder vier Stiche später kommt ihre Chefin herein, die Lippen zusammengekniffen, Gewitter im Blick. Sie schüttelt den Kopf: „Was ist mit der Sehne?“
„Sehne?“ Es ist kein guter Tage für die Assistenzärztin, soviel ist allen jetzt klar.
„Nee. So nicht. Das machst du jetzt alles wieder auf.“ Für mich wird es wohl auch kein allzu prickelnder Tag.
Das große Licht wird eingeschaltet, und die Chefin setzt sich selbst ans Werk. Ich vertreibe mir dankbar die Zeit damit, über die dreckigen Ventilationsöffnungen direkt über dem OP-Tisch zu meditieren, und die Blutflecken an der Zimmerdecke drei Meter über mir zu zählen. Es sind acht, den großen Schmier an der Lampe nicht mitgezählt.
Irgendwann braucht die Chirurgin ein Hautmesser.
„Was?“, fragt die arme Assistenzärztin.
„Ein Hautmesser. Ein Skalpell.“
Die Assistentin läuft in die andere Ecke des Raumes: „Wo ist das?“
„Da, in der Schublade.“
„Wo?“
„Da. Nein, guck mal her! Da!“
„Ah.“
Sie kramt herum und kommt zurück zum Tisch: „Kleine oder Große?“
Sie hat zwei Scheren in der Hand.
Nun, auch dieses Problem wird gelöst, und, alles was recht ist, die Chirurgin gibt mir sogar freiwillig den Gips, den ich mir zwei Stunden zuvor von der Assistenzärztin erbeten hatte.

Nun denkt ihr vielleicht, ich wollte mich über die Leute, die mir dort geholfen haben, lustig machen. Das will ich nicht. Alle waren sehr nett zu mir und haben sich Mühe gegeben. Mehr kann niemand verlangen. Schon gar nicht von diesem Team, das parallel zu mir den Leberzirrhoist und einen Trunkenbold, der mit drei Promille eine Gesichtsbremse im Altglas gemacht hatte, behandelt hat. Nein, die Leute waren wunderbar. Aber ein System, dass der Italienerin einen deutschen Universitätsabschluss ermöglicht, ohne ihre Sprachkenntnisse auf das notwendige Niveau anzuheben; ein System, das Wartezimmer modernisiert, aber OP’s verkommen lässt; ein System, das kurz gesagt der Gewinnmaximierung aus menschlichem Leiden dient, verdient weit Übleres als den Spott, den ich mir hier erlaube.

Ich habe die Chirurgin gefragt, ob sie solche Fälle wie der Säufer nicht frustrieren, weil sie doch unnötig Zeit und Mühe kosten. Sie hat nur die Schultern gezuckt und geantwortet, wirklich schlimm seien die Nächte. Dann müssten sie zu zwei Frauen mit den rabiaten Säufern alleine fertig werden.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Zungenschlag