Danke und gute Nacht!

Der Anachronicle schließt mit dem heutigen Beitrag seine Pforten. Ich danke euch für euer Interesse, eure Zeit und euer Feedback – und wer immer noch nicht genug von meinem Gelaber hat, ist herzlich eingeladen, mir zu den Textulenzen zu folgen:

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Texturenz No.6: Grückskeks

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Wenn ein Schriftsteller mangels Führerschein die besser bezahlten Jobs im Taxi- und Pizzaliefergewerbe nicht ergattern kann und auch physisch zu abstoßend für die Prostitution ist (ein sehr gewöhnlich Zustand unter professionellen Realitätsflüchtlingen), bleibt ihm oft nur noch die Arbeit in der Glückskeksbäckerei. Unzählige schriftstellerische Talente verkümmern dort unter einem rigidem, konservativem Lektorat. Manchmal aber erreicht uns in einer Kekspackung ein Schrei der Verzweiflung, ein Aufbäumen gegen die Zwänge des Marktes und der Verdauung. 10 Beispiele:
Du wirst der Liebe Deines Lebens begegnen. Sie nicht.
Nimm einen anderen Keks.
Du solltest damit unbedingt zum Arzt gehen.
Gleich ist es so weit.
Es wird auch nicht besser, wenn du noch mehr Kekse isst.
Bin gleich zurück.
Stell dich den Behörden.
Hergestellt aus 100% Altpapier.
Kann Spuren von Aberglauben enthalten.
Ha-ha-ha. Wo sind meine Ohrstöpsel?! Klaus vom Back-Team

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Textulenz No.5: Lieber unmündig als unwürdig.

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Texte gestalten die Welt. Besonders die Welt von Leuten, die nicht lesen. Denk nur an die Thora, die Bibel, den Koran. Oder das Schulgesetz von Nordrheinwestfalen: §2, 2: „Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor der Würde des Menschen und Bereitschaft zum sozialen Handeln zu wecken, ist vornehmstes Ziel der Erziehung.“
Schon beeindruckend, wie dich religiös geschürte Angst zu einem besseren Menschen macht. Dochdoch! Darin sind wir uns schließlich alle einig! Sogar die CDU und der IS. Die diskutieren nur noch über das richtige Maß der Furcht, Und denk mal: Früher, in weniger erleuchteten Zeiten hätte man dich nur aus deiner selbstverschuldeten Unmündigkeit befreien wollen.

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Textulenz No. 3: Papier-Porno

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Vergesst den nickenden Kranich! Der neue erotische Trend aus dem Land der aufsteigenden Sonne heißt:
Hardcore-Origami!
Vorbei die Zeiten der tollpatschigen Webcam-Masturbation! Erlebe den Liebesbrief 2.0!
(Starterkits von Origasmi (TM) erhältlich in der Papeterie Deines Vertrauens!)

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Vögelperspektive

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„Ein Wetter zum Helden zeugen!“, sage ich zu niemand besonderem. Draußen vor dem Fenster klatscht der Regen runter, als hätte er endlich die letzte trockene Katze entdeckt.
„Vergiss es, mano. Du bist nicht mein Typ“, merkt eine heisere Stimme hinter mir an. Ich drehe mich um.
„Was machst du auf meinem Laptop, Sanchez?“
„Ich schreibe einen Bestseller.“
„Einen Bestseller?“ Armer Vogel – delirium tremens, ganz klar.
„Du weißt schon“, erklärt er trocken, „Bestseller. Eine Geschichte, die nicht nur deine Mama liest.“
„So was wie Sielmanns Expeditionen ins Tierreich?“, ätze ich zurück. „Die Sonora-Wüste. Endlose Weiten. Doch – auch hier gibt es Leben. Die possierliche Blaue Schnapsdrossel (borracho pequeño) etwa, die gerne im Schatten einer Agave ihren Rausch ausschläft …“ Ich lasse mich doch nicht von einem Sittich schmähen!
Er hüpft ungerührt weiter auf den Tasten herum: „K-L-U-G-S-C-H-E-I-S-S-E-R. Kleines „klug“, großer „Scheißer“, wenn es um dich geht, richtig? – Nein, halt die Klappe, mano, und schenk lieber nach. Du hast schließlich auch was davon, wenn ich mir den Tequila in Zukunft selber kaufen kann.“
Da hat er allerdings recht. Die Liebe meines Lebens hat in den letzten Wochen ziemlich forschende Blicke auf mich und das Spirituosenschränkchen geworfen. Dass ich mit dem Sittich rede, hat die Lage nicht verbessert. Dass er meine Stimme perfekt nachmachen und lautstark obszöne Selbstgespräche führen kann, auch nicht. Also kippe ich Tequila ins Vogelbad und stelle es neben den Rechner. Während Sanchez trinkt, werfe ich einen Blick auf den Bildschirm.
„ … sie stöhnte und jammerte nach Erlösung, und endlich entlud ich mich … ?! Schreibst du einen Porno? Hast du deswegen neulich deinen Hintern fotografiert?“
„Aproximado, mano. Das wird meine sexuelle Autobiographie. Eine Mischung aus „Feuchtgebiete“ und „Die Geschichte der O“. So was geht immer.“
„Auf meinem Rechner?!“
„Soll ich’s in Blindenschrift auf den Tisch kacken?“
Ich atme erst mal durch. Die Festplatte kann ich ja immer noch löschen. Wichtiger ist es, Sanchez von diesem Unsinn abzubringen.
„Sanchez, du hast erst seit letztem Monat so was wie ein Sexleben. Und das auch nur, weil wir Limette den Nistkasten gebaut haben; für ihr Schamgefühl, und damit sie aufhört, sich Höhlen in unsere Bücher zu fressen. Was willst du schreiben? Eine Kurzgeschichte?“
Er mustert mich mit einem rotunterlaufenen Auge von Kopf bis Fuß: „Besser eine Kurzgeschichte, als einen Witz, mano. Schon mal von dichterischer Freiheit gehört?“
„Ich dachte, die hättest du dafür aufgebraucht, Limette so devot zu machen.“
Er schielt nervös nach dem Nistkasten: „Lass uns das nebenan besprechen, mano, ok?“
„Im Arbeitszimmer? Das geht nicht, da sitzt gerade die Liebe meines …“ Sanchez grinst gehässig. Keine Ahnung, wie er das mit dem Schnabel hinkriegt. Mir fällt plötzlich ein, wie gut er meine Stimme nachmachen kann und ich beschließe spontan, das Thema zu wechseln.
„Und überhaupt, Sanchez: Erotische Romane werden von Menschen gelesen! Warum sollten die sich für den Sex mit einem Tier interessieren?“
„Du hattest eine sehr behütete Jugend, nicht wahr, mano?“, erkundigt er sich herablassend. „Sex interessiert jeden – fast alle meine Testleser haben mir zurückgeschrieben.“
„Deine … Testleser?“
„Sí. Es sind leider nicht viele. Ich hatte dein Facebook-Passwort nicht.“ Eine vage Hoffnung auf Schadensbegrenzung keimt in mir.
„Nur das von deinem E-Mail-Account.“
Mist. „Du hast meine Bekannten deinen Porno testlesen lassen?!“
„Die meisten haben angewidert getan – dir die Freundschaft gekündigt, weil du pervers bist, und so was – aber in der Regel wegen Sachen aus den letzten Kapiteln. Ich nehme das als gutes Zeichen. Deine Schwiegermutter dagegen war sogar richtig hilfreich.“
„Inwiefern?“, frage ich tonlos.
„Ich habe ein ganzes Kapitel aus ihrem Gewetter gemacht. Eines der besten, sagt mein Verleger. Wegen der großartigen, drastischen Bildsprache.“
„Dein Verleger.“
„Sí. Ich hab‘ mich für Random House entschieden, die arbeiten von Anfang an international. Natürlich gibt es dabei auch kleine Probleme.“
„Ach ja?“
„Sí. Ich würde die Filmrechte lieber in Europa verkaufen. Lars von Trier hatte deswegen schon angerufen. Aber der Verlag sieht die größere Rendite bei Quentin Tarantino. Wenn sie wenigstens den Rodriguez genommen hätten!“
„Sanchez. Sag mir bitte nur eine Sache.“
„Sí, mano?“
„Unter welchem Namen hast du das Ding verkauft?“
„Loch ohne Hoden – man muss ein bisschen schocken, um aufzufallen. Sagt auch Lars.“
„Nein, ich meine – wer ist als Autor angegeben?“
„Na ja, ich hab ja kein eigenes Bankkonto, mano, darum …“
Das Telefon unterbricht ihn. Im Arbeitszimmer wird abgehoben. Nach einer Pause ertönt die Stimme der Liebe meines Lebens: „Für dich, Schatz! Irgend so ein Typ mit dänischem Akzent. Er will unbedingt seinen Vorschuss zurück, wenn du ihn dein Loch und deine Hoden nicht filmen lässt.“
Ich muss weg.

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Homöopathische Einsicht

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(Im Folgenden habe ich einige unangenehme Wahrheiten provokant formuliert. Zugegeben. Mir ist auch das Schindluder bewusst, das die Pharmaindustrie auf dem Wege der Schulmedizin betreibt. Bedauerlicherweise ändert das nichts daran, dass Homöopathie genauso funktioniert wie Gesundbeten. Eine wunderbare Sache, wenn Symptome behandelt werden sollen, aber die Ursache der Krankheit bleibt unberührt.
… und diese Vorbemerkung hätte ich sicher nicht schreiben müssen, wenn ich über Aspirin geschimpft hätte … ich frage mich, warum?)

Mein Sohn kann die Augen nicht aufmachen. Eiter klebt sie zusammen. Rot sind sie auch noch, und jucken. Die Augenärztin verschreibt Tropfen. Beim Einlösen des Rezepts stellen wir fest, dass es homöopathische Tropfen sind. Wir lehnen sie ab.
Apothekerin, erbost: “Man muss doch nicht gleich mit Kanonen schießen! Sanfte, natürliche Medizin geht auch!”
Stimmt. Wenn mich ein Husten plagt, trinke ich gerne heißen Schafgarbentee mit Honig. Aber mit einen Husten gehe ich auch nicht zum Arzt. Und wenn ich statt Tee geschütteltes Wasser versuchen will, muss ich es nicht in der Apotheke kaufen. (Ja, ich weiß: Wirkungspotenzierung durch Weglassen des Wirkstoffs … satt werden durch Kochbücher lesen …)
Und selbst wenn ein Wirkstoff (oder eine Wirkung) im homöpathischen Wasser drin wäre – die würde immer noch dem Prinzip „Ähnliches soll durch Ähnliches geheilt werden“ (similia similibus curentur) folgen. Ein völlig aus der Luft gegriffenes Konzept der sympathetischen Magie des 17.Jahrhunderts, das dem Verstand und der Lebenserfahrung nicht Hohn spricht, sondern schreit.
Damit die Augenrötung, -reizung und das heftige Eitern der Gucker meines Sohnes verschwinden, gebe ich ihm etwas, das diese Symptome hervorruft? Wird man für so was nicht normalerweise vom Jugendamt heimgesucht?
Natürlich soll ein Arzt sich nach Kräften den Placebo/Nocebo-Effekt zunutze machen. Aber er soll auch wissen, wenn er das tut. Was sagt unser Kinderarzt zu homöopathischen Medikamenten?
“Das ist eine Kapitulation. Man wartet, bis die Sache von selber ausheilt.”

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Exkursion ins Krankheitswesen

„Scheiße!“
Geht euch das auch so? Ich schreie nicht Aua!, Autsch! oder Weh mir!, wenn ich mich verletze, sondern greife direkt eine Sprachschublade tiefer. So auch dieses Mal. Wenn die bei OBI das Handschuhsymbol auf die Bauanleitung für ihre Regale drucken, dann meinen die das auch so. Andererseits ist der Grat an dem Blech derart scharf , dass, hätte ich Handschuhe getragen, ich jetzt auch noch zusätzlich ungewaschene Rinderhaut aus der Wunde puhlen könnte. Ein kurzer Blick in den klaffenden Schnitt – ziemlich lang, sehr blutig und ja, da ist etwas Weißes im Wundgrund zu sehen. Also: Ab ins Krankenhaus.

Seit ich vor vielen Jahren mit einer ähnlichen Verletzung hier war, hat sich einiges getan: Kein endlos langer, zugiger Flur, in dem man stundenlang hockt, bis irgendein Chirurg aus seinem 48h-Schicht-Koma so weit aufgewacht ist, dass er nähen kann. Nein, eine Wartelounge wie am Flughafen, sogar mit Fernsehen! Ich werfe einen Blick auf den Riesenflachbildschirm: Ein Patient stirbt gerade geräuschvoll in seinem Krankenbett. Arztserie oder Überwachungskamera? Erst eine Werbepause löst meine Zweifel. So zynisch sind sie, glaube ich, doch noch nicht.
Eine knappe Stunde lang darf ich virtuell mitleiden. Ein großer Trost, wenn man sich selber ein bisschen flau fühlt. Dann kommt eine Stimme über Lautsprecher: „Heer Maddjahsch Drwan bittä OP-Zimmer.“
Versuchen die, eine Armee indischer Chirurgen in dieses Zimmer zu operieren? Oder bin ich aufgerufen worden? Kurz entschlossen mache ich mich auf den Weg. Hinter der Doppeltür ist dann wieder alles wie früher: zugiger Flur – dank abgetrennter Lounge etwas kürzer – und jede Menge nummerierter Türen. Nur kein OP-Zimmer. Aber nach ein paar Irrwegen, einem Besuch bei dem einsamen Patienten mit galoppierender Leberzirrhose und ein paar geschickten Fragen bin ich in der gekachelten Kaffeeküche der Abteilung. Eine Menge gut gelaunter junger Damen pausieren dort und schicken mich durch eine Stahltür in den benachbarten, leeren Operationssaal. Nein, eigentlich nicht. Bei dem Wort Operationssaal denkt man gleich an Professor Sauerbruch, große Fenster und Gründerzeit-Stuck. Sagen wir also lieber: Operationskeller. Dort warte ich weiter, betrachte die abgeranzten Möbel, die primitiven Rollhocker für die Chirurgen, den Laptop und die Kaffeetasse auf der Ablage und genieße das wüste Erbrechen aus dem Nebenzimmer – nein, auf der anderen Seite, so schlecht war der Kaffee wohl doch nicht. Alles genau so wie früher. Ich glaube, ich erkenne sogar einen der Hocker wieder.
Irgendwann kommt eine bezaubernde Assistenzärztin italienischer Provenienz herein. Ich entnehme das ihrem Namensschild und ihrem Akzent.
„Was passiert?“ Ich schildere ihr mein Malheur und gebe, Klugscheißer der ich bin, der Vermutung Ausdruck, dass eine Naht und vielleicht eine Schiene nötig sein könnten. Sie wickelt meinen Notverband ab und betrachtet die nun wieder heftig blutende Verletzung.
„Nein, da mussen wir nikt nähen.“
Ich bin verblüfft. Will sie direkt amputieren? Nein, sie denkt offenbar an ein großes Pflaster. Oder mehrere. Zum Glück kommt ihre vorgesetzte Ärztin zufällig vorbei, wirft im Vorbeigehen einen flüchtigen Blick auf die Wunde und diagnostiziert, bereits entschwindend: „Natürlich müssen wir das nähen! Schick ihn rauf zum Röntgen!“
Ich bekomme einen Laufzettel. Drauf steht: „Er hat sich an da einer Metalkant geschnitten“. Das Deutsch der jungen Dame ist zweifellos um Welten besser als mein Italienisch, aber ich ahne dunkle Wolken am Kommunikationshorizont. Egal, ab zum Röntgen in der privatisierten Spezialpraxis im selben Gebäude. Während ich dort warte, halte ich die beiden Kompressen fest, die man mir statt eines Verbandes gegeben hat, und die nun zügig durchbluten. „Ah, da hat jemand einen schlimmen Finger!“ Große Heiterkeit allerseits, offensichtlich hat man hier Clowns gefrühstückt. Ich bin froh, dass alle so hochmotiviert sind, verkneife mir alle Kommentare meinerseits und versuche, so wenig wie möglich auf den Boden zu tropfen.
Zurück in meinem Lieblings-OP schaut sich die Chirurgin die Aufnahmen an und weist die Assistenzärztin an, mich zum Nähen vorzubereiten, sie käme dann gleich.
Eine der lustigen Kaffee-Schwestern bettet mich auf die OP-Liege und kündigt mir die Betäubungsspritze an: „Das tut fast gar nicht weh. Na ja, also eigentlich tut es höllisch weh.“
Sie lacht. Ich lache. Klar. Männer kennen keinen Schmerz und haben auch keine Angst davor.
Ich bekomme die versprochene Dosis Hölle – unangenehm, aber zum Glück nicht so unerträglich wie versprochen. Dann heißt es wieder warten. Schließlich kommt die Assistenzärztin herein und beginnt zu nähen. Ich sage nichts dazu. Ich möchte sie wirklich nicht noch mehr verunsichern, als sie es sowieso schon ist. Schon in meinem ureigensten Interesse. Aber der Arbeitsauftrag, den sie bekommen hatte, lautete ganz eindeutig anders. Und dass sie nicht einmal die OP-Leuchte einschaltet, bevor sie loslegt, gibt mir auch zu denken.
Drei oder vier Stiche später kommt ihre Chefin herein, die Lippen zusammengekniffen, Gewitter im Blick. Sie schüttelt den Kopf: „Was ist mit der Sehne?“
„Sehne?“ Es ist kein guter Tage für die Assistenzärztin, soviel ist allen jetzt klar.
„Nee. So nicht. Das machst du jetzt alles wieder auf.“ Für mich wird es wohl auch kein allzu prickelnder Tag.
Das große Licht wird eingeschaltet, und die Chefin setzt sich selbst ans Werk. Ich vertreibe mir dankbar die Zeit damit, über die dreckigen Ventilationsöffnungen direkt über dem OP-Tisch zu meditieren, und die Blutflecken an der Zimmerdecke drei Meter über mir zu zählen. Es sind acht, den großen Schmier an der Lampe nicht mitgezählt.
Irgendwann braucht die Chirurgin ein Hautmesser.
„Was?“, fragt die arme Assistenzärztin.
„Ein Hautmesser. Ein Skalpell.“
Die Assistentin läuft in die andere Ecke des Raumes: „Wo ist das?“
„Da, in der Schublade.“
„Wo?“
„Da. Nein, guck mal her! Da!“
„Ah.“
Sie kramt herum und kommt zurück zum Tisch: „Kleine oder Große?“
Sie hat zwei Scheren in der Hand.
Nun, auch dieses Problem wird gelöst, und, alles was recht ist, die Chirurgin gibt mir sogar freiwillig den Gips, den ich mir zwei Stunden zuvor von der Assistenzärztin erbeten hatte.

Nun denkt ihr vielleicht, ich wollte mich über die Leute, die mir dort geholfen haben, lustig machen. Das will ich nicht. Alle waren sehr nett zu mir und haben sich Mühe gegeben. Mehr kann niemand verlangen. Schon gar nicht von diesem Team, das parallel zu mir den Leberzirrhoist und einen Trunkenbold, der mit drei Promille eine Gesichtsbremse im Altglas gemacht hatte, behandelt hat. Nein, die Leute waren wunderbar. Aber ein System, dass der Italienerin einen deutschen Universitätsabschluss ermöglicht, ohne ihre Sprachkenntnisse auf das notwendige Niveau anzuheben; ein System, das Wartezimmer modernisiert, aber OP’s verkommen lässt; ein System, das kurz gesagt der Gewinnmaximierung aus menschlichem Leiden dient, verdient weit Übleres als den Spott, den ich mir hier erlaube.

Ich habe die Chirurgin gefragt, ob sie solche Fälle wie der Säufer nicht frustrieren, weil sie doch unnötig Zeit und Mühe kosten. Sie hat nur die Schultern gezuckt und geantwortet, wirklich schlimm seien die Nächte. Dann müssten sie zu zwei Frauen mit den rabiaten Säufern alleine fertig werden.

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